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Wenn Entfernungen keine Rolle mehr spielen 2 (fm:Sonstige, 45664 Wörter) [2/2] alle Teile anzeigen

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Veröffentlicht: Sep 20 2026 Gesehen / Gelesen: 0 / 0 [0%] Bewertung Teil: 9.00 (1 Stimme)
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© Grisu Dieser Text darf nur zum Eigengebrauch kopiert und nicht ohne die schriftliche Einwilligung des Autors anderweitig veröffentlicht werden. Zuwiderhandlungen ziehen strafrechtliche Verfolgung nach sich.

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dunkle Blau des offenen Meeres innerhalb weniger Meter in helle Blau- und Grüntöne. Elira konnte dunkle Steine unter der Oberfläche erkennen, manche nur als Schatten, andere so deutlich, dass die Bewegung des Wassers Lichtmuster über ihre Konturen wandern ließ. Weiter draußen, wo der Grund abfiel, verlor sich die Helligkeit wieder und ging allmählich in das schwere Dunkel des offenen Meeres über.

Sie hatte die beiden kleineren Kuppeln beinahe übersehen. Sie standen weiter zwischen den Bäumen und waren mit den vier großen kaum zu vergleichen. Vegetation hatte sich dicht an ihre Außenflächen geschoben; Äste ragten darüber, Grün kroch an den Seiten empor, und aus dieser Höhe wirkten sie fast wie etwas, das der Wald langsam zurückforderte. Erst ein Stück freiliegendes Glas verriet überhaupt, dass unter dem Pflanzengewirr noch eine künstliche Struktur steckte.

Elira suchte weiter. Wo waren die Wege? Sie konnte keine erkennen. Keine beleuchteten Zufahrten, keine Straßen, keine Laternen, keine sauber abgegrenzten Plätze zwischen den Gebäuden. Eigentlich überhaupt nichts von dem, was sie bei dem Wort Siedlung erwartet hätte. Wald, Felsen, sechs Kuppeln, dieser riesige Jäger – und Meer.

Erst als der Jet in den endgültigen Landeanflug ging, lösten sich weitere Details aus dem Grün. Kleine Parabolantennen standen zwischen den Bäumen, unauffällig genug, dass sie von oben beinahe verschwunden waren. Auf einer freien Stelle drehten sich mehrere Windräder im Küstenwind. Und dort bewegte sich etwas.

Elira kniff die Augen zusammen. Kleine Roboter. Einer verschwand zwischen zwei Kuppeln, ein anderer bewegte sich am Rand des Waldes entlang, während weiter unten zwei winzige Maschinen etwas über eine schmale Verbindung transportierten, die sie erst jetzt überhaupt als Steg erkannte. Die Technik war überall. Sie hatte sie nur nicht gesehen.

Das war keine primitive Siedlung. Sie war lediglich so gebaut, dass die Technik nicht das Erste war, was man sah. Der Jet drehte leicht ein und richtete sich über dem Landepad aus. Die Plattform war größer, als Elira zunächst angenommen hatte, direkt in den Fels gearbeitet und breit genug, dass ihr kompakter Firmenjet unter normalen Umständen bequem darauf Platz gefunden hätte.

Unter normalen Umständen. Der Jäger nahm einen beträchtlichen Teil davon ein. Elira sah auf das Landepad hinunter, dann auf die grafische Darstellung des Autopiloten. Die Maschine korrigierte den Anflug um einige Meter, hielt kurz schwebend inne und verschob sich seitlich. Noch eine Korrektur. Ihr Jet war für solche Landungen gebaut, klein genug für die Dachplattform von Infinity Laboratories und wendig genug, um sich zwischen den Türmen von New Atlantis bewegen zu können. Trotzdem wirkte die freie Fläche neben Taros Schiff plötzlich erstaunlich knapp.

Mit einem letzten seitlichen Versatz fand der Autopilot seinen Platz. Der Jet setzte auf. Für einen Moment blieb Elira sitzen. Durch das Fenster sah sie nur einen Ausschnitt des Strandes, dahinter das helle Wasser der Bucht und weiter draußen die dunkle Linie des Meeres. Irgendwo jenseits der Scheibe bewegten sich die Baumwipfel noch im Nachlauf der Triebwerke.

Dann verstummten sie. Die Stille danach war beinahe irritierend. Das Zischen der Druckschleuse erklang, und die Rampe begann sich zu senken. Noch bevor sie den Boden berührte, drang die Luft von draußen in die Kabine. Elira hielt mitten in der Bewegung inne. Salz. Feuchte Luft, warmes Holz, Pflanzen und darunter dieser eigentümlich würzige Geruch des Meeres. Nichts davon war besonders außergewöhnlich, und trotzdem traf es sie so unvermittelt, dass für einen Augenblick weder Taro noch Lyra noch das Jobangebot in ihren Gedanken vorkamen. Quentin. Ein Urlaub, Jahre her. Warme Abende, offene Fenster, Salz auf der Haut. Eine Zeit, in der sie morgens hatte aufwachen können, ohne dass bereits drei Termine auf sie warteten.

Elira blinzelte und sah zur offenen Rampe. Draußen rauschte das Meer. Nicht das gleichmäßige Hintergrundgeräusch einer künstlichen Wasseranlage und nicht irgendeine perfekt abgestimmte Klangkulisse aus einem Resort. Sie hörte die Brandung draußen an den Felsen, tief und kräftig, und dazwischen das leisere Auslaufen der Wellen auf dem Sand der geschützten Bucht.

Sie stand auf, strich beinahe automatisch ihr Jackett glatt und ging zur Rampe. Dann trat Dr. Elira Kestrel-Merrow hinaus. Das Licht traf sie beinahe härter als die Luft. Nach dem gedämpften Inneren des Jets musste sie die Augen zusammenkneifen. Für einen Moment sah sie kaum mehr als helle Flächen, das fast weiße Band des Strandes und dahinter das Glitzern des Wassers. Sie hob eine Hand über die Augen und wartete, bis sich ihr Blick an das Licht von Alpha Centauri gewöhnt hatte.

Der Wind kam vom Meer. Er roch nach Salz und etwas Würzigem, das sie nicht gleich einordnen konnte. Algen vielleicht, die irgendwo zwischen den Felsen in der Sonne trockneten. Dazu der Geruch warmer Erde und Pflanzen. Nichts davon erinnerte an die gefilterte Luft von New Atlantis. Dort roch selbst ein geöffneter Dachgarten noch ein wenig nach Stadt, Technik und Klimaanlagen.

Hier roch die Luft nach Urlaub. Der Gedanke war plötzlich da, ohne dass Elira ihn gerufen hatte. Ein Urlaub vor Jahren. Offene Fenster am Abend, warme Luft im Zimmer und dieser salzige Geruch, der selbst am nächsten Morgen noch in den Haaren hing. Eine Zeit, an die sie schon lange nicht mehr gedacht hatte.

Eine Böe zerrte an ihrem Jackett und trug den Geruch des Meeres noch stärker zu ihr herüber. Elira atmete tief ein. Sie ging die Rampe hinunter. Ihre Pumps klackten über den festen Untergrund des Landepads, dann endete er. Vor ihr begann der Strand. Der Sand war beinahe weiß und so fein, dass der Wind die oberste Schicht in dünnen Schleiern über den Boden trieb. Elira setzte einen Fuß hinein. Der Absatz sank sofort ein. Noch ein Schritt. Diesmal tiefer.

Sie sah hinunter auf ihre Pumps, zog den Fuß wieder heraus und musste lächeln. Für die polierten Böden von Infinity waren sie ausgezeichnet geeignet. Hier waren sie ungefähr so brauchbar wie ein Abendkleid beim Schwimmen. Sie streifte den ersten ab, dann den zweiten und ließ beide neben dem Ende der Rampe stehen. Der Sand unter ihren nackten Füßen war warm. Nach Stunden in geschlossenen Schuhen fühlte sich allein das schon überraschend gut an. Ihre Sohlen sanken bei jedem Schritt ein wenig ein, der feine Sand schob sich zwischen ihre Zehen. Elira bewegte sie unwillkürlich, blieb sogar einen Moment stehen und sah hinunter, wie der Sand dazwischen wieder hervorquoll.

Irgendwo hinter ihr standen Taro und Selene. Elira hatte sie gesehen, als sie ausgestiegen war. Wirklich wahrgenommen hatte sie beide nicht. Sie ging weiter. Je näher sie dem Wasser kam, desto fester und dunkler wurde der Sand. Eine flache Welle lief über den Strand und erreichte ihre Füße.

Elira sog hörbar Luft ein. Das Wasser war kühl. Es floss über ihre Zehen und um ihre Knöchel. Beim Zurücklaufen nahm es den Sand unter ihren Sohlen mit, bis ihre Füße ein kleines Stück tiefer einsanken. Die nächste Welle kam schon hinterher. Elira blieb stehen. Nach den Pumps und dem warmen Sand fühlte sich das Wasser fast kalt an. Gleichzeitig stand die Sonne hoch genug, dass sich unter ihrem Jackett längst die Wärme staute. Eine stärkere Böe kam über die Bucht, griff in ihre Bluse und fuhr durch die offene Stelle unter den dünnen Stoff. Für einen Augenblick strich die kühlere Luft über die Haut darunter.

Elira schloss die Augen. Wärme auf dem Gesicht. Kühles Wasser um die Füße. Wind auf der Haut. Das Rauschen der Brandung. Und dieser Geruch. Für ein paar Atemzüge war Quentin wieder näher als Infinity Laboratories. Sie wusste noch, wie sie damals morgens ein Fenster geöffnet hatte und genau diese Mischung hereingekommen war. Meer, Wärme, Salz. Kein Assistent hatte vor der Tür gewartet. Kein Display hatte bereits geleuchtet. Es hatte nichts gegeben, was nicht bis nach dem Frühstück hätte warten können.

Wie lange war das her? Eine Welle lief etwas höher über ihre Knöchel. Elira öffnete die Augen. Vor ihr lag die geschützte Bucht. Unter dem flachen Wasser setzte sich der fast weiße Sand des Strandes fort und warf das Licht zurück. Dadurch leuchtete das Wasser hier in hellen Blau- und Grüntönen. Zwischen den sanften Wellen konnte sie einzelne Steine auf dem Grund erkennen. Das gebrochene Licht wanderte über sie hinweg, zog helle Linien über Sand und Fels und ließ sie mit jeder Bewegung des Wassers wieder verschwinden.

Weiter draußen fiel der Grund ab. Das helle Grün ging langsam in Blau über und schließlich in das schwere Dunkel des offenen Meeres. Dort draußen waren die Wellen größer. Sie liefen gegen die beiden Felsarme der Bucht, brachen sich daran und warfen weiße Gischt zwischen die dunklen Steine. Hier innen kam davon kaum mehr als ein langes, sanftes Heben und Senken an.

Elira hob das Gesicht etwas in den Wind. Als sie wieder zur Küste sehen wollte, blendete Alpha Centauri so stark über das Wasser, dass sie die Augen zusammenkneifen musste. Schließlich hob sie eine Hand über die Stirn und drehte sich um. Vom Meer aus sah die Siedlung vollkommen anders aus.

Die vier großen Glaskuppeln beherrschten das Bild nicht mehr wie beim Anflug. Teile davon verschwanden hinter Bäumen und Felsen, andere ragten nur mit ihren gewölbten Dächern aus den verschiedenen Grüntönen des Waldes. Weiter oben lag das Landepad. Von Taros großem rot-weißen Jäger und ihrem eigenen kleinen Infinity-Jet waren aus dieser niedrigen Perspektive nur Teile zu sehen.

Dafür fiel ihr jetzt eine viel kleinere Kuppel auf, die sie von oben beinahe übersehen hatte. Die Wohnkuppel stand dicht am Strand. Ihre breite Glasfront zeigte direkt zur Bucht, davor lag eine Terrasse, die fast in den hellen Sand überzugehen schien. Darauf standen breite, tiefe Sessel und eine niedrige Sitzgruppe. Keine geraden Designerstücke, die hauptsächlich gut aussehen sollten. Die Polster wirkten weich, benutzt, bequem.

Elira konnte sich ohne Mühe vorstellen, dort morgens mit einer Tasse Kaffee zu sitzen und über die Bucht zu sehen. Oder abends mit einem Glas Wein einfach sitzen zu bleiben, bis es dunkel wurde. Erst dann bemerkte sie Taro und Selene wirklich. Sie standen ein Stück oberhalb des Strandes, nahe der Terrasse, und hatten offenbar die ganze Zeit gewartet.

Selene hatte lediglich einen leichten Kimono übergeworfen. Er war nicht bis zum Hals geschlossen, sondern ließ oben deutlich mehr Haut frei, als Elira es aus New Atlantis gewohnt war. Auch über den Beinen fiel der dünne Stoff weit auseinander. Taro hatte sich mit seinem Hemd noch weniger Mühe gegeben. Statt es zuzuknöpfen, hatte er die Enden vorne nur miteinander verknotet. Brust und Bauch blieben frei.

Eliras Blick wanderte wieder zu Selene. Er blieb dort einen Moment länger, als eigentlich nötig gewesen wäre. Die Sonne hatte ihre Haut gleichmäßig gebräunt. Keine hellen Streifen an den Schultern, keine Abzeichnung von Trägern. Der offene Kimono ließ auch sonst keinen Übergang erkennen, an dem gewöhnlich Stoff die Sonne von der Haut ferngehalten hätte. Selene bemerkte ihren Blick.

Sie sagte nichts. Ihr ruhiges Lächeln veränderte sich kaum, aber für einen Augenblick trafen sich ihre Augen direkt. Elira sah wieder zur Siedlung. Glaskuppeln zwischen Bäumen. Eine Wohnkuppel unmittelbar am Strand. Eine Terrasse, die aussah, als würde hier tatsächlich jemand darauf leben und nicht nur Gäste empfangen. Keine Straßen, kein Verkehr, keine Hochhäuser dahinter. Selbst die Technik, die sie beim Landeanflug entdeckt hatte, war von hier unten wieder beinahe verschwunden.

Hinter ihr rauschte das Meer. Vor ihr standen zwei Menschen, die offenbar nicht einmal einen Grund gesehen hatten, sich wegen der Vorstandsvorsitzenden von Infinity Laboratories vollständig anzuziehen. Elira musste lächeln. Das Wort kam von selbst.

Paradies. Sie hatte genügend Resorts gesehen, die genau damit warben. Künstliche Lagunen, angelegte Strände, perfekt platzierte Palmen und diskret versteckte Technik, damit zahlende Gäste glauben konnten, sie wären weit weg von allem. Hier versuchte niemand, diesen Eindruck zu erzeugen. Dieser Ort war einfach so. Elira lachte. Nicht das kurze, kontrollierte Lachen, das bei Geschäftsessen an der richtigen Stelle auftauchte. Es kam einfach heraus, so unvermittelt, dass sie selbst darüber noch einmal lachen musste.

Sie sah zu Taro und Selene. „Jetzt verstehe ich, warum dieser Ort geheim bleiben muss.“ Das Lachen verklang. Elira blieb noch einen Moment im Wasser stehen. Eine kleine Welle lief über ihre Füße, zog sich zurück und hinterließ einen dünnen glänzenden Film auf dem Sand. Dann wandte sie sich vom Meer ab.

Beim ersten Schritt spürte sie wieder den Sand unter ihren Sohlen. Zunächst fest und kühl vom Wasser, weiter oben zunehmend weich und warm. Feuchte Körner blieben an ihren Füßen hängen, während sie langsam den Strand hinaufging. Jetzt wurde ihr das Jackett endgültig zu warm. Sie zog es aus und legte es über die Schulter. Die nächste Böe erwischte ihre Bluse, drückte den dünnen Stoff kurz gegen ihren Körper und ließ ihn gleich darauf wieder flattern. Ihre Pumps standen noch immer neben der Rampe. Elira sah hinüber. Sie machte keinen Umweg.

Barfuß ging sie weiter auf Taro und Selene zu. Jetzt, wo Meer, Wind und die Erinnerung an längst vergangene Urlaube langsam wieder hinter ihr zurückblieben, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass die beiden ihren gesamten kleinen Ausflug schweigend mitangesehen hatten. Selene hatte die Arme locker verschränkt. In ihrem Gesicht lag noch immer dieses ruhige Lächeln, ohne Spott und ohne die geringste Ungeduld. Taro sagte ebenfalls nichts. Elira verlangsamte ihre Schritte. Ein paar Meter vor ihnen blieb sie stehen. Das Jackett hing über ihrer Schulter, ihre nackten Füße waren voller Sand und ihre Pumps standen verlassen beim Jet.

Sie sah erst Selene an. Für einen winzigen Moment war da wieder derselbe Blick wie eben vom Wasser aus. Dann wandte sie sich Taro zu. Elira hielt meinem Blick stand. „Ich glaube, ich schulde euch eine Erklärung.“

„Nein“, sagte Selene vor mir. „Eigentlich nicht.“

Elira öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah hinaus aufs Meer.

„Es ist nur …“ Sie suchte nach Worten. „Ich weiß nicht, wann ich zuletzt an einem Ort war, an dem ich nicht gleichzeitig schon wieder woanders sein musste.“ Sie verzog leicht den Mund. „Das klingt lächerlich.“

„Nein“, sagte Selene.

Eine Böe kam vom Meer. Elira strich sich eine lose Haarsträhne zurück und zupfte danach fast automatisch den Kragen ihrer Bluse zurecht. Ihr Blick folgte einer Welle. „Kann man hier …“ Sie brach ab.

„Was?“, fragte ich.

„Das Meer.“ Sie deutete darauf. „Ist es sauber? Kann man da einfach rein?“

„Ja.“

Sie sah an sich hinunter. „Ich habe keine andere Kleidung dabei.“

Selene zuckte mit den Schultern. „Das ist der Vorteil, wenn man keine Nachbarn hat.“

Elira sah sie an, dann wanderte ihr Blick über die Bucht, zu den Klippen und hinauf zum Himmel. „Gibt es hier Zuschauer? Boote? Drohnen? Irgendwelche Ortungsschleifen?“

„Nichts“, sagte ich. „Vasco filtert die Frequenzen. Wir sind allein.“

Elira nickte.

Trotzdem geschah erst einmal nichts.

Sie stand mit den nackten Füßen im Sand und sah wieder hinaus. Ihre Finger lagen noch am Kragen ihrer Bluse. „Völlig allein?“

„Völlig.“

Sie ließ die Hand sinken. Dann drehte sie sich um und ging auf die Brandung zu. Nach einigen Schritten ließ sie das Jackett von der Schulter gleiten. Der schwere Stoff blieb im Sand liegen. Bei der Bluse ging sie noch sorgfältiger vor. Ein Knopf nach dem anderen, während sie weiterlief. Erst bei den letzten beiden verlor sie die Geduld, zog den Stoff von den Schultern und ließ ihn fallen. Am Wasser angekommen öffnete sie den Rock und stieg heraus. Bei der Unterwäsche hielt sie noch einmal inne, behielt sie aber an. Nur einen Moment. Dann ging sie weiter. Die dunkle Spitze wirkte an diesem Strand beinahe ebenso fremd wie die Geschäftskleidung, die hinter ihr im Sand lag.

Ich zog unwillkürlich eine Augenbraue hoch. Elira war trainierter, als ich erwartet hatte. Mein Blick blieb einen Moment länger an ihr hängen, bevor ich wieder aufs Wasser sah. Selene hatte ebenfalls länger hingesehen.

Natürlich hatte sie das. Elira war eine attraktive Frau, und der Kontrast zwischen dunkler Spitze, heller Haut und dem hellen Sand machte es ihr nicht gerade leichter, wegzusehen. Trotzdem blieb ihr Blick einen Augenblick zu lange an ihr hängen. Selene runzelte kaum merklich die Stirn. Da war etwas gewesen. Nicht viel, nur ein vertrauter Unterton, der nicht recht zu dem passen wollte, was sie gerade sah. Für einen Moment tauchte das Bild feuchter Wärme auf, eine Erinnerung aus ihrer Studienzeit, so flüchtig, dass sie schon wieder verschwunden war, bevor sie sie richtig greifen konnte. Sie schob den Gedanken beiseite.

Elira war eben eine schöne Frau.

Selenes Schulter berührte Taros Arm. Sie ließ sie dort, rückte sogar ein wenig näher und spürte seine Hand kurz an ihrem Rücken. Das genügte.

Elira war inzwischen bis zu den Knien im Wasser. Sie ging weiter, bis die Wellen ihre Hüften erreichten, und tauchte schließlich ganz unter. Als sie wieder auftauchte, stieß sie prustend die Luft aus und strich sich mit beiden Händen die nassen Haare aus dem Gesicht. Das Make-up war zum größten Teil verschwunden, einzelne Strähnen klebten an ihren Schläfen. Sie blieb einen Moment stehen, das Wasser bis zur Brust, und sah hinaus. Dann legte sie sich auf den Rücken und ließ sich treiben.

Neben mir entspannte sich Selene wieder. „Sie kommt wieder“, sagte sie leise.

„Ich weiß.“

„Nicht nur wegen Lyra. Und nicht wegen des Vertrags.“

„Ja“, sagte ich. „Ich weiß.“

Eine Weile beobachteten wir Elira einfach. Irgendwann richtete sie sich auf und watete zurück zum Ufer. Im flachen Wasser verlangsamte sie ihre Schritte. Erst als das Wasser nur noch ihre Knie umspielte, schien ihr wieder bewusst zu werden, was sie trug. Oder vielmehr, wie wenig. Sie kam aus der Brandung und verschränkte die Arme vor dem Körper. Ein paar Schritte vor uns blieb sie stehen. Wasser lief ihr aus den Haaren über die Schultern. Ihr Blick ging zu Selene, dann zu mir und wieder zurück. Für einen Moment lockerte sie die verschränkten Arme, ließ sie aber nicht ganz sinken.

Selene sagte nichts. Stattdessen griff sie an den Knoten ihres Kimonos und löste ihn. Der Stoff glitt von ihren Schultern und fiel in den Sand. Ich zog mein Hemd aus und öffnete die Hose. Eliras Blick folgte erst Selene, dann mir. Sie hatten tatsächlich nichts darunter getragen.

Für einen Moment sah Elira den beiden nach. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sich bei keinem von ihnen hellere Streifen auf der Haut abzeichneten. Selene und Taro waren tatsächlich überall gleichmäßig gebräunt. Wir ließen unsere Sachen bei ihrem Kleiderhaufen liegen und gingen nackt an ihr vorbei zum Wasser.

„Links sind Steine“, sagte ich zu Elira. „Bleib rechts vom großen Felsen.“ Sie nickte, ging diesmal aber nicht weit hinein. Selene und ich schwammen ein Stück hinaus, drehten um und ließen uns zurücktragen. Das Wasser war noch warm vom Tag. Als wir wieder an den Strand kamen, strich sich Selene das Wasser aus den Haaren und griff nach ihrem Kimono.

Elira stand noch im seichten Wasser. „Ihr macht das einfach so“, sagte sie.

Selene sah zu ihr. „Ja.“

Ich blickte auf Eliras durchnässte Unterwäsche und den Haufen Seide im Sand. „Ich bringe euch was Trockenes und Handtücher“ schnappte meine Sachen und lief zur Kuppel. Ich ging hinauf zur Wohnkuppel, holte Handtücher und einen von Selenes hellgrauen Leinenkimonos. Für mich nahm ich frische Shorts mit. Als ich wieder zum Strand kam, hatte Elira ihre Sachen aus New Atlantis bereits eingesammelt. Sie nahm Handtuch und Kimono entgegen, musterte Letzteren kurz und sah dann zu Selene.

„Der soll mir passen?“

Selene grinste. „Ungefähr.“

Ungefähr erwies sich als optimistisch. Wenig später saß Elira auf einer der Rattanbänke der Terrasse und versuchte zum wiederholten Mal, den Kimono über ihre Schenkel zu ziehen. An der Oberweite spannte das Leinen, der Saum endete deutlich über ihren Knien. Was sie oben gewann, verlor sie unten und umgekehrt. Irgendwann gab sie auf. Für ungefähr eine halbe Minute. Dann zupfte sie wieder daran.

Wein und ein paar Häppchen standen bereits auf dem Tisch. Vasco hatte alles vorbereitet, bevor der Jet aufgesetzt hatte.

„Ihr redet nicht viel“, sagte Elira schließlich.

Ich reichte ihr ein Glas und setzte mich in einen der Rattanstühle. „Manchmal genießt man einfach nur.“

„Und zerstört es nicht durch Reden“, ergänzte Selene.

Elira nahm einen großen Schluck.

Selene hatte es sich neben mir bequem gemacht. Ihre noch feuchten Beine lagen quer über meinen Oberschenkeln, eine Hand hielt ihr Weinglas, die andere ruhte auf Taros Bauch. Der Kimono war ihr ein gutes Stück verrutscht. Es kümmerte sie nicht.

Elira sah kurz hin und zog ihren eigenen Saum wieder ein Stück nach unten.

„Lyra“, sagte sie.

Damit war die Pause vorbei.

Ihre Stimme hatte sich verändert. Nicht viel, aber genug. Die Frau vom Strand trat zurück, und Dr. Kestrel-Merrow nahm wieder ihren Platz ein. „Das ist der eigentliche Grund, warum ich hier bin. Mehr noch als deine Zusage als freier Mitarbeiter, Taro. Und auch mehr als diese Siedlung.“

„Sie ist hier sicher“, sagte Selene.

„Woher wollt ihr das wissen?“ Elira stellte ihr Glas ab. „New Atlantis ist voll von Leuten, die meinen Namen benutzen würden, um Druck auszuüben. Wenn jemand herausfindet, dass sie sich hier aufhält …“

„Hier fliegt nichts ohne meine Erlaubnis ein“, unterbrach ich sie. „Und wer es trotzdem versucht, hat anschließend andere Probleme. Deine Tochter ist in der Lerngruppe untergetaucht. Niemand sucht ein Kestrel-Erbe zwischen einer Handvoll Biologiestudenten.“ Elira fixierte mich.

„Ich will Beweise, Timothy. Keine Versprechungen.“

„Die Sicherheitssysteme zeige ich dir morgen.“ Ich hob mein Glas. „Heute ist Feierabend.“

Sie schien widersprechen zu wollen, entschied sich dann aber anders.

Selene bewegte ihre Beine ein wenig auf meinen Oberschenkeln. Ich legte die Hand darauf, mehr aus Gewohnheit als aus irgendeinem bewussten Gedanken. Eliras Blick blieb kurz an der Bewegung hängen.

Dann nahm sie ihr Glas und sah hinaus aufs Meer.

Die Dämmerung hatte sich inzwischen über die Bucht gelegt. Unter der dunkler werdenden Wasseroberfläche erschien der erste schmale Streifen Smaragd. Kurz darauf mischte sich Violett darunter, dann Gold. Mit jeder Welle verschoben sich die Farben, verschwanden und tauchten an anderer Stelle wieder auf.

Elira vergaß für einen Moment sogar ihren Kimono. „Was ist das?“

„Spektralflimmern“, sagte Selene.

Elira stand auf und ging bis an den Rand der Terrasse.

Das Spektralflimmern kannte ich. Mein Blick blieb deshalb nicht lange auf dem Wasser.

Jetzt, wo Elira mit dem Rücken zu mir stand, verstand ich auch, warum sie sich in Selenes Kimono nicht besonders wohlgefühlt hatte. Von hinten war nicht mehr zu übersehen, wie viel zu kurz er ihr war. Der Saum bedeckte kaum die obere Hälfte ihres Hinterns. Darunter zeichneten sich die helleren Kulturstreifen deutlich gegen ihre gebräunte Haut ab und machten erst recht sichtbar, wie viel der Kimono eigentlich hätte bedecken sollen. Elira selbst schien das längst vergessen zu haben. Sie stand am Rand der Terrasse und sah hinaus auf die Bucht.

Über ihr erschienen die ersten Sterne. Keine Drohnen, keine Werbeschleifen, kein Licht der Stadt lag zwischen ihr und dem Himmel. Nur das Flimmern auf dem Wasser und das gleichmäßige Geräusch der Brandung. Sie blieb lange dort stehen. Als sie zurückkam, setzte sie sich nicht sofort. Ihre Finger glitten über das raue Leinen an ihrer Hüfte. „Irgendwie …“ Sie verstummte.

Ich wartete.

„Irgendwie will ich heute nicht nach Hause.“

„Dann bleib.“

Elira blinzelte mich an. „Einfach so?“

„Was spricht dagegen?“ Sie öffnete den Mund. Offenbar fiel ihr auf Anhieb nichts ein. Selene stellte ihr Glas ab und stand auf. „Komm. Ich zeig dir, wo du schlafen kannst.“ Elira folgte ihr in die Wohnkuppel. Selene nahm frische Handtücher aus einem Schrank und zeigte Elira das Bad, den Innenpool und die Bedienfelder an der Wand.

Elira hörte zu, jedenfalls meistens.

Seit dem Strand ertappte sie sich immer wieder dabei, Selene genauer anzusehen. Nicht einmal bewusst. Ein Blick auf ihre Hände, wenn sie etwas erklärte. Auf die Bewegung ihrer Schultern. Einmal trafen sich ihre Augen einen Moment länger als nötig. Selene sprach einfach weiter. „Vasco hat die Liegefläche vor der Glasfront schon fertig gemacht.“ Sie deutete auf die Polster. „Da solltest du deine Ruhe haben.“

Elira sah durch die große Scheibe hinaus auf die Bucht. „Das glaube ich langsam auch.“

Selene lächelte. „Gute Nacht, Elira.“

„Gute Nacht. Und … danke.“ Als Selene verschwunden war, legte Elira sich auf die breite Liegefläche und zog die Decke bis über die Schultern. Draußen bewegten sich die letzten Farben über das Wasser. Nach und nach wurden sie schwächer, bis nur noch die dunkle Bucht und das rhythmische Rauschen der Brandung blieben. Elira lag noch lange wach. Mehrmals wanderte ihr Blick zur Decke, dann wieder hinaus zu den Sternen. Gedanken an Lyra mischten sich mit dem Gespräch auf der Terrasse, mit dem Strand und mit Dingen, über die sie eigentlich überhaupt nicht nachdenken wollte. Irgendwann schloss sie die Augen. Viel zu früh wurde sie vom Meeresrauschen wieder wach. Durch die große Glasscheibe sah sie Alpha Centauri über dem Horizont. Blassrotes Licht lag über der Bucht. Sonst geschah nichts. Keine Pendlerjets. Keine Holo-Werbung. Keine Termine, die bereits auf sie warteten. Zumindest keine, die sie hier sehen konnte. Elira blieb noch eine Weile liegen, dann gab sie auf. Sie schlüpfte wieder in Selenes viel zu engen Kimono und trat hinaus in die kühle Morgenluft. Ohne sich ein Ziel zu setzen, ging sie hinunter zum Strand. Am Wasser blieb sie stehen. Sie setzte sich einfach hin. Die nächste Welle erwischte sie prompt. Das kühle Wasser ließ sie für einen Moment die Luft anhalten. Jetzt war sie definitiv wach. Das Leinen sog sich augenblicklich voll, wurde schwer und klebte ihr nass auf der Haut. „Verdammt.“ Sie hob den Stoff an, ließ ihn wieder fallen und musste lachen. Gestern hätte sie vermutlich noch versucht, irgendetwas zu retten. Jetzt blieb sie sitzen. Eine weitere Welle kam.

Ein hydraulisches Zischen ließ sie herumfahren. Aus dem Dunst stapfte Vasco den Strand entlang. Das klobige weiß-rote Metallungetüm wirkte im Morgenlicht noch mehr wie eine wandelnde Werkzeugkiste. Die Sensoren an seinem Kopf surrten leise und richteten sich auf Elira. Vasco blieb stehen.

Elira sah an sich hinunter. Der nasse Kimono klebte an ihr, der Saum war hochgerutscht, und sie saß mit nacktem Hintern mitten im seichten Wasser. Vor einem Roboter, der wahrscheinlich gerade sämtliche Sensoren auf sie gerichtet hatte. Natürlich. Das konnte auch nur ihr passieren.

„Guten Morgen, Dr. Kestrel-Merrow“, tönte Vascos leicht blecherne Stimme über den Strand. „Die Wassertemperatur beträgt zweiundzwanzig Grad. Sind meine Dienste vonnöten?“

Elira verschränkte reflexartig die Arme vor der Brust. „Nein, Vasco. Alles bestens.“

„Verstanden. Setze Patrouille fort.“ Die Hydraulik zischte, und Vasco stapfte weiter.

Elira sah ihm hinterher. „Na wunderbar.“ Sie hatte sich kaum wieder dem Meer zugewandt, als Schritte vom Weg her kamen.

Taro und Selene. Beide trugen lockere Shorts und hatten Handtücher über die Schultern. In Taros Händen dampften drei große Becher. Keiner sagte etwas über Eliras Sitzplatz.

Taro kam bis an die Wasserlinie und hielt ihr einen Becher hin. „Morgen.“

Elira nahm ihn. „Morgen.“

Selene warf ihr Handtuch in den trockenen Sand. Taro stellte die beiden übrigen Becher daneben. Shorts folgten. Dann liefen beide an Elira vorbei ins Wasser. Sie sah ihnen nach. Anschließend sah sie auf ihren eigenen, inzwischen vollständig durchnässten Kimono. „Natürlich“, murmelte sie. Sie nahm einen Schluck Kaffee. Und hielt inne. Noch einen. Der Kaffee war schwarz, stark und hatte mit den winzigen Designer-Espressos aus den Vorstandsetagen ungefähr so viel gemeinsam wie diese Küste mit New Atlantis. Elira nahm einen dritten Schluck. „Wenigstens beim Kaffee seid ihr keine Barbaren.“

Vom Wasser her kam Taros Lachen. Einige Minuten später kamen die beiden zurück. Sie holten ihre Becher und ließen sich zu Elira ins seichte Wasser sinken.

Elira sah erst Taro an, dann Selene und schließlich wieder an sich herunter. Der nasse Kimono klebte inzwischen wie eine zweite Haut an ihr. Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube, ich mache das falsch.“

Selene grinste über den Rand ihres Bechers. „Das hab ich an meinem ersten Tag hier auch gemacht.“

Eine Weile saßen sie schweigend da und sahen aufs Meer. Später trockneten Taro und Selene sich ab und zogen frische Kimonos über. Elira betrachtete ihren eigenen nassen Stoff und musste erneut über sich selbst den Kopf schütteln. Kurzerhand zog sie ihn aus und band sich stattdessen ein Handtuch um.

„Ich würde mich gern nützlich machen“, sagte sie auf dem Weg zurück zur Terrasse. „Beim Frühstück. Kann ich den Tisch decken?“

„Klar.“ Selene deutete auf die offene Outdoorküche. „Geschirr ist im linken Auszug.“

Elira öffnete ihn. Tatsächlich Geschirr. Wenigstens etwas, das ohne Einweisung funktionierte. Wenig später saßen sie am hölzernen Tisch. Es gab frisches Brot, Früchte, Rührei und noch mehr von dem starken Kaffee. Elira aß schweigend.

Taro reichte Selene die Butter, noch bevor sie danach fragte. Selene lehnte sich kurz gegen seine Schulter und stibitzte ihm anschließend etwas Rührei vom Teller.

„Hey.“

„Du hast genug.“

Elira senkte den Blick in ihren Becher, aber ein kleines Lächeln ließ sich nicht ganz verhindern. In den Klippen wurden die Vögel lauter. Die Sonne stieg weiter über den Horizont. Niemand sah auf die Uhr. Als das Frühstück beendet war, lehnte Taro sich zurück. „Wenn du fertig bist, kann ich dir die Sicherheitssysteme der Siedlung zeigen. Du wolltest wissen, wie wir uns absichern.“

Elira nahm noch einen Schluck Kaffee und winkte ab. „Nicht nötig. Ich habe Vasco heute Morgen am Strand gesehen. Das reicht mir fürs Erste.“

Taro lachte. „Vasco ist eigentlich gar nicht für Strandpatrouillen eingeteilt.“

Elira hielt mitten in der Bewegung inne. „Was?, Er macht die Rundgänge selbstständig.“ Jetzt war sie wieder ganz bei ihm. „Du hast ihn modifiziert?“

Taro trank seinen Kaffee.

„Das kann kein Serienmodell“, fuhr sie fort. „Die Basisprogrammierung der Lunar-Robotics-Modelle lässt autonome Verhaltensmuster außerhalb der Protokolle nicht zu.“

Taro antwortete noch immer nicht. Er grinste nur in seinen Becher.

Elira betrachtete ihn. „Interessant.“

Selene stand auf und sammelte die leeren Teller ein. „Bevor ihr zwei jetzt den ganzen Vormittag über Vascos Innenleben redet: Willst du die Kuppeln sehen, Elira?“

Elira stellte ihren Becher ab. „Gern.“

Der Rundgang führte sie über die metallenen Stege der Siedlung. Selene zeigte Elira zuerst Kuppel 1 und 2. Beide waren hochmoderne, dicht bepflanzte Biotope für die nahezu vollständige Selbstversorgung – vollgepackt mit Hydrokulturen und hocheffizienten Nahrungspflanzen. Danach führte Selene sie direkt weiter zu Kuppel 4. „Das hier ist unser Stolz. Botanik aus den tiefsten Grenzwelten. Pflanzen, die unter extremen Bedingungen wachsen und erstaunliche chemische Eigenschaften besitzen.“

Taro blieb vor dem schweren Portal stehen und gab den Code ein. Als das Schott zischend entriegelte, reichte er Elira und Selene jeweils einen der hauchdünnen Papieroveralls. „Ich bleibe hier an den Monitoren der Schleuse und überwache die Stabilisatoren“, sagte er mit einem knappen Nicken Richtung Kontrollpult. „Die Atmosphäre da drin ist heute besonders unruhig. Geht am besten zu zweit rein. Das verkürzt die Messzeit, und ihr könnt euch gegenseitig im Auge behalten.“

Selene lächelte ihm kurz dankbar zu. Sie wusste genau, dass er den beiden Frauen damit bewusst etwas Raum gab.

Elira spürte, wie sich die Dynamik veränderte, als die schwere Stahltür hinter ihnen ins Schloss fiel. Ohne Taro in der engen Schleusenkammer waren plötzlich nur noch sie beide da. Während das Rascheln des spröden Papiers die sterile Luft erfüllte, öffnete Elira zögernd den Knoten ihres Handtuchs. In dem hauchdünnen Fetzen fühlte sie sich zunächst ziemlich ungeschützt, doch Selenes unkomplizierte, professionelle Art nahm der Situation schnell die Peinlichkeit. Als das innere Schott aufglitt und das violette Glimmen der fremdartigen Pflanzen sie einhüllte, war davon ohnehin kaum noch etwas übrig. Jetzt standen sich nicht mehr die CEO von Infinity Laboratories und eine Professorin gegenüber. Für den Moment waren es einfach zwei Frauen, die gleichermaßen fasziniert auf etwas blickten, das sie beide interessierte.

Das aggressive Gas der Kuppel begann nach und nach, das spröde Papier anzugreifen. Während Selene konzentriert eine der metallisch glänzenden Pflanzen untersuchte, fraß die Atmosphäre das Material an ihrer Schulter weg. Erst entstand ein kleines Loch, dann wurde es größer, bis der Stoff schließlich nachgab und ihre linke Brust freilegte. Selene bemerkte es in ihrer wissenschaftlichen Begeisterung zunächst gar nicht.

Eliras Blick dagegen blieb daran hängen.

Erst nach einigen Sekunden sah sie an sich selbst herunter und stellte fest, dass ihr eigener Overall ebenfalls längst aufgegeben hatte. Schweiß und Atmosphäre hatten das dünne Material an mehreren Stellen aufgelöst. Was davon noch übrig war, klebte durchsichtig auf ihrer Haut und verbarg kaum noch etwas. Selene bemerkte Eliras Blick, sah an sich herunter und dann wieder zu ihr. Für einige Sekunden bewegte sich keine von beiden.

Elira hätte wegsehen können.

Selene ebenfalls.

Keine tat es.

Zwischen dem violetten Glimmen der Pflanzen und dem leisen Summen der Technik musterten sie sich länger, als es für zwei Wissenschaftlerinnen nötig gewesen wäre. Elira spürte dieses merkwürdige Ziehen wieder, das sie schon am Strand irritiert hatte. Nur gab es diesmal keine einfache Ausrede dafür. Und Selenes Blick machte die Sache nicht besser.

Durch den Lautsprecher der Schleuse knackte Taros Stimme und riss beide aus dem Moment.

„Mädels, euer Sichtschutz löst sich auf. Das Gas frisst euch gleich die Haut runter. Bewegung, raus da! Sofort.“

Elira zuckte zusammen.

Selene sah noch einmal an sich herunter. „Verdammt.“ Sie hasteten zum Schott. Die kläglichen Reste der Papieroveralls hielten dabei endgültig nicht mehr und landeten irgendwo zwischen Kuppel und Schleuse.

Taro stand bereits ungeduldig am Beckenrand. Ein Blick auf die gerötete Haut der beiden genügte, und er schaltete sofort in den Schimpfmodus. "Verdammt, ich hab doch gesagt, dass es heute besonders unruhig ist.“ „Nicht fackeln, direkt rein in den Pool. Los. Die Mineralien müssen das Zeug neutralisieren, bevor es anfängt zu brennen.“

Die beiden folgten seinen Anweisungen ohne Diskussion und glitten in das warme, milchige Wasser. Auf der gereizten Haut war die Wirkung beinahe sofort zu spüren. Das Brennen auf Eliras Haut ließ langsam nach. Die unangenehme Hitze wich einer wohltuenden Kühle. Elira atmete erleichtert aus.

Selene ebenfalls. Nur die Verwirrung in ihren Köpfen verschwand nicht so schnell. Selene sah zu Taro hoch. Er stand noch immer am Beckenrand und kontrollierte die Anzeigen. Sie streckte eine Hand nach ihm aus. Taro sah sie an. Selene sagte nichts, ließ die Hand aber ausgestreckt.

Das genügte.

Taro streifte seine Sachen ab und glitt zu ihnen ins Becken. Selene rückte sofort zu ihm, lehnte sich mit dem Rücken fest gegen seine Brust und zog seine Arme um sich.

Elira beobachtete die Bewegung. Es wirkte weder geplant noch besonders bedeutungsschwer. Selene tat es einfach. Als wäre dieser Platz für sie selbstverständlich.

Dann wanderte ihre Hand unter Wasser zu Elira. Ihre Finger fanden Eliras Hand und schlossen sich darum.

Elira sah erst auf die Stelle, an der ihre Hände unter der milchigen Oberfläche verschwanden, dann wieder in Selenes Gesicht.

Taro hielt Selene. Sein Blick wanderte prüfend zwischen den beiden Frauen hin und her. Niemand sagte etwas. Das Wasser plätscherte leise gegen den Beckenrand.

Selene bewegte sich als Erste.

Oder vielleicht Elira.

Später hätte vermutlich keine von beiden mehr sagen können, wer den letzten Abstand überbrückt hatte.

Ihre Lippen trafen sich.

Der Kuss war zunächst vorsichtig, beinahe prüfend. Ein kurzer Kontakt, bei dem beide noch hätten zurückweichen können. Keine tat es.

Selene drehte sich etwas weiter in Taros Armen, ohne sich ganz von ihm zu lösen. Eliras Hand glitt aus ihrer und legte sich an Selenes Wange.

Der zweite Kuss dauerte länger. Viel länger.

Elira vergaß für einige Augenblicke den Pool, die Kuppel und sogar Taro direkt hinter Selene. Da war nur noch die unerwartete Weichheit von Selenes Lippen und diese Nähe, die sie gleichzeitig irritierte und anzog.

Selene ging es offenbar nicht anders.

Taro, der sonst für fast jeden Moment einen trockenen Spruch parat hatte, sagte kein Wort. Das übliche spöttische Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden. Er hielt Selene weiter, rührte sich aber ansonsten nicht und sah den beiden Frauen zu. Als sich der Kuss schließlich löste, blieben Elira und Selene dicht voreinander. Beide atmeten schneller. Taro räusperte sich. Einmal. Keine Reaktion. Er warf einen Blick auf die digitale Anzeige am Beckenrand. „So sehr ich diesen Anblick auch schätze“, sagte er schließlich, diesmal etwas belegter, „die Uhr läuft. Ihr wart verdammt lang in der Kuppel. Wenn ihr noch länger in diesem Mineraliensud bleibt, wird eure Haut auch nicht besser. Wir haben noch genau fünf Minuten, dann ist Schicht.“

Elira blinzelte.

Dann sah sie auf das milchige Wasser, als müsste sie sich erst wieder daran erinnern, weshalb sie überhaupt darin saß.

Selene lehnte den Kopf kurz gegen Taros Schulter. „Du bist ein Romantiker.“

„Ich weiß.“

Nach dem Pool war an ihre normale Kleidung zunächst nicht zu denken. Die gereizte Haut brauchte Luft. In leichte Handtücher gehüllt, ließen sich die drei auf die breite Couch der Wohnkuppel sinken.

Selene zog sich sofort wieder an Taros Brust. Sie kuschelte sich in seine Arme und schloss für einen Moment die Augen.

Elira saß neben ihr. Ein kleiner Abstand lag zwischen ihnen. Nicht lange.

Selenes Hand wanderte über das Polster, bis ihre Finger Eliras fanden.

Elira ließ die Berührung zu. In ihrem Kopf herrschte trotzdem Chaos. Was gerade in diesem Pool passiert war, passte in keine der Schubladen, die sie für gewöhnlich so zuverlässig zur Verfügung hatte. Sie wollte darüber nachdenken und gleichzeitig auf keinen Fall darüber nachdenken. Also tat sie das, was sie immer tat, wenn etwas persönlich zu kompliziert wurde. Sie suchte sich ein Problem, das sie analysieren konnte. Elira drückte Selenes Hand ein Stück fester, starrte einen Moment vor sich hin und fragte dann beinahe beiläufig: „Und … was ist mit Kuppel 3?“

Selene hielt inne. Sie tauschte einen kurzen Blick mit Taro aus und sah Elira dann mit einem geheimnisvollen Lächeln an. „Geheim.“

Das eine Wort genügte. Eliras Aufmerksamkeit war sofort da. Als CEO von Infinity Laboratories kannte sie Geheimnisse. Ihre Firma unterhielt in den Systemen Dutzende mehr oder weniger geheime Forschungsposten. Genau deshalb brauchte sie Taro und seinen Jäger, um diese Außenposten überhaupt effizient anfliegen und kontrollieren zu können. Und jetzt saß sie hier, unmittelbar neben einer Kuppel, deren Inhalt man ihr offenbar bewusst verschwieg. Elira rutschte näher zu Selene. So dicht, dass sich ihre Körper berührten und sie durch Selene hindurch auch Taros Wärme spüren konnte. „Kann man da was ändern?“, fragte sie leise.

Selene sah sie an.

Elira drückte ihre Hand.

Selene antwortete trotzdem nicht, sondern legte den Kopf etwas in den Nacken und suchte Taros Blick.

Taro gab ein leises Schnauben von sich. Seine Arme lagen noch immer um Selene. „Du gibst wohl nie Ruhe, was?“, murmelte er. „Gerade noch nackt im Pool und jetzt schon wieder auf der Jagd nach Geheimnissen.“

„Hast du was anderes von mir erwartet?“

„Nein. Eigentlich nicht.“

Elira lächelte. Ihre Stimme war inzwischen weicher geworden, vertraulicher als noch am Morgen. Vielleicht war es nach allem, was an diesem Tag passiert war, auch einfach albern, weiterhin die unnahbare CEO zu spielen. Sie hob die freie Hand und strich Taro über die Wange. Die Geste überraschte sie beinahe selbst. Ihr Blick wanderte sofort zu Selene.

Selene rührte sich nicht. Sie beobachtete Elira nur aufmerksam.

Taro ließ die Berührung ebenfalls zu. „Kuppel 3 öffnet sich nicht für Credits, Elira. Und erst recht nicht für Infinity Laboratories.“ Er machte eine Pause. Das langsame, spöttische Grinsen kehrte zurück. „Aber eigentlich kennst du das Geheimnis schon.“

Elira verstand überhaupt nichts. Sie sah erst ihn, dann Selene an. Als sie bemerkte, dass sich auf beiden Gesichtern dasselbe diebische Grinsen ausbreitete, zog sie die Augenbrauen zusammen. „Ihr habt gerade richtig Spaß daran, oder?“

Selene biss sich auf die Lippe.

Taro sagte gar nichts mehr.

Elira begann zu überlegen. Sie ging im Kopf durch, was sie gesehen hatte. Die Anlage. Die Versorgung. Die Logistik. Das Essen. Der Geruch am Morgen. Sie hielt inne. Dann schlug sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Der Kaffee!“

„Genau“, sagte Taro.

Selene kicherte leise an seiner Schulter.

Elira stöhnte auf. „Mann, ihr könnt mich doch nicht so hängen lassen!“ Sie richtete sich etwas auf. „Und ihr wollt das geheim halten? Eine ganze Kuppel für echten Kaffee? In dieser Galaxis? Wisst ihr überhaupt, was das wert ist?“

Taro lachte leise. „Vorerst bleibt das so. Die Kuppel liefert sowieso viel zu wenig für den Handel. Der Ertrag reicht gerade mal für uns und ein bisschen Reserve.“

Selene rückte währenddessen noch etwas näher an Elira heran. Ihre Schultern berührten sich. Das feuchte Handtuch dazwischen war inzwischen mehr Dekoration als Kleidung.

Elira wich nicht zurück.

„Aber wir können ja mal schauen“, fügte Taro hinzu. „Vielleicht schicken wir ab und zu eine Ladung ins CEO-Büro von Infinity Laboratories. Exklusiver Gruß aus der Provinz. Mehr geht beim besten Willen nicht.“

„Nein.“ Elira schüttelte sofort den Kopf. „Bloß nicht. Wenn regelmäßig echter Kaffee in meinem Büro auftaucht, fangen die Spürhunde der Konkurrenz an zu graben.“

„Auch wieder wahr.“

„Dann lieber nur, wenn ich hier bin.“ Elira sagte es zunächst beiläufig. Dann sah sie Selene an. „Ich habe ohnehin vor, öfter zu kommen, wenn Lyra hier ist.“

Eine kleine Pause. „Aber nicht nur wegen ihr.“ Diesmal blieb ihr Blick auf Selene liegen. Erst danach sah sie zu Taro. Sie suchte in seinem Gesicht nach irgendeinem Zeichen, dass sie gerade zu weit gegangen war.

Taro sah zurück. Sein Grinsen wurde etwas weicher, mehr kam nicht.

Elira lächelte matt. Sie beugte sich zu Selene und gab ihr einen kurzen, zärtlichen Kuss. Danach drehte sie den Kopf zu Taro und küsste auch ihn sanft auf die Lippen.

Nicht wie Selene im Pool. Anders. Kürzer.

Als sie sich wieder löste, waren ihre Gesichter noch immer nur Zentimeter voneinander entfernt. „Was haltet ihr von einem Sponsoring für die Lerngruppe? Infinity Laboratories übernimmt das Lerngruppengebäude und eure Forschung hier. Vollständig. Sämtliche Kosten.“

Taro zog eine Augenbraue hoch. „Und wo ist der Haken?“

„Es gibt keinen Haken für euch.“

„Das sagen Leute wie du vermutlich immer kurz vor dem Haken.“

Elira verdrehte die Augen. „Als Dankeschön für dieses Wochenende, für alle weiteren und vor allem für die Sicherheit meiner Tochter.“ Sie wurde wieder ernster. „Das Projekt läuft offiziell als strategisches Sonderprojekt direkt über meinen Schreibtisch. Vertrauliche Chefkosmetik, wenn du so willst. Die Firma zahlt, aber der Vorstand bekommt keinen Zugriff auf die Daten. Berichte landen ausschließlich bei mir.“ Elira löste eine Hand, griff nach Taros Fingern und verhakte sie mit ihren. Selenes Hand hielt sie weiterhin fest. „Es wäre mir wichtig“, sagte sie leise. Sie führte Taros Hand zu ihrer Brust und legte sie über ihr Herz. Dabei verrutschte das Handtuch ein wenig. Seine Hand lag plötzlich auf ihrem großen Busen, nur noch halb von dem Stoff bedeckt.

Taro musste schlucken.

Elira bemerkte es. Für einen flüchtigen Moment lag dieses selbstsichere Lächeln auf ihren Lippen, das vermutlich schon ganz andere Menschen aus dem Konzept gebracht hatte.

Dann spürte Taro ihr Herz unter seiner Hand. Es schlug schneller. Er blickte kurz auf ihre gemeinsame Hand und dann wieder in Eliras Augen. Sein spöttisches Grinsen verschwand. Er drehte seine Hand ein wenig, sodass sich ihre Finger besser ineinanderlegten. „Abgemacht.“

Selene atmete hörbar aus. Sie legte ihr Kinn auf Taros Schulter. „Damit hast du uns gerade eine ziemlich große Sorge abgenommen, Elira. Danke.“

Elira sah die beiden an. „Ich würde sowieso nichts gegen euch unternehmen. Jetzt nicht mehr.“ Sie hielt kurz inne. „Vertrauen ist wichtig. Auch in meiner Position sind Verbündete verdammt wertvoll.“ Für einen Moment war die CEO wieder deutlich in ihrer Stimme zu hören. „Außerdem dienen die Flüge mit dir, Taro, dazu, dass ich bei einigen Außenposten die Kontrolle wieder auf meine Seite ziehe. Weg vom Vorstand … wenn du verstehst, was ich meine.“

Taro nickte. Mehr brauchte es nicht. Er war lange genug in der Galaxis unterwegs, um zu wissen, dass Konzernpolitik ihre ganz eigenen Minenfelder hatte. Er drückte ihre Hand einmal kurz.

Selene bemerkte den Stimmungswechsel. „Genug von Vorständen und Minenfeldern für heute.“ Sie löste sich ein wenig von Taro und sah Elira an. „Wenn du schon unsere halbe Existenz finanzierst, sollst du wenigstens sehen, dass dein Geld nicht umsonst ist. Der Verjüngungseffekt der Atmosphäre in Kuppel 4 und das hormonell balancierte Poolwasser dürften für eine Pharmafirma ja schon interessant genug sein.“ Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Aber das Beste kommt erst noch.“ Sie deutete mit dem Kinn auf eine kleine Schale auf dem Tisch neben der Couch. Darin lagen einige tiefrote, leicht schimmernde Früchte. „Frisch aus Kuppel 4. Du darfst kosten.“

Elira zog eine Augenbraue hoch.

Taro dagegen grinste bereits.

„Was bewirken die?“, fragte Elira.

Selene rückte näher an Elira heran und legte ihr die Hand leicht auf den Oberschenkel. Sofort zog sich eine feine Gänsehaut über Eliras Haut.

„Sagen wir es so: Sie haben eine ziemlich intensive aphrodisierende Wirkung.“

Elira sah auf die Frucht in Selenes Hand, dann zu ihr. „Brauch ich nicht.“ Sie schob Selenes Hand ein Stück beiseite, beugte sich vor und küsste sie. Nicht lange, aber auch nicht nur flüchtig. Als sie sich wieder voneinander lösten, blieb Selene noch einen Moment dicht vor ihr.

Elira lächelte. „Ich hab mich längst entschieden.“

„Das hatte ich gehofft.“

Taro grinste. „Dann bleibt mehr für mich.“

Elira sah wieder auf die Frucht. „Wie intensiv ist intensiv?“

„Für jemanden, der sie noch nie gegessen hat? Sehr.“

Jetzt blieb Eliras Blick an der kleinen roten Frucht hängen. „Wie schnell?“

Selene musste lachen. „Da ist sie wieder.“

„Wer?“

„Die Geschäftsführerin.“

„Die Geschäftsführerin möchte gerade wissen, ob ihr hier zufällig einen Wirkstoff züchtet, für den andere Labore ziemlich viel Geld ausgeben würden.“

Taro schüttelte den Kopf. „Keine zwei Minuten, und aus einem Kuss wird eine Marktanalyse.“

„Multitasking.“

Selene hielt ihr die Frucht hin.

Elira griff nicht danach. Schließlich beugte sie sich vor, nahm die Frucht behutsam in den Mund und biss hinein. Süßer Saft lief über Selenes Finger. Elira fing einen Tropfen mit der Zunge auf. Beim ersten Biss schloss sie die Augen. Ein leises, zufriedenes Stöhnen entwich ihr.

Selene hob eine Braue. „So schlimm?“

Elira kaute noch einen Moment. „Im Gegenteil.“ Der Geschmack der Frucht war ungewöhnlich – süß und schwer, mit einer überraschend scharfen Note im Nachgang. Elira leckte die letzten Tropfen von Selenes Fingern und sah ihr dabei in die Augen. Dann richtete sie sich auf. Dabei verlor das ohnehin locker sitzende Handtuch endgültig seinen Halt und rutschte zu Boden. Elira griff nach einer zweiten Frucht und hielt sie Selene hin.

Selene sah erst auf die Frucht, dann zu Elira. Einer ihrer Mundwinkel zuckte kaum merklich.

Mehr tat sie nicht.

Elira wartete.

Nichts.

Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihren Lippen.

Dann rückte sie näher.

Eliras Lächeln vertiefte sich. Dann rückte sie näher, bis zwischen ihren Gesichtern kaum noch eine Handbreit Platz blieb. Die Frucht hielt sie weiterhin in der anderen Hand. Ohne den Blick von Selene zu nehmen, schob sie einen Finger unter den Knoten ihres Handtuchs.

Sie wartete einen Augenblick.

Selene rührte sich nicht.

Elira zog langsam am Knoten. Der Stoff löste sich und glitt von Selenes Körper.

Noch immer hielt Selene ihrem Blick stand.

Erst jetzt legte Elira zwei Finger unter ihr Kinn und hob es bestimmt ein wenig an.

Da veränderte sich etwas in Selenes Gesicht. Ihre Lider senkten sich. Sie schloss die Augen, öffnete den Mund und wartete.

Elira führte ihr die Frucht an die Lippen. Selene biss hinein und ließ sich einen Moment Zeit, bevor sie die Augen wieder öffnete. Dann sah Elira zu Taro.

Er saß noch genauso da wie zuvor – nur mit offenem Mund. So hatte er Selene noch nie gesehen.

Elira holte sich die nächste Frucht. Ihr Blick wanderte von ihm zur Frucht und zu Selene, die jetzt neugierig zu Taro hinübersah.

Langsam wandte Elira sich ihm zu.

Taro schloss den Mund wieder. Bei mir wird das nicht so leicht.

Elira kam näher.

Er sah, wie ihr Blick kurz an ihm hinabglitt. Als sie wieder zu ihm aufsah, lag dieses feine, wissende Lächeln auf ihren Lippen.

Verdammt.

Noch bevor er etwas sagen konnte, legte Elira eine Hand auf seine Brust und drängte ihn zurück auf die Couch, bis sein Rücken gegen die Lehne sank.

Die Erektion, die sie vorher nur erahnt hatte, war jetzt deutlich zu sehen. Ihr Lächeln wurde eine Spur schärfer.

Taro wollte gerade etwas erwidern, als Elira sich über ihn beugte, ihre Hand immer noch auf seiner Brust.

Ihr großer Busen war plötzlich direkt vor seinen Augen. Sein Blick blieb hängen. Als er wieder zu ihrem Gesicht aufsah, hatte sich Eliras Lächeln verändert.

„Schau ruhig hin. Gefallen sie dir?“

Taro antwortete nicht. Er schluckte nur. Erwischt.

Elira kam noch ein wenig näher. „Sag es.“

Er hob eine Braue.

„Ich will es hören.“

Taro sah ihr in die Augen. „Ja. Sie sind schön.“

Für einen Moment glaubte Elira offenbar, gewonnen zu haben.

Dann zuckte sein Mundwinkel. „Du hast aber auch hingesehen.“

Jetzt schwieg Elira.

„Ist er dir groß genug?“

Keine Antwort. „Sag es.“

Ihre Blicke hielten sich einen Moment fest.

Dann erschien dieses feine Lächeln wieder auf Eliras Lippen. „Mach den Mund auf.“

Taro zögerte einen Moment, dann folgte er ihrer Aufforderung. Elira schob ihm die Frucht zwischen die Lippen. Ihre Finger folgten ihr ein Stück und blieben dort.

Taro sah ihr dabei direkt in die Augen. Dann biss er leicht zu.

„Ah.“ Nur ein kleiner Laut. Mehr Überraschung als Schmerz. Elira hielt seinem Blick noch einen Moment stand, dann zog sie langsam die Finger zurück.

Das Lächeln, das jetzt auf ihren Lippen erschien, kannte Taro noch nicht. Sie beugte sich endgültig zu ihm hinunter, ließ ihn ihre Brust spüren und küsste ihn. Als sie sich wieder von ihm löste, blieb ihr Gesicht dicht vor seinem. „Das macht Spaß.“

Selene lächelte. „Ich genieße nur gerade, dass dich endlich mal jemand ein bisschen fordert.“

Taro sah zu ihr.

Ihr Lächeln genügte als Antwort.

Elira richtete sich wieder etwas auf. Ihre Wangen waren gerötet, und plötzlich war ihr viel zu warm. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und atmete tief durch.

Selene und Taro kannten das schon, bei ihnen wirkte es nicht mehr so Stark. „Ich hole uns Wein.“ Taro stand auf und ging hinüber zur Küche. Kaum war er weg, spürte Elira, wie die Wärme in ihr stärker wurde. Sie rückte näher an Selene heran, legte einen Arm um sie und zog sie zu sich.

„Komm her.“

Selene musste lächeln.

Elira küsste sie. Diesmal löste sie sich nicht gleich wieder von ihr. Sie wollte ihre Nähe, wollte sie festhalten, noch einmal ihre Lippen spüren.

Selene ließ sie. Da hörten sie bereits Taros Schritte.

Taro stellte Flasche und Gläser auf den Tisch.

Elira und Selene bemerkten ihn kaum.

Ihre Küsse wurden intensiver, immer atemloser, bis sie sich schließlich für einen Moment voneinander lösen mussten. Selene holte tief Luft. Dann griff sie nach Taro, zog ihn hinter sich auf die Couch und lehnte sich gegen ihn. Sie wollte ihn dabeihaben.

Elira sah die beiden an. Für einen Moment lag etwas beinahe Zärtliches in ihrem Blick. Dann griff Elira nach Taros Hand und zog sie zu sich. Sie legte sie auf ihre Hüfte.

Seine Hand wanderte über ihren Hintern und schließlich zu ihrer Brust.

Elira löste den Blick von Selene und sah zu ihm. „Du magst sie wirklich.“

Taro antwortete nicht. Er lächelte nur.

Elira lächelte zurück und wandte sich wieder Selene zu. Irgendwann spielte es keine Rolle mehr, wer wen zuerst berührt oder geküsst hatte. Die anfängliche Neugier war längst einer atemlosen Nähe gewichen, in der keiner der drei noch viel nachdachte.

Als schließlich für einen Moment Ruhe einkehrte, blieb Elira schwer atmend auf der Couch liegen. Ihr war heiß. Viel zu heiß. Ihre Haut glühte, und trotzdem wollte sie mehr Nähe, nicht weniger. Elira fand sich zwischen den Beiden wieder.

Selene hatte sich auf die andere Seite gedreht, und für Elira war vollkommen klar, was als Nächstes kommen würde. Vorhin war Selene bei Taro gewesen. Jetzt lag sie hier, dicht an ihm, und musste nur noch den letzten Abstand überbrücken.

Sie wollte es. Verdammt, sie wollte es wirklich. Elira drängte sich näher an Taro. Seine Hände lagen längst auf ihrem nackten Körper. Sie spürte, wie sehr er sie wollte, und als sie die Hüfte gegen ihn schob, gab es daran endgültig keinen Zweifel mehr.

Also jetzt. Sie zog ihn zu sich. Taro küsste sie. Seine Hand glitt über ihren Rücken, hielt sie fest, und für einen Moment glaubte Elira, endlich würde er aufhören, sich zurückzuhalten.

Dann blockte er wieder ab.

Nicht grob. Er schob sie nicht von sich. Im Gegenteil. Er hielt sie weiter, küsste ihren Hals, ließ seine Hände über ihren Körper wandern.

Nur das eine ließ er nicht zu.

Elira verstand es nicht. Sie versuchte es noch einmal. Wieder dasselbe. „Taro.“

„Nein.“

Sie starrte ihn an. Das ergab keinen Sinn. Sie lag nackt neben ihm. Seine Erregung war nicht zu übersehen und erst recht nicht zu überfühlen. Seine Hände verrieten genauso deutlich, dass ihm gefiel, was zwischen ihnen geschah. Und trotzdem ließ er sie nicht weiter.

„Warum?“

Taro sah sie an. „Nicht so.“ Mehr sagte er nicht.

Elira hätte ihn am liebsten angeschrien. Oder einfach noch einmal zu sich gezogen, bis er endlich aufhörte, vernünftig zu sein. Sie wollte ihn. Selene lag unmittelbar hinter ihr, warm und vertraut, küsste ihre Schulter und hielt sie fest. Alles fühlte sich richtig an. Warum machte er dann nicht einfach weiter?

Dass die Antwort möglicherweise mit den verdammten Früchten zu tun hatte, kam Elira überhaupt nicht in den Sinn.

Selene hatte die beiden die ganze Zeit beobachtet. Sie sah Taros Gesicht, dann Eliras. Und sie verstand. Noch bevor aus dem Moment etwas Unangenehmes werden konnte, rückte sie zu Elira.

„Hey.“

Elira sah zu ihr.

Selene strich ihr eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte. „Komm zu mir.“

Einen Augenblick blieb Eliras Blick noch bei Taro, dann drehte sie sich zu Selene. Dabei spürte sie noch immer seine Erregung an ihrem Hintern. Noch einmal drängte sie sich gegen ihn, diesmal ganz bewusst, und wartete auf seine Reaktion.

Taro hielt sie fest, seine Hand blieb an ihrer Hüfte – aber weiter ließ er sie nicht.

Wieder nicht.

Elira schloss für einen Moment die Augen. Es machte sie wahnsinnig. Dann ließ sie seine Hand los.

Selene zog sie an sich. Taros Griff lockerte sich ebenfalls, doch seine Hand verschwand nicht. Kaum hatte Elira aufgehört, ihn zu fordern, begann sie wieder über ihren Körper zu wandern.

Elira gab den Widerstand auf und schmiegte sich an Selene, noch immer erhitzt, noch immer außer Atem. Selene hielt sie einfach fest und küsste sie.

Taro blieb dicht bei ihnen und streichelte beide weiter. Aber seine Grenze blieb ebenfalls stehen.

Selene zog Elira wieder zu sich. Diesmal war etwas anders.

Die Ungeduld verschwand langsam aus ihren Berührungen. Zwischen den Küssen blieben sie dicht beieinander, Stirn an Stirn, manchmal nur lächelnd und nach Atem suchend. Elira schmiegte sich immer wieder an Selene und spürte gleichzeitig Taros Nähe.

Er hatte sie nicht zurückgewiesen. Er war noch da.

Es war kein plötzlicher Moment. Die Hitze verschwand nicht einfach. Ihr Körper fühlte sich noch immer überempfindlich an, ihr Kopf noch immer viel zu voll. Aber die Welt bekam langsam wieder Kanten. Und mit den Kanten kamen die Gedanken zurück.

Elira lag noch immer zwischen Selene und Taro. Selenes Arm lag über ihrem Bauch. Taro hatte eine Hand an ihrer Hüfte. Keiner von beiden war fortgegangen. Sie dachte an sein „Nein“. An jedes Mal, bei dem er sie gestoppt hatte. Sie drehte den Kopf zu ihm.

„Warum?“

Taro wusste sofort, was sie meinte. Er ließ sich einen Moment Zeit mit der Antwort. „Weil du verheiratet bist.“

Elira sah ihn an. „Das hat dich vorher auch nicht davon abgehalten.“

„Nein.“ Er wich ihrem Blick nicht aus. „Aber vorher warst du noch du.“

Eliras Stirn legte sich leicht in Falten.

Taro deutete auf die Reste der Früchte. „Du hast die zum ersten Mal gegessen. Selene und ich kennen die Wirkung. Bei dir hat sie ziemlich heftig eingeschlagen.“

Elira schwieg.

„Irgendwann hattest du überhaupt keine Bremse mehr“, sagte er ruhig. „Und genau da ziehe ich meine.“

Ihr Blick blieb auf ihm liegen. „Du wolltest mich doch?“, fragte Elira leise.

Taro lächelte. „Ja.“ Mehr musste er nicht sagen. Taro strich ihr sanft über den Arm „Dass ich dich will, heißt nicht, dass ich alles mitmache. Du bist verheiratet. Und solange ich nicht weiß, was du willst, wenn dein Kopf wieder klar ist, gehe ich nicht weiter.“

Elira sagte nichts. Quentin. Elira wurde vollkommen still. Sie sah Taro an. Dann Selene. Wieder Taro. „Scheiße.“ Jetzt verstand sie. Nicht alles auf einmal. Eher Stück für Stück, und jedes davon machte es schlimmer. Sie hatte Quentin vergessen. Nicht verdrängt. Nicht bewusst entschieden, dass er ihr egal war. Sie hatte schlicht nicht mehr an ihn gedacht. Nicht als sie Selene geküsst hatte. Nicht als sie sich an Taro gedrängt hatte. Nicht einmal, als sie ihn immer wieder dazu bringen wollte, endlich seine Zurückhaltung aufzugeben.

Taro dagegen hatte an ihn gedacht.

Elira schluckte. „Du hast mich aufgehalten wegen Quentin.“

Taro antwortete nicht sofort. Das brauchte er auch nicht.

Elira schloss die Augen. „Oh Gott.“ Auf einmal war es zu viel. Der Strand. Selene. Der Kuss im Pool. Diese vollkommen unerwartete Anziehung. Taro. Die Früchte. Ihr eigener Kontrollverlust. Und jetzt die Erkenntnis, wie weit sie beinahe gegangen wäre, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, was danach kam. Sie setzte sich abrupt auf. „Ich hab ihn einfach vergessen.“

Selene richtete sich hinter ihr ebenfalls auf.

Elira fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. „Ich habe meinen eigenen Mann vergessen.“ Ihre Stimme brach beim letzten Wort. Das machte sie nur wütender. „Verdammt.“

Taro setzte sich neben sie.

Elira sah ihn an, und diesmal schaffte sie es nicht mehr, ihre Fassung zusammenzuhalten. „Und du nicht.“

Taro sagte nichts. Genau das brachte den Rest zum Einsturz.

Elira schlug ihm mit der flachen Hand gegen die Brust. Nicht hart. Mehr aus Hilflosigkeit als aus Wut. „Du verdammter Idiot.“ Noch einmal. Dann blieb ihre Hand dort liegen. „Du hättest einfach …“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende.

Taro fing ihre Hand auf.

Elira starrte auf ihre ineinanderliegenden Finger.

Er hatte sie gewollt. Sie wusste es. Sie hatte es gespürt. Und trotzdem hatte er eine Grenze für sie festgehalten, die sie selbst vollkommen aus den Augen verloren hatte. Er hatte ihre Ehe geschützt. Vor ihr. Elira presste die Lippen zusammen. Ihre Augen brannten.

„Danke.“ Das Wort war kaum mehr als ein Flüstern.

Taro zog sie an sich.

Diesmal wehrte sie sich nicht. Sie legte die Stirn gegen seine Schulter und ließ sich einfach halten. Selene rückte von hinten an sie heran und schlang einen Arm um beide.

Eine Weile sagte niemand etwas.

Elira brauchte diese Zeit. Irgendwann hob sie den Kopf wieder. Ihre Augen waren noch feucht, aber sie wirkte ruhiger. Dann wanderte ihr Blick an Taro hinunter, sah seine Erregung. Sie musste trotz allem lachen. „Und jetzt hast du wegen mir die ganze Zeit den Vernünftigen gespielt und bist dabei zu kurz gekommen.“

Taro schnaubte. „Irgendwer musste den Job machen.“

Elira sah ihn noch einen Moment an. Dann wurde ihr Lächeln weicher. „Dann lass mich wenigstens etwas für dich tun." Sie fasste nach unten und streichelte ihn sachte.

Taro wollte etwas sagen.

Elira legte ihm zwei Finger auf die Lippen. „Nicht aus schlechtem Gewissen.“ Sie warf einen kurzen Blick zu Selene. Selene verstand zuerst. Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Elira sah wieder Taro an. „Aus Dankbarkeit. Und weil ich es möchte.“ Diesmal war es ihre Entscheidung. Nicht die der Frucht.

Er zog ihre Hand nicht weg. Stattdessen legte er seine Hand auf ihre und ließ sie dort liegen. „Das musst du nicht.“ Mit der anderen Hand strich er ihr über die Wange, zog ihr Gesicht zu sich und küsste sie zärtlich. Als er sich wieder von ihr löste, blieb sein Gesicht dicht vor ihrem. „Ich will dich schon“, sagte er leise. „Aber nicht so. Nicht heute und nicht jetzt.“

Elira sah ihn einen Moment lang nur an. Die Wirkung der Frucht hatte ihre übliche Selbstkontrolle ziemlich gründlich zerlegt. Sie hatte auf jede Berührung heftiger reagiert, als sie es von sich kannte. Ihr eigenes Herz schlug noch immer schnell. Gleichzeitig spürte sie Taros Herz, das wesentlich ruhiger unter ihrer Wange schlug. Ihre Haut glühte noch immer, und ihr Verstand brauchte deutlich länger als gewöhnlich, um wieder Ordnung in die letzten Minuten zu bringen. Langsam begriff sie, was gerade wirklich passiert war. Und ebenso langsam begriff sie, was nicht passiert war.

„Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, bekommst du ihn da nur schwer wieder weg.“, sagte Selene.

Taro sagte gar nichts. Er legte die Arme um beide und hielt sie einfach fest. Nach einer Weile sah er über Eliras Schulter zu Selene. Selene begegnete seinem Blick.

Für einen Moment erschien ein kleines, wissendes Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie kannte diese Früchte. Und Taro kannte diesen Absturz danach ebenfalls. So ähnlich hatte Selene beim ersten Mal reagiert. Sie blieben eine ganze Weile so sitzen.

Eliras Schluchzen wurde allmählich schwächer. Die Wärme der beiden anderen Körper und Selenes ruhige Berührungen holten sie langsam wieder ins Hier und Jetzt.

Für Taro war die Situation allerdings nicht ganz so friedlich, wie sie von außen wirkte. Zwei nackte Frauen so eng an sich gedrückt zu halten, ließ sich körperlich nur begrenzt ignorieren. Er versuchte es trotzdem, es misslang.

Elira bemerkte seine Reaktion irgendwann ebenfalls. Sie hob den Kopf ein wenig. Für einen Moment wanderte ihr Blick nach unten, dann wieder in sein Gesicht.

Taro tat, als wäre nichts. Das machte es fast schlimmer.

Eliras erster Impuls war, etwas dagegen zu tun, ihm helfen. Nach allem, was gerade passiert war, erschien ihr das für einen kurzen Moment beinahe selbstverständlich. Dann hielt sie inne.

Nein. Genau da verlief die Linie. Und ausgerechnet Taro hatte sie die ganze Zeit eingehalten.

Elira sah zu Selene. Die beiden Frauen verstanden sich für einen Moment ohne Worte. Elira hob eine Hand und strich Taro mit noch leicht zitternden Fingern über die Wange. Dann küsste sie ihn. Lang und zärtlich, aber ohne daraus mehr zu machen. Als sie sich löste, blieb ihre Stirn für einen Moment beinahe an seiner. „Danke“, flüsterte sie. Mehr sagte sie nicht.

Taro atmete tief aus und schloss kurz die Augen. Dann lockerte er seinen Griff um die beiden etwas, behielt aber jeweils eine Hand beruhigend auf ihren Hüften. „Ich glaube“, sagte er mit rauer Stimme, „wir sollten jetzt wirklich den Wein trinken. Bevor er warm wird.“

Selene kicherte leise. Sie setzte sich auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und griff nach den Gläsern. Eines reichte sie Elira, eines nahm sie selbst.

Die Handtücher lagen noch immer auf dem Boden. Keiner machte Anstalten, sie aufzuheben.

Elira nahm das Glas mit leicht zitternden Fingern entgegen. Sie trank einen kleinen Schluck und spürte, wie der kühle Wein die letzte Schärfe der Frucht von ihrer Zunge nahm. Eine Weile sagte niemand etwas. Der Sturm legte sich langsam.

Taro hielt es schließlich als Erster nicht mehr aus. Jedes Mal, wenn er den Blick hob, saßen die beiden nackten Frauen noch immer direkt vor ihm, und seine Selbstbeherrschung hatte für heute bereits Überstunden gemacht. „Ich brauche eine Abkühlung. Sofort.“

Selene grinste.

Taro stand auf. „Sonst brenne ich hier wirklich noch durch.“ Er streckte den beiden die Hände entgegen. Selene und Elira wechselten einen amüsierten Blick, griffen danach und ließen sich hochziehen. Gemeinsam gingen sie hinunter zum Wasser. Diesmal steckte nichts weiter dahinter. Keine Früchte, keine Experimente und keine weitere Eskalation. Nur das kühle, klare Wasser. Taro ging als Erster hinein und tauchte vollständig unter. Als er wieder auftauchte, atmete er hörbar aus.

„Besser.“ Elira lachte. Sie legten sich auf den Rücken und ließen sich eine Weile nebeneinander treiben. Über ihnen wurde der Himmel langsam dunkler, während das Wasser leise gegen ihre Körper plätscherte.

Als die Luft frischer wurde, kletterten sie wieder heraus. Diesmal zogen sie sich leichte, gemütliche Sachen über und machten es sich auf der Terrasse bequem. Taro verlor keine Zeit und feuerte den Grill an.

Elira beobachtete ihn dabei. Für sie war das ein beinahe absurder Anblick. Als CEO von Infinity Laboratories kannte sie Luxus-Catering, Molekularküche und perfekt portionierte Menüs. Jetzt stand Taro in kurzen Hosen vor einem Grill, wendete echtes Fleisch und Gemüse über offener Glut und bekam regelmäßig Rauch ins Gesicht. „Das ist jetzt euer Abendessen?“

Taro sah über die Schulter. „Noch nicht. Im Moment ist es roh.“

Selene lachte.

Elira schüttelte den Kopf. Der Geruch faszinierte sie trotzdem. Es war einfach, direkt und auf eine Weise bodenständig, die mit ihrer üblichen Welt kaum etwas gemeinsam hatte.

Später saßen sie zu dritt auf der Terrasse und aßen mit den Fingern. Elira probierte erst vorsichtig, dann mit deutlich weniger Zurückhaltung. Das Fleisch schmeckte nach Rauch, das Gemüse nach Feuer und Gewürzen, und niemand interessierte sich dafür, ob irgendetwas davon angemessen serviert war. Sie tranken den restlichen Wein. Über dem Meer erschienen immer mehr Sterne. Irgendwann war vom Grill nur noch ein schwaches Glimmen übrig. Als die Müdigkeit langsam einsetzte und Selene anfing, die Teller zusammenzuräumen, wurde Elira ruhiger. Sie blickte durch die offene Wohnkuppel zu der Liegefläche, die Vasco für sie vorbereitet hatte.

Allein.

Nach diesem Tag fühlte sich der Gedanke plötzlich nicht besonders verlockend an. Elira räusperte sich. „Sagt mal …“

Selene drehte sich zu ihr um.

Elira sah erst sie, dann Taro an. „Wäre es in Ordnung, wenn wir die Nacht gemeinsam verbringen? Ich … möchte nach heute Abend ungern allein schlafen.“ Kaum waren die Worte heraus, erschien wieder etwas von ihrem gewohnten spöttischen Amüsement in den Augen. Sie sah Taro an. „Keine Sorge. Ich schlage vor, wir bleiben dieses Mal alle streng bekleidet. Ich will es dir und deinem gequälten Körper nicht noch schwerer machen.“

Taro lachte laut auf. „Danke für die Rücksicht.“

Selene grinste. „Sehr großzügig.“

„Ich kann durchaus fürsorglich sein.“

„Merken wir.“

Es dauerte nicht lange, bis sie sich auf der großen Liegefläche arrangiert hatten. Selene lag in der Mitte. Elira rückte von einer Seite an sie heran und legte den Kopf auf ihre Schulter. Von der anderen Seite schmiegte sich Taro an Selene und legte einen Arm über ihre Taille.

Elira spürte seine Hand auch bei ihr. Mehr Kontakt brauchte es gar nicht. Die Wärme genügte. Keine fünf Minuten später wurde ihr Atem tief und gleichmäßig. Sie schlief. Der nächste Morgen begann mit sanftem goldenem Licht, das durch die Fenster der Wohnkuppel fiel. Als Elira die Augen öffnete, wusste sie für einige Sekunden nicht, wo sie war. Dann spürte sie Selene neben sich. Taro lag auf der anderen Seite. Die Erinnerung kam zurück. Elira blieb noch einen Moment liegen. Erstaunlicherweise fühlte sie sich gut. Nicht nur ausgeschlafen, sondern ungewöhnlich erholt. Die Müdigkeit der letzten Wochen schien weit weg. Später blieb sie auf dem Weg ins Bad vor dem Spiegel stehen. Sie sah genauer hin. Dann noch einmal. Die kleinen Krähenfüße um ihre Augen waren tatsächlich kaum noch zu erkennen. Elira strich mit einem Finger darüber. „Das gibt's doch nicht.“ Der Pool, Oder die Atmosphäre, Oder beides. Die Wissenschaftlerin in ihr wollte sofort wissen, was genau dahintersteckte. Die CEO begann vermutlich bereits im selben Moment, über Patente nachzudenken. Aber dafür war jetzt keine Zeit. So verlockend dieses kleine Paradies auch war, Infinity Laboratories wartete. Und das wirkliche Leben ebenfalls.

Während Taro draußen bereits die Triebwerke des Firmenjets warmlaufen ließ und das tiefe Summen leicht durch den Boden vibrierte, stand Elira startbereit auf der Plattform.

Selene kam zu ihr. In den Händen hielt sie eine kleine, elegant gearbeitete Schachtel. „Ein Souvenir aus dem Paradies.“

Elira sah misstrauisch auf die Schachtel.

Selene öffnete sie.

Darin lagen sorgfältig eingelegte Früchte derselben Art, die Eliras gestrigen Abend ziemlich gründlich aus der Bahn geworfen hatten.

Elira sah Selene an. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch.“

„Du gibst mir die wirklich mit?“

„Damit du uns hier draußen nicht vergisst.“ Selene schloss die Schachtel und drückte sie ihr in die Hand. „Aber dosier sie vorsichtig, wenn du allein bist.“

Elira sah auf die Schachtel. Dann erschien ein ehrliches, weiches Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie zog Selene in eine feste Umarmung. „Glaub mir, Selene … das werde ich nicht.“ Sie hielt sie noch einen Augenblick fest. „Mal sehen, ob ich damit meine Ehe nicht wiederbeleben kann.“ Selene löste sich ein Stück von ihr. Elira sah ihr in die Augen. „Und danke. Euch beiden. Für alles.“

Taro kam aus dem Cockpit und blieb neben ihnen stehen.

Elira wandte sich ihm zu. „Muss ich dich eigentlich noch fragen, ob du den Mitarbeitervertrag annimmst?“

Taro schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Dachte ich mir.“ Eliras Haltung veränderte sich ein wenig. Nicht viel. Aber die CEO war wieder da. „Gut. Dann kann ich mein Vorhaben, die Kontrolle des Vorstands zurückzudrängen, endlich in die Tat umsetzen.“ Sie nahm ihre Sachen und ging zur Einstiegsluke. Kurz davor blieb sie noch einmal stehen und drehte sich um. Ihr Blick ging zuerst zu Taro. Dann zu Selene. Der warf sie noch einen Kussmund zu. Selene grinste. Elira drehte sich wieder um und stieg in den Jet. Die kleine Schachtel hielt sie fest in der Hand. Das Wochenende würde sie mit nach New Atlantis nehmen. Was davon dort Bestand haben würde, wusste sie noch nicht.

Taro und Selene standen Arm in Arm auf der Plattform und sahen dem Jet hinterher, bis er als kleiner Punkt am Horizont verschwand und schließlich ganz verblasste.

„Wer hätte gedacht, dass es so aufregend wird, wenn Frau Dr. Elira Kestrel-Merrow uns besucht“, sagte Selene leise, drehte sich zu Taro um und nahm seine Hand. Sie sah ihn mit einem Blick an, der keinerlei Fragen offenließ, was als Nächstes passieren würde. „Komm mit rein. Ich glaube, du hast dir jetzt noch ein ganz dickes Lob verdient.“

Taro zog den Reißverschluss seiner wetterfesten Flugjacke hoch und warf einen Blick auf die gepackte Tasche, die neben der Luftschleuse bereitstand. Draußen auf dem Landeplatz summte der Jäger im Leerlauf – bereit für den Abflug.

Selene stand an die Wand gelehnt im Durchgang zur Werkstatt, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie sah ihn an, und obwohl sie versuchte, ein neutrales Gesicht zu machen, lag ein Schatten von Unbehagen in ihren Augen. Die Siedlung war riesig, und ohne ihn und den Jäger würde das Summen der Generatoren verdammt laut werden. „Du könntest ruhig öfter in solchen Sachen rumlaufen.“ Selene kam auf ihn zu und rückte seinen Schlips gerade.

„Ich mag es aber lieber bequem. Nur diesmal verlangt die Tarnung, dass ich so rumlaufe.“

„Es wird aber anstrengend werden“, sagte sie leise und nickte in Richtung des Hangars. „Du nimmst Vasco mit. Das bedeutet, ich bin hier drin komplett auf mich allein gestellt. Wenn einer der Robbis in Kuppel 2 Amok läuft oder das Filtersystem der Aquakultur zickt, stehe ich da mit dem Schraubenschlüssel und habe keine Ahnung, welchen Knopf ich drücken muss.“

Taro hielt inne. Er blickte von seiner Tasche zu Selene und dann zu dem großen Hauptterminal der Station, das träge vor sich hin blinkte. Sie hatte recht. Die Logistik der Kuppeln war für eine Person allein, die eigentlich im Labor forschen wollte, eine absolute Vollzeit-Katastrophe. Taro war damit groß geworden. Er kannte hier jedes Staubkorn mit Vornamen. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Ich hab da eine Idee. Wer sagt denn, dass ich Vasco komplett mitnehme?“

Selene zog eine Augenbraue hoch. „Er sitzt schon in seiner Nische im Jäger, Taro. Es sei denn, du hast inzwischen gelernt, ihn zu klonen.“

„Ich nicht. Aber er schon“, erwiderte Taro, trat an das Terminal und tippte eine schnelle Befehlssequenz ein. „Erinnerst du dich an die Notfallkopie, die wir nach dem Tuning als Sicherheits-Backup auf den Stationsspeicher gezogen haben? Falls es da draußen doch mal zu heiß werden sollte?“ Seine Finger flogen über die Tastatur, übergingen die Protokolle und aktivierten den schlafenden Kern im Hauptrechner der Siedlung. „Warum soll das Ding hier Staub ansetzen, wenn es dir den Arsch freihalten kann?“ Mit einem tiefen, satten Surren fuhren die primären Serverbänke der Station hoch. Die Statusleuchten sprangen von Orange auf ein klares, helles Blau. Über die Deckenlautsprecher ertönte ein kurzes Knacken, gefolgt von einem vertrauten elektronischen Räuspern.

„Systeme online“, tönte Vascos Stimme durch den Raum – allerdings nicht aus Taros Datapad, sondern glasklar aus der Surround-Anlage der Station. „Kern-Replikation erfolgreich. Lokale Netzwerkkontrolle zu einhundert Prozent hergestellt. Guten Tag, Selene. Ich sehe, Taro hat mal wieder seine Socken neben dem Terminal liegen lassen.“

Selene sperrte den Mund auf.

Im selben Moment setzte sich in der Ecke der Werkstatt ein kleiner, flacher Wischroboter in Bewegung. Das Ding surrte zielgerichtet auf den Arbeitstisch zu, auf dem ein unordentlicher Stapel von Selenes botanischen Fachbüchern lag. Der Roboter fuhr einen kleinen, modifizierten Greifarm aus, schnappte sich präzise das oberste Buch und schob es mit einem leisen Klack zurück ins Regal. „Sortierung nach Fachgebiet, Chefin?“, vermeldete der frische Stations-Vasco über die Lautsprecher. „Und ich habe soeben die Luftfeuchtigkeit in deinem Labor optimiert. Du kannst die Chemikalien also stehen lassen, ich übernehme die Überwachung der Brutkästen.“

„Die Anrede gefällt mir“, lachte Selene.

Taro lachte ebenfalls, schnappte sich seine Tasche und klopfte im Vorbeigehen gegen das Gehäuse des Terminals. „Da hast du deinen Aufpasser. Wenn er frech wird oder zu viel meckert, droh ihm einfach damit, die Kühlung im Serverraum abzuschalten. Das drückt seine Prioritäten ganz schnell wieder nach unten.“ Er trat an Selene heran, zog sie für einen kurzen, festen Abschiedskuss zu sich und zwinkerte ihr zu. „Ich bin in ein paar Tagen zurück. Lass die Station ganz.“

„Vasco passt ja auf mich auf“, sagte sie, und ein echtes, erleichtertes Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück, während der Wischroboter bereits das nächste Buch einsortierte.

Der Jäger erhob sich mit einem satten, tiefen Grollen vom Landeplatz, schoss in den Himmel und hinterließ nur einen weißen Schweif, der schließlich im All verschwand. Selene sah ihm vom Panoramafenster aus nach, bis nur noch die Sterne zu sehen waren.

„Erfolgreicher Start“, vermeldete der Stations-Vasco über die Deckenlautsprecher. „Taro hat die Atmosphäre verlassen. Du bist jetzt offiziell die Kommandantin dieser Festung, Chefin.“

Selene schmunzelte und drehte sich um. „Danke, Vasco. Dann lass uns mal sehen, was die Sensoren von Kuppel 4 sagen.“ Sie ging hinüber zu ihrem Hauptterminal im Labor. Doch bevor sie die Daten aufrufen konnte, blinkte im Augenwinkel eine Prioritätsnachricht auf. Das Siegel darauf war unübersehbar: das offizielle Wappen der Zentral-Universität von Corellia – der größten und renommiertesten Forschungsanstalt der umliegenden Systeme.

Selene zog die Augenbrauen hoch. Normalerweise dauerte es Monate, bis Anträge oder Berichte dort die bürokratischen Mühlen durchlaufen hatten. Sie öffnete das Schreiben. Es kam direkt aus dem Büro des Dekans. Der Tonfall war nicht feindselig, sondern von einer tiefen, fast schon komischen Verblüffung geprägt:

„Sehr geehrte Frau Kollegin Selene, ich wende mich heute auf diesem ungewöhnlich direkten Weg an Sie, da in unserer Haushaltsabteilung ein Vorgang eingegangen ist, der, gelinde gesagt, für erhebliche Unruhe gesorgt hat. Infinity Laboratories hat der Universität eine zweckgebundene Großspende im siebenstelligen Bereich überwiesen – exklusiv ausgeschrieben für Ihr laufendes Forschungsprojekt im Sektor 4. Verstehen Sie meine Verwunderung nicht falsch: Ihre bisherige Arbeit über die regenerative Flora ist exzellent, andernfalls hätten Sie diesen Lehrstuhl nicht inne. Dennoch hat ein derart massives finanzielles Engagement eines interstellaren Megakonzerns in einem bisher eher theoretischen Fachbereich Seltenheitswert. Da die Universität als Träger die ordnungsgemäße Verwendung dieser Mittel prüfen muss, möchte ich mich persönlich nach dem aktuellen Stand Ihrer Forschung erkundigen. Welche bahnbrechenden Erkenntnisse haben Sie vor Ort erzielt, die das Interesse von Infinity geweckt haben? Ich schlage eine zeitnahe persönliche Videoschaltung vor, um über eine mögliche Aufwertung Ihres Instituts zu sprechen …“

„Faszinierend“, murmelte Vasco, während der kleine Wischroboter leise surrend und wieder mit einem Buch beladen an Selenes Stuhl vorbeizog. „Der Mann versucht gar nicht erst zu verbergen, dass ihm gerade das Kinn auf den Schreibtisch gefallen ist. Eine siebenstellige Summe für Pflanzenforschung sprengt wohl sein Budget-Universum.“

Selene starrte auf den Bildschirm. Der Dekan war nicht dumm. Er wusste, dass Konzerne wie Infinity keinen Cent verschenkten. Er witterte eine wissenschaftliche Sensation an seiner Uni – und sie musste jetzt verdammt vorsichtig sein, wie viel sie ihm verriet, ohne misstrauisch zu wirken. Ohne zu zögern öffnete sie das Antwortformular. Als Professorin hatte sie in ihrer Karriere genug Forschungsanträge und Zwischenberichte verfasst, um genau zu wissen, wie man den Dekan füttern musste, ohne sich in die Karten schauen zu lassen. Ihre Finger flogen über die Tastatur. Sie tippte einen Text, der die absolute Wahrheit enthielt, aber meilenweit an ihrem eigentlichen Geheimnis vorbeiging. Sie bestätigte den Erhalt der zweckgebundenen Mittel für die geplante neue Lehrgruppen-Kuppel. Dann streute sie den perfekten Köder aus: Sie deutete eine hochinteressante biologische Anomalie in der Atmosphäre in Verbindung mit den Mineralien rund um den Pool an. Ein zellvitalisierender Effekt, der theoretisch den Alterungsprozess beeinflussen könnte. Allerdings fügte sie sofort die akademische Bremse hinzu: Der Effekt sei flüchtig, zeitlich begrenzt und derzeit absolut instabil. Es handele sich um reine, langwierige Grundlagenforschung, die noch Jahre intensiver Arbeit vor Ort erfordern würde, bevor man überhaupt an eine praktische Anwendung denken könne. Sie setzte ihre digitale Signatur darunter und schickte die Nachricht ab. Das sollte dem Dekan genug wissenschaftliches Futter geben, um die Spende stolz vor dem Aufsichtsrat zu rechtfertigen, während es ihr gleichzeitig die nötige Ruhe verschaffte.

Ein leises Surren riss sie aus den Gedanken. Der kleine Wischroboter war an ihrem Stuhl angekommen, stellte sich genau neben sie und piepte einmal kurz.

Selene sah sich um. Es lagen keine Bücher mehr achtlos herum. Sie schloss das Postfach.

„So, Vasco. Und jetzt zeig mir mal, was die Sensoren von Kuppel 4 sagen.“

Auf dem Hauptterminal minimierte sich das Kommunikationsfenster und machte Platz für die Live-Diagramme der vierten Kuppel. Die Linien für Luftfeuchtigkeit, Boden-pH-Wert und Nährstoffkonzentration bauten sich in einem beruhigenden, gleichmäßigen Grün auf dem Bildschirm auf. Der Alltag hatte sie wieder – und der war, zumindest im Moment, erfreulich unspektakulär.

„Kannst du eine Atmosphärenprobe nehmen und auf meinen Labortisch legen? Ich hab da eine Idee.“

„Wird erledigt, Chefin. Die automatisierte Entnahme in Kuppel 4 läuft. Die sterile Kapsel wird in circa vier Minuten auf deinem Labortisch eintreffen“, bestätigte Vasco.

Der kleine Wischroboter raste davon.

Selene schmunzelte und sah dem flitzenden Blecheimer hinterher, der urplötzlich eine immense Dringlichkeit an den Tag legte, um den Auftrag auszuführen.

Der Sprung durch den Hyperraum hatte die gewohnte Trägheit in den Knochen hinterlassen. Ich saß im Pilotensessel des Jägers, die Füße auf der Konsole hochgelegt, während das Cockpit nur vom fahlen Grün der Systemanzeigen beleuchtet wurde. Vasco saß in seiner Nische an der Wand. Seine Servomotoren gaben ein leises, rhythmisches Summen ab, das sich mit dem Vibrieren der Triebwerke mischte. Die Räumlichkeiten im Jäger waren sowieso großzügig gestaltet, sodass er sich auch im Inneren aufhalten konnte, nicht wie in einem beengten Frachter.

„Wir haben den Sektor der Infinity-Sonderstation in drei Minuten erreicht, Taro“, vermeldete er. Seine Stimme war flacher als die seines Bruders auf der Küstenstation, mechanischer. „Die Kennung des Jägers ist als privates Kurierschiff von Dr. Kestrel-Merrow registriert. Die Scanner der Station werden uns passieren lassen.“

Ich nahm die Beine von der Konsole und griff nach dem Steuer. Die wetterfeste Flugjacke spannte ein wenig an den Schultern. Elira hatte darauf bestanden, dass dieser Flug offiziell wirkte. Keine Miner-Klamotten, kein Schmuddel-Look. Ein Kurier der Chefetage musste aussehen wie ein Kurier der Chefetage.

„Zeig mir die Frachtliste für den Rückflug“, sagte ich.

Ein kleines Hologramm flackerte zwischen uns auf. Medizinische Grundstoffe, versiegelte Datenkerne mit Laborberichten aus dem Gürtel. Alles legal, alles sauber verbucht. Die eigentliche Fracht war der Umschlag in meiner Innentasche – handschriftliche Direktiven von Elira, die an den Sicherheitschef der Station übergeben werden mussten, vorbei an jedem digitalen Netz, das der Vorstand überwachen konnte. Ein analoges Relikt in einer durchdigitalisierten Galaxis. Weil Papier keine digitalen Spuren hinterließ.

„Der Stationsleiter hat soeben unsere Landeanfrage bestätigt“, sagte Vasco. „Sein Puls lag bei der Audio-Übertragung bei einundneunzig Schlägen pro Minute. Er ist nervös.“

„Er weiß, wer uns schickt“, erwiderte ich und legte den Hebel für die Bremsdüsen um.

Der Jäger schob sich schwerfällig aus dem Schatten eines massiven Asteroiden. Vor uns tauchte die Station auf – ein klobiger Zylinder aus grauem Durastahl, der sich träge um die eigene Achse drehte. Keine schwebenden Gärten wie in New Atlantis. Nur funktionale Kälte. Ich brachte das Schiff auf Abfangkurs zu den Magnetschienen der Landebucht. Reiner Routinealltag. Rein, den Umschlag abgeben, die Datenkerne laden und wieder weg. Ein Job ohne Drama, genau wie ich es mochte. Aber im Hinterkopf war da dieser Gedanke, dass das hier erst der Anfang von Eliras sauber geplantem Machtkampf war.

„Landeklammern eingerastet“, klackte Vasco. „Triebwerke im Leerlauf. Ab jetzt sind wir nur noch Kuriere.“

Ich hörte das Papier in meiner Innentasche knistern, als ich aufstand. „Vasco, bleib am Funk. Wenn hier irgendwer zu viele Fragen stellt, liest du ihm das Logbuch vor.“ Das innere Schott des Jägers glitt zischend auf. Die Luft, die aus der Landebucht herüberschlug, roch nach verbranntem Schmieröl und der typisch trockenen, zweifach recycelten Stationsatmosphäre. Auf den Metallplanken der Plattform stand ein einzelner Mann. Kein Empfangskomitee, keine Wachen. Er trug die graue Dienstuniform der Infinity-Sicherheitsabteilung, aber die oberen Knöpfe waren offen, und der Kragen wirkte knittrig.

Das war Coran, der Sicherheitschef der Station – Eliras Kontaktmann. Er sah den Jäger an, hielt den Blick eine Sekunde zu lang auf den bündig versenkten Geschützpforten und spuckte dann ein Kaugummi in den Entwässerungsgraben neben der Plattform.

„Du bist spät, Kurier“, sagte er, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Seine Augen wanderten unruhig zu den Kameras an der Decke der Landebucht.

Ich ging die Rampe hinunter, die Schritte schwer auf dem Metall. Ich sagte nichts. In dieser Jacke und in diesem Sektor redete man nicht mehr als nötig. Als ich zwei Schritte vor ihm stand, zog ich nicht den Umschlag heraus, sondern reichte ihm erst das digitale Frachtmanifest für die regulären Laborberichte. Reine Routine für die Kameras.

„Unterschreib das“, sagte ich trocken.

Coran nahm das Datapad, drückte seinen Daumen auf den Scanner und kam dabei einen Schritt näher. So nah, dass sein Körper den toten Winkel der Deckenkamera zwischen uns und dem Schiffsrumpf ausnutzte. „Der Vorstand hat gestern zwei neue Analysten auf die Station geschickt“, raunte er, während er das Pad zurückgab. Seine Stimme war kaum mehr als ein Atemzug. „Sie schnüffeln in den Logistikdaten. Was hat die Chefin?“

Ich griff in die Innentasche meiner Flugjacke. Das Papier knisterte leise zwischen meinen Fingern, als ich den versiegelten, dicken Umschlag herauszog und ihm zusteckte.

„Wann bekomme ich meine Ladung?“, sagte ich betont laut. „Ich muss noch weitere Pakete abholen.“

Leise flüsterte ich hinterher: „Geduld. Alles zu seiner Zeit.“

Coran nickte kaum merklich. Er trat einen Schritt zurück in den Sichtbereich der Deckenkamera und hob die Stimme. „Die Behälter sind bereits auf der Palette, Kollege“, erwiderte er laut und deutete auf zwei versiegelte Kisten am Rand der Bucht. „Lad den Kram ein und zisch ab.“ Während er mir das Datapad für die Kisten reichte, hauchte er fast ohne Lippenbewegung: „Sie suchen nach Dreck, um es der Chefin anzukreiden. Der Vorstand spielt falsch. In einer Kiste ist ein Geschenk für die Chefin persönlich.“

Ich nahm das Pad. „Verstanden“, sagte ich laut für die Mikrofone. Ich schob die beiden Kisten über die Rampe in den Jäger und verriegelte sie auf den Bodenplatten. Die Luke glitt mit einem hydraulischen Zischen zu. Die Stationsluft war ausgesperrt.

„Fracht gesichert, Taro“, vermeldete Vasco aus seiner Wandnische.

Ich warf die Flugjacke auf den Beifahrersitz und übernahm das Steuer. „Hol uns hier raus, Vasco.“ Der Jäger dockte geschmeidig von den Magnetschienen ab und glitt ins offene All. Sobald die Autopilot-Routinen liefen, stand ich auf und ging nach hinten in den großzügigen Laderaum. Ich trat an Kiste Nummer zwei und öffnete die Verriegelung. Obenauf, direkt unter dem Deckel, lag das „Geschenk“: ein unauffälliger silberner Datenstick, der fast schon ironisch mit einer kleinen roten Stoffschleife drapiert war. Ich zog die Schleife ab, steckte den Stick ein und ging vor zu Vasco.

„Kursänderung, Vasco“, sagte ich. „Wir fliegen nicht direkt zur Küstenstation. Wir nehmen die Route zum Infinity-Hauptquartier. Die reguläre Fracht geht an die Logistikrampe, aber das Ding hier bringe ich persönlich nach oben.“

„Verstanden, Taro“, antwortete Vasco aus seiner Nische. „Soll ich dich als Kurierfahrer im System der Hauptverwaltung anmelden?“

„Ja. Bereite die ID-Freigabe vor. Ich gehe als Paketbote getarnt direkt hoch zur Chefin.“

Der Jäger setzte sauber auf den Landekoordinaten des öffentlichen Raumhafens auf. Ich überließ Vasco das Schiff und die Abwicklung der regulären Fracht. Kurze Zeit später saß ich auf der Beifahrerbank des automatisierten Liefergleiters, der die Kisten zum Infinity-Hauptsitz transportierte. Den Datenstick hatte ich tief in der Tasche meiner offiziellen Flugjacke. Mein Vorwand: eine persönliche Express-Übergabe, die nur per Hand-zu-Hand-Quittung direkt im oberen Stockwerk abgeschlossen werden durfte. Eliras Name auf dem digitalen Frachtbrief öffnete die Tore.

Im gläsernen Foyer des Hauptsitzes angekommen, meldete ich mich am Empfangstresen an.

„Dr. Kestrel-Merrow ist informiert. Sie müssen kurz warten“, sagte die Empfangsdame kühl, ohne aufzusehen.

Ich setzte mich auf eine der Designercouches im Wartebereich. Von hier aus hatte ich durch die Glasfront einen perfekten Blick auf die tiefer gelegene Annahmestation für die Express-Lieferungen. Das gab mir Zeit, die Abläufe zu beobachten. Plötzlich öffnete sich die Tür zum großen Konferenzraum am Ende des Flurs. Ein älterer Mann im maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug trat heraus – Roderick Vance, eines der einflussreichsten Vorstandsmitglieder. Er ging schnellen Schrittes zum inneren Balkon, der die Ladezone überblickte, und sah nach unten. Er tippte nervös auf seinem Handgelenk-Terminal herum, während seine Augen starr auf den beiden versiegelten Kisten lagen, die der Liefergleiter gerade auf die Rampe geschoben hatte. Vance interessierte sich kein Stück für die reguläre Post oder die anderen Boten. Sein Blick fixierte ausschließlich unsere Ladung aus der Infinity-Sonderstation. Er schien verdammt genau zu wissen, was in diesen Kisten sein sollte – oder worauf seine Analysten dort gewartet hatten.

In diesem Moment ertönte ein Ping und meine Wartenummer erschien auf dem Display. Ich ging zum Empfangstresen und zeigte meine Nummer.

„Den gelben Fahrstuhl. Die 22 drücken“, bekam ich als eher unterkühlte Auskunft. Oben schaute mich eine sehr distanzierte Sekretärin an. Ein kurzes Blitzen ging durch ihr Gesicht. „Sie können gleich durchgehen“, flüsterte sie mit vorgehaltener Hand, obwohl wir allein waren, und deutete auf die große Doppeltür aus sehr edlem Holz.

Ich drückte die Klinke der schweren Doppeltür herunter und trat ein. Das Büro von Elira war riesig, wirkte aber durch die minimalistische Einrichtung fast leer. Hinter dem massiven Schreibtisch aus dunklem Vulkanglas stand sie und blickte aus der meterhohen Fensterfront auf die Skyline von New Atlantis. Als das Schloss hinter mir leise einrastete, drehte sie sich um. Ihre Augen wirkten müde, aber ihr Blick war absolut scharf.

„Du bist schnell, Taro“, sagte sie und kam mir ein paar Schritte entgegen. „Gab es Probleme an der Sonderstation?“

„Deine Sekretärin scheint mich zu kennen. Ist sie eingeweiht?“

„Ja. Ihr vertraue ich blind.“

„Coran hat geliefert“, erwiderte ich, trat näher an sie heran und zog den silbernen Datenstick aus der Tasche meiner Flugjacke. „Und er hat mir das hier für dich eingepackt. Mit einer roten Schleife.“

Ich reichte ihr den Stick. Elira sah das kleine Ding an, und für den Bruchteil einer Sekunde entspannten sich ihre Gesichtszüge. „Roderick Vance steht unten am inneren Balkon und starrt die Frachtkisten an wie ein Geier“, fügte ich leise hinzu. „Er tippt nervös auf seinem Terminal herum. Er hat auf diese Kisten gewartet.“

Elira ballte die Hand um den Stick, bis ihre Knöchel weiß wurden. Ein kaltes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Natürlich hat er das. Er dachte, seine Analysten hätten dort oben etwas gefunden, das mich zu Fall bringt. Er ahnt nicht, dass Coran die manipulierten Logistikdaten längst hierauf gezogen und von den Stationsservern gelöscht hat.“ Sie ging zurück zu ihrem Schreibtisch und wollte den Stick gerade in ihr Terminal einstecken. Das blaue Licht des Scanners strich schon über ihre Finger.

„Moment“, sagte ich und hob leicht die Hand. „Es wäre besser, wenn du das außerhalb der Firma machst.“

Elira hielt in der Bewegung inne. Ihr Blick schnellte zu mir hoch, die Augen schmal. Sie wusste genau, was ich meinte. In diesem Gebäude atmete selbst die Klimaanlage digitale Protokolle, und Vance lauerte nur ein paar Stockwerke tiefer. „Wo?“, fragte sie kurz und knapp.

„Wie wäre es mit Vasco?“

Ein Hauch von Überraschung flog über ihr Gesicht, dann arbeitete es hinter ihrer Stirn. „Ist er hier im Gebäude?“

„Nein, beim Jäger im Raumhafen“, erwiderte ich und deutete vage mit dem Kopf nach draußen. „Sein Kern ist isoliert, absolut autark, und er hat die nötige Rechenleistung, um den Inhalt zu zerlegen, ohne dass auch nur ein einziges Byte ins Firmennetzwerk sickert. Wenn Vance hier irgendwo Wanzen oder modifizierte Leitungen hat, weiß er in fünf Minuten, was auf dem Stick ist. Bei Vasco sieht er gar nichts.“

Elira sah den silbernen Stick in ihrer Hand an, dann nickte sie entschlossen und schob ihn tief in ihre Rocktasche. „Du hast recht. Ich darf hier kein Risiko eingehen.“

„Gute Idee“, sagte ich und hielt die Hand auf. „Gib her. Ich lasse Vasco den Stick schon mal durchleuchten, während du hier die Stellung hältst.“

Elira zögerte keine Sekunde, legte mir das silberne Ding wieder in die Hand und atmete hörbar aus. „Richtig. Wenn ich jetzt Hals über Kopf mit einem Paketboten das Gebäude verlasse, schöpft Vance sofort Verdacht. Ich muss mir erst den Nachmittag freischaufeln, Termine verschieben, den Schein wahren.“ Sie blickte kurz auf die Uhr. „In zwei Stunden bin ich am Raumhafen. Ich wollte mir deinen Jäger ohnehin mal aus der Nähe ansehen.“

Ein dünnes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Erwartest du Luxus?“

„Ich erwarte Funktionalität“, erwiderte sie trocken. Zwei Stunden später senkte sich die Laderampe des Jägers surrend auf den Boden des Raumhafens. Elira erschien am unteren Ende der Rampe. Das steife Bürokostüm hatte sie gegen leichtere, dunkle Reisekleidung getauscht. In einer Hand trug sie eine Tasche, über der anderen Schulter hing ein Kleidersack.

Sie kam die Rampe herauf und richtete sich oben ganz auf. Für einen Moment wanderte ihr Blick über die Decke, dann nach vorn. Offenbar hatte sie damit gerechnet, in einem Jäger wenigstens irgendwo den Kopf einziehen zu müssen. Musste sie nicht.

Ich blieb ein paar Schritte hinter ihr stehen und ließ sie schauen. Gleich neben dem Zugang lag die Zelle. Eliras Blick fiel durch die offene Tür auf die schmale Pritsche und die glatten Wände. Sie blieb kurz stehen. „Du hast also tatsächlich eine.“

„Hab ich dir doch gesagt.“

Ein Mundwinkel zuckte nach oben. Mehr Aufmerksamkeit bekam die Zelle nicht. Elira ging weiter. Der Gang führte nach vorn. Türen zweigten davon ab, sauber in die Wandverkleidung eingelassen, nichts wirkte nachträglich hineingequetscht. Nach wenigen Schritten öffnete sich der Raum vor ihr. Diesmal blieb sie wirklich stehen. Der Wohnbereich hatte mit der engen Blechbüchse, die sie offenbar erwartet hatte, nicht viel gemeinsam. Eine Couch, zwei Sessel und ein niedriger Tisch bildeten eine richtige Sitzecke. Ein Stück weiter stand der Esstisch. Schränke und Kommoden verschwanden nicht hinter irgendwelchen militärischen Abdeckungen, sondern sahen aus, als gehörten sie genau dorthin. Elira stellte ihr Gepäck neben der Couch ab. „Aber zuerst etwas anderes.“ Elira kam die paar Schritte zu mir zurück, legte die Arme um mich und zog mich an sich. „So. Jetzt aber richtig.“ Diesmal war nichts Dienstliches mehr daran. Sie blieb einen Moment dicht bei mir, suchte meine Wärme, dann hob sie den Kopf und küsste mich kurz. Erst danach löste sie sich wieder. „Jetzt kannst du mir deinen Jäger zeigen.“

Ihr Blick ging langsam durch den Raum. Über ein paar Bücher, die nicht ordentlich genug im Regal standen, um Dekoration zu sein. Zwei davon handelten von Flora und Fauna. Auf einer Kommode stand eine Pflanze, deren kräftige grüne Blätter ziemlich eindeutig bewiesen, dass sie nicht erst gestern dort abgestellt worden war.

Elira sah zu mir. „Das … ist nicht das enge Cockpit, das ich erwartet habe.“

„Enttäuscht?“

„Überrascht.“ Sie strich mit den Fingern über die Rückenlehne der Couch. „Taro, das ist richtig gemütlich hier drin.“

„Man tut, was man kann.“ Sie nahm den Kleidersack wieder über die Schulter. „Und wo werde ich den los?“

Ich deutete in den Gang. „Schlafzimmer. Im Schrank ist Platz.“

Das genügte ihr. Sie verschwand durch die Tür. Ein paar Sekunden hörte ich nichts von ihr.

Dann: „Blümchenbettwäsche?“

Ich musste grinsen. „Beschwer dich bei Selene.“

„Das hatte ich vor.“ Als sie wieder herauskam, war der Kleidersack verschwunden. Sie sagte nichts weiter dazu, aber das kleine Lächeln war noch da. In diesem Moment erklang Vascos Stimme aus Richtung Cockpit.

„Dr. Kestrel-Merrow.“ Elira sah nach vorn. Ich ging voraus durch den breite Öffnung, der den Wohnbereich vom Cockpit trennte. Elira folgte mir – und blieb gleich dahinter noch einmal stehen. Vor uns spannte sich die große Panoramascheibe über die Front des Jägers. Davor standen die beiden Pilotensitze, umgeben von den Armaturen und Anzeigen der Flugsteuerung. An der hinteren Wand waren zusätzliche Sitze bündig eingeklappt. Seitlich stand der Waffenschrank offen. Eliras Blick blieb kurz daran hängen. Mehrere Waffen lagen und hingen sauber in ihren Halterungen, griffbereit und offensichtlich nicht zur Dekoration.

Direkt daneben befand sich Vasco an seinem festen Platz, mit den Systemen des Jägers verbunden. „Dr. Kestrel-Merrow, willkommen an Bord“, sagte er. „Ich habe den Inhalt des Geschenks isoliert und vollständig dechiffriert. Sie werden die Ergebnisse nicht mögen, aber sie sind äußerst aufschlussreich.“

Auf meinem Pad erschienen Daten. Vasco splittete die Anzeige sofort auf, sodass Elira und ich die Dokumente nebeneinander einsehen konnten. Wir traten eng zusammen. Elira überflog die ersten Zeilen, und ihr Atem stockte kurz, als die echten Zahlen der Logistikdaten auf dem Bildschirm aufleuchteten. Vasco hatte die verschlüsselten Frachtlisten farblich markiert. Rote Zeilen liefen über das Display des Pads.

„Seht euch die ID-Nummern der Frachtcontainer an“, sagte Vasco. „Offiziell wurden diese Behälter als harmlose Düngemittel-Komponenten deklariert. Komplett steuerbefreit.“

Eliras Finger strich über den Bildschirm und zoomte auf die chemischen Scanprotokolle. „Das sind keine Düngemittel. Das sind die Grundsubstanzen für Sync-Drogen. Was zur Hölle ist das?“

„Der Vorstand hat tonnenweise von dem Zeug am Zoll vorbeigeschleust, um die saftigen Luxussteuern und Kontrollen zu umgehen“, erklärte Vasco. „Und hier kommt der gefälschte Teil: Die digitalen Signaturen, die diese illegalen Importe freigegeben haben, laufen alle unter deiner persönlichen Kennung, Dr. Kestrel-Merrow.“

Elira starrte fassungslos auf das Pad.

„Vance schmuggelt Sync-Drogen über unsere Routen, streicht die Gewinne steuerfrei ein und nutzt meine gefälschte ID für die Freigabe. Seine Analysten sollten das jetzt gezielt so fälschen, um mich als kriminelle Schmugglerin abzusägen.“

„Verstehe“, sagte ich und nickte. „Das Zeug ist an sich legal, aber der Vorstand drückt sich vor den Luxussteuern, die darauf liegen. Das ist kein kleiner Fehler. Das ist handfester, millionenschwerer Steuerbetrug direkt auf deine Kappe.“

Eliras Blick fixierte die Zahlen.

„Genau. Auf Sync-Drogen liegt der höchste Steuersatz überhaupt. Wenn man mich damit in Verbindung bringt, wäre ich als CEO nicht mehr tragbar gewesen. Der Imageschaden hätte mich sofort den Kopf gekostet.“ Ein kaltes Lächeln trat auf ihr Gesicht. „Aber jetzt haben wir die echten Protokolle. Vance hat die Steuern hinterzogen und es auf meine Kennung verbucht. Wenn die Behörden das spitzkriegen, brennt der Vorstand.“

Ich steckte das Pad weg und sah sie an. „Ich könnte das jetzt sofort über meine Justizkanäle anheizen. Oder du spielst es direkt deinem Familienanwalt zu, um Vance das Messer an die Kehle zu legen.“

Elira schüttelte langsam den Kopf. Der erste Schock war verflogen, jetzt schaltete sie komplett in den Taktik-Modus. „Nein, noch nicht“, sagte sie eisig. „Das ist erst die Spitze des Eisbergs. Wenn Vance so dreist agiert, macht er das nicht allein. Und er macht es mit Sicherheit nicht nur auf dieser einen Station. Wenn ich jetzt zuschlage, scheuche ich die anderen Ratten nur auf und sie verwischen ihre Spuren.“ Sie sah mich brennend an. „Taro, ich muss wissen, wie tief dieser Sumpf wirklich ist. Ich brauche absolute Gewissheit, wer noch alles die Hand aufhält. Du musst zwei weitere Außenposten für mich anfliegen.“

„Gestatte mir, dass ich das trotzdem schon weitergebe“, warf ich ein. „Ich kann meine Kontakte bitten, die Füße stillzuhalten, bis wir weiteres Material liefern. Denk dran: Wenn Vance und seine Leute jetzt schon den Angriff gegen dich starten, klingen unsere Zahlen im Nachhinein wie eine billige Schutzbehauptung. Wir müssen den Fuß in der Tür haben.“

Elira überlegte einen Moment, die Stirn in Falten gelegt. „Sind sie zuverlässig?“

„Ja.“

„Dann mach es.“

Ein kleines Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. „Es ist schließlich nicht der erste Fall, den ich auf diese Weise gelöst habe.“

Elira seufzte leise, aber das Eis in ihren Augen taute ein wenig. „Ja, schon gut. Ich vertraue dir.“

Ich lehnte mich gegen die Konsole des Jägers und verschränkte die Arme.

„Das Logistik-Muster kennen wir ja jetzt dank Coran. Wenn auf den anderen Stationen dasselbe abgezogen wird, findet Vasco das in den Servern.“

„Genau.“ Sie nickte. „Nimm die Stationen auf Ceto und Altair IV ins Visier. Schau nach denselben Unregelmäßigkeiten bei den deklarierten Düngemittelfrachten. Sobald wir das Bild komplett haben, schlagen wir so fest zu, dass der gesamte Vorstand in sich zusammenbricht.“

Sie schwieg einen Moment und sah auf die Daten vor uns. „Warte mal. Wenn ihr auf einer der Stationen nicht in die Systeme kommt, braucht ihr andere Zugangsdaten.“ Ihr Blick ging zu Vasco, dann zurück zu mir. Die Falte zwischen ihren Augenbrauen verschwand langsam. „Warum komme ich eigentlich nicht einfach mit? Bis Ceto ist es nicht weit, und ein bisschen Ablenkung könnte ich gerade sowieso gebrauchen.“ Sie lehnte sich zurück. „Gott sei Dank hatte ich die Idee, gleich Gepäck mitzubringen.“

Ich sah sie an. „Wieso eigentlich?“

„Damit ich etwas dabeihabe, falls wir mal schnell aufbrechen müssen.“ Sie grinste. „So wie jetzt.“

Ich sah sie einen Moment an. „Deine Termine?“

Elira hob nur eine Schulter. „Ich habe mir den Nachmittag freigeschaufelt. Ceto schaffen wir. Über Altair reden wir danach.“

„Dann machen wir uns jetzt erst mal wasserdicht“, sagte ich und tippte auf dem Terminal. „Ich jage das Paket über meine verschlüsselten Kanäle raus. Die Jungs wissen, dass sie die Akte erst mal nur auf Eis legen und die Füße stillhalten sollen, bis das Signal kommt.“

Elira holte ihr eigenes, hochsicheres Com-Gerät hervor.

„Und ich informiere parallel meinen Familienanwalt. Er wird die Unterlagen in einem physischen Safe deponieren. Wenn mir oder dir in den nächsten Tagen etwas zustößt oder Vance versucht, eine Schlammschlacht in der Presse anzuzetteln, geht das Material automatisch an die Generalstaatsanwaltschaft.“ Sie sah zu, wie die Ladebalken auf unseren Bildschirmen synchron auf 100 % sprangen. Ein spürbares Aufatmen ging durch den Raum. Für den Moment waren wir safe. Die Falle war gestellt, wir mussten sie nur noch mit den nächsten Beweisen bestücken.

Elira steckte ihr Gerät weg und blickte noch einmal auf die Daten. „Gut. Die Absicherung steht. Dann sollten wir keine weitere Zeit verlieren. Sehen wir uns Ceto an.“

Sie machte keine Anstalten, zur Rampe zu gehen. Stattdessen setzte sie sich auf den Copilotensitz und betrachtete die Anzeigen vor sich. Ich sah sie einen Moment an. „Du meinst das ernst.“

Elira drehte sich zu mir. „Natürlich. Ich habe den Nachmittag bereits freigeräumt, Ceto ist nicht weit, und wenn Vasco an einer internen Berechtigung scheitert, kann ich ihm vermutlich schneller helfen, als wenn ihr versucht, mich von dort aus zu erreichen. Außerdem möchte ich sehen, ob dieses System tatsächlich so funktioniert, wie wir gerade annehmen.“ Das war schwer zu widerlegen.

„Na gut. Dann fliegen wir eben zu zweit.“ Ich setzte mich auf meinen Platz und begann mit den Startvorbereitungen.

„Startfreigabe liegt vor. Flugkorridor nach Ceto ist frei.“ kam von Vasco

„Dann raus hier.“ Wenig später hob der Jäger vom Raumhafen ab. Elira saß angeschnallt neben mir und sah durch die große Panoramascheibe hinaus. Während New Atlantis unter uns zurückblieb, wanderte ihr Blick immer wieder zwischen der Stadt und den Anzeigen hin und her.

Sie stellte keine Fragen zu jedem Instrument. Wenn sie etwas nicht verstand, beobachtete sie erst eine Weile. Erst nachdem wir die Atmosphäre verlassen hatten und Vasco den Kurs nach Ceto einblendete, deutete sie auf eine der Anzeigen. „Was genau macht Vasco während des Fluges? Ich weiß, dass er mit dem Schiff verbunden ist. Aber ich kann nicht einschätzen, wo seine Aufgaben enden und deine anfangen.“

Ich sah kurz zu ihr hinüber. „Kommt drauf an. Fliegen kann ich allein. Vasco auch. Aber zusammen ist es einfacher. Er kümmert sich um die Sachen, bei denen ich sonst dauernd auf Anzeigen schauen müsste, und sagt mir Bescheid, wenn etwas nicht so aussieht, wie es aussehen sollte.“

„Taro beschreibt eine dynamische Aufgabenverteilung. Navigation, Sensorüberwachung, Systemdiagnose und Kommunikation kann ich vollständig übernehmen. Die taktische Entscheidung bleibt bei ihm.“

Elira nickte langsam. „Also keine klassische Trennung zwischen Pilot und Bordsystem.“

„Nicht wirklich. Wir machen das schon eine ganze Weile zusammen. Irgendwann weiß jeder, was der andere braucht.“

Vasco ergänzte nichts. Das musste er auch nicht.

Ceto war nah genug, dass der Flug nicht lange dauerte. Elira verschwand zwischendurch nach hinten, kam mit etwas zu trinken zurück und setzte sich wieder neben mich. Viel Gelegenheit, sich den Rest des Jägers anzusehen, hatte sie nicht. Als Ceto schließlich vor uns auftauchte, nahm ich den Schub zurück.

„Vasco, wir gehen langsam ran. Versuch eine Verbindung zu bekommen, aber bleib so lange passiv, wie es geht. Ich möchte nicht auf deren Sensoren auftauchen, bevor wir wissen, was da drin steckt.“

„Verstanden. Passive Erfassung läuft.“

Elira sah hinaus. Von der Station war durch die Panoramascheibe zunächst kaum mehr als ein heller Punkt zu erkennen. „Ihr wollt also gar nicht regulär anfragen.“

„Wenn wir klingeln, wissen sie, dass jemand vor der Tür steht. Erst mal schauen wir durchs Fenster.“

Sie lächelte kurz, blieb aber bei der Sache.

„Dann solltet ihr meine persönliche Kennung zunächst ebenfalls nicht verwenden. Jeder Zugriff damit wird protokolliert. Wenn dort tatsächlich jemand Daten manipuliert, möchte ich ihm nicht gleichzeitig mitteilen, dass die Geschäftsführung nachsieht.“

„Genau deswegen bist du jetzt ziemlich praktisch.“

Elira dachte einen Moment nach.

„Für die normale Logistikverwaltung kann Vasco eine der administrativen Servicekennungen verwenden. Die haben Leserechte auf die Frachtbewegungen und fallen bei automatisierten Abfragen nicht besonders auf. Für die internen Buchungsdaten reicht das allerdings nicht.“

„Die Servicekennung genügt für einen ersten Abgleich.“

„Dann fangen wir damit an.“

Wir glitten weiter auf Ceto zu. Ich musste Vasco nicht fragen, wie weit er war. Er arbeitete, und solange er nichts sagte, gab es für mich keinen Grund, ihm dazwischenzureden.

Elira bemerkte es ebenfalls. Eine Weile beobachtete sie nur die Anzeigen.

„Verbindung hergestellt. Keine Reaktion der aktiven Stationssensoren auf unsere Position.“

„Gut. Schau dir die Frachten an.“

„Zugriff läuft.“

Elira löste ihren Gurt und trat hinter unsere Sitze. Sie beugte sich über meine Rückenlehne, um die Daten auf den Anzeigen besser sehen zu können. Nach ein paar Sekunden wurde ihr das offenbar zu unbequem. Sie schob sich zwischen Sitz und Konsole und setzte sich kurzerhand auf meinen Schoß.

Ich rückte ein Stück zur Seite, soweit der Pilotensitz das überhaupt zuließ, damit sie vernünftig sitzen konnte.

„So ist es besser. Sonst brauche ich noch eine Brille, bevor wir überhaupt auf Altair angekommen sind.“ Sie zog die Anzeige etwas näher heran und überflog die Listen.

„Geh zuerst über die Warengruppe, nicht über meinen Namen. Wenn jemand meine Kennung missbraucht hat und halbwegs intelligent vorgegangen ist, wird er nicht jedes Mal dieselbe Zuordnung verwendet haben.“

„Nach welchen Warengruppen soll ich filtern?“

„Düngemittel, biologische Nährlösungen und landwirtschaftliche Grundstoffe. Alles, was in größeren Mengen bewegt werden kann, ohne dass bei einer Routineprüfung sofort jemand nachfragt.“ Die ersten Listen erschienen.

„Keine Abweichungen bei den Container-IDs. Die gemeldeten Mengen stimmen mit Einlagerung und Verbrauch überein.“

„Nimm trotzdem sechs Monate zurück. Wenn Ceto Teil davon war, muss irgendwo eine Abweichung geblieben sein.“

Vasco erweiterte den Zeitraum.

Wir warteten.

„Keine relevanten Abweichungen festgestellt. Auch im erweiterten Zeitraum sind Frachtlisten, Bestände und interne Buchungen konsistent.“

Elira richtete sich langsam wieder auf.

„Dann war Ceto entweder nie beteiligt, oder jemand hat hier erheblich sauberer gearbeitet als bei Coran.“

„Für uns läuft beides aufs Gleiche raus. Hier finden wir heute nichts.“

Sie nickte. Ceto war ein Fehlschlag – zumindest für unsere Beweissuche. Aber Ermittlungen liefen selten auf gerader Linie.

Ich löste die Verbindung wieder von der Station und setzte Kurs zurück zur Küstensiedlung.

Elira bemerkte die Kursänderung nach kurzer Zeit. „Wir fliegen zurück zur Küste? Ich dachte, als Nächstes wäre Altair IV an der Reihe.“

„Ist es auch. Aber Ceto war nur ein kurzer Hüpfer. Für Altair will ich vorher noch Vorräte auffüllen.“ Ich deutete kurz auf sie. „Als ich den Jäger vorbereitet habe, wusste ich schließlich noch nicht, dass ich einen Gast mitnehme.“

Elira lehnte sich wieder in ihren Sitz. „Das ist vernünftig. Wenn Altair deutlich weiter entfernt ist, möchte ich auch nicht wegen ein paar fehlender Vorräte improvisieren müssen.“

„Eben. Wir machen an der Küste voll, und dann können wir weiter.“

Auf der Küstenstation war das siebenstellige Sponsoring von Infinity Laboratories wie ein bürokratischer Blitz eingeschlagen. Der Aufbau der neuen Lerngruppen-Kuppel war bereits in vollem Gange – was bei diesem System zum Glück schnell ging.

Im Grunde handelte es sich um eine hochmoderne Tragluft-Konstruktion. Das kreisrunde Verankerungsfundament war bereits in den Boden eingelassen, und zwei Robbis rollten gerade die extrem widerstandsfähige Polymermembran aus, die bald per Kompressor unter Druck gesetzt und aufgeblasen werden sollte.

Selene stand mit dem Datenpad am Rand der Fläche und beobachtete das Spektakel. Der Stations-Vasco hatte die Sache komplett in die Hand genommen. Statt teurer Bauarbeiter hatte er einfach seine gesamte Flotte von kleinen Wartungs- und Reinigungsdrohnen umprogrammiert.

Ein Dutzend dieser kleinen, sonst für Staub und Filterwechsel zuständigen Helferlein wuselte nun über das Areal, zog mit vereinten Kräften an den Laschen der Polymermembran und verankerte die Ränder zentimetergenau in den Bodenschienen.

„Dichtungen in Sektor Alpha erfolgreich arretiert, Chefin“, tönte Vascos Stimme zufrieden aus den Stationslautsprechern. „Die Kompressoren sind bereit. Sobald wir den Druck aufbauen und die Membran steht, startet die chemische Aushärtung des Polymers.“

Ein lautes Zischen ging durch die Anlage, als die Luftmassen in die flach liegende Hülle gepresst wurden. Die Kuppel begann sich wie ein gigantischer, transparenter Ballon träge nach oben zu wölben, während Vascos kleine Helferlein die Ränder sicherten. Sobald der Ziel-Innendruck erreicht war, würde das Material innerhalb kürzester Zeit zu einer bombenfesten, autarken Schale erstarren.

In diesem Moment zerriss das vertraute, tiefe Grollen des Jägers den Himmel über der Bucht. Das Schiff bremste elegant ab und setzte mit zischenden Magnetschienen auf der Landeplattform auf.

Selene schirmte die Augen gegen die Sonne ab, ein breites Lächeln auf den Lippen, und lief dem Schiff entgegen, als die Rampe bereits nach unten fuhr.

Ich kam ihr entgegen, die Flugjacke offen, fing sie mitten im Lauf ab und drückte meine Lippen in einem langen, hungrigen Kuss auf ihren Mund.

„Du bist verdammt schnell wieder zurück“, keuchte sie glücklich, als ich sie wieder auf die Füße stellte, den Arm aber noch fest um ihre Hüfte geschlungen ließ. Dann wanderte ihr Blick an mir vorbei zur Rampe.

Elira kam mit ihrer Tasche über der Schulter hinter mir aus dem Jäger. Selenes Gesicht hellte sich noch ein Stück weiter auf. „Und du hast jemanden mitgebracht.“

Elira blieb vor uns stehen. Nach dem erfolglosen Abstecher nach Ceto wirkte sie müde, aber als Selene sie anlächelte, verschwand etwas davon aus ihrem Gesicht.

„Eigentlich habe ich mich selbst mitgebracht. Ceto war nah genug, und meine Zugangsdaten hätten uns dort einiges erleichtern können.“

Sie sah kurz zu mir.

„Leider hat sich die Station als ausgesprochen unkooperativ erwiesen, indem sie vollkommen saubere Bücher geführt hat.“ „Mit anderen Worten: Wir haben nichts gefunden.“

„So kann man es natürlich auch ausdrücken.“

Selene lachte und zog Elira einfach in eine Umarmung.

Für einen Moment stand Elira noch gerade da. Dann legte sie die Arme um Selene und ließ die Stirn kurz gegen ihre Schulter sinken.

„Willkommen zu Hause.“

Elira antwortete nicht sofort.

„Danke. Genau das habe ich gerade gebraucht.“

Um die Stimmung wieder etwas aufzulockern, blickte ich hinüber zu dem wuselnden Ameisenhaufen aus kleinen Robotern. „Erzähl mal, wie kommst du voran mit deinem neuen eigenen Vasco?“

Selene löste sich von Elira, drehte sich um, breitete die Arme aus und zeigte stolz auf die Baustelle. „Sieh selbst!“

Die Tragluft-Kuppel hatte sich mittlerweile komplett aufgerichtet. Ein durchgehendes, hohes Summen verriet, dass die chemische Aushärtung des Polymers bereits lief.

Selene schüttelte amüsiert den Kopf. „Eigentlich bin ich hier völlig überflüssig und könnte ganz ruhig in meinem Labor forschen. Vasco regelt das mit seinen Helferlein im Grunde im Alleingang. Aber das kann ich dann doch nicht – einfach nur rumsitzen.“ Sie tippte mit dem Stift gegen ihr Klemmbrett. „Ich muss Vasco ja schließlich sagen, wo ich was gerne hätte. Wie die ganze Laboreinrichtung und das Lehrmaterial angeordnet werden sollen. Das muss für mich und die Lerngruppe perfekt aufgeteilt sein. Sonst stellt mir noch so ein kleiner Robbi die Brutkästen neben die Kaffeemaschine.“

Elira sah von Selene zur langsam erstarrenden Kuppel.

„Ich glaube, mit dieser Sorge bist du bei Vasco ziemlich sicher. Aber ich möchte die fertige Aufteilung trotzdem sehen. Schließlich habe ich inzwischen einen nicht ganz unerheblichen Betrag darin versenkt.“

Selene grinste.

„Dann bekommst du nach Altair die komplette Führung. Mit Kaffee. Aber erst, wenn ich mit allem zufrieden bin.“

„Das klingt nach einer überraschend strengen Verwendung meiner eigenen Investition.“

„Meine Kuppel.“

Elira sah sie einen Moment an und lächelte. „Deine Kuppel.“

Ich legte einen Arm um Selene, und wir gingen gemeinsam von der Baustelle hinüber zur Terrasse der Wohnkuppel. Elira kam neben uns her.

„Vasco braucht schätzungsweise noch zwei bis drei Stunden für die Filter und die Treibstoffzellen. Wir haben also keinen Grund zur Eile.“

„Zwei bis drei Stunden? Dann setzt ihr euch jetzt erst einmal hin. Ihr seht beide aus, als könntet ihr etwas Vernünftiges zu essen gebrauchen.“ Dagegen hatte keiner von uns etwas einzuwenden. Aus dem geplanten kurzen Aufenthalt wurden ein paar ruhige Stunden. Wir aßen auf der Terrasse, während hinter uns die neue Kuppel langsam ihre endgültige Form annahm. Ceto und Altair kamen natürlich zur Sprache, aber irgendwann lagen die Pads auf dem Tisch und blieben dort.

Elira wurde mit jeder Stunde stiller, ohne dabei abwesend zu wirken. Im Gegenteil. Sie saß zwischen uns, hörte Selene zu, erzählte von Ceto und ließ sich irgendwann mit einem Glas in der Hand tief in den Sessel sinken. Später verschwand sie in der Wohnkuppel. Als sie zurückkam, waren ihre Haare noch feucht. Das Reise-Outfit war verschwunden. Über ihrem Negligee trug sie ihren eigenen Kimono, der im Gegensatz zu Selenes Exemplar tatsächlich für ihre Größe gemacht war.

Selene sah sie an und musste lachen. „Schade. Meiner stand dir besser.“

Elira zog den Kimono vorne ein wenig zusammen und setzte sich wieder zu uns. „Deiner hat kaum die Mindestanforderungen an ein Kleidungsstück erfüllt.“

„Du hast ihn trotzdem getragen.“

„Mangels Alternativen.“ Sie sagte es mit aller Ernsthaftigkeit, aber das Lächeln blieb dabei in ihrem Gesicht.

Irgendwann meldete Vasco, dass Filter, Treibstoffzellen und Vorräte überprüft und ergänzt waren. Eliras Blick ging zum Jäger. Für einen Moment sagte sie nichts. „Schon?“

„Wir müssen nicht auf die Minute los.“

„Ich weiß.“ Sie sah wieder hinaus auf die Bucht. „Ich hätte nur gern etwas mehr Zeit hier gehabt. Nach Ceto dachte ich noch, wir machen einen kurzen Zwischenstopp, nehmen Vorräte auf und fliegen weiter. Und jetzt sitze ich hier und merke, dass ich eigentlich überhaupt nicht weiter möchte.“

Selene rückte näher zu ihr. „Altair läuft dir nicht weg.“

Elira schüttelte langsam den Kopf. „Leider wartet dort etwas, das wichtiger ist als mein Wunsch, noch einen Abend hierzusitzen.“ Das klang wieder mehr nach der Frau, die Infinity Laboratories führte. Aber sie machte keine Anstalten aufzustehen.

Erst einige Minuten später stellte sie ihr Glas auf den Tisch. Als wir schließlich zur Landeplattform gingen, trug Elira ihren Kimono noch immer. Ihre Reisetasche hatte ich übernommen.

Selene begleitete uns bis zum Jäger. Sie blieb vor der Rampe stehen und sah erst Elira, dann mich an. „Drei Tage mit ihm in einem Schiff. Du weißt nicht, worauf du dich eingelassen hast.“

Elira sah zu mir. „Nach Ceto habe ich zumindest eine ungefähre Vorstellung.“

„Ihr könnt mich beide mal.“

Selene lachte, trat zu mir und küsste mich noch einmal. Diesmal langsam und ohne Eile. Danach wandte sie sich Elira zu und nahm auch sie in die Arme. „Pass auf ihn auf.“

Elira erwiderte die Umarmung. „Das hatte ich vor.“

Selene hielt sie noch einen Moment fest, bevor sie sie losließ. Dann sah sie mich an. „Und du kommst mir bloß in einem Stück wieder, Taro.“

„Mach ich.“ Ich ging die Rampe hinauf. Elira folgte mir, blieb oben aber noch einmal stehen und sah zurück.

Selene stand unten im Licht der Doppelsterne und hob die Hand.

Elira erwiderte die Geste.

Dann schloss sich die Rampe.

Wenig später hob der Jäger von der Plattform ab. Die Küste sank unter uns weg, erst die Wohnkuppel, dann die neue Lerngruppen-Kuppel und schließlich die ganze Bucht, bis zwischen Wald und Meer kaum noch etwas davon zu erkennen war.

Elira blieb im Cockpit. Sie hatte sich in einen der hinteren Sitze gesetzt und sah durch die Panoramascheibe hinaus, während ich den Jäger aus der Atmosphäre brachte und auf Kurs nach Altair IV legte. Erst als die letzten Anzeigen auf Grün standen, löste sie den Gurt und kam nach vorn. Der Kimono bewegte sich leicht um ihre Beine, als sie neben meinem Sitz stehen blieb. Sie sah auf meine rechte Hand an der Steuerung und dann zu mir. „Darf ich wieder so sitzen wie vorhin und mich an dich lehnen? Kannst du so fliegen?“

„Wenn du mir rechts genug Platz lässt, geht das schon.“

Sie wartete noch einen Augenblick, bis ich den Arm etwas anhob, dann setzte sie sich vorsichtig auf meinen Schoß und lehnte sich an mich. Anders als auf Ceto interessierten sie die Anzeigen diesmal überhaupt nicht. Sie zog nur die Beine etwas an und suchte eine Position, in der sie bequem sitzen konnte. Meine rechte Hand blieb an der Steuerung. Den linken Arm legte ich locker um ihre Hüfte. Vor uns wurde das letzte Blau der Atmosphäre immer dunkler, bis nur noch Sterne in der Panoramascheibe standen.

Elira sagte lange nichts. Ihr Kopf lag an meiner Schulter, und mit der Zeit wurde ihr Körper immer schwerer gegen meinen. „Ich dachte wirklich, wir hätten dort mehr Zeit.“

„Ich auch. Aber wenn wir Altair überprüfen wollen, bringt es nichts, noch einen Tag herumzusitzen.“

„Das weiß ich. Deshalb habe ich auch nicht vorgeschlagen, dass wir bleiben.“ Sie schwieg wieder und rückte nur ein wenig näher. So blieb sie sitzen, während die Küste längst hinter uns verschwunden war.

Nach einer Weile meldete sich Vasco. „Der Kurs nach Altair IV ist stabil. Die nächsten planmäßigen Korrekturen kann ich selbstständig durchführen. Deine Anwesenheit im Cockpit ist nicht erforderlich, Taro.“

Elira hob den Kopf von meiner Schulter. „Dann gehörst du jetzt mir. Komm.“

Ich sah sie an. Sie war bereits aufgestanden und hielt mir die Hand hin. Ich blieb noch einen Moment sitzen. Elira bemerkte mein Zögern. Ihre ausgestreckte Hand sank ein Stück, bevor sie mich erneut ansah. „Bitte.“ Jetzt musste ich lächeln. „Geht doch.“

Ich nahm ihre Hand und stand auf. Sie zog mich durch den breiten Durchgang in den Wohnbereich, ließ meine Hand aber auch dort nicht los. „Du darfst dich vorher noch frisch machen. Aber danach möchte ich heute nichts mehr von Ceto, Altair, Infinity oder irgendwelchen Frachtlisten hören.“

„Damit kann ich leben.“

„Sehr gut. Dann sind wir uns ja ausnahmsweise ohne längere Verhandlungen einig.“

Als ich später aus dem Bad kam und ins Schlafzimmer ging, lag Elira bereits im Bett. Den Kimono hatte sie über einen Stuhl gelegt. Sie hatte sich auf meine Seite hinübergedreht und sah mir entgegen.

„Du weißt schon, dass du gerade auf meiner Hälfte liegst.“

„Noch.“ Sie rückte zur Seite und hob die Decke für mich an.

Ich legte mich neben sie. Kaum lag ich richtig, kam sie wieder näher, legte den Kopf an meine Schulter und einen Arm über meine Brust. Eines ihrer Beine schob sich zwischen meine.

Ich zog die Decke über uns und legte den Arm um sie.

Damit war für Elira offenbar alles geklärt. Nach wenigen Minuten wurde ihr Atem langsam und gleichmäßig.

Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, lag sie noch fast genauso da. Nur ihr Kopf war im Laufe der Nacht von meiner Schulter auf meine Brust gerutscht.

Irgendwann merkte sie, dass ich wach war, hob den Kopf und blinzelte mich an. „Jetzt fühle ich mich besser.“

„Das freut mich.“

Sie ließ den Kopf wieder auf meine Brust sinken. „Dann können wir noch fünf Minuten so liegen bleiben.“

Aus dem Wohnbereich drang Vascos Stimme durch die offene Tür. „Bis zur nächsten erforderlichen Kurskontrolle verbleiben siebenundvierzig Minuten.“

Elira öffnete ein Auge. „Siehst du. Sogar Vasco ist meiner Meinung.“

„Ich habe lediglich die verbleibende Zeit bis zur nächsten Kurskontrolle angegeben.“

Elira schloss das Auge wieder. „Das reicht mir.“

Die nächsten beiden Tage entwickelten schnell ihren eigenen Rhythmus. Es gab Zeiten, in denen Elira stundenlang über ihren Daten saß und kaum bemerkte, was um sie herum geschah. Dann wieder ließ sie das Pad einfach liegen, kam zu mir ins Cockpit und blieb dort eine Weile. Manchmal setzte sie sich auf einen der freien Sitze. Manchmal lehnte sie nur an meinem Sitz und sah hinaus. Und manchmal brauchte sie offenbar überhaupt keinen Grund.

Wenn ich auf der Couch saß, landeten ihre Füße irgendwann auf meinen Oberschenkeln, während sie weiterlas. Ein anderes Mal setzte sie sich neben mich und lehnte sich an meine Schulter, ohne dabei ihr Gespräch mit Vasco zu unterbrechen. Genauso oft saßen wir beim Essen einfach gegenüber und redeten über irgendeinen Unsinn, der weder mit Infinity noch mit unserer Untersuchung zu tun hatte.

Es fiel irgendwann nicht mehr auf.

Auch Vasco hatte für Elira längst aufgehört, nur mein Partner zu sein.

Anfangs fragte sie noch mich, ob er bestimmte Daten vergleichen oder neu sortieren konnte. Nachdem ich ihr zum zweiten Mal gesagt hatte, sie solle ihn doch einfach selbst fragen, tat sie es.

Danach brauchte sie mich dafür nicht mehr. Am zweiten Tag saß sie am Tisch und arbeitete sich durch die Daten, die wir von Ceto mitgenommen hatten. Vasco sortierte, verglich und verknüpfte im Hintergrund alles, was sie ihm übertrug. Währenddessen flog er den Jäger, überwachte die Systeme und führte die kleinen Kurskorrekturen durch, die auf dem Weg nach Altair notwendig waren.

Als die nächste Auswertung auf ihrem Display erschien, überflog Elira die Ergebnisse, lehnte sich zurück und sah zu mir herüber. „Sag mal, kann ich mir Vasco eigentlich irgendwann für ein paar Wochen ausborgen? Die zentrale Recheneinheit bei Infinity ist wirklich nicht langsam, aber bei solchen Quervergleichen braucht sie deutlich länger. Und dabei reden wir von einer Anlage, die einen erheblichen Teil unseres Forschungsbetriebs versorgt.“

Ich musste grinsen. „Ich glaube, da muss ich dich enttäuschen. Erstens brauche ich ihn selbst, und zweitens bezweifle ich, dass Vasco besonders begeistert wäre, wenn ich ihn wie irgendein Gerät für ein paar Wochen bei Infinity abstelle.“

Elira sah nach vorn zum Cockpit. „So war das natürlich nicht gemeint. Aber langsam verstehe ich, warum du ihn überallhin mitnimmst. Ich hatte ihn bisher immer für einen ungewöhnlich gut ausgestatteten mobilen Assistenten gehalten. Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass von der ursprünglichen Ausstattung nicht mehr besonders viel übrig sein kann.“

Sie tippte noch einmal durch die Ergebnisse und schüttelte leicht den Kopf. „Und jetzt will ich wissen, was du noch alles an ihm geboostet hast. Mit ein bisschen zusätzlicher Rechenleistung und größerem Speicher lässt sich das hier jedenfalls nicht mehr erklären.“

Ich lehnte mich zurück. „Dann solltest du ein bisschen Zeit mitbringen. An Vasco habe ich über die Jahre einiges verändert. Manche Sachen waren geplant, andere sind entstanden, weil ich irgendwann etwas brauchte, das er ursprünglich nicht konnte.“

„Diese Beschreibung ist stark vereinfacht, aber grundsätzlich zutreffend.“ mischte sich hier Vasco ein.

Elira hob den Blick zum Cockpit und lächelte. „Das habe ich mir gedacht. Dann möchte ich irgendwann die nicht vereinfachte Version hören.“

„Von ihm oder von mir?“

Sie überlegte tatsächlich einen Moment. „Von euch beiden. Bei dir erfahre ich wahrscheinlich eher, warum du etwas verändert hast. Und Vasco kann mir anschließend erklären, was du technisch tatsächlich getan hast.“

„Das dürfte zu einer erheblich präziseren Darstellung führen.“

Elira sah mich an. „Siehst du.“

„Langsam gefällt mir nicht mehr, wie gut ihr beide miteinander klarkommt.“

Sie lachte, wandte sich wieder ihrem Display zu und arbeitete weiter. Am dritten Tag musste ich irgendwann selbst überlegen, wann Elira eigentlich aufgehört hatte, sich wie ein Gast auf meinem Jäger zu bewegen. Ihre Tasche stand längst nicht mehr ordentlich gepackt im Schlafzimmer. Im Bad lagen ihre Sachen neben meinen. Wenn sie etwas aus der Küche brauchte, suchte sie nicht mehr, sondern griff einfach in den richtigen Schrank. Und wenn sie Vasco etwas fragen wollte, tat sie es, egal ob ich gerade danebenstand oder irgendwo anders im Schiff war.

Auch unsere Wege kreuzten sich, ohne dass einer von uns noch groß darauf achtete.

Ich stand vor dem Spiegel im Bad und rasierte mich, als die Tür aufging und Elira hereinkam. Ich hatte gerade erst geduscht und mir nur ein Handtuch um die Hüften gebunden.

Sie ging an mir vorbei zur Toilette, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Ich rasierte mich weiter.

Kurz darauf stand sie neben mir am Waschbecken und wusch sich die Hände. Während sie nach dem Handtuch griff, betrachtete sie mein Gesicht im Spiegel. „Du hast da etwas übersehen.“

Ich hielt inne. „Wo?“

Sie drehte sich zu mir und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle an meiner Wange. „Da.“

Ich fuhr mit den Fingerspitzen darüber, erwischte aber offenbar die falsche Stelle.

Elira schüttelte den Kopf, trat einen halben Schritt näher und nahm mir den Rasierer aus der Hand.

„Hier.“

Sie setzte ihn an meiner Wange an und rasierte die Stelle selbst nach.

„Taro, wir erreichen in Kürze den äußeren Bereich des Altair-Systems.“

Ich sah mein Spiegelbild noch einmal an, strich über die Stelle an meiner Wange und legte den Rasierer weg.

„Bin gleich vorne.“

Aus dem Wohnbereich hörte ich Eliras Stimme.

„Vasco, leg mir bitte noch einmal die Übersicht der Station und die Zugangsdaten auf mein Pad. Wenn wir dort sind, möchte ich nicht erst anfangen müssen, nach den richtigen Berechtigungen zu suchen.“

„Die Daten stehen bereits bereit.“

Als ich aus dem Bad kam, hatte Elira ihr Pad in der Hand und war auf dem Weg ins Cockpit.

Der Alltag war vorbei.

Altair IV war eine reine Automatikstation, im Grunde genau wie meine alte Mine – völlig unbemannt, gesteuert von einer zentralen KI und nur gelegentlich von Wartungsdrohnen besucht.

Für Schmuggler war das die perfekte Lücke im System. Bei bemannten Außenposten musste man mühsam Personal schmieren, fälschen oder bedrohen. Eine leblose Maschine dagegen stellte keine Fragen, solange die Algorithmen im Hintergrund manipuliert waren.

Wir hielten den Jäger im Funkschatten eines Asteroiden. Vasco hatte längst damit begonnen, die Station passiv abzutasten, während Elira neben mir die Systemübersicht auf ihrem Display verfolgte.

„Die äußeren Firewalls sind veraltet, Taro. Ich habe bereits Zugriff auf die erste Sicherheitsebene.“

Elira hob ruckartig den Kopf.

„Was heißt veraltet? Und wieso bist du schon drin?“

Ihr Blick sprang über die Daten auf ihrem Display.

„Alle Automatikstationen hätten längst auf demselben Stand sein müssen. Das letzte globale Sicherheitsupdate wurde vor sechs Monaten ausgerollt. Dabei werden gerade solche Außenstationen automatisch geprüft, weil dort niemand sitzt, der sich vor Ort darum kümmern könnte.“

Vasco antwortete, während weitere Daten über die Anzeigen liefen.

„Das installierte Sicherheitssystem entspricht nicht dem aktuellen Stand. Mehrere Komponenten wurden vom globalen Aktualisierungsprozess ausgenommen. Die entsprechenden Einträge wurden jedoch so gesetzt, dass die Station gegenüber der zentralen Verwaltung als vollständig aktualisiert erscheint.“

Elira richtete sich im Sitz auf.

„Dann ist das kein vergessenes Update.“

„Sondern jemand wollte, dass die Tür offenbleibt.“

Sie sah zu mir und nickte langsam.

„Und gleichzeitig sollte bei Infinity niemand sehen, dass sie offensteht.“

„Das entspricht den vorliegenden Daten.“

Elira wandte sich wieder ihrem Display zu. Von der Frau, die mir noch vor kurzer Zeit im Bad den Rasierer aus der Hand genommen hatte, war in ihrer Haltung nichts mehr zu sehen. Sie war wieder vollkommen bei der Sache. „Vasco, bevor du irgendetwas veränderst, sichere bitte den aktuellen Zustand der Update-Protokolle. Ich will wissen, wann diese Station aus dem automatischen Verfahren genommen wurde und mit welcher Berechtigung das geschehen ist. Wenn jemand die Aktualisierung absichtlich umgangen hat, müsste sich irgendwo eine administrative Freigabe finden lassen.“

„Die Sicherung läuft bereits. Ich habe außerdem vollen Zugriff auf die primären Fracht- und Steuerprotokolle.“

„Dann nehmen wir alles mit. Erst sichern, danach können wir darin herumwühlen.“

„Verstanden.“

Es dauerte keine fünf Minuten, bis Vasco den ersten Treffer fand.

Wir fanden dieselben gefälschten Düngemittel-Deklarationen, unter denen die Sync-Drogen geführt wurden. Doch diesmal liefen die Freigaben nicht über Eliras ID, sondern über die digitale Signatur von Gideon Sterling – dem Finanzchef des Vorstands.

Elira beugte sich sofort vor.

„Sterling? Das kann nicht sein. Zeig mir die komplette Kennung.“

Vasco legte den Datensatz vergrößert auf ihr Display.

„Die Kennung von Gideon Sterling ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls gefälscht. Hinter der eingetragenen ID befinden sich ungewöhnlich viele Leerstellen. Das Datenfeld wurde ursprünglich von einer längeren Kennung belegt und anschließend überschrieben.“

Elira betrachtete die Zeile noch einen Moment und lehnte sich dann langsam zurück.

„Alles andere hätte mich jetzt auch sehr überrascht. Sterling war immer auf meiner Seite, auch wenn es für mich im Vorstand schlecht lief. Gerade er war es schließlich, der mich auf die ersten Gerüchte und Unregelmäßigkeiten aufmerksam gemacht hat.“

Sie sah wieder auf die Kennung.

„Dann bin ich also nicht die Einzige, deren Identität dafür benutzt wurde.“

„Sieht ganz danach aus.“

„Dann möchte ich wissen, was vorher in diesem Feld stand. Wenn die ursprüngliche Kennung länger war, haben wir vielleicht zum ersten Mal etwas, das nicht nur zu einer vorgeschobenen Identität führt.“

„Ich prüfe, ob sich aus den verbliebenen Datenstrukturen Teile des ursprünglichen Eintrags rekonstruieren lassen.“

Elira nickte und blieb über ihr Display gebeugt.

Jetzt hatten wir nicht einfach einen weiteren Namen.

Wir hatten ein Muster.

„Dann behandeln wir ihn genauso wie dich. Wir suchen nicht nach einem Namen, sondern danach, wer tatsächlich dahintersteckt.“

„Genau.“

Vasco ließ währenddessen weitere Datensätze über die Anzeigen laufen.

„Daten gesichert. Ich habe außerdem eine Hintertür in der Verschlüsselung entdeckt. Über diese Verbindung ist ein Zugriff auf weitere Automatikstationen desselben Netzes möglich.“

Elira sah sofort auf.

„Von hier aus?“

„Auch von hier aus. Für weitere Untersuchungen ist unsere physische Anwesenheit bei Altair IV jedoch nicht erforderlich. Die Verbindung kann über einen gesicherten Zugang von der Küstenstation erneut aufgebaut werden.“

Ich lehnte mich zurück.

Das ersparte uns eine Menge Flugzeit.

„Dann pack alles ein, was wir brauchen, und lass die Hintertür offen. Wenn wir von zu Hause aus an die anderen Stationen kommen, müssen wir nicht jede einzelne abklappern.“

„Verstanden.“

Elira betrachtete noch immer Sterlings Signatur auf ihrem Display.

Als Altair hinter uns verschwand, verschwand wenig später auch die letzte Verbindung zum PlanetNet. Vasco hatte alles gesichert, was wir auf der Station gefunden hatten. Die Hintertür zu den übrigen Automatikstationen war offen und wartete eigentlich nur darauf, benutzt zu werden.

Nur kamen wir von hier draußen nicht an sie heran.

Elira saß am Tisch und starrte auf die Daten, als könnte sie allein durch Hartnäckigkeit eine Verbindung herstellen.

„Drei Tage.“

„Ungefähr.“

„Ich weiß, dass es ungefähr drei Tage sind. Das macht es nicht besser.“

Sie stand auf, ging ein paar Schritte durch den Wohnbereich und kam wieder zurück.

„Wir haben zum ersten Mal eine Spur, die nicht nur auf eine gefälschte Kennung hinausläuft. Jemand hat Stationen gezielt aus dem globalen Update genommen, die Änderung vor unserer eigenen Verwaltung verborgen und anschließend auch Sterlings Identität benutzt. Und jetzt sitzen wir drei Tage hier und können nichts überprüfen.“

„Wir können die Daten durchgehen, die wir haben.“

„Das habe ich bereits getan.“

„Mehrfach.“

Elira sah in Richtung Cockpit.

„Danke, Vasco. Das war mir bewusst.“

Sie setzte sich wieder und schob das Pad von sich. Ich kannte das Gefühl. Wenn man endlich eine Spur hatte, wollte man ihr folgen und nicht drei Tage lang zusehen, wie Sterne an der Scheibe vorbeizogen.

„Sobald wir an der Küste sind, hast du die abgeschirmte Leitung und Vasco kann loslegen. Bis dahin wird aus den Daten auch nichts weglaufen.“

Elira atmete hörbar aus.

„Ich weiß. Vernünftig betrachtet hast du vollkommen recht.“

Sie sah mich an.

„Leider hilft mir das gerade überhaupt nicht.“

Das glaubte ich ihr sofort.

Die Ungeduld verschwand auf dem Rückflug nicht völlig. Sie wurde nur erträglicher. Elira arbeitete, ließ Vasco die vorhandenen Daten aus allen möglichen Richtungen vergleichen und suchte zwischendurch immer wieder meine Nähe. Manchmal nur für ein paar Minuten, manchmal blieb sie länger.

Am zweiten Tag saß sie wieder auf der Couch, das Pad auf den Knien und mehrere Auswertungen gleichzeitig vor sich. Irgendwann legte sie es neben sich, um nach ihrem Glas zu greifen. Das Pad rutschte über das Polster und fiel auf den Boden.

Elira fluchte leise, hob es auf und legte es diesmal auf den Tisch. Eine halbe Stunde später passierte genau dasselbe noch einmal.

Diesmal blieb sie einen Moment sitzen und sah das Pad auf dem Boden an.

„Taro, ich brauche einen Schreibtisch.“

Ich blickte von meinem Platz zu ihr.

„Einen Schreibtisch.“

„Ja. Einen richtigen Schreibtisch. Mit einem vernünftigen Stuhl, einem Bildschirm und einer Arbeitsfläche, auf der ich mehr als ein Pad und ein Glas abstellen kann, ohne dass eines davon früher oder später auf dem Boden landet.“

Sie hob das Pad auf und hielt es mir entgegen.

„Ich kann drei Tage auf einer Couch arbeiten. Ich kann auch drei Tage am Esstisch arbeiten. Aber wenn ich häufiger mit dir unterwegs sein soll, möchte ich nicht jedes Mal meine komplette Arbeit über den Wohnbereich verteilen.“

Das klang nicht mehr wie eine spontane Beschwerde. Elira sah sich bereits im Raum um und überlegte offenbar, wo ihr zukünftiger Arbeitsplatz hinpassen könnte.

„Du planst also schon Umbauten an meinem Jäger.“

„Ich habe lediglich festgestellt, dass deinem Jäger etwas fehlt.“

Sie legte das Pad diesmal sorgfältig mitten auf den Tisch.

„Und das, obwohl ich mich hier wirklich wohlfühle.“

Drei Tage später setzte der Jäger wieder auf der vertrauten Plattform der Küstensiedlung auf. Die Tragluft-Kuppel stand inzwischen bombenfest und ausgehärtet im Wind, doch für die Baustelle hatte ich erst mal keinen Blick.

Selene stand am Rand der Landeplattform und wartete auf uns. Sie trug noch ihre Arbeitskleidung, und kaum hatte ich den Jäger heruntergefahren, war ich schon aus dem Sitz und auf dem Weg zur Rampe. Hinter mir hörte ich Eliras Schritte.

Selene kam mir entgegen, und ich zog sie ohne Umschweife an mich. Nach sechs Tagen mit nichts als Jäger, Stationen und schwarzem Raum tat es verdammt gut, sie wieder in den Armen zu haben.

Als ich sie losließ, war Elira bei uns angekommen.

Selene wandte sich ihr zu, und für einen Moment war von der Ungeduld, die Elira während des gesamten Rückflugs begleitet hatte, nichts mehr zu sehen. Ihre Schultern sanken ein wenig herab, und noch bevor Selene etwas sagen konnte, ging Elira auf sie zu und nahm sie in die Arme.

Selene erwiderte die Umarmung sofort und strich ihr langsam über den Rücken.

„Ihr habt etwas gefunden.“

Elira blieb noch einen Moment bei ihr, bevor sie sich löste.

„Ja. Endlich.“

Ihr Blick wanderte zur Wohnkuppel und dann weiter zu den anderen Kuppeln der Siedlung.

„Und jetzt brauche ich eure abgeschirmte Leitung.“

Da war sie wieder.

Die Elira, mit der ich die letzten drei Tage zurückgeflogen war.

Wir gingen rein, und Selene stellte drei dampfende Tassen Kaffee auf den Tisch, während Vasco sich im Hintergrund still in die Systeme der anderen Automatikstationen einklinkte. Auf dem großen Bildschirm begann ein schlichter Ladebalken zu laufen.

„Das wird ein paar Stunden dauern“, sagte ich und griff nach meiner Tasse. „Die Verbindungen zu den unbemannten Außenposten sind träge.“

Selene setzte sich, reichte Elira eine Tasse und schuf bewusst etwas Distanz zu dem Datenkram.

„Gut, dann lasst die Maschine mal arbeiten. Ich bin ohnehin nur hier, um aufzupassen, dass ihr vor lauter Konzern-Verschwörungen das Essen nicht vergesst. Erzähl lieber, Elira, wie hast du die Tage in New Atlantis überstanden?“

Elira nahm die Tasse dankbar entgegen, und ein erschöpftes, aber weiches Lächeln legte sich auf ihre Züge. Sie nahm einen Schluck, blickte kurz zu mir und sah dann Selene mit einem vielsagenden Augenzwinkern an. „Aber ich habe mir fest vorgenommen, die Früchte, die du mir mitgegeben hast, mit Quentin zusammen zu probieren.“ Sie beugte sich leicht vor und fügte flüsternd hinzu: „Mal sehen, wie Quin darauf reagiert.“

Beide Frauen hatten plötzlich ein absolut verschwörerisches Grinsen im Gesicht, während ich völlig in die Ladebalken auf dem Bildschirm vertieft war und von dem Gespräch überhaupt nichts mitbekam.

Selene sah, wie Elira die Müdigkeit in den Knochen steckte, und stellte ihre Tasse ab. „Weißt du was? Lass Taro ruhig mit seinen Daten allein, der wird schließlich dafür bezahlt. Du brauchst dringend etwas Entspannung. Wie wäre es mit einem Bad im Meer, um den ganzen Dreck aus New Atlantis abzuwaschen? Das Wasser ist herrlich.“

Elira blickte zu mir rüber, sah, dass ich ohnehin völlig in den Codezeilen versunken war, und ein erleichtertes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Das ist eine gute Idee. Da bin ich sofort dabei.“

Die beiden Frauen standen auf, ließen mich am Terminal sitzen und machten sich auf den Weg nach draußen Richtung Wasser, während das leise Summen von Vascos Servern die Kuppel füllte. Als die beiden die Kuppel verließen, warf ich ihnen nur ein kurzes Nicken hinterher und tippte weiter. Vasco hatte die erste Verbindung zur nächsten Automatikstation stabilisiert, und die Rohdaten begannen zeilenweise über meinen Bildschirm zu flimmern. Draußen war es ruhig. Nur das ferne, gleichmäßige Rauschen der Brandung war zu hören. Elira und Selene liefen nebeneinander den flachen Sandstrand hinunter, während die Sonne langsam tiefer sank. Am Ufer warfen beide ohne langes Zögern ihre Kleidung in den Sand. Elira hatte diesmal keinerlei Hemmungen mehr, sich komplett zu entkleiden – die Vertrautheit zwischen den beiden war nach dem letzten Wochenende einfach da. Sie liefen zusammen in die kühle Brandung, tauchten unter und ließen sich ein wenig treiben, während die Anspannung der letzten Tage langsam von Elira abfiel. Elira und Selene ließen sich einfach im seichten Wasser treiben. Die anfängliche Hektik wich einer tiefen Ruhe. Sie sahen sich lange in die Augen und umarmten sich innig, während sie einfach das kühle Nass genossen. Die Vertrautheit zwischen ihnen war greifbar.

„Es ist wunderschön hier draußen“, begann Elira leise, während das Wasser sanft um ihre Schultern spülte. „Aber Selene … wir müssen über das Wochenende reden. Es darf sich so nicht wiederholen. Ich liebe Quentin und ich will meine Ehe nicht gefährden. Wir können weiter so vertraut miteinander sein, aber das Sexuelle … das müssen wir lassen.“

Selene sah sie einen Moment schweigend an, ehe sie das Wasser von ihren Armen streifte. „Ich verstehe dich, Elira. Und ich respektiere das. Aber das zwischen uns drei war kein Ausrutscher, den man einfach wegschließen kann. Bei mir kochen gerade alte Erinnerungen hoch … Ich habe so eine Situation schon mal erlebt, und damals ging es schief, weil wir keine Grenzen gezogen hatten. Ich will nicht, dass sich das wiederholt.“

Elira ließ ein trockenes, fast trauriges Lachen hören. „Quentin ist Politiker. Er muss immer höllisch aufpassen, aber ich weiß, dass er sich hin und wieder auch mal woanders entspannt. Aber diese Arrangements will ich nicht. Die Kälte zu Hause stört mich massiv. Ich will das alte Feuer zurück, aber solange er nur für seine Karriere lebt, erfriere ich in diesem Haus. Ich brauche dieses Knistern einfach, um überhaupt noch etwas zu spüren.“

Selene sah, wie Elira das Wasser unruhig mit den Händen aufwühlte, und spürte, wie sehr die Kälte ihrer Ehe an ihr zehrte. Sie rückte noch näher an sie heran, sodass ihre Körper sich im Wasser leicht berührten.

„Genau das meine ich. Diese Nähe, diese Vertrautheit, deine Wärme, deine liebevolle Art, die ich spüre“, sagte Elira leise, während sie mit Selenes langen braunen Haaren spielte.

„Du suchst also keine Affäre, sondern echte Wärme“, sagte Selene leise, und ihr Blick wurde weicher. „Das macht es nicht einfacher, Elira. Wenn es nur um Sex ginge, könnte man Regeln aufstellen. Aber Gefühle und das Verlangen nach Nähe halten sich selten an Absprachen.“

Elira sah sie an. Das Wasser spiegelte das schwindende Licht des Tages wider. „Ich weiß. Aber was ist die Alternative? Zu Hause weiter emotional zu erfrieren? Ich will Quentin nicht verletzen, aber ich merke, wie mich diese Einsamkeit kaputtmacht. Und wenn ich euch beide sehe … da ist diese lebendige Wärme, die ich so schmerzhaft vermisse.“

Drinnen am Terminal saß ich derweil noch und tippte die letzten Befehle ein. Vasco hatte die Datenreihen komplett im Griff, würde aber noch eine ganze Weile brauchen, um alle infrage kommenden Stellen abzuklappern. Meine Präsenz war hier gerade nicht nötig. Ich streckte mich, löste mich vom Bildschirm und beschloss, den beiden nach draußen zu folgen. Als ich die Kuppel verließ und den weichen Sandstrand hinunterlief, sah ich die beiden Frauen noch im seichten Wasser sitzen. Sie waren so tief in ihr Gespräch versunken, dass sie mich erst gar nicht bemerkten. Ich verlor keine Zeit, zog mein Hemd über den Kopf, öffnete die Hose und entkleidete mich komplett, um ebenfalls in die erfrischende Brandung zu springen. Gerade als ich ins Wasser waten wollte, drehte Elira den Kopf.

Ihr Blick blieb unweigerlich an mir hängen. Sie ließ die Augen ein paar Sekunden völlig ungeniert von oben nach unten gleiten und blieb an meinem Glied hängen, ehe sie leise seufzte, sich an Selene lehnte und murmelte: „Das vermisse ich schon extrem …“

Selene folgte Eliras Blick und verstand sofort, was sie meinte. In ihr zog sich im ersten Moment etwas zusammen – Taro gehörte schließlich zu ihr, und ihr Revierinstinkt meldete sich sofort. Doch gleichzeitig sah sie Eliras Einsamkeit und war plötzlich zwiegespalten. Sollte sie Taro komplett für sich behalten, oder war sie bereit, ihn für Momente der reinen menschlichen Nähe an Elira „auszuleihen“, um die Kälte in deren Leben zu vertreiben?

Ich stand derweil nackt in der Brandung, schaute zwischen den beiden Frauen hin und her und hatte natürlich nicht das Geringste von ihrem Gespräch mitbekommen. „Was ist?“, fragte ich stumpf, während mir das Wasser um die Knöchel spülte. „Habe ich irgendwas im Gesicht?“

Selene blickte mich an, und auf ihren Lippen zeichnete sich ein vielsagendes, leicht amüsiertes Lächeln ab. „Nein, Taro. Im Gesicht hast du definitiv nichts“, erwiderte sie trocken. In Selene zog in diesem Moment wieder das vertraute Gefühl der Zwiegespaltenheit auf. Es war genau wie am Wochenende, als Elira Taro förmlich angefleht hatte, die Grenze zu überschreiten und ganz in sie zu kommen. Schon da war Selene hin- und hergerissen gewesen. Doch Taro hatte damals von sich aus die Bremse gezogen und gesagt: Nein, du bist verheiratet. Selene war im Nachhinein unglaublich dankbar gewesen, dass Taro diese eiserne Entscheidung ganz allein getroffen hatte, ohne dass sie selbst die Eifersüchtige spielen oder ihm Grenzen setzen musste. Heute, mit ein wenig Abstand, wusste Selene sogar, dass sie ihm nicht einmal böse gewesen wäre, wenn er es getan hätte. Am Wochenende selbst hatte sie dieses Gefühlschaos noch nicht so ganz sortieren können, aber jetzt war es ihr klar.

Jetzt standen wir wieder an demselben Punkt. Elira fixierte mich immer noch mit diesem hungrigen, schmerzhaften Blick, während ich wie der letzte Depp nackt in der Brandung stand und auf eine Antwort wartete.

„Er ist eben ein verdammt loyaler Kerl, Elira. Und er weiß ganz genau, warum er am Wochenende Nein gesagt hat. Aber egal, was passiert, es wird sich nichts ändern zwischen uns“, raunte Selene ihr leise zu. Sie wartete eine Sekunde, ehe sie noch ein Stück näher an Eliras Ohr rückte. „Und selbst wenn du es jetzt und hier wollen würdest … ich würde nicht Nein sagen“, flüsterte sie ihr verlockend ins Ohr.

Ich blinzelte, strich mir das nasse Haar aus der Stirn und sah die beiden stirnrunzelnd an. „Redet ihr eigentlich absichtlich in Rätseln, um mich zu verarschen, oder gehört das zum heutigen Badeprogramm?“ Ich verschränkte die Arme vor der nackten Brust. „Alles klar, ihr wollt mich also dumm sterben lassen.“

Elira biss sich auf die Unterlippe, ihr Blick glitt noch einmal kurz an mir herunter, ehe sie Selene mit heißem Atem zurückflüsterte: „Du machst es mir im Moment aber wirklich nicht leicht … Am liebsten würde ich sofort über ihn herfallen. Er war so unglaublich in den letzten Tagen. Ich hatte schon lange keinen … mehr in mir.“

Ich schaute vermutlich drein wie ein Auto, das versucht, rückwärts einzuparken, ohne die Gänge zu finden. Beide Frauen sahen mein völlig verdutztes Gesicht und fingen gleichzeitig an zu kichern, während das Wasser sanft um ihre Hüften spülte. Das Eis war endgültig gebrochen, während ich immer noch nackt und ziemlich ahnungslos vor ihnen stand.

„Weißt du was?“, rief Selene mir lachend gegen das Rauschen der Wellen zu, während sie Elira an der Hand nahm. „Wir lassen dich nicht dumm sterben. Wir versöhnen uns lieber mit dir.“

Bevor ich überhaupt schalten oder einen Schritt zurückweichen konnte, kamen die beiden Frauen entschlossen auf mich zu. Sie nahmen mich von vorne in die Zange, schmiegten ihre nassen, kühlen Körper eng an meinen und schlangen die Arme um meinen Nacken. Noch während ich völlig perplex die Luft anhielt, fingen beide gleichzeitig an, mich regelrecht abzuknutschen – auf die Wangen, den Hals, den Mund, wild durcheinander und völlig unbeschwert. Ich war gerade dabei, die Augen zu schließen und das weiche, pralle Gefühl ihrer Haut zu genießen, als Selene Elira einen vielsagenden Blick zuwarf.

„Und jetzt: Abflug!“, rief Selene. Mit einem synchronen Ruck packten mich beide an den Armen und rissen mich mit vollem Schwung nach hinten. Ich verlor komplett das Gleichgewicht, ruderte noch kurz hilflos mit den Armen und klatschte kurz darauf rückwärts in die kühle Brandung, während das gellende Lachen der beiden Frauen über den Strand hallte. Als wir eine Stunde später frisch geduscht und in bequeme Sachen geschlüpft auf der Terrasse saßen, hatte sich die anfängliche Aufregung gelegt. Die Dunkelheit war mittlerweile über die Küste hereingebrochen, und das gleichmäßige Rauschen des Meeres bildete die perfekte Kulisse. Wir lümmelten uns zu dritt auf die große Rattancouch – Elira in der Mitte, Selene und ich jeweils an ihrer Seite –, während eine geöffnete Flasche Wein auf dem Tisch vor uns stand. Ich nahm einen kräftigen Schluck aus meinem Glas, blickte in die Runde und stellte es wieder ab.

„So, Mädels. Jetzt sitzt der Schock vom Eisbad tief genug. Erklärt mir mal bitte, was ihr vorhin im Wasser ausgeheckt habt. Ich habe das Gefühl, ich wurde gerade ungefragt Teil eines neuen Abkommens.“

Selene schmunzelte, rückte ein Stück näher an Elira heran und legte den Arm um die Lehne hinter ihr. „Kein Abkommen über deinen Kopf hinweg, Taro. Eher eine Klarstellung, damit wir alle wissen, woran wir sind.“ Sie sah Elira ermutigend an, damit sie das Wort übernahm.

Elira seufzte leise, hielt ihr Weinglas mit beiden Händen fest und blickte mich direkt an. „Es geht um das Wochenende, Taro. Und um das, was ich zu Hause habe … oder eben nicht habe. Wir haben geredet, während du noch am Terminal warst. Ich will meine Ehe mit Quentin nicht wegwerfen, egal wie kalt es dort ist. Deshalb müssen wir feste Grenzen ziehen.“

Ich nickte langsam und wartete darauf, dass der entscheidende Punkt kam.

„Das bedeutet“, fuhr Elira fort und strich sich eine Locke hinter das Ohr, „dass es ab jetzt zwischen uns dreien keine sexuellen Abenteuer mehr geben wird. Das Körperliche bleibt exklusiv bei dir und Selene – und natürlich zwischen Selene und mir, wenn das Feuer mal wieder hochkocht.“ Sie machte eine kurze Pause und sah mich bittend an. „Aber was ich brauche, was ich hier bei euch suche, ist die menschliche Nähe. Das Kuscheln, das Knistern, die Geborgenheit, die mir zu Hause so sehr fehlt. Darauf will ich nicht verzichten. Reine, ehrliche Wärme“, schloss Elira und sah mich abwartend an.

Da ich nicht sofort antwortete, legte sie gleich nach und spielte ein paar Möglichkeiten durch.

„Ich dachte da an die langen, öden Flüge mit dem Jäger, Taro. Wenn es uns beiden da drin zu einsam wird, könnten wir ja einfach zusammenrücken und kuscheln. Oder abends, wenn die Kälte wieder hochkriecht. Nur eben ohne das … Finale.“

Ich zog eine Augenbraue hoch, nahm einen Schluck Wein und sah von einer zur anderen. „Moment mal. Wenn ich das richtig zusammenrechne, habt ihr euch das ja verdammt bequem aufgeteilt. Selene darf sich quasi von beiden Seiten bedienen, und ich werde zum offiziellen Seelentröster degradiert? Das ist ja wohl absolut unfair.“

Elira kicherte leise in ihr Glas und warf Selene einen diebischen Blick zu. „Na ja, wenn man es ganz genau nimmt, Taro … theoretisch hättest du damit ja für mich einen Freibrief, hab ich so gehört. Also nur für den Fall der Fälle.“

Kaum war das Wort ausgesprochen, kassierte Elira auch schon einen heftigen Rumpler mit dem Ellbogen von Selene, die sie fassungslos, aber mit einem verräterischen Grinsen anstarrte. „Sag mal, hackt es bei dir?“, zischte Selene gespielt empört. „Verteil hier mal nicht eigenmächtig Freifahrtscheine für dich selbst!“

Ich musste unwillkürlich grinsen, lehnte mich entspannt zurück und sah Selene direkt in die Augen. „Ach, keine Sorge, Selene. Selbst wenn ich den Freibrief nutzen wollte – Elira ist ja mein Boss. Und damit scheidet sie als Option sowieso schon mal komplett aus. Dienstliches und Privates wird streng getrennt, das weißt du doch.“

Elira sperrte den Mund auf und spielte die absolut Empörte. Sie stellte ihr Weinglas mit einem vernehmlichen Klack auf dem Tisch ab, verschränkte die Arme und sah mich fassungslos von der Seite an. „Dein Boss? Dienstliches und Privates?!“, gab sie mit theatralisch erhobener Stimme zurück. „Sag mal, hackt es? Da bietet man dir die einmalige Gelegenheit, deiner wunderschönen Chefin ganz ohne schlechtes Gewissen nahe zu sein, und du ziehst die HR-Karte? Ich bin zutiefst in meiner Berufsehre gekränkt, Taro!“

Selene prustete in ihr Weinglas und klopfte Elira amüsiert auf die Schulter. „Tja, dumm gelaufen, Elira. Der Mann hat eben Prinzipien. Oder er hat einfach Angst vor einer Abmahnung.“

Elira schnaubte in gespieltem Hochmut, aber in ihren Augen blitzte das nackte Amüsement. Sie lehnte sich wieder zurück, rutschte ein Stück näher an mich heran, sodass ich ihre Körperwärme spüren konnte, und raunte mit einem vielsagenden Lächeln auf den Lippen: „Na ja … wir fliegen ja bald wieder eine ganze Weile durchs All. Mal sehen, wie lange deine eisernen Prinzipien halten, mein Lieber. Vielleicht wirst du da draußen ja doch noch irgendwann schwach, wenn dir nachts kalt wird.“

Ich schaute sie über den Rand meines Glases hinweg an und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ich könnte mir besonders reizende Wäsche anziehen bei unseren Ausflügen“, legte Elira direkt mit einem unschuldigen Augenaufschlag nach. "Ich weiss ja das du auf meine Brüste stehst."

„Untersteh dich!“, schoss Selene sofort dazwischen und funkelte sie gespielt drohend an.

Ich stellte mein Glas ab, lehnte mich vor und sah Elira amüsiert an. „Oder ich könnte einfach meine Dienstkleidung benutzen.“

Selene verschluckte sich fast an ihrem Wein. Sie wusste ganz genau, was für eine verdammt heiße Ausstrahlung Taro mit dieser Uniform und der Dienstmarke hatte – das hatte sie ihm schließlich schon mal gesagt. Und der Gedanke, dass Elira ihn so im engen Cockpit anschmachten würde, passte ihr gar nicht. „Das lässt du schön bleiben!“, rief Selene dazwischen, während ihre Wangen leicht rötlich anliefen. „Am besten, du baust eine zweite Zelle in die Kapsel ein. Für jeden von euch eine, schön getrennt!“

Elira und ich sahen uns an und mussten gleichzeitig laut auflachen über Selenes besorgte und eifersüchtige Reaktion, während sie empört die Arme verschränkte.

Elira zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Eine Zelle? Übertreibst du nicht ein bisschen, Selene?“

„Überhaupt nicht“, konterte Selene und zeigte schmunzelnd auf mich. „Ich habe ihm damals schon, als wir uns noch gar nicht so nahe waren, klipp und klar gesagt, dass er die Arrestzelle im Jäger bloß drinlassen soll. Man weiß ja nie, wie eine mächtige CEO reagiert, wenn die Reise zu lang wird und sie kein ‚Nein‘ gewohnt ist.“

Elira prustete laut los und warf mir einen diebischen Blick zu. „Oh, danke für die Warnung. Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich im Cockpit vorsichtig sein muss.“

Ich schaute die beiden eine Sekunde lang schweigend an, während mein Grinsen einem ehrlichen, warmen Lächeln wich. Ich stellte mein Glas ab, sah von Elira zu Selene und schüttelte leicht den Kopf. „Wisst ihr was? Macht das einfach unter euch aus“, sagte ich leise, und meine Stimme klang plötzlich ganz ruhig und ernst. „Ich bin im Moment einfach nur glücklich darüber, was für Menschen ich um mich habe.“

Bei Selene löste dieser Satz sofort ein heftiges Echo im Kopf aus. Das Lachen verflog, ihr Blick wurde weich und sie drückte meine Hand noch ein bisschen fester. „Du hast ja keine Ahnung, Taro“, sagte sie leise, während ihr Blick kurz in die Ferne schweifte. „Es ist noch gar nicht so lange her … als du mich und meine ganze Lerngruppe gerettet hast und danach bei mir zu Hause im Bett lagst und geschlafen hast. Ich stand da und habe dich einfach nur angesehen. Du warst so unendlich nah, aber wegen all der Mauern um dich herum kamst du mir damals noch völlig unerreichbar vor. Du hattest uns gerade alle da rausgeholt, aber ich wusste nicht mal, ob ich jemals wirklich an dich herankommen würde.“ Sie sah mich wieder direkt an, und ein dankbares Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Und jetzt sitzen wir hier alle zusammen auf dieser Couch. Wenn mir das in jener Nacht jemand gesagt hätte … ich hätte es nicht geglaubt. Du bist hier, Taro. Und genau so, wie es jetzt ist, ist es perfekt.“

Ich sah Selene tief in die Augen, spürte den festen Druck ihrer Hand und nickte stumm, unfähig, in diesem Moment die passenden Worte für diese enorme Dankbarkeit zu finden.

„Und ihr beide wisst nicht, wie es ist, wenn man gleich zwei Menschen trifft, denen man besonders nahe ist“, sagte jetzt Elira mit einem ernsten, aber sanften Gesicht. Sie blickte von Selene zu mir, und in ihren Augen lag eine tiefe Aufrichtigkeit. „Aber das soll nicht so bleiben. Ich werde mir Quentin schon wieder zurückholen. Ich werde ihn wissen lassen, was wir beide vergessen haben, bei all der Politik und den Geschäften.“

Selene lächelte matt, aber voller Respekt, und legte Elira eine Hand auf die Schulter. „Er wäre ein verdammt großer Idiot, wenn er sich nicht wieder verdammt schnell daran erinnern lässt, wer ihr mal wart, Elira.“

Ich lehnte mich ein Stück vor, nahm mein Weinglas wieder auf und hob es leicht an. „Auf Quentin. Möge er den Kopf rechtzeitig aus den Akten kriegen.“

Elira stellte ihr Glas ab, überwand die kleine Distanz zwischen uns auf der Couch und legte mir sanft eine Hand an die Wange. Bevor ich reagieren konnte, beugte sie sich vor und küsste mich – lang, tief und unglaublich zärtlich. Es war kein stürmischer, fordernder Kuss, sondern einer voller Dankbarkeit und stiller Verbundenheit, der die neu gezogenen Grenzen besiegelte. Als sie sich langsam von mir löste, lag ein weiches, entschlossenes Lächeln auf ihren Lippen. Sie griff nach einer der exotischen Früchte, die noch auf dem Tisch bereitstanden, und ließ sie vielsagend zwischen den Fingern kreisen. „Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte sie leise und sah mich mit einem funkelnden Blick an. „Vielleicht helfen ja diese Früchte dabei.“

Selene musste bei der Aussicht auf diese süße, aphrodisierende Unterstützung leise schmunzeln.

Elira wandte sich nun ihr zu, schmiegte sich eng an Selenes Seite und legte die Lippen auf ihre. Auch dieser Kuss war lang und voller zärtlicher Vertrautheit, ein stilles Versprechen für alles, was vor ihnen lag.

Danach rückten wir alle drei einfach noch ein Stück enger zusammen. Es gab nichts mehr zu besprechen, keine Regeln mehr zu verhandeln und keine alten Mauern mehr einzureißen. Elira lehnte ihren Kopf an meine Schulter, während ihre Hand in Selenes Schoß lag. In der warmen Dunkelheit der Terrasse streichelten wir uns einfach nur noch zärtlich, genossen die spürbare Körperwärme des anderen und lauschten dem rhythmischen, beruhigenden Schlagen der Wellen gegen den Strand.

Tage später

Elira war längst wieder nach New Atlantis aufgebrochen, ihr Job hier war erledigt und die Baustelle komplett fertiggestellt. Taro hatte die freie Zeit genutzt und noch einmal einen privaten Job angenommen, um den Kopf freizubekommen.

Und dann kam die Lerngruppe. Von wegen geordneter Einzug: Die zehn Studenten trafen teils mit eigenen Fahrzeugen, teils in wilden Fahrgemeinschaften ein. Eigentlich war der Plan, dass sie sofort ihre Sachen packen und diszipliniert in die neu gebaute Kuppel einziehen.

Pustekuchen.

Kaum waren die Motoren aus, ließen die Studenten buchstäblich alles stehen und liegen. Koffer, Taschen und Ausrüstung blieben einfach im Staub zurück – und die ganze Truppe stürmte johlend los, direkt hinein ins Wasser, um das Paradies zu genießen. Am Strand der Station herrschte der absolute Ausnahmezustand. Die Koffer und Ausrüstungsgegenstände lagen kreuz und quer im Sand, und die zehn Studenten dachten überhaupt nicht daran, einzuziehen. Sie johlten, spritzten sich nass und kugelten sich im seichten Wasser – für sie war es der perfekte Urlaub.

Mitten im größten Trubel stand Selene am Ufer. Sie sah sich das Chaos ein paar Minuten mit verschränkten Armen an, bis es ihr endgültig reichte. Sie holte tief Luft. „Schluss jetzt! Sofort raus aus dem Wasser!“, hallte ihre Stimme über den Strand, und das unmissverständliche Machtwort ließ die ersten Studenten mitten in der Bewegung erstarren. Sie wartete keine Sekunde und legte trocken nach: „Wenn ihr glaubt, das hier ist ein Luxus-Ressort für eure Ferien, habt ihr euch geschnitten. Packt eure Sachen und zieht in die Kuppel ein. Wer ein Problem damit hat, kann seine Kisten sofort wieder aufladen – New Atlantis und die alten Betonburgen warten nur auf euch. Ihr seid zum Lernen hier, nicht für Urlaub!“

Das saß. Das johlende Lachen verstummte augenblicklich, und die Gruppe fing sichtlich eingeschüchtert an, die nassen Sachen zusammenzusuchen und die Koffer Richtung Kuppel zu schleppen.

Nur Lyra blieb einen Moment länger im seichten Wasser stehen. Sie strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht, sah Selene an und blickte sich um. Ihr Blick blieb an dem leeren Landepad hängen, wo eigentlich ein Flieger stehen sollte. Sie hatte sich schon so darauf gefreut, diesen Piloten wiederzusehen. Den Mann, der sie damals beschützt hatte und dabei so ruhig geblieben war, als würde er dem Gras beim Wachsen zuschauen. Diese unerschütterliche Gelassenheit hatte sie tief beeindruckt, obwohl ihr das erst so richtig im Nachhinein klar geworden war. Er war wie ein Fels, den einfach nichts umhauen konnte. Ein richtiger Mann eben – und nicht so unreif wie ein Großteil ihrer Kommilitonen, die gerade wie aufgescheuchte Hühner ihre Handtücher zusammensuchten. Ein paar Stunden später war das Chaos in der Kuppel halbwegs sortiert, als das vertraute, tiefe Grollen von Taros Jäger am Himmel anschwoll. Der Triebwerksstrahl wirbelte den Sand am Landepad auf, als die Maschine aufsetzte.

Taro schaltete die Systeme ab, öffnete die Luke und sprang auf den Boden. Er war müde von dem privaten Job, und das Erste, was er sah, war die Unruhe, die jetzt wohl dauerhaft auf der Station eingezogen war. Überall liefen Studenten herum, Stimmen hallten durch die Gänge. Als er die Rampe herabstieg, stockte Lyra kurz der Atem.

Er trug nicht die abgewetzte Arbeitskleidung, die sie erwartet hatte. Taro trug eine saubere, offizielle Uniform, die perfekt saß und jede seiner Bewegungen noch ein Stück präziser wirken ließ. Und dann war da dieses Detail an seiner Brust: Im harten Licht der Sonne blitzte eine polierte Dienstmarke auf. Lyra kannte so etwas aus ihrer Welt nicht. In den gehobenen Kreisen von New Atlantis demonstrierte man Macht durch maßgeschneiderte Anzüge, teuren Schmuck oder ein Gefolge von Bodyguards. Aber das hier war anders. Diese Marke, dieses Stück Metall an der Uniform, strahlte eine rohe, echte Autorität aus. Es war das sichtbare Zeichen von jemandem, der das Gesetz repräsentierte, der Verantwortung trug und für Schutz sorgte. Es verlieh ihm eine ganz andere, mächtige Präsenz. Zwischen all den unreifen, lautstarken Kommilitonen, die in ihren schlabbrigen Freizeitklamotten den Jäger belagerten, wirkte er wie eine absolute Respektperson. Ein echter Mann, der wusste, wer er war. Als er an der Gruppe vorbeiging, fing ihr Herz an, gefährlich schnell zu schlagen. Sie wollte, dass er sie ansah. Lyra hob langsam die Hand, strich sich eine noch leicht feuchte Strähne hinter das Ohr, suchte seinen Blick und schenkte ihm ein weiches, eindeutig kokettes Lächeln. Doch Taro ging einfach weiter, die Hand locker am Gürtel in der Nähe der Marke. Er nickte den Jungs kurz und trocken zu und bemerkte ihre Geste überhaupt nicht. Er war viel zu sehr in seinen eigenen Gedanken gefangen. Die Dienstmarke glänzte ein letztes Mal im Vorbeigehen, dann verschwand er im Korridor. Lyra spürte einen kleinen Stich der Enttäuschung, als er einfach an ihr vorbeiging, hielt das Lächeln aber tapfer aufrecht. Erst als sie den Blick leicht zur Seite abwandte, bemerkte sie Selene, die am Rand der Kuppel stand. Selene hatte sich nicht bewegt. Sie sagte nichts, sondern wartete einfach ruhig, bis Taro bei ihr angekommen war. Und dann, ganz selbstverständlich und vor den Augen aller, begrüßte sie ihn mit einem zärtlichen Kuss.

Lyra erstarrte. Das war neu. Der unnahbare Pilot und ihre Professorin.

Erst jetzt verstand sie schlagartig, warum die Lerngruppe sofort in die neuen Wohnkuppeln umziehen sollte. Es ging nicht nur um akademische Disziplin – der private Wohnraum der beiden war absolut tabu. In Lyras Kopf wirbelten die Gedanken. Einerseits war sie froh darüber. Sie war erleichtert, nicht mehr zwei ständige Aufpasser in ihrer direkten Nähe zu wissen, so wie in New Atlantis. Hier draußen brauchte sie keinen extra Schutz, das hatte ihre Mutter ihr vor der Abreise ausdrücklich versichert. Sie war frei. Aber ihr Prof und Taro ein Paar? Die Realität traf sie unvorbereitet. Wie sollte sie jetzt damit umgehen? Ihre Schwärmerei für den Mann, der sie gerettet hatte, war gerade gegen eine Wand aus Beton gefahren.

Der erste Tag begann nicht mit Urlaub, wie einige Studenten gedacht hatten, als sie hörten, es ging ans Meer, sondern mit knallharter Theorie. Selene sparte in Kuppel 1 und 2 nicht mit Details; die Studenten mussten Formeln, Notfallprotokolle und die technischen Spezifikationen der Lebenserhaltungssysteme pauken. In der Mittagspause saßen alle am Strand. Doch statt im Wasser zu toben, herrschte diesmal gedrückte Stimmung. Die Decken waren übersät mit Datenpads und Skripten. Die Jungs und Mädels büffelten im Sand, blickten nervös auf ihre Notizen und versuchten, die Abläufe für den Nachmittag in den Kopf zu kriegen. Lyra saß etwas abseits, ein Pad auf den Knien, und starrte hinüber zum Landepad, wo jetzt dieser riesige Jäger stand. Nie hätte sie gedacht, dass ein Frachterpilot so ein Schiff flog. Der sah wirklich gefährlich aus, nicht wie der Schrotthaufen dieses Entführers. Sie lernte schnell, aber ihre Gedanken drifteten immer wieder ab zu dem Piloten und seiner Uniform.

Am Nachmittag folgte dann der erste Testlauf in Kuppel 4. Der Praxiseinsatz zog sich über Stunden. Die schweren Schutzanzüge waren High-Tech-Modelle, ausgelegt für extreme Langzeiteinsätze. Die Prozedur diente vor allem der Ausbildung: Die Studenten mussten den Umgang mit der klobigen Ausrüstung von der Pike auf lernen und verinnerlichen, damit sie nach dem Studium im echten, unbarmherzigen All überhaupt eine Überlebenschance hatten. Kuppel 4 war dafür der perfekte Trainingsraum. Wenn hier jemand patzte oder die Nerven verlor, war es zwar extrem anstrengend, aber im Gegensatz zu einer echten, feindlichen Atmosphäre noch nicht lebensgefährlich. Taro hatte am Monitor alles im Griff. Für die Studenten bedeutete das dennoch pure Erschöpfung. Die Luft schmeckte irgendwann trocken, der Schweiß sammelte sich, und jede Bewegung forderte Muskeln, die die meisten von ihnen noch nie benutzt hatten.

Selene trieb die Gruppe drinnen unerbittlich an. Taro saß draußen in der Zentrale vor den Monitoren. Für ihn war das reine Routine: Er hatte die Zeiten im Auge, überwachte die Lebenserhaltungssysteme der Anzüge und hielt über Funk die Verbindung, um die Sicherheit der Truppe zu garantieren.

Drinnen in der Kuppel wurde Lyra mit jeder Stunde verbissener. Jedes Mal, wenn Taros tiefe, unnahbare Stimme trocken die verbleibende Arbeitszeit oder die Druckwerte über Funk durchgab, zog sich in ihrer Brust alles zusammen. Seine Stimme war der einzige Anker in diesem klobigen Anzug.

Sie wollte sich unbedingt vor ihm beweisen. Um zu zeigen, dass sie keine verwöhnte, unreife Studentin war, stellte sie Selene absichtlich besonders komplexe, hochgestochene Fachfragen. Sie wollte, dass Taro am anderen Ende der Leitung in der Zentrale hörte, wie klug sie war. Doch Selene reagierte nicht darauf. Sie bügelte Lyras theatralische Fragen kühl, aber absolut professionell ab und holte sie sachlich auf den Boden der Tatsachen zurück. Keine Eifersucht, reine Professoren-Strenge. Lyra schluckte den Frust im Inneren ihres Helms herunter. Als die Schicht nach gefühlten Ewigkeiten endlich vorbei war und die Studenten völlig kroggy ihre Anzüge in die Schleuse hängten, nutzte Lyra ihre Chance. Taro war gerade in die Schleuse gekommen, um eine defekte Dichtung an einem der Anzüge zu prüfen. Er trug jetzt wieder seine normale, abgewetzte Arbeitskleidung – die Uniform und die Dienstmarke hatte er längst abgelegt. Es war schließlich sein Zuhause. Aber Lyra ging das Bild von seiner Landung nicht aus dem Kopf. Sie trat einen Schritt näher, lehnte sich an den Spind und versuchte, trotz der Erschöpfung so erwachsen und weltgewandt wie möglich zu klingen. „Du, sag mal … vorhin bei der Landung“, begann sie und fixierte ihn. „Was war das eigentlich für eine Marke an deiner Uniform? Sieht ziemlich wichtig aus. Verleiht einem hier draußen in der Einöde wohl das nötige Gewicht, was?“

Taro drehte sich nicht einmal richtig zu ihr um. Er zog die Dichtung am Anzug mit einem dumpfen Klicken fest, warf ihr einen kurzen, brennenden Blick aus seinen dunklen Augen zu und sagte nur: „Sie sorgt dafür, dass die Leute tun, was man ihnen sagt, wenn es brenzlig wird.“

Mehr nicht. Kein Smalltalk, keine Erklärungen, für wen er eigentlich arbeitete. Er packte sein Werkzeug ein, ging an ihr vorbei und ließ sie einfach in der Schleuse stehen. Lyra starrte ihm hinterher. Diese raue, kompromisslose Art war so völlig anders als alles, was sie aus den glatten Schleimer-Kreisen in New Atlantis kannte. Es verunsicherte sie zutiefst – und faszinierte sie nur noch mehr.

Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der praktischen Forschung und Datenerhebung in Kuppel 4. Nach der harten Eingewöhnung am Vortag lief es bei den Studenten schon etwas runder, auch wenn die schweren Anzüge ihnen immer noch alles abverlangten. Selene trieb sie an, Datenprotokolle wurden ausgefüllt, und Taro überwachte stumm wie ein Geist die Systeme von der Zentrale aus.

Kurz vor der Mittagspause versammelte Selene die erschöpfte Truppe in Kuppel 1. Sie wartete, bis alle die Helme abgenommen hatten, und hielt eine kurze, unmissverständliche Ansprache: „Gute Arbeit im Großen und Ganzen. Ab heute Mittag habt ihr frei. Ihr könnt den Nachmittag noch nutzen, um euch auszutauschen oder euch die Beine zu vertreten. Es wird im Laufe des Semesters auch mal echte Freizeit hier geben, aber vergesst nicht: Ihr seid in erster Linie hier, um was zu lernen. Und noch etwas Wichtiges für den Ablauf: Spätestens um 18:00 Uhr haben alle die Station verlassen. Das hier ist Privatgelände. Die Shuttles und eure privaten Fahrzeuge stehen bereit. Sorgt dafür, dass ihr pünktlich weg seid.“

Die Ansage saß. Nach dem Mittagessen verteilte sich die Gruppe rasch. Einige der technikaffinen Jungs schlichen noch einmal mit Sicherheitsabstand um das Landepad herum, um einen letzten Blick auf Taros riesigen Jäger zu erhaschen. Ein paar andere Studenten nutzten das gute Wetter und verbrachten die verbleibenden Stunden am Strand, um den Kopf frei zu bekommen. Die Ersten packten allerdings direkt ihre Sachen und machten sich frühzeitig auf den Heimweg nach New Atlantis – der anstrengende Kurs steckte allen in den Knochen.

Lyra gehörte zu denen, die bis kurz vor Torschluss blieben. Sie saß am Strand, tippte lustlos auf ihrem Datenpad herum und beobachtete den Jäger. Sie hatte verstanden, dass für heute nichts mehr zu holen war. Als sie kurz vor 18:00 Uhr als eine der Letzten in ihr Fahrzeug stieg, schwor sie sich im Stillen, dass das nicht ihr letzter Versuch war. Beim nächsten Termin würde sie schlauer vorgehen. Sie musste einfach einen Weg finden, Taros Aufmerksamkeit zu bekommen.

Als um Punkt 18:00 Uhr das letzte Summen der Fahrzeuge in der Ferne verhallte, legte sich die gewohnte, fast greifbare Stille über die Station. Das Privatgelände war wieder leer. Taro stand am großen Panoramafenster der Wohnkuppel, die Hände locker in den Taschen seiner abgewetzten Hose vergraben, und blickte hinaus auf das ruhige Meer. Nie hätte er gedacht, dass es hier einmal so turbulent zugehen würde.

Selene trat von hinten an ihn heran, ließ ihre Arme um seine Taille gleiten und lehnte ihre Stirn kurz gegen seine Schulter. Sie spürte, wie die Anspannung der letzten zwei Tage langsam von ihm abfiel. „Sie sind weg“, murmelte sie in den Stoff seines Hemdes. „Pünktlich auf die Minute.“

Taro gab ein tiefes, brummendes Geräusch des Einverständnisses von sich. „Gott sei Dank. Pädagoge werde ich in diesem Leben nicht mehr. Die Jungs haben fast Löcher in die Panzerung meines Jägers gestarrt.“ Selene lachte leise, löste sich von ihm und trat neben ihn, um ebenfalls hinauszusehen. „Oh, die Jungs waren harmlos. Die wollten nur die Triebwerke begutachten und rätseln welche Waffen da wohl unter den Abdeckungen verborgen sind. Aber da gab es jemanden, der hatte ein Auge auf ganz andere Qualitäten geworfen.“

Taro zog eine Augenbraue hoch und blickte sie von der Seite an. „Was meinst du?“

„Lyra“, sagte Selene prompt, und auf ihren Lippen lag wieder dieses amüsierte, aber messerscharfe Lächeln. „Sie hat dich beim Aussteigen regelrecht mit den Augen verschlungen. Und in der Schleuse hat sie dich wegen deiner Dienstmarke ausgequetscht, nicht wahr? Sie hat versucht, vor mir mit hochgestochenen Fragen Eindruck zu schinden, nur damit du am Funk hörst, wie erwachsen sie ist.“

Taro schüttelte nur den Kopf, sein Gesichtsausdruck blieb gewohnt trocken. „Sie hat irgendwas von der Marke gefaselt. Ich habe ihr gesagt, dass das Ding für Sicherheit sorgt, mehr nicht. Das Mädel ist traumatisiert von der Entführung und sucht jetzt nach einer Vaterfigur oder einem Bodyguard. New-Atlantis-Komplex.“

„Ein bisschen mehr als ein Bodyguard ist es wohl schon“, schmunzelte Selene, legte den Kopf schief und sah ihn prüfend an. „Sie kennt so etwas wie echte, raue Autorität einfach nicht. In ihrer Welt tragen die Männer Maßanzüge und schleimen. Du stehst da in Uniform, mit einem riesigen Jäger und einer Dienstmarke, die in der Sonne blitzt. Für ein Mädchen in ihrem Alter ist das wie pures Dynamit.“

Taro drehte sich ganz zu ihr um, packte sie sanft an den Hüften und zog sie ein Stück näher. „Ist mir völlig egal, was für Komplexe sie hat. Ich habe ihr eine klare Abfuhr erteilt. Und außerdem …“ Ein seltenes, leichtes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. „… habe ich ihr unmissverständlich klargemacht, wer an meine Seite gehört, als ich dich vor allen geküsst habe.“

Selene genoss den Moment, legte die Hände auf seine Brust und blickte ihm tief in die Augen. „Das hast du. Und glaub mir, das hat gesessen. Sie ist augenblicklich rot angelaufen. Aber mach dich darauf gefasst: Das war erst der erste Block. Die gibt so schnell nicht auf. Beim nächsten Mal wird sie sich eine neue Strategie überlegen.“

„Soll sie ruhig“, erwiderte Taro kalt, während seine Stimme wieder ernster wurde. „Solange sie ihre Arbeit in der Kuppel macht, ist mir das gleich. Wenn sie mir zu nahe kommt, werde ich deutlicher oder bringe sie eigenhändig zu Elira zurück nach Atlantis.“

Selene lächelte, diesmal warm und vollkommen entspannt. „Ich weiß. Und genau dafür liebe ich dich.“

Taro hielt sie noch einen Moment fest, doch sein Blick wanderte wieder kurz zum Fenster hinaus, wo die Dunkelheit langsam das Meer verschlang. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Die letzten zwei Tage hatten ihm gezeigt, wie viel Arbeit diese Station mit den Studenten wirklich machte.

„Das wird zu viel, Selene“, sagte er plötzlich mit ernster Stimme.

Selene sah ihn fragend an und löste sich sanft aus seiner Umarmung. „Was meinst du?“

„Die Station, die Wartung, die Sicherheit für deine Lerngruppe – und nebenbei noch die Mine auf dem Mond“, erklärte Taro und rieb sich den Nacken. „Ich stehe im Grunde nur noch unter Strom. Wenn die Studenten jetzt regelmäßig kommen, schaffe ich das nicht mehr alleine. Ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, die Mine abzustoßen.“

Selene zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Sie komplett aufzugeben? Das ist dein großes Projekt, Taro.“

„Ich will sie nicht aufgeben, ich will sie in gute Hände abgeben“, erwiderte er trocken. „Ich muss morgen sowieso rüber zum Minenkontor. Ich brauche dringend neue Filter für Kuppel 4, die Studenten verbrauchen da drin einfach zu viel Luft. Und ein paar Ersatzteile für die Mine muss ich auch abholen. Wenn ich einmal da bin, werde ich das mit Sascha besprechen. Mal schauen, ob er Rat weiß.“

Selene nickte nachdenklich und stellte ihr Glas ab. „Stimmt, Sascha, dieser alte Brumbär. Ich erinner mich. Der kennt die Leute im Sektor am besten. Vielleicht hat er einen verlässlichen Kontakt an der Hand, der die Mine pachten oder kaufen will. Das würde dir den Rücken freihalten.“

Der nächste Morgen brach an. Die Triebwerke des riesigen Jägers erwachten mit einem tiefen, magengrubenerschütternden Grollen zum Leben, als Taro die Systeme hochfuhr und von der Station abhob. Der Flug zum Minenbedarf war reine Routine. Wenig später stellte er das Schiff auf der Plattform des Kontors ab, steckte seine ID-Karte ein und betrat die große, nach Schmieröl und Metall riechende Halle des Händlers. Hinter dem Tresen stand Karin. Als sie das Zischen der hydraulischen Eingangstür hörte und aufblickte, hellte sich ihr Gesicht sofort auf. Sie kannte Taro von unzähligen Besuchen aus der Vergangenheit. Damals, als er noch regelmäßig mit dem großen Frachter unterwegs gewesen war, hatte er die schweren Ausrüstungen, Werkzeuge und Ersatzteile nicht nur für sich, sondern kistenweise für die gesamte Gilde abgeholt. Er war hier sozusagen ein absoluter Premium-Stammkunde.

„Na, sieh mal einer an“, rief Karin über den Tresen hinweg und stemmte die Hände in die Hüften. „Der verlorene Sohn der Gilde. Ich dachte schon, du hättest dich auf deiner Station komplett von der Außenwelt abgeschottet, Taro. Was verschafft mir die Ehre? Brauchst du wieder eine halbe Schiffsladung Bohrständer?“

Taro trat an den Tresen, und ein seltenes, mattes Lächeln deutete sich auf seinen Lippen an. „Schön, dich zu sehen, Karin. Nein, heute ist es eine Nummer kleiner. Ich brauche dringend einen Satz neuer Luftfilter für Kuppel 4. Die müssen einiges aushalten. Und ein paar spezifische Ersatzteile für meine Mine. Ich glaube, Vasco hat dir schon die Liste geschickt.“

Karin nickte geschäftsmäßig, tippte bereits auf ihrem Terminal herum und sah ihn dann prüfend an. „Filter für Kuppel 4 und Minenteile? Du tanzt auch auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig, oder? Ja, die Liste von deinem Roboter ist da. Ich lasse das Zeug hinten im Lager schon mal zusammenstellen. Aber im Ernst, Taro: Du siehst aus, als hättest du seit drei Tagen nicht geschlafen. Die Station und die Mine … das wächst dir doch langsam über den Kopf, so ganz allein.“

Taro lächelte still. Karin kannte seinen eigentlichen Job nicht; für sie war er einfach ein treuer Miner der Gilde. Er stützte die Unterarme auf den Tresen und stieß einen schweren Seufzer aus. Karins Direktheit war ihm ganz recht, sie kannte ihn schließlich gut genug.

„Du sagst es“, gab er trocken zu. „Die Station fordert mich gerade voll. Bei mir hat sich privat viel verändert. Statt alleine lebe ich jetzt mit zehn Studenten und einer Freundin, und die Bengels verbrauchen in den Kuppeln mehr Luft und Aufmerksamkeit, als mir lieb ist. Wenn ich da nicht jede Minute die Systeme im Auge behalte, baut mir einer Mist.“

Karin hielt im Tippen inne. „Warte mal … ich habe von deiner Rettungsaktion gehört, das kam in den Nachrichten. Ich dachte mir noch: Den Frachter kenne ich doch! Hat sich daraus etwa was ergeben?“

„Ja, so könnte man das sagen“, erwiderte Taro mit einem leichten Nicken. „Und wie läuft's bei dir?“

Karin winkte frustriert ab. „So wie immer. Wenig Geld, wenig Freizeit. Und was soll ich auch damit, hier ist eh nichts los. Immer das Gleiche. Wenn du in zwanzig Jahren noch mal rumkommst, sitze ich wahrscheinlich immer noch hier am Tresen.“

„Klingt trostlos.“

„Stimmt, ist es auch“, seufzte sie und verschränkte die Arme. „Aber die Bezahlung hier ist so mies, dass sie einfach keine Veränderung zulässt. Dabei bin ich die Einzige hier im Kontor, die sich wirklich mit allem auskennt! Letztens erst wieder: Da musste ich einem erfahrenen Miner haargenau erklären, wie er seine Extraktoren richtig einstellen muss, damit ihm das Ding nicht um die Ohren fliegt.“

Taro fixierte sie kurz, und in seinem Kopf fügten sich die Teile plötzlich ganz neu zusammen. Er hatte eigentlich mit Sascha reden wollen, aber die Lösung stand direkt vor ihm.

„Warte mal … willst du wirklich was Neues, Karin?“

„Natürlich“, sagte sie prompt. „Wenn sich die Gelegenheit bietet, sofort.“

„Wie wäre es mit meiner Mine?“

Karin lachte trocken auf. „Die kann ich mir im Leben nicht leisten, Taro. Schön wär's.“

„Auf Leihbasis“, schlug Taro ruhig vor und legte die Karten auf den Tisch. „So kannst du in Ruhe testen, ob das was für dich ist. Du beteiligst mich am Ertrag, führst das Ding eigenständig und kannst dir endlich was Eigenes aufbauen.“

Karin starrte ihn an, die Arme sackten ihr herunter und ihr Blick wurde schlagartig ernst. „Ist das … ist das dein Ernst, Taro?“

„Absolut mein Ernst“, erwiderte Taro und blickte sie mit unbewegter Miene an. „Genauso habe ich damals auch angefangen. Ich bekam die Mine von einem Kumpel von Sascha. Das war vor circa fünf Jahren.“

Karin hörte schlagartig auf zu atmen und starrte ihn mit großen Augen an, während Taro ruhig weitersprach:

„Ich habe allerdings geschuftet wie ein Tier. Ich habe den Pilotenschein für den Frachter gemacht und haufenweise Aufträge nebenbei mit dem Kübel erledigt. Ich musste zwar immer einen guten Teil an die Gilde abdrücken, aber so konnte ich mir überhaupt erst alles aufbauen. Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich Prioritäten setzen muss. Du kennst die Anlage drüben auf dem Mond, du kennst die Extraktoren. Also, wie sieht's aus?“

Bei Karin setzte für einen Moment der Verstand aus. Die Aussicht, diesem trostlosen Tresen von heute auf morgen zu entkommen, ließ ihr das Blut in die Wangen schießen. Sie bekam regelrecht rote Ohren vor plötzlicher Aufregung. Sie sah an sich herab, blickte auf das Terminal und packte dann mit entschlossenen Händen ihre Sachen zusammen.

„Ich komme mit. Jetzt gleich“, sagte sie, und ihre Stimme überschlug sich fast vor Tatendrang. „Ich fliege mit dir rüber und schaue mir das Ganze sofort an.“

Taro zog überrascht eine Augenbraue hoch. Mit so viel Spontanität hatte er nicht gerechnet. „Und die Arbeit hier im Kontor? Wer schmeißt den Laden?“

Karin winkte rabiat ab, während sie bereits ihren Mantel vom Haken riss. „Ich bin ab sofort krank. Oder ich habe furchtbare Kopfschmerzen. Mir völlig egal. Da muss sich der Chef eben heute selbst hier hinstellen und den Minern erklären, wie man eine Schraube dreht! Der merkt dann vielleicht mal, was er an mir hat.“ Sie warf einen schnellen Blick nach hinten ins Lager. „Ich hole eben deine Filter und die Ersatzteile aus dem Regal, schmeiße sie auf deinen Gleiter und dann bin ich weg hier. Warte am Landepad auf mich, Taro. Ich bin in zwei Minuten so weit.“ Karin fackelte nicht lange und fegte wie ein Wirbelwind hinter dem Tresen hervor, um ihre Sachen zu packen. Kurz darauf stürmte sie mit den Filtern und den Ersatzteilen im Schlepptau wieder hervor, buchte die Ware hastig aus und trieb Taro regelrecht nach draußen. Doch als die beiden die Schleuse zum Landepad durchschritten und auf die Plattform traten, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr Blick wanderte an den massiven Triebwerken hoch, über die schwere, matt getönte Panzerung bis hinauf zum Cockpit des riesigen Jägers, der dort majestätisch in der Sonne stand. Sie starrte das Schiff mit offenem Mund an, während ihr die Röte noch tiefer in die Wangen schoss.

„Was … was ist das?!“, brachte sie schließlich heraus und zeigte mit zitterndem Finger auf das Ungetüm.

Taro ging ungerührt weiter und warf seine Tasche auf die Laderampe. „Mein Schiff.“

Karin lief ein paar Schritte hinterher, den Blick immer noch fassungslos nach oben gerichtet. „Ist das deiner?! Den … den konntest du dir in fünf Jahren erarbeiten? Dein Ernst?!“

Taro drehte sich auf der Rampe um und sah auf sie herab. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich geschuftet habe wie ein Tier. Wenn die Mine läuft, wirft sie genug ab. Man muss nur wissen, wie man das Geld anlegt.“

Karin schluckte schwer. Das Bild von diesem mächtigen, gefährlich aussehenden Jäger war der letzte Beweis, den sie gebraucht hatte. Jede Skepsis war verflogen, ersetzt durch puren, brennenden Ehrgeiz. Sie packte die Kiste mit den Filtern fester, und ein entschlossenes Funkeln trat in ihre Augen.

„Das will ich auch“, sagte sie mit fester Stimme, ging die Rampe hoch und stieg ohne ein weiteres Zögern an Bord. Der Jäger schoss aus dem Orbit und nahm direkten Kurs auf den Mond. Der Flug dauerte nicht lange, und schon bald setzten die massiven Landestützen auf der staubigen Plattform von Taros Mine auf. Karin fackelte nicht lange. Kaum hatte sich die Luke geöffnet, zog sie sich den Helm über und stapfte mit Taro in den Kontrollraum der Anlage. Ihre Augen flogen über die Monitore, während tief im Fundament das rhythmische Stampfen der schweren Extraktoren zu hören war. Sie untersuchte die Anzeigen wie eine Ärztin, die einen Patienten durchcheckte, tippte auf ein paar Tasten und nickte dann anerkennend.

„Gute Technik hast du hier verbaut“, stellte sie fest und sah von den Bildschirmen auf. „Die hält noch eine Weile. Wenn auch aktuell nicht optimal eingestellt … aber wer schaut hier nach dem Rechten, wenn du ständig unterwegs bist?“

Taro zuckte trocken mit den Schultern. „Sascha. Aber ich glaube, dem solltest du nicht sagen, dass etwas schlecht eingestellt ist.“

„Na, dann muss ich ihn eben überzeugen“, grinste Karin, und das Fieber hatte sie jetzt endgültig gepackt. „Hier lässt sich noch einiges an Effizienz herausholen, wenn man die Ventile richtig kalibriert.“

Sie trat an das große Ausguckfenster der Station und blickte hinaus auf die graue Mondlandschaft. Nur ein paar hundert Meter weiter war der Horizont von einer größeren, hell erleuchteten Struktur durchbrochen. Maschinen in der fünffachen Größe von Taros Anlage fraßen sich dort in den Fels, und ein ständiger Strom von kleinen Transportern pendelte zwischen Raffinerie und Mine.

Saschas Mine. Sie lag direkt nebenan und war deutlich größer als Taros überschaubarer Komplex.

Karin pfiff durch die Zähne, als sie rübersah. „Sascha klotzt eben richtig ran. Aber weißt du was, Taro? Dein Brocken hier reicht mir völlig für den Anfang. Den bringe ich auf Vordermann.“

Taro trat ebenfalls an das Fenster, blickte hinüber zu den hellen Scheinwerfern von Saschas Anlage und nickte. Er spürte eine enorme Erleichterung. Die Entscheidung war richtig gewesen.

„Gut. Dann gehört der Kasten ab jetzt dir“, sagte Taro kurz und schmerzlos. „Sascha drüben weiß Bescheid, dass ich die Mine abtrete. Er schaut sowieso regelmäßig nach dem Rechten, falls mal was Größeres ist. Ich schicke dir die Vertragsdetails auf dein Pad, sobald ich zurück auf der Station bin. Du kriegst deine Chance, Karin.“

Karin drehte sich um, ein breites, entschlossenes Grinsen im Gesicht. „Du wirst es nicht bereuen, Taro. Zieh Leine, ich muss hier erst mal die Ventile neu kalibrieren.“

Taro verlor keine Zeit mehr mit großem Abschiedsgeschwafel. Er schnappte sich die Kiste mit den dringend benötigten neuen Luftfiltern für Kuppel 4 und ging direkt zurück zur Laderampe seines Jägers. Der Klotz war vom Bein, die Logistik geregelt. Wenige Minuten später schoss der Jäger bereits wieder vom Mond weg, Kurs zurück zur Station, wo Selene und die Studenten warteten.

Kaum hatte ich die Mondoberfläche verlassen, meldete sich das Kommunikationssystem mit einer eingehenden verschlüsselten Nachricht von Elira. Ihre Nachricht war kurz und unmissverständlich: Sie brauchte mich so schnell wie möglich. Es gab ein Problem, das keinen Aufschub duldete. Sie musste direkt die Nadir-Station ansteuern – den größten Handelsposten in den Grenzwelten. Ich korrigierte die Kursdaten im Bordcomputer und setzte die Koordinaten für den Anflug auf New Atlantis, um Elira an Bord zu nehmen. Das Dauerfliegen der letzten Tage steckte mir spürbar in den Knochen. Jedes Mal, wenn ich die Hände ans Steuer legte, spürte ich das dumpfe Ziehen in den Schultern. Auch der Jäger lief nicht mehr ganz rund; auf der Konsole blinkte seit dem Start auf Altair IV eine gelbe Wartungsanzeige für den sekundären Kühlkreislauf. Nichts Kritisches, aber ein deutliches Zeichen, dass das Schiff dringend einen Check im Dock brauchte.

Ich setzte den Jäger auf Pad 21 von New Atlantis auf. Das Schott öffnete sich nur kurz, Elira schlüpfte herein, und noch bevor sie ihre Tasche abstellen konnte, fuhren die Triebwerke wieder hoch. Keine langen Erklärungen, kein Smalltalk am Raumhafen.

Sie kam ins Cockpit und ließ sich auf den Copilotensitz fallen. Erst als sie nach dem Gurt griff, stockte sie. Ihre Hand glitt über die breitere Armlehne, dann lehnte sie sich zurück und streckte probeweise die Beine aus. „Der ist neu.“

„Gut erkannt.“

Sie warf mir einen Blick zu, aber ich war bereits mit der Startfreigabe beschäftigt. Sobald die Durchfluggenehmigung da war, hob ich ab und zog den Jäger durch die Atmosphäre ins All. Erst als New Atlantis hinter uns kleiner wurde, begann Elira, ihren neuen Platz genauer zu untersuchen. Sie griff nach der Einstellung der Rückenlehne, veränderte sie ein Stück und hielt inne. Die Kopfstütze saß auf der richtigen Höhe, ihre langen Beine hatten Platz, und selbst die Sitzfläche war lang genug, dass sie nicht halb darüber hinausragte.

Sie sah zu mir. „Der passt mir.“

„Das war der Plan.“

„Nein.“ Ihr Blick blieb an mir hängen. „Der passt **mir**, Taro.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Du bist nun mal nicht gerade klein.“

Sie musterte mich noch einen Moment, dann wanderte ihr Blick zur Seite. Dort entdeckte sie den Gelenkarm. Sie zog daran, und der größere Bildschirm schwenkte vor sie. Einen Augenblick starrte sie darauf.

„Oh.“

Sie sah erst auf den Bildschirm, dann auf den neuen Sitz und schließlich zu mir.

„Du hast es ein bisschen übertrieben.“

„Ich wollte verhindern, dass du doch noch eine Brille brauchst.“

Elira drehte langsam den Kopf zu mir. „Das hast du dir gemerkt.“

„Du hast lange genug auf meinem kleinen Bildschirm herumgehackt.“

„Auf deinem Bildschirm?“

„Fang nicht an.“

Ihr Mund verzog sich zu einem Grinsen. Sie schob das Display probeweise zur Seite, bis die große Frontscheibe wieder vollkommen frei vor ihr lag, und ließ sich anschließend tiefer in den Sitz sinken.

„Danke.“

Für einen Moment klang es tatsächlich ernst. Dann sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich ihr Grinsen wieder verbreiterte.

„Obwohl ich ein bisschen enttäuscht bin.“

„Wovon?“

„Ich dachte, dein Schoß wäre inzwischen mein offizieller Copilotensitz.“

„Mir war es nicht leid, dich auf meinem Schoß zu haben. Eher das Gegenteil. Vor allem, wenn du dabei nur knapp bekleidet warst.“

Eliras Augenbrauen gingen hoch.

„Das Problem war nur, dass es meiner Konzentration beim Fliegen nicht besonders gutgetan hat. Der Sitz dient also ausschließlich der Sicherheit.“

Vasco meldete sich trocken: „So kann man es auch ausdrücken.“

Elira lachte leise und sah wieder zu mir.

„Heißt das jetzt, ich darf nicht mehr auf deinen Schoß? Zum Beispiel, wenn mir kalt ist?“

„Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, dass es meine Konzentration stört.“

„Also darf ich?“

„Solange Vasco fliegt.“

„Ich hatte bereits befürchtet“, sagte Vasco, „dass dieser Teil der Flugsicherheit ebenfalls mir zufällt.“

„Nadir-Station eingestellt“, erklang Vascos Stimme leise durch die Lautsprecher. „Voraussichtliche Flugzeit 26 Stunden.“

„Waaas, so lange?“ Elira fuhr in ihrem neuen Sitz herum und starrte erst Vasco, dann mich an, als hätte einer von uns die 26 Stunden persönlich zu verantworten.

„Ja, in den Grenzwelten gibt es nicht so viele Sprungzonen, da dauert der Transfer länger. Du kannst also entspannen, dich frisch machen und etwas ruhen. Und ich könnte auch mal ein Auge zumachen, bin schon lange auf den Beinen.“

Elira löste ihren Gurt und verschwand nach hinten. Ich hatte keine Zeit, ihr nachzusehen. Vor mir liefen bereits die Daten für den nächsten Sprung über die Anzeigen.

„Oh. Was ist das denn? Noch eine Überraschung?“, hörte ich sie aus dem Wohnbereich.

Ich grinste und behielt den Blick auf den Anzeigen. Sie hatte den Schreibtisch entdeckt.

„Hast du den ausgesucht?“

„Nein. Selene weiß besser, was man für so etwas braucht. Ich hasse Büroarbeit.“

Hinter mir wurde es still. Ich konnte Elira nicht sehen, hörte aber, wie sie den Stuhl über den Boden zog.

„Dann muss ich mich bei ihr auch bedanken.“

Wieder ein Scharren. Offenbar hatte sie sich hingesetzt.

„Der passt ebenfalls perfekt. Sogar die Höhe stimmt.“ Eine kurze Pause. „Und endlich kann ich arbeiten, ohne mein Pad irgendwo auf den Knien zu balancieren.“

„Hast du auch alles gesehen?“

„Was denn noch?“

„Zieh mal das Rollo hinter dem Schreibtisch zur Seite.“

Ich hörte das leise Surren, als sie es öffnete. Dahinter kam ein Fenster zum Vorschein, das direkt hinter dem Schreibtisch in die Außenwand eingelassen war. Wer dort saß, musste bei stundenlanger Arbeit nicht auf eine Wand starren. Im freien Raum würde hinter den Anzeigen, Daten und Berichten das All liegen.

Diesmal dauerte es etwas länger, bis Elira etwas sagte.

„Aber das war jetzt deine Idee.“

„Stimmt.“

„Ich könnte dich abknutschen.“

Ich musste lachen.

„Lass mich erst mal frisch machen. Ich brauche dringend Schlaf.“

„Das war keine Drohung, Taro.“

„Bei dir weiß man das nie.“

Ich musste den Kurs für den Sprung in die Grenzwelten manuell berechnen und die Triebwerke präzise ausrichten. Während Elira hinter mir noch ihren neuen Arbeitsplatz begutachtete, blieb für mich nur das schmale Feld aus Zahlen, Kursmarkierungen und dem Sprungvektor vor der Frontscheibe.

Erst als der Jäger mit einem dumpfen Ruck aus dem Subraum austrat und der langwierige Standard-Transfer begann, konnte ich die Systeme an Vasco übergeben. Die Anspannung ließ schlagartig nach, und eine bleierne Müdigkeit fiel über mich.

Ein leises Geräusch hinter mir ließ mich aufblicken. Elira kam aus dem Wohnbereich zurück ins Cockpit. Sie hatte geduscht; ihr noch feuchtes Haar lag dunkler auf ihren Schultern, und über dem seidenen Negligé trug sie einen leichten Kimono, den sie nur lose geschlossen hatte. Mit ihr kamen der Duft nach frischer Seife und ein Hauch ihres Parfüms ins Cockpit.

„Du siehst aus, als könntest du das brauchen.“

Bevor ich fragen konnte, was sie meinte, trat sie hinter meinen Sitz und legte beide Hände auf meine Schultern. Ihre Finger drückten sich kräftig in die verhärteten Muskeln.

„Verdammt.“

Elira lachte leise. „So schlimm?“

„Nein. Genau die Stelle.“

Sie machte weiter, langsamer jetzt, suchte mit den Fingern die Verspannungen entlang meines Nackens und zwischen den Schulterblättern. Ich ließ den Kopf nach vorn sinken. Nach den Stunden voller Konzentration, Kursberechnungen und Anspannung fühlte sich allein diese Berührung beinahe unanständig gut an.

„Das“, murmelte ich, „ist mindestens so gut wie der neue Sitz.“

„Vorsicht.“ Ihre Finger drückten wieder fester zu. „Der Sitz kann dich nicht hören.“

„Aber er verlangt auch keine Gegenleistung.“

Ihre Hände hielten einen Moment inne.

„Wer sagt denn, dass ich eine verlange?“

Ich drehte den Kopf ein Stück. Aus diesem Winkel konnte ich gerade noch ihr Lächeln sehen.

„Ich kenne dich inzwischen.“

„Offenbar.“ Ihre Hände setzten sich wieder in Bewegung. „Du kaufst mir ja schon Möbel.“

Ihre Daumen glitten vom Nacken nach außen, suchten sich ihren Weg über die Schultern. Diesmal drückte sie fester zu. Ich ließ den Kopf gegen die Lehne sinken. Es tat weh und gleichzeitig verdammt gut.

Dann traf sie eine Stelle dicht neben dem Schulterblatt.

„Au.“

Ihre Hände hielten sofort inne. „Das war kein entspanntes Au.“

„Gibt es entspannte Au´s?“

„Bei dir vermutlich.“ Sie drückte vorsichtiger gegen dieselbe Stelle. Schon die kleine Bewegung zog bis in meinen Nacken. „Mein Gott, Taro. Das ist ja hart wie ein Brett.“

„Deshalb heißt es Schulterblatt.“

„Sehr witzig.“

Ihre Finger arbeiteten weiter, jetzt langsamer und gezielter. Ich merkte selbst erst dabei, wie sehr ich die Schultern während des Sprungs hochgezogen haben musste. Unter ihren Händen löste sich etwas, nur um an der nächsten Stelle wieder zu schmerzen.

Elira beugte sich etwas näher zu mir. „Du bist völlig fertig, Taro.“

„Das hatten wir schon.“

„Und diesmal meine ich nicht nur müde.“ Ihre Fingernägel fuhren durch meinen Nacken, anschließend legte sie beide Hände wieder auf meine Schultern. „Ich brauche dich auf der Station fit. Geh duschen und leg dich hin. Wir haben genug Zeit. Nicht nur du – auch ich muss ausgeschlafen sein, wenn wir dort ankommen.“

Ich öffnete ein Auge und sah zu Vasco.

„Du hast sie gehört“, sagte er.

„Verräter.“

„Ich fliege. Sie schlafen.“

Gegen diese geschlossene Front hatte ich keine Chance.

Die heiße Dusche machte mich nicht wacher. Sie sorgte lediglich dafür, dass ich mich sauber und müde fühlte statt schmutzig und müde. Ich zog frische Shorts an, ließ den Rest liegen und ging ins Schlafzimmer.

Bis zum Bett schaffte ich es noch mit einem Rest von Würde. Dann ließ ich mich einfach nach vorn fallen.

Das Kissen fing meinen Kopf auf. Meine Arme blieben irgendwo daneben liegen. Für einen Moment nahm ich mir vor, mich wenigstens noch unter die Decke zu schieben.

Der Gedanke überforderte mich bereits.

Hinter mir hörte ich Schritte.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst.“

„Mhm.“

„Mehr kommt nicht?“

„Morgen.“

Das Bett senkte sich neben mir. Dann stand Elira wieder auf.

„Bleib liegen.“

„Hatte ich vor.“

Als sie zurückkam, roch ich etwas Kühles, leicht Kräuteriges.

„Was hast du da?“

„Etwas für deine Schulter. Und jetzt halt still.“

Die Matratze bewegte sich, als sie über mich stieg. Einen Augenblick später setzte sie sich rittlings auf mein Po. Stoff strich über meine Haut, dann legte sie beide Hände auf meinen Rücken.

Die Salbe war kalt.

„Kaaalt“

Elira lachte leise. „Du hast einen Sprung fast im Halbschlaf berechnet, aber ein bisschen kalte Salbe bringt dich um.“

Dann begannen ihre Hände zu arbeiten.

Diesmal hatte sie einen besseren Winkel als im Cockpit. Ihre Daumen drückten sich langsam neben meine Wirbelsäule, wanderten nach oben und fanden die verhärteten Muskeln unter den Schulterblättern. Sie nahm sich Zeit, arbeitete mit dem Gewicht ihres Oberkörpers und ließ erst nach, wenn die Spannung unter ihren Fingern nachgab.

Ein Stöhnen entkam mir.

„Da?“

„Genau da.“

Sie drückte fester.

„Au. Nicht *so* genau.“

„Jammerlappen.“

„Sadistin.“

„Stillhalten.“

Ich gehorchte. Nach einigen Minuten konnte ich nicht mehr sagen, wo die Wärme der Dusche endete und die ihrer Hände begann. Mein Nacken sank tiefer ins Kissen. Selbst das Ziehen in der Schulter wurde dumpfer.

Auch Eliras Berührungen veränderten sich.

Ihre Hände suchten nicht mehr ständig nach der nächsten Verhärtung. Manchmal strichen ihre Finger einfach über meinen Rücken, langsam von den Schultern hinab und wieder zurück. Einmal blieb ihre Hand mitten auf meiner Haut liegen.

Zu lange für eine Massage.

Ich sagte nichts.

Sie auch nicht.

Irgendwann nahm sie die Hände weg.

„Dreh dich um.“

Sie hob sich ein Stück an. Ich drehte mich unter ihr auf den Rücken und ließ den Kopf wieder ins Kissen fallen.

Elira senkte sich zurück.

Beide erstarrten wir.

Die Shorts änderten nichts daran, dass sie meine Reaktion genau dort spürte, wo sie auf mir saß.

Ihr Blick schoss zu meinem Gesicht.

„Oh.“

"du wolltest es doch, so wie du mich massiert hast"

Für einen Moment sagte sie gar nichts. Dann erschien dieses langsame Lächeln, das ich inzwischen viel zu gut kannte.

Etwas hatte sich auch bei ihr verändert. Eben hatte sie noch meine schmerzende Schulter behandelt. Jetzt saß sie auf meinem Becken und war augenblicklich selbst bereit. Es gab nichts mehr misszuverstehen und nichts, das wir uns erklären mussten. Ich konnte deutlich ihre Hitze spüren.

Wir kannten uns längst gut genug.

Eliras Hände lagen auf meiner Brust. Sie sah mich an, und für einen Moment war die Entscheidung in ihrem Gesicht fast erschreckend einfach.

Das ist meine Chance.

Sie griff an den Saum ihres Negligés und zog es über den Kopf.

Dann beugte sie sich zu mir.

Ihr Mund traf meinen, zunächst beinahe prüfend. Beim zweiten Kuss war davon nichts mehr übrig. Ihre nackte Brust lag an meiner Haut, vertraut genug, dass mein Körper sich daran erinnerte, bevor mein müder Kopf überhaupt hinterherkam.

Meine Hand fand ihren Rücken.

Elira löste den Kuss nur weit genug, um mich ansehen zu können.

„Taro?“

Ich zog sie wieder zu mir.

Das genügte ihr zunächst.

Sie küsste mich noch einmal, länger diesmal, und ich spürte, wie sie für einige Sekunden tatsächlich versuchte, mich aus der Erschöpfung herauszuholen. Meine Hand zog sie enger an mich. Mein Körper wollte sie. Mein Kopf wollte nur noch Schlaf.

Aber Elira wurde langsamer.

Sie hob den Kopf.

Ich lag ausgestreckt unter ihr, wollte sie und war gleichzeitig so müde, dass meine Lider schon wieder schwer wurden.

Ihr Blick blieb auf meinem Gesicht hängen.

Das Lächeln verschwand.

Sie hätte mich weiterküssen können. Sie wusste es. Ich wusste es vermutlich auch. Es fehlte nicht mehr viel.

Aber sie wäre diejenige gewesen, die mich über die letzte Schwelle zog.

Elira schloss für einen Moment die Augen.

„was mach ich hier“

„Was?“

Sie öffnete sie wieder und sah mich an. Das Begehren war noch da. Gerade deshalb wirkte ihr Blick beinahe ärgerlich.

„Nichts.“

Sie küsste mich noch einmal. Diesmal kurz und weich.

Die Grenze blieb bestehen.

Ganz zurück zog sie sich trotzdem nicht. Sie blieb nackt bei mir, legte sich nur dicht an meine Seite. Ihre Hand strich langsam tiefer, in meine Shorts. Sie wartete ob ich sie abwehrte, ich war viel zu müde dazu und es war viel zu angenehm, als das ich das könnte, ich lies sie gewähren, umarmte sie nur und dämmerte weg.

Eine Weile sagte keiner von uns etwas.

Dann strich Elira mit den Fingerspitzen über meine Wange. Ihr Daumen blieb einen Moment unter meinem Auge liegen.

In ihrem Gesicht lag noch immer ein Anflug von Bedauern.

So kurz davor.

„Na gut“, murmelte sie schließlich. „Dann schlaf du.“

Ihre Hand lag noch an meinem Gesicht, als mir die Augen zufielen.

Als ich die Augen aufschlug, war die bleierne Erschöpfung verschwunden. Das schummrige Notlicht des Schlafraums warf sanfte Schatten an die Decke. Elira lag immer noch da, den Kopf auf meiner Brust, einen Arm leicht über meinen Bauch gelegt. Ihr Atem war ruhig und gleichmäßig. Ich bewegte mich vorsichtig, um sie nicht zu wecken, doch sie öffnete die Augen. Kein schnelles Aufschrecken, kein distanziertes Glattstreichen der Kleidung. Sie sah mich einfach nur an – mit einem Blick, in dem weder die kühle CEO noch die verführerische Frau von letzter Nacht zu sehen war.

„Wie geht es deiner Schulter?“, fragte sie leise. Herbeigeredete Beiläufigkeit, um die Stille zu füllen.

„Besser. Viel besser“, antwortete ich und sah sie an.

Eine Weile sagte keiner von uns etwas. Es lag keine Peinlichkeit über das, was passiert war, in der Luft, aber eine spürbare Veränderung. Uns beiden war klar, dass es längst nicht mehr nur das Dienstverhältnis oder die gemeinsame Bedrohung war, was uns aneinanderband. Da war etwas gewachsen, eine Vertrautheit und tiefe Zuneigung. War es Liebe? Oder einfach das emotionale Treibgut zweier Menschen, die im selben Sturm feststeckten? Keiner von uns konnte oder wollte es in diesem Moment benennen.

Elira lächelte schwach, hob die Hand und fuhr mir mit der Daumenkuppe ganz leicht über die Wange. „Wir sollten das hier nicht verkomplizieren, Taro. Aber ich bin froh, dass du hier bist.“

„Ich auch, Elira.“

Sie nickte leise. Die emotionale Schutzmauer fuhr wieder hoch, aber diesmal fühlte sie sich durchlässiger an.

„Die Pflicht ruft. Wir müssten bald da sein“, sagte sie leise, richtete sich auf und schob die Decke beiseite. Elira ging ins Bad. Ich sah ihrem nackten Körper hinterher, und mir wurde erst jetzt vollkommen bewusst, dass meine Kontrolle komplett weg gewesen war – und dass Elira die Größe besessen hatte, sich rechtzeitig zu bremsen. Mit diesen Gedanken im Kopf, machte ich mich frisch und zog mich an. Diesmal streifte ich den Schulterholster über und überprüfte das Magazin meiner Dienstwaffe. Die Entspannung war vorbei, auf der Nadir-Station würde ich meine Sinne scharf brauchen.

Wenig später erklang Vascos Stimme ruhig über den Lautsprecher im Cockpit: „Wir nähern uns dem Sektor der Nadir-Station. Landeerlaubnis für Dock B-12 liegt vor. Anflug in fünf Minuten.“

Das rege Treiben in den Docks war gewaltig. Der Lärm von hydraulischen Ladekränen, das Zischen von Frachtschotts und das Stimmengewirr in Dutzenden Sprachen machten sofort klar, dass die Nadir-Station nicht umsonst der größte Handelsposten der Grenzwelten war. Für mich war dieses Chaos nichts Neues; ich hatte mit Vasco genug Zeit auf solchen Stationen verbracht, um die Mechanik hinter dem Trubel zu kennen. Für Elira hingegen war es eine völlig fremde Welt. Gott sei Dank hatte sie vorher passende Kleidung angezogen, in ihrem sonstigen eleganten Outfit würde sie hier sofort auffallen. Sie hielt sich dicht bei mir und kassierte von den Vorbeigehenden dennoch mehr als nur einen neugierigen Blick. Wir schoben uns durch das dichte Gedränge der riesigen Hauptlobby, vorbei an fliegenden Händlern, gestressten Frachterpiloten und Gestalten, denen man besser nicht in einer dunklen Gasse begegnete.

Plötzlich summte mein Datapad in der Innentasche der Jacke. Ich zog es heraus. „Auffälligkeit im Sektor C-4 registriert“, meldete sich Vascos Stimme leise über ein optisches Signal auf dem Display. „Gesichtserkennung positiv.“

Ein hochauflösendes Standbild baute sich auf meinem Schirm auf. Es stammte von einer der öffentlichen Überwachungskameras, die eine leicht erhöhte Bar am Rand der geschäftigen Lobby erfasste. An einem der hinteren Tische saß ein Mann im unauffälligen Mantel: Henderson. Ich blieb stehen, packte Elira sanft am Arm und zog sie etwas aus dem Personenstrom an eine Haltesäule.

„Sieh dir das an“, sagte ich und hielt ihr das Datapad so hin, dass nur sie das Display sehen konnte.

Elira beugte sich vor. Zuerst verengten sich ihre Augen, als sie Hendersons Gesicht auf dem Foto erkannte. Doch als ihr Blick auf die zweite Person am Tisch fiel – einen älteren Mann im maßgeschneiderten Anzug, der gerade an einem Glas nippte –, fror ihre Miene völlig ein.

„Das ist nicht möglich …“, flüsterte sie, und die Farbe wich schlagartig aus ihren Wangen. „Das ist van Houten. Mein Geschäftspartner. Der Mann, wegen dem ich überhaupt hier bin.“

Ich nahm Elira am Ellenbogen und lenkte sie sanft, aber bestimmt aus der lauten Hauptlobby in einen ruhigeren Verbindungsgang, der zu den Verwaltungsebenen und den Büros von van Houtens Firma führte. Erst hier, abseits der Blicke der Passanten, blieb ich stehen.

„Er ist nicht wegen irgendeines Rohstoffdeals hier, Elira“, sagte ich leise und sah ihr direkt in die Augen. „Vasco hat die Daten der Sicherheitskameras ausgewertet. Henderson war der Kopf hinter der versuchten Entführung von Lyra. Er hat den Zugriff damals koordiniert.“

Elira erstarrte. Für einen Moment schien ihr der Atem zu stocken, dann schlug die Betroffenheit schlagartig in kalte, mütterliche Wut um. Ihre Augen verengten sich, die Hände ballten sich zu Fäusten.

„Dieser Dreckskerl“, zischte sie, und die gepflegte Fassade bröckelte komplett. Sie machte auf dem Absatz kehrt. „Ich gehe zurück zu dieser Bar. Ich werde ihm eigenhändig—“

Ich griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Nein. Genau das machen wir nicht.“

„Taro, er wollte meine Tochter—!“

„Ich weiß!“, unterbrach ich sie ruhig, aber schneidend. „Aber wenn du jetzt da reinstürmst, richtest du ein Blutbad an und wir erfahren gar nichts. Wir spielen das Spiel weiter. Du gehst wie geplant zu van Houten in sein Büro. Wenn van Houten sauber ist und von Hendersons Treiben nichts weiß, wird er kooperieren. Wenn wir Henderson jetzt aufschrecken, taucht er hier unter.“

Elira atmete tief durch. Ihre Brust hob und senkte sich hastig, während sie innerlich mit ihrer Wut rang. Schließlich nickte sie langsam, auch wenn ihre Kiefermuskeln noch immer angespannt waren.

„Gut“, flüsterte sie. „Wir gehen zu van Houten. Und danach?“

„Das werden wir sehen, wie die Sache läuft. Zur Not können wir ihn immer noch im All stellen. Denn hier kommt er nicht weg, ohne dass die Hafensicherheit das weiß.“

Wir erreichten das Büro im obersten Trakt. Vasco blieb draußen im Gang positioniert, um den Bereich im Auge zu behalten und die Hafensicherheit im Hintergrund auf Bereitschaft zu halten.

Van Houten stand auf, als wir eintraten, und setzte sein gewohntes, glattes Lächeln auf. „Elira, wie schön! Ich dachte schon, Sie—“

Ich gab ihm keine Zeit zur Begrüßung. Ich trat an den Schreibtisch, griff in meine Jacke und zeigte meine Dienstmarke. Van Houten blickte überrascht auf die Marke, dann zu mir. Das Lächeln schmolz blitzartig aus seinem Gesicht.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er irritiert, während Elira schweigend neben mir stand und ihn mit eisigem Blick fixierte.

„Der Mann, mit dem Sie sich vor zehn Minuten in der Bar getroffen haben“, sagte ich ohne Umschweife. „Er heißt Henderson. Und er steht ganz oben auf unserer Liste wegen organisierter Kriminalität und versuchter Entführung.“

Van Houtens Hände fingen leicht an zu zittern. Die Angst um seine Reputation und seine Existenz war ihm auf die Stirn geschrieben. „Ich … ich habe damit nichts zu tun!“, stammelte er panisch. „Er hat Kontakt zu mir gesucht. Er wollte mich schmieren, um illegale Frachtlinien über meine Zertifikate laufen zu lassen! Ich habe ihm noch keine Zusage gegeben, ich schwöre es!“

„Gut für Sie“, erwiderte ich kühl. „Dann kooperieren Sie jetzt.“

Ich ging zum Kommunikator an der Wand und verständigte die Security. Nur fünf Minuten später flackerte Vascos Rückmeldung auf meinem Display auf: Henderson war unten in der Lobby vom Stations-Sicherheitsdienst festgenommen worden. Ohne Aufsehen, ohne Vorwarnung und ohne zu wissen, wer ihn verpfiffen hatte. Van Houten war völlig aufgelöst und packte haarklein aus, was Henderson von ihm verlangt hatte. Henderson wollte van Houtens Logistiknetz nutzen, um unbemerkt Fracht an den Grenzkontrollen vorbeizuschleusen. Als Gegenleistung und Erfolgsprämie hatte Henderson ihm einen einflussreichen Posten im Vorstand von Infinity Laboratories versprochen – Eliras eigener Firma. Henderson ging offenbar fest davon aus, dass Elira bald aus dem Weg geräumt sein würde. Ich ließ Elira bei Vasco im gesicherten Zugangsbereich zurück. Die Sicherheitsbestimmungen der Nadir-Station waren streng: Zivilisten und externe KI-Einheiten hatten im Zellentrakt keinen Zutritt. Für mich war das die perfekte Ausrede, um Elira aus der Schusslinie zu halten.

Als die schwere Stahltür hinter mir ins Schloss fiel, saß Henderson am Tisch der Verhörzelle. Er sah auf, hielt mich offensichtlich für einen Beamten der lokalen Zollbehörde und gab sich direkt selbstsicher.

„Das ist ein Missverständnis“, winkte er ab. „Ich habe lediglich ein paar Frachtkontrakte nachverhandelt. Ein bürokratischer Formfehler, mehr nicht.“

Ich setzte mich ihm gegenüber, legte mein Datapad auf den Tisch und blieb ruhig. „Bürokratie lässt sich regeln, Henderson. Aber das Kartell interessiert die Behörden hier schon länger. Erzählen Sie mir von den Routen und den Absprachen mit van Houten, dann kommen Sie mit einer Geldstrafe und ein paar Wochen Grenzarrest davon.“

Henderson schluckte den Köder. Da er glaubte, es ginge nur um Schmuggel und illegale Handelsrouten, fing er an zu reden. Er nannte Namen, Koordinaten der Umschlagplätze und die Hintermänner, die den Deal im Hintergrund fädelten. Ich ließ das Datapad einfach mitlaufen und zeichnete jedes Wort auf. Erst als er fertig war und sich zufrieden zurücklehnte, sperrte ich die Datei auf dem Pad.

„Sehr schön“, sagte ich leise. „Das nimmt die Zollbehörde sicher gerne zu den Akten.“

Henderson runzelte die Stirn. „Das heißt, ich kann gehen?“

„Nicht ganz.“ Ich beugte mich leicht vor. „Das war das Protokoll für den Schmuggel. Wo Sie jetzt hingehen, gibt es keine Kautionsregelung. Haftbefehl wegen versuchter Entführung der Tochter der Infinity Laboratories-Eigentümerin. Sabotage an einem Schiffsreaktor im zivilen Luftraum, versuchter Mord und Anstiftung.“

Die Farbe wich Henderson schlagartig aus dem Gesicht. Er riss die Augen auf, als ihm klar wurde, dass er sich gerade lückenlos für die Grenzwelt-Behörden geliefert hatte.

„Sie … wer zum Teufel sind Sie?“, stammelte er.

Ich stand auf, steckte das Datapad ein und klopfte zweimal an die Tür, damit der Wärter aufschloss.

„Haben Sie sich nie gefragt, wohin ein Brett Turner so spurlos verschwunden ist? Oder wer dieser Frachterpilot war, dem Sie die doppelte Prämie auszahlen wollten?“

Henderson starrte mich an.

„Moment … der ist gar nicht tot.“

„Und jetzt haben Sie noch ein weiteres Verbrechen gestanden.“

Henderson brauchte zwei Sekunden, bis der Groschen fiel. Das Grinsen schmolz ihm nicht nur aus dem Gesicht, es bröckelte regelrecht weg. Die Vorstellung, Turner und der Pilot seien längst im Vakuum verglüht, war seine beruhigende Lebensversicherung gewesen – und genau die löste sich gerade in Luft auf.

„Sie verdammter …“, setzte er an, während ihm der Kiefer beinahe herunterklappte.

Ich wartete die wüste Beschimpfung gar nicht mehr ab. Die schwere Arretierung der Zellentür entriegelte sich mit einem dumpfen Klacken. Der Stationswärter schob den Kopf herein, blickte kurz auf Henderson, der wie verdunstet auf seinem Stuhl saß, und sah dann zu mir.

„Wir übernehmen den Rest“, brummte der Wärter und deutete mit dem Kinn in den Gang. „Die Übergabe an das Grenzwelt-Gericht ist schon im System.“

Ich trat hinaus in den kühlen Korridor. Die Tür schlug hinter mir zu und sperrte Hendersons Flüche endgültig aus. Als ich den gesicherten Zugangsbereich erreichte, warteten Elira und Vasco an einer der Terminal-Wände. Sie stand kerzengerade da, die Arme verschränkt, doch die Anspannung in ihren Schultern verriet sie. Vasco hatte die Kameraoptik starr auf den Eingang gerichtet.

„Und?“, fragte Elira sofort, als ich auf sie zukam.

„Er sitzt. Und er hat gerade tatsächlich alles zu Protokoll gegeben, was die Behörden brauchen – inklusive der Koordinaten des Kartells und ihrer Umschlagplätze. Er wird die Station so schnell nicht mehr verlassen. Wenn überhaupt je wieder.“

Elira atmete hörbar aus. Es war, als fiele eine tonnenschwere Last von ihr ab. Die Haltung bröckelte kurz, sie machte einen halben Schritt auf mich zu, bremste sich ab und sah mich einfach nur an. In ihren Augen lag eine Mischung aus tiefer Erleichterung und etwas, das sich viel zu persönlich anfühlte für diesen sterilen Stationsgang.

„Danke, Taro“, flüsterte sie.

„Noch sind wir nicht zu Hause“, erinnerte ich sie leise, um den Moment nicht zu sehr ins Unbestimmte abgleiten zu lassen. „Aber den ersten Teil haben wir erledigt.“

Vasco meldete sich kurz mit einem leisen Summen. „Ich habe bereits die Starterlaubnis für Dock B-12 angefordert.“

Ich nickte. „Perfekt. Ab zum Schiff. Keine Verzögerungen mehr.“ Wir schritten zügig durch die Korridore zurück zum Landedeck. Elira sagte kein Wort, aber das Tempo, das sie vorlegte, sprach Bände. Sie wollte weg von dieser Station, weg aus den Grenzwelten, zurück zu ihrer Tochter. Als sich das schwere Druckschott von Dock B-12 hydraulisch öffnete, lag der Jäger vor uns. Das mattgraue Rumpfblech reflektierte das spärliche Licht der Dockbeleuchtung. Ein verlässliches Stück Stahl in einem Meer aus Unsicherheit.

„Erwärme die Manövrierdüsen und bereite das Entkoppeln vor, Vasco“, wies ich an, während wir die Luftsperre passierten und die Schiffsbrücke betraten.

„Systeme laufen hoch. Die Stationskontrolle hat uns Slot Vier für den Abflug zugewiesen“, meldete Vascos ruhige Stimme über die Schiffs-Gegensprechanlage. „Soll ich den Standard-Handelskorridor plotten?“

„Nein“, antwortete ich und schnallte mich im Pilotensitz fest. Elira ließ sich auf den Co-Pilotensitz sinken und zog die Gurte stramm. Ich sah kurz zu ihr rüber. Ihr Blick war fest auf das Hauptdisplay gerichtet. „Wir nehmen die alte Militärroute. Höheres Risiko für Mikrometeoriten, aber da draußen sucht uns niemand.“

„Navigation wird angepasst. Kurs steht“, bestätigte Vasco.

Elira schaute mich fragend an.

„Wenn wir die normale Route nehmen, wird das geloggt. Folglich weiß es auch unser Widersacher. Aber versprich mir, dass du nichts weiter erzählst von dem, was du jetzt zu sehen bekommst.“

Ihr fragender Gesichtsausdruck wurde nicht besser, eher das Gegenteil.

Ein tiefes Grollen ging durch das Schiff, als die Korrekturtriebwerke zündeten und den Jäger langsam von den Kopplungsklammern der Nadir-Station lösten. Die gewaltige Außenhaut der Station schob sich träge an unseren Sichtfenstern vorbei, bis sie im endlosen Schwarz des Alls verschwand. Wir zündeten den Hauptantrieb und setzten Kurs auf den unkartierten Sektor. Der Jäger schoss durch den Hyperraum-Korridor der Militärroute. Die Anzeigen auf der Konsole flackerten grün, als der Ausstiegspunkt kurz vor New Atlantis näher rückte.

Elira starrte auf die taktische Karte, auf der die Militärpräsenz schlagartig zunahm. „Das ist eine gesperrte Zone. Taro, hier wimmelt es von Flotteneinheiten. Wenn uns hier jemand abfängt—“

„Werden sie nicht“, unterbrach ich sie ruhig. „Offiziell existiert diese Passage für Zivilisten nicht. Aber als aktiver Justizbeamter habe ich die Autorisierung, diese Frequenz im Notfall zu nutzen, hab nur mehr Schreibkram danach.“

Ich überbrückte den Bordfunk und peilte die Koordinaten der verschlüsselten Funkboje an, die versteckt im Trümmerfeld vor der Küste von New Atlantis trieb. Meine Dienstkennung pulsierte auf der Konsole.

„Sender aktiv“, meldete Vasco. „Verschlüsselungsprotokoll Alpha akzeptiert. Die Boje überträgt die Sperrverfügung direkt an das Justizministerium am Boden.“

„Was genau macht dieser Befehl?“, fragte Elira und wandte sich zu mir um.

„Er schaltet die Justiz am Boden scharf“, antwortete ich und sah sie direkt an. „Sobald das Signal verarbeitet ist, wird die Zentrale von Infinity Laboratories hermetisch abgeriegelt. Ein automatischer Sicherheits-Lockdown. Niemand kommt rein, niemand raus. Deine Vorstandsmitglieder und die Maulwürfe sitzen fest, bis wir persönlich dort auftauchen.“

Das Raumschiff erschütterte leicht, als wir aus dem Sprung austraten und die Atmosphäre von New Atlantis ansteuerten. Anstatt den großen Raumhafen der Hauptstadtschneise anzufliegen, hielt ich den Jäger tief unter dem zivilen Radar und steuerte einen kleinen, privaten Landeplatz weit außerhalb der Stadtgrenzen an.

„Wir können nicht am Hauptterminal landen, ohne dass Alarm geschlagen wird“, sagte ich. „Wir gehen auf einem alten Frachthafen im Außengürtel runter. Ein Kontakt von mir erwartet uns dort und bringt uns ungesehen in die Stadt.“

Der Jäger setzte mit einem dumpfen Dröhnen der Landekufen auf dem staubigen Beton des abgelegenen Docks auf. Der Jäger rollte kaum aus, als die Rampenverriegelung bereits mechanisch klackte. Draußen auf dem verwaschenen Beton des abgelegenen Außengürtel-Hafens stand Meyer neben einem unmarkierten Einsatzgleiter der Justizbehörde. Dienstkleidung, der Kragen wie gewohnt nicht ganz gerade, die Augenringe tief – der Kerl veränderte sich scheinbar nie. Er wartete nicht einmal, bis wir die Rampe ganz heruntergekommen waren.

„Du weißt wirklich, wie man einen ruhigen Dienstplan ruiniert, Taro“, brummte Meyer zur Begrüßung, ohne lange um den heißen Brei herumzureden. Er nickte Elira knapp zu. „Frau CEO. Das Signal der Boje hat gesessen. Infinity Laboratories ist dicht wie ein U-Boot. Kein Datenstrom raus, keine Türen auf. Aber wir müssen uns beeilen.“

Mit der Autorität von Meyers Streifen-Status ging es im Tiefflug an der zivilen Überwachung vorbei direkt auf den Hauptkomplex von Infinity Laboratories zu. Der Einsatzgleiter setzte sauber auf dem Dach des Hauptgebäudes auf. Von dort aus war es nur ein kurzer Weg durch die verlassenen Executive-Flure zum Büro von Elira. Doch als wir um die letzte Ecke bogen, war der Gang nicht leer.

Am elektronischen Schloss des Vorzimmers machte sich eine Gestalt zu schaffen – ein Überbrückungsgerät in der Hand, um die automatische Sperre der Justiz manuell zu knacken.

„Vasco, Omega!“, rief ich scharf.

Noch im selben Bruchteil einer Sekunde aktivierte Vasco das Personen-Kraftfeld um Elira. Ein blau schimmernder Schutzschirm baute sich dicht um sie auf und hüllte sie vollkommen ein. Dann ging alles sehr schnell. Ich machte zwei schnelle, schwere Schritte vorwärts und überbrückte den Abstand in einem Wimpernschlag. Der Kerl wirbelte herum, Panik im Blick. Ein Schuss knallte durch den Korridor – das Geschoss prallte nutzlos und mit einem grellen Funkenregen von Eliras Kraftfeld ab.

Bevor Roderick Vance den zweiten Schuss abgeben konnte, war ich bei ihm. Ich packte sein Handgelenk, drehte den Arm weg und schlug ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Die Waffe entglitt seinen Fingern und schlitterte mit einem scharfen Metallklackern über den glatten Marmorboden – direkt vor die massiven Füße von Vasco, der sie trocken mit der Fußsohle stoppte.

Vasco hob die Waffe auf, trat näher an den am Boden Liegenden heran und richtete sie auf ihn. Roderick Vance wurde urplötzlich kreidebleich.

„Das … das darf der doch gar nicht! Asimov Regel“, stammelte Vance, während ihm der Angstschweiß auf der Stirn stand.

„Da wäre ich mir nicht so sicher“, erwiderte ich kühl und verstärkte den Druck auf seine Schulter minimal. „Er ist eine Militär-Einheit der Klasse Drei“, sagte ich leise und verschärfte den Druck auf sein Handgelenk knapp bis zur Schmerzgrenze. „Wenn Sie eine Waffe auf eine zu schützende Zivilperson abfeuern, greift bei ihm das automatisierte Notfall-Protokoll zur Gefahrenabwehr. Für ihn sind Sie in diesem Moment kein Verdächtiger mehr, sondern ein aktives Zielobjekt.“

Vance schluckte schwer. Seine Augen flackerten panisch zwischen der Mündung in Vascos Hand und Elira hin und her, die noch immer sicher im transparenten Schimmer ihres Kraftfelds stand.

„Was wollten Sie da drin, Vance?“, fragte Elira. Ihre Stimme klang durch das Feld leicht gedämpft, aber eiskalt.

„Roderick wollte nicht aufräumen“, sagte ich, während ich mit der freien Hand Vances durchsuchte und in der Manteltasche einen verschlüsselten Datenträger fand. „Er wollte Beweise platzieren. Gefälschte Logbücher und manipulierte Überweisungen, die Elira direkt mit den Kartellrouten und der Sabotage in Verbindung bringen. Damit der Vorstand sie rausschmeißen und Infinity Laboratories komplett übernehmen kann.“

Vance zitterte am ganzen Körper. Das kalte Metall von Vascos Waffe direkt vor seinen Augen brach seinen Rest an Widerstand vollkommen.

„Ich habe das für die Firma gemacht“, platzte es aus Vance heraus, während ihm der Schweiß in die Augen lief. „Sie verstehen das große Ganze nicht, Elira! Ihr Mann blockiert im Senat seit Jahren jede Aufweichung der Drogengesetze. Solange diese Gesetze stehen, bleibt Infinity auf niedrigem Aktienkurs.“

Er sah kurz zu mir hoch, völlig gefangen in seiner eigenen Vorstandslogik.

„Wenn Ihr Mann über diesen Skandal stolpert und politisch erledigt ist, kippt die Mehrheit im Senat! Die Gesetzgebung wird gelockert, das Kartell bekommt seine legalen Routen und Infinity stellt die Pharma-Logistik. Das verdreifacht unseren Aktienwert über Nacht! Ich musste die Beweise in Ihrem Büro platzieren, um Sie und Ihren Mann gemeinsam einzulochen. Das war eine rein strategische Entscheidung – alles zum Wohle der Firma und im Sinne unserer Aktionäre!“

Ich sah kurz zu Elira hinüber, schüttelte langsam den Kopf und schaltete die Aufzeichnung auf meinem Datapad aus.

„Glückwunsch, Roderick. Damit haben Sie nicht nur Einbruch und versuchten Mord gestanden, sondern der Justiz auch direkt das Motiv für eine politische Verschwörung auf dem Silbertablett serviert.“

Meyer kam schnaufend um die Ecke gebogen, den Dienstrevolver noch halb im Halfter, die Stirn schweißnass. Er war für diesen Job definitiv ein paar Jahre zu alt und zwanzig Kilo zu schwer.

Er hörte gerade noch die letzten Sätze aus Vances Mund, bevor er stehen blieb und den Mann am Boden verächtlich musterte.

„Ich nehm den dann mal mit“, keuchte der alte Meyer, kramte die scherenartigen Handschellen aus der Koppeltasche und knallte sie Vance ohne große Umstände um die Handgelenke. Vance protestierte nicht einmal mehr, sondern ließ sich wie ein nasser Sack von Meyer auf die Beine ziehen und abtransportieren.

Ich sammelte Vances Datapad vom Boden auf und zog den verschlüsselten Stick aus dem Schloss. „Vasco. Spiegel mir das Zeug. Ich will wissen, wer im Vorstand und im Senat sonst noch auf Vances Gehaltsliste stand.“

„Datentransfer läuft. Dekodierung dauert viereinhalb Sekunden“, meldete Vasco gewohnt trocken. Seine massiven Schnittstellen arbeiteten die Datenmengen in Rekordzeit durch.

Eine saubere Sache, dachte ich. Vance war erledigt, das Kartell geliefert, der Konzern vor der Übernahme gerettet. Alles war gut gegangen. Erst als das Schutzfeld um Elira endgültig erlosch und sie auf mich zustürzte, bemerkte ich die brennende Taubheit in meinem linken Arm. Vances Schuss war nie auf mich gerichtet gewesen. Die Kugel hatte Elira gegolten, und ich war einfach nur im Weg gestanden. Der Querschläger hatte das Gewebe am Oberarm aufgerissen – tief genug, dass dunkles Blut zügig durch den zerfetzten Ärmel sickerte und auf den Marmorboden tropfte.

„Taro!“, rief Elira erschrocken. Sie stützte mich sofort am rechten Arm, um mein Gewicht abzufangen, während die Farbe aus ihrem Gesicht wich. „Du bist getroffen!“

„Ist nur Streifschuss-Kosmetik“, knurrte ich durch zusammengebissene Zähne, auch wenn der Schmerz jetzt mit voller Wucht durch die Schulter zog.

Vasco trat ohne eine Sekunde Verzögerung heran. Seine massiven Greifer öffneten ein medizinisches Fach an seinem Oberschenkel. Mit einer präzisen, schnellen Bewegung presste er ein automatisches Injektionsmodul direkt an meinen Hals.

Ein kurzes Zischen ertönte.

„Schmerzmittel und ein lokaler Blutgerinnungswirkstoff injiziert“, meldete Vasco mit stoischer Ruhe. „Die Blutung steht. Das Gewebe ist taub. Sie besitzen nun etwa vier Stunden Schmerzfreiheit, bevor die Nebenwirkungen einsetzen. Ausreichend Zeit, um das Schiff sicher nach Hause zu steuern.“

Der Wirkstoff von Vasco brannte kurz im Hals, bevor die kühle Taubheit in meinen linken Arm schoss. Der stechende Schmerz wich einem dumpfen Druck, aber das Schwindelgefühl vom Adrenalinabfall blieb.

Elira hielt mich immer noch am rechten Arm fest. Ihre Hände zitterten leicht, während sie das blutgetränkte Tuch betrachtete, das Vasco auf die Wunde gepresst hatte.

„Du hättest nicht dazwischengehen müssen, Taro“, sagte sie leise. Ihre Stimme war brüchig, der Schock über den abgefeuerten Schuss saß ihr tief in den Knochen.

„Der Schuss galt dir“, antwortete ich und bewegte vorsichtig die Finger der linken Hand. „Und mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass du heil nach Hause kommst.“

„Trotzdem …“ Sie sah mich an, und für einen Moment war die gewohnte Distanz zwischen der Infinity-CEO und ihrem Piloten komplett verschwunden.

Vasco unterbrach die Stille mit seinem gewohnt trockenen Surren. „Die Justiz-Einheiten haben die Ebene gesichert. Der Abflug-Korridor ist freigegeben. Ich empfehle, die Station unverzüglich zu verlassen, bevor die Presse vom Vorfall erfährt.“

Ich nickte langsam. „Guter Plan. Ab zum Schiff.“ Gemeinsam mit Elira schaffte ich den Weg zurück zur Landeplattform. Im Cockpit des Jägers ging alles ganz mechanisch. Während Vasco die Startsequenz durchging und das Schiff von New Atlantis hochzog, sanken wir in die Sitze. Sobald der Jäger auf stabilen Kurs ging, fiel der gesamte Druck der letzten Tage schlagartig von uns ab. Die Stille im Schiff war fast greifbar.

Elira löste ihren Gurt, stand auf und holte das Sanitätskit aus der Wandhalterung. „So. Jetzt setzen wir uns nach hinten. Ich schaue mir das genauer an, bis wir zu Hause sind und Selene übernehmen kann.“ Elira knallte das Sanitätskit auf den schmalen Couchtisch im hinteren Teil des Jägers. Das Klappern des Metalls hallte laut durch das Schiff. Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Verschluss aufriss und ein Antiseptikum zusammen mit ein paar Verbänden herausholte.

„Los, Jacke aus“, befahl sie. Ihre Stimme war bemüht fest, doch der Unterton schwankte gefährlich.

Ich winkte ab, lehnte mich zurück auf die weiche Couch und verzog das Gesicht, als der Schmerz kurz durch meine Schulter zog. „Elira, mach kein Drama draus. Das ist nur 'ne Schramme. Wenn Vasco uns gelandet hat, kann Selene sich das ansehen. Sie hat das bessere Händchen dafür.“

Sie fror in der Bewegung ein. Für einen Moment war es mucksmäuschenstill im Schiff, nur unterbrochen vom tiefen, gleichmäßigen Summen des Sublicht-Antriebs. Als sie den Kopf hob, sah ich keine kühle Konzernchefin mehr. Keine Infinity-CEO, die Milliarden-Budgets verwaltete oder politischen Druck weglächelte. Ihre Augen waren schrecklich weit aufgerissen, schwammen voller Tränen, die sie krampfhaft zurückzuhalten versuchte. „Du … du verdammter Sturkopf“, brachte sie heraus. Ihre Stimme brach bei den ersten Worten komplett ein. Eine einzelne Träne stahl sich über ihre Wange, zog eine helle Spur durch den leichten Staub auf ihrer Haut. „Hör auf damit. Hör einfach auf, so zu tun, als wäre das nichts!“

„Elira …“ Ich wollte ansetzen, sie zu beruhigen, hob die gesunde Hand, doch sie schnappte sich das Desinfektionsspray und drückte es mir fast schon gewaltsam gegen die Brust.

„Nein! Du hältst jetzt die Klappe, Taro!“, rief sie, und ihre Stimme überschlug sich fast. Sie strich sich hastig und wütend über die Augen, verrieb die Nässe. „Du hast dich vor mich gestellt! Dieser Kerl hat auf mich gezielt, und du hast dich einfach dazwischengeworfen! Du hättest tot sein können. Und jetzt sitzt du hier und tust so, als hättest du dir nur den Nagel eingerissen!“ Ihre Atemzüge gingen schnell und flach. Die Fassade war nicht nur gebrochen, sie war schlichtweg pulverisiert. Der Schock der letzten Stunden, die Todesangst und die Erkenntnis, dass jemand eine Kugel für sie abgefangen hatte, brachen ungebremst aus ihr heraus. „Ich kann das nicht …“, murmelte sie leise, und ihr Blick flackerte hilflos über meine Schulter. „Ich weiß nicht mal, wie man so was richtig verbindet. Aber du lässt dir ja sonst von keinem helfen. Nicht von mir. Nie.“

Ich sah sie an. Der Spruch, der mir auf der Zunge lag – irgendein trockener Witz über ihre mangelnden Sanitäter-Qualitäten –, starb noch vor den Lippen. Sie meinte das todernst. Da war keine Distanz mehr, keine Maske. Nur eine Frau, die gerade völlig aufgelöst vor mir saß, weil sie Angst um mich gehabt hatte. Ich atmete langsam durch, griff nach dem Saum meiner Jacke und schälte mich vorsichtig heraus. Das dunkle Gewebe an der Schulter war verklebt und feucht, das Hemd darunter tiefrot getränkt.

„Na schön“, sagte ich leise und ließ die Jacke neben mich auf die Bank gleiten. „Du hast gewonnen.“

Elira schluckte schwer. Sie kam näher, kniete sich vor mich auf den Boden und griff nach den Kompressen. Ihre Hände zitterten immer noch heftig, und der dichte Schleier aus Tränen in ihren Augen machte es ihr sichtlich unmöglich, überhaupt etwas zu erkennen. Ich griff in meine Hosentasche, zog ein Stofftaschentuch heraus und nahm ihr Gesicht vorsichtig in die gesunde Hand. Mit dem Daumen wischte ich sanft die Nässe unter ihren Augen weg. Sie verharrte in der Bewegung, der Atem ging ihr stockend.

Ich hielt ihr Kinn sanft fest, beugte mich ein Stück vor und küsste sie behutsam. „Alles ist gut“, flüsterte ich an ihren Lippen. „Es ist vorbei. Wir haben gewonnen.“

Sie blinzelte ein paar Mal, sah mich an und schüttelte langsam den Kopf. „Idiot“, schimpfte sie leise, doch der scharfe Ton war vollkommen verschwunden. Ihre Schultern sackten ein wenig nach unten, als die Anspannung endlich von ihr abfiel. Sie war deutlich ruhiger geworden, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wandte sich wieder der Kompresse zu – diesmal mit wesentlich ruhigeren Händen. Ich ließ sie machen. Nicht unbedingt, weil ich plötzlich Vertrauen in ihre medizinischen Fähigkeiten entwickelt hatte, sondern weil mir langsam dämmerte, dass jeder weitere Protest die Sache nur schlimmer machen würde. Elira löste vorsichtig das blutgetränkte Tuch von meinem Oberarm. Darunter kam der lange, ausgefranste Streifschuss zum Vorschein. Vasco hatte die Blutung gestoppt, aber besonders hübsch sah die Sache trotzdem nicht aus.

„Das nennst du eine Schramme?“

Ich warf einen Blick darauf. „Hab schon Schlimmeres gesehen.“

„An dir?“

„Auch.“

Elira sah mich einen Moment lang an."Schau doch selbst wie tief das geht. Du bist wirklich ein Idiot.“

„Das hatten wir schon.“

„Kann man offenbar nicht oft genug sagen.“

Sie reinigte die Wunde so vorsichtig, wie es ihre noch immer leicht zitternden Hände zuließen. Ich spürte davon kaum etwas. Vascos Injektion wirkte noch immer hervorragend, und abgesehen von einem dumpfen Druck hätte ich den linken Arm genauso gut irgendwo im Cockpit vergessen haben können. Das machte die ganze Aufregung in meinen Augen weiterhin etwas übertrieben. Elira sah das offensichtlich anders. Nachdem sie die frische Kompresse befestigt hatte, blieb ihre Hand noch einen Moment auf meinem Arm liegen. „So.“

Ich betrachtete den Verband. „Sieht professionell aus.“

„Klappe.“

Ich grinste. Sie schüttelte den Kopf, setzte sich neben mich und lehnte sich zurück. Zum ersten Mal seit Tagen gab es nichts mehr, was wir in diesem Augenblick tun mussten. Henderson saß fest. Vance ebenfalls. Die Daten waren bei der Justiz. Infinity Laboratories würde vermutlich die nächsten Wochen damit verbringen, jedes einzelne Vorstandsmitglied umzudrehen und auszuschütteln, aber das war nicht mehr mein Problem. Zumindest nicht heute.

„Vasco?“

„Ja?“

„Wie lange noch?“

„noch achtundzwanzig Minuten bis zur Küstensiedlung.“

„Sag kurz vorher bescheid“

„Nicht notwendig. Ich kann den Anflug selbstständig durchführen.“

„Vasco.“

„Ich werde sie infomieren“

„Danke.“

Elira verdrehte die Augen. „Du könntest ihn auch einfach landen lassen.“

„Könnte ich.“

„Aber?“

„Mein Schiff.“

„Natürlich.“

Ich streckte die Beine aus und schloss die Augen. Wenige Sekunden später spürte ich, wie Elira näher rückte. Diesmal geschah nichts weiter. Ihre Schulter lag an meiner, ihre Hand ruhte locker auf meinem Oberschenkel. Mehr brauchte es auch nicht. Als Vasco mich aufschreckte, fühlte ich mich tatsächlich etwas besser. Zumindest die ersten zehn Sekunden. Ich setzte mich auf, rieb mir mit der rechten Hand übers Gesicht und wollte mich mit der linken am Rand der Couch abstützen. Der Schmerz kam ohne Vorwarnung. Er schoss vom Oberarm bis in die Schulter, heiß und scharf genug, dass mir augenblicklich die Luft wegblieb.

„Verdammte Scheiße.“ Ich zog den Arm reflexartig an den Körper.

Elira war sofort wach. „Was ist?“

„Nichts.“

Sie starrte mich an. „Taro.“

„Die Spritze lässt nach.“

„Das ist für dich nichts?“

Ich antwortete nicht, sondern wartete darauf, dass das Brennen wieder nachließ. Das tat es auch, allerdings wesentlich langsamer, als mir lieb war. „Vasco?“

„Die Wirkung des Analgetikums nimmt erwartungsgemäß ab.“

„Danke. Das habe ich gerade selbst herausgefunden.“

„Ihre Schmerzreaktion bestätigt meine Einschätzung.“

Elira presste die Lippen aufeinander. Ich konnte genau sehen, wie sie versuchte, nicht zu lachen.

„Kein Wort.“

Jetzt grinste sie doch. „Ich habe überhaupt nichts gesagt.“

Ich stand auf. Oder versuchte es zumindest. Beim Hochdrücken spannte ich unwillkürlich die Schulter an, und sofort meldete sich der Arm wieder. Diesmal blieb mir das Fluchen erspart, weil Elira schon neben mir stand und mich an der gesunden Seite festhielt.

„Langsam.“

„Ich kann stehen.“

„Das sehe ich.“

„Dann lass los.“

„Nein.“

Ich sah sie an. Sie sah zurück. Nach ein paar Sekunden gab ich auf.

„Du wirst langsam genauso schlimm wie Selene.“

„Das fasse ich als Kompliment auf.“

„War keins.“

„Ist mir egal.“

Mit ihrer Hilfe ging ich nach vorn ins Cockpit. Dort ließ ich mich vorsichtig in den Pilotensitz sinken und betrachtete die Instrumente. Die Küstensiedlung lag bereits voraus. Von hier oben war sie kaum mehr als ein paar Lichter zwischen dunklem Meer und Küstenlinie. Weiter hinten zeichneten sich die Kuppeln gegen die beginnende Dämmerung ab. Zuhause. Der Gedanke kam inzwischen erstaunlich selbstverständlich.

„Vasco, übergib mir die Steuerung.“

„Manuelle Steuerung wird nicht empfohlen.“

Ich drehte langsam den Kopf zum Lautsprecher.

Elira fing neben mir leise an zu lachen.

„Was ist heute mit euch beiden los?“

„Ihre linke Schulter ist in der Beweglichkeit deutlich eingeschränkt“, erklärte Vasco. „Eine manuelle Landung erhöht das Fehlerrisiko unnötig.“

„Ich fliege hauptsächlich mit rechts.“

„Das ändert meine Einschätzung nicht.“ Ich wollte widersprechen, doch in diesem Moment zog der Schmerz erneut durch meinen Oberarm.

Elira bemerkte es natürlich. „Vasco landet.“

„Elira.“

„Vasco landet.“

Ich sah von ihr zum Steuerknüppel und wieder zurück. „Ihr habt euch gegen mich verschworen.“

„Ja.“

Wenigstens war sie ehrlich. Ich ließ den Kopf gegen die Lehne sinken. „Na schön.“ Der Jäger setzte wenige Minuten später fast beleidigend sanft auf dem Landeplatz auf. Selene wartete bereits, als der Jäger aufsetzte. Sie kam uns entgegen, blieb aber kurz stehen, als wir die Rampe herunterkamen. Ihr Blick fiel zuerst auf meinen verbundenen Arm und gleich danach auf Elira.

„Was ist passiert?“

„Nur ein Streifschuss.“

Selene sah mich an. Dann Elira. „Auf mich wurde geschossen“, sagte Elira leise. „Taro stand dazwischen.“

Damit war meine Erklärung offenbar erledigt. Selene trat zu mir, betrachtete kurz den Verband, wandte sich dann aber wieder Elira zu. Erst jetzt bemerkte ich selbst, wie erschöpft sie aussah.

„Und dir? Wie geht es dir jetzt?“

Elira brauchte einen Moment für die Antwort. „Besser.“ Sie sah zu meinem Arm. „Jetzt zumindest.“

Selene legte ihr kurz eine Hand an den Oberarm. Keine große Geste, nur eine Berührung. „Kommt erst mal rein.“

Ich wollte sagen, dass ich durchaus allein laufen konnte. Genau in diesem Moment meldete sich mein Arm wieder. Selene bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es. „Die Spritze lässt nach?“

Ich nickte.

„Dann rein mit dir.“

Diesmal widersprach ich nicht. Selene kniete sich vor mich und löste vorsichtig den provisorischen Verband. Ihre Miene veränderte sich, als sie die Wunde darunter sah.

„Das ist tiefer, als es von außen aussieht.“

„Vasco hat die Blutung gestoppt.“

„Das sehe ich.“ Ihre Finger tasteten vorsichtig die Haut um die Wunde ab. Als sie eine bestimmte Stelle erwischte, zuckte ich. Selene hob sofort den Blick. „Tut weh?“

„Nein.“

Sie drückte noch einmal ganz leicht auf dieselbe Stelle.

„Scheiße!“

„Dachte ich mir.“

Elira lachte hinter mir auf.

„Du hältst dich da raus.“

„Keine Chance.“

Selene betrachtete die Wunde weiter. Dann bewegte sie meinen Unterarm vorsichtig und beobachtete meine Reaktion. „Finger?“

Ich bewegte sie.

„Handgelenk?“ Auch das funktionierte.

„Gut. Wahrscheinlich nichts an den wichtigen Strukturen. Aber der Muskel hat ordentlich was abbekommen.“

„Also neuer Verband und fertig.“

„Nein.“

„Selene.“

Sie richtete sich auf. „Du wirst den Arm ein paar Tage so wenig wie möglich benutzen.“

„Ein paar Tage?“

„Ja.“

„Das ist ein Streifschuss.“

„Das ist mir vollkommen egal, wie du ihn nennst.“

„Ich muss arbeiten.“

„Nein.“

„Ich habe—“

„Nein.“

Ich sah Elira an. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Diesmal bin ich auf ihrer Seite.“

„Natürlich.“

Selene begann, das Sanitätsmaterial zusammenzusuchen. „Und bevor du auf irgendwelche Ideen kommst: kein Fliegen, kein schweres Heben, kein Herumschrauben am Jäger und kein Heldenspielen.“

„Ich bin Rechtshänder.“

„Herzlichen Glückwunsch.“

„Damit kann ich—“

„Taro.“

Dieser Ton. Ich kannte diesen Ton. Ich lehnte mich zurück und seufzte. „Wie lange?“

„Das entscheide nicht ich.“

Ich hob eine Augenbraue. Selene lächelte plötzlich. Das gefiel mir überhaupt nicht.

„Morgen fahren wir in die Klinik und lassen das ordentlich untersuchen.“

„Wegen einer Schramme fahre ich nicht—“

„Doch.“

„Selene.“

„Du kannst freiwillig mitkommen.“

Sie machte eine kurze Pause. „Oder Elira und ich bringen dich hin.“

Ich sah von einer zur anderen. Elira lächelte. Selene ebenfalls. Irgendetwas sagte mir, dass Widerstand meine Lage nur verschlechtern würde. „Na schön. Ich komme freiwillig mit.“

„Siehst du“, sagte Selene zufrieden. „Geht doch.“

Elira trat neben sie und legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. „Ich glaube, langsam bekommen wir ihn erzogen.“

„Macht euch keine Hoffnungen.“

Selene beugte sich zu mir herunter und küsste mich auf die Stirn. „Erst mal gesund werden. Danach darfst du wieder schwierig sein.“

Nachdem Taro endlich schlief, gingen Selene und Elira auf die Terrasse. Die Medikamente hatten ihn ziemlich schnell aus dem Verkehr gezogen. Für heute würde er zumindest keinen Unsinn mehr anstellen.

Selene setzte sich neben Elira. „Und jetzt zu dir. Wie geht es dir?“

„Mir ist nichts passiert.“

„Das habe ich nicht gefragt.“

Elira schwieg einen Moment und sah hinaus aufs Meer. „Ich habe die Waffe gesehen. Vasco hatte das Schutzfeld schon um mich aufgebaut. Eigentlich hätte mir gar nichts passieren können.“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Und dann wirft dieser Idiot sich trotzdem dazwischen.“

Selene sagte nichts.

„Danach sitzt er da, blutet und macht Witze. Eine Schramme. Nicht der Rede wert.“ Elira lachte kurz auf, aber ihre Stimme hielt nicht ganz. „Ich wusste irgendwann nicht mehr, was ich noch sagen sollte. Ich war so verzweifelt, weil ich einfach nicht zu ihm durchkam.“ Eine einzelne Träne lief über ihre Wange.

Selene wischte sie ihr mit dem Daumen weg. Eigentlich wollte sie die Hand gleich wieder zurücknehmen, doch sie blieb an Eliras Wange liegen. Erst da merkte Selene, wie nahe ihr das ging.

Elira sah sie an und lehnte sich für einen Augenblick fast unmerklich in ihre Hand.

„Er ist dir ziemlich wichtig geworden“, sagte Selene leise.

Elira antwortete nicht sofort. „Ja.“

Mehr brauchte Selene eigentlich nicht.

Trotzdem blieb ihre Hand noch einen Moment.

„Da ist noch etwas“, sagte Elira schließlich.

Selene wartete.

„Auf Nadir. In der Nacht vor unserer Ankunft.“ Elira suchte kurz nach den richtigen Worten. „Taro war vollkommen fertig. So müde, dass von seiner üblichen Selbstbeherrschung nicht mehr viel übrig war.“

Selene sah sie jetzt aufmerksam an.

Elira erzählte ihr von Nadir. Nicht jedes Detail, aber genug. Von Taros Erschöpfung, davon, wie nahe sie sich im Bett gekommen waren und dass seine sonst so sichere Grenze diesmal nicht mehr da gewesen war. Er hatte sie gewollt. Und sie ihn. „Diesmal musste ich aufhören“, sagte Elira leise.

Selene sah sie überrascht an. „Du?“

Elira nickte. „Wenn ich es nicht getan hätte …“ Sie ließ den Satz offen. „Aber leicht war es nicht.“

Eine Weile sagte Selene nichts.

Bisher hatte sie gewusst, dass zwischen den beiden etwas war. Jetzt begriff sie langsam, wie weit es bereits ging. Und Elira hatte sich ausgerechnet in dem Augenblick zurückgenommen, in dem Taro es selbst nicht mehr getan hatte. Vielleicht wegen Quentin. Vielleicht wegen ihrer Abmachung. Und vielleicht auch wegen ihr. Selene wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Also rückte sie näher. Ihre Hand legte sich wieder an Eliras Wange. Diesmal wischte sie keine Träne fort. Ihr Daumen strich einfach langsam über ihre Haut.

Elira sah sie fragend an.

Selene antwortete nicht. Sie zog sie nur ein wenig näher zu sich.

Elira ließ es geschehen. Nach einem Moment lag ihr Kopf an Selenes Schulter. Selene legte den Arm um sie und strich ihr langsam über den Rücken. Eliras Hand fand ihre und verschränkte sich mit ihren Fingern. Diesmal war es nicht mehr nur Trost. Das wussten beide. Aber offenbar musste es auch noch keinen Namen haben. Elira schmiegte sich etwas enger an sie, und Selene ließ die Wange für einen Moment auf ihrem Haar ruhen. Zwischen ihnen war nichts mehr, das erklärt werden musste. Zumindest für diesen Abend.

Am nächsten Vormittag bestätigte die Untersuchung, was Selene bereits vermutet hatte. Die Kugel hatte keinen Knochen getroffen und weder größere Nerven noch Gefäße verletzt. Der Muskel war jedoch tiefer aufgerissen, als ich angenommen hatte. Die Ärztin versorgte die Wunde neu und sah mich anschließend mit genau demselben Blick an, den Selene mir seit gestern zuwarf. „Sie hatten Glück.“

„Das weiß ich.“

„Dann benehmen Sie sich auch entsprechend.“

Ich hörte hinter mir ein leises Räuspern. Selene, Natürlich.

Die Ärztin fuhr fort: „Der Arm wird geschont. Keine Belastung, bis die Wunde stabil geschlossen ist. Der Verband bleibt trocken. Sie bewegen Schulter und Ellenbogen nur so weit, wie es ohne stärkere Schmerzen möglich ist.“

„Wie lange?“

„Wenn alles sauber heilt, können wir die Belastung schrittweise erhöhen. Aber für die nächsten Tage machen Sie mit diesem Arm gar nichts.“

Ich sah auf meinen linken Arm. „Gar nichts?“

„Gar nichts.“

Selene legte neben mir unschuldig den Kopf schief. Ich wusste jetzt schon, dass die nächsten Tage sehr lang werden würden. Auf dem Rückweg von der Klinik war meine Laune nicht wesentlich besser geworden. Der Arm musste geschont werden, der Verband durfte nicht nass werden und für die nächsten Tage sollte ich alles vermeiden, was die Wunde unnötig belastete. Selene hatte sich die Anweisungen angehört, als wären sie persönlich für sie bestimmt gewesen. Elira ebenfalls. Das machte die Sache nicht besser. Wieder in der Siedlung verschwand Elira mit ihrem Kommunikator auf die Terrasse. Sie hatte seit dem Morgen mehrere Nachrichten von Infinity ignoriert. Das ließ sich nicht länger aufschieben.

Selene brachte mich ins Haus und stellte die Medikamente auf den Tisch. „Die nächsten sind in vier Stunden.“

„Ich kann lesen.“

„Sehr schön.“ Damit ließ sie mich tatsächlich allein. Ich sah ihr nach. Vielleicht wurde das doch nicht so schlimm.

Elira stand noch immer auf der Terrasse. Quentin hatte sich sofort gemeldet. Sie erzählte ihm knapp, was geschehen war. Vance war festgenommen worden, die Justiz hatte die Daten und Infinity Laboratories stand unter Untersuchung. Der Finanzchef war ebenfalls in die Sache hineingezogen worden. Noch war nicht klar, was davon übrig bleiben würde, wenn sämtliche Daten ausgewertet waren. Erst danach erzählte sie ihm von dem Schuss.

Selene, die gerade nach draußen gekommen war, blieb stehen.

Elira hatte ihr den Ablauf am Abend bereits erzählt, aber Quentin kannte bisher nur einen Teil davon. „Nein, mir ist nichts passiert“, sagte Elira. Ihr Blick wanderte durch die offene Tür zu mir. „Taro hat den Treffer abbekommen.“

Eine Pause.

„Er hatte Glück. Wir waren heute in der Klinik.“ Wieder hörte sie längere Zeit nur zu. „Ich kann nicht einfach verschwinden, Quentin. Die Firma—“ Sie verstummte.

Selene setzte sich an den Tisch, ohne sich in das Gespräch einzumischen.

Elira ging ein paar Schritte bis zum Geländer. „Ja, das weiß ich.“

Noch eine Pause.

Dann ließ sie die Schultern sinken. „Ein paar Tage.“ Als das Gespräch beendet war, blieb sie noch eine Weile am Geländer stehen.

„Und?“, fragte Selene schließlich.

Elira drehte sich zu ihr um. „Ich soll hierbleiben.“

„Du sollst?“

„Quentin hält es für besser. Solange die Justiz noch alles durchsucht, soll ich mich möglichst aus Infinity heraushalten. Sonst heißt es am Ende noch, ich hätte versucht, Einfluss auf die Ermittlungen zu nehmen.“

Selene nickte. „Klingt vernünftig.“

„Leider.“

Ein schwaches Lächeln huschte über Eliras Gesicht.

„Und er meint, ich könnte ein paar Tage Abstand selbst ganz gut gebrauchen.“

„Klingt noch vernünftiger.“

Elira sah sie an. „Ihr seid heute alle schrecklich vernünftig.“

„Einer muss es ja sein.“

Aus dem Haus kam ein dumpfes Geräusch. Beide Frauen drehten gleichzeitig den Kopf. Ich hatte lediglich versucht, mit einer Hand eine Flasche aus dem oberen Schrank zu holen. Die Flasche hatte gewonnen. Selene stand auf. Elira ebenfalls. Ich betrachtete die beiden durch die offene Tür. Das wurde doch schlimm. Die nächsten Stunden waren vor allem eine Übung darin, Dinge nicht zu tun. Nicht mit links nach etwas greifen. Nicht den Arm über Schulterhöhe heben. Nichts tragen. Nicht an den Verband kommen. Und vor allem nicht vergessen, dass eine Bewegung, die morgens noch problemlos gewesen war, jetzt ziemlich unangenehm enden konnte. Selene kannte mich gut genug, um nicht jedes Mal etwas zu sagen. Elira musste das noch lernen. Anfangs war sie bei jeder falschen Bewegung sofort neben mir. Irgendwann genügte ein Blick von Selene, und sie blieb sitzen.

„Er muss es selbst merken“, sagte Selene einmal.

„Das tut weh.“

„Deshalb merkt er es sich.“

Ich sah von einer zur anderen.

„Ich bin noch im Raum.“

„Wir wissen es“, sagte Selene.

Am Nachmittag wechselte sie den Verband. Elira stand zunächst etwas abseits. Erst als Selene Schwierigkeiten hatte, meinen Arm in einer günstigen Position zu halten, sah sie zu ihr.

„Kannst du mal?“

Elira zögerte nur einen Augenblick. Dann setzte sie sich neben mich und nahm vorsichtig meinen Unterarm. Ihre Hand lag warm unter meinem Ellenbogen, während Selene den alten Verband löste. Es war nichts Besonderes. Trotzdem fiel mir auf, wie selbstverständlich Selene sie einbezogen hatte. Offenbar fiel es Elira ebenfalls auf. Sie sagte nichts. Als Selene fertig war, blieb Eliras Hand noch einen Moment unter meinem Arm, bevor sie ihn vorsichtig auf das Kissen zurücklegte.

„So“, sagte Selene. „Und jetzt lässt du ihn dort.“

„Ich wollte gerade—“

„Ich weiß.“ Damit war die Diskussion beendet. Am Abend stand das nächste Problem vor mir. Ich betrachtete den frisch angelegten Verband und danach die Dusche. Selene lehnte am Türrahmen. „Nein.“

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Du willst duschen.“

„Ja.“

„Allein.“

Ich schwieg. Selene grinste. „Dachte ich mir.“

Elira, die hinter ihr vorbeiging, blieb stehen. „Was ist?“

Selene deutete auf mich. „Er überlegt gerade, wie er mit einem Arm duschen kann, ohne den Verband nass zu machen.“

Elira betrachtete erst mich, dann die Dusche. „Gar nicht.“

„Danke für eure Unterstützung.“

Selene kam herein und zog bereits die Ärmel hoch. „Heute machen wir das zusammen. Morgen sehen wir weiter.“ Elira wollte gehen.

„Bleib ruhig“, sagte Selene. „Eine zusätzliche Hand kann ich gebrauchen.“

Elira blieb stehen. Für einen kurzen Moment wirkte sie unsicherer als den ganzen Nachmittag. Ich bemerkte es, Selene offenbar auch. Sie machte aber nichts daraus.

„Du hältst ihm einfach den Arm“, sagte sie. „Ich kümmere mich um den Rest.“

Damit war die Sache entschieden. Und während ich die beiden ansah, wurde mir langsam klar, dass ein Streifschuss vielleicht doch wesentlich lästiger werden konnte, als ich ursprünglich angenommen hatte. Die erste Dusche verlief ungefähr so, wie man es erwarten konnte, wenn drei Leute versuchten, etwas gemeinsam zu erledigen, wofür normalerweise einer vollkommen ausreichte. Selene hatte meinen Verband sorgfältig mit einer wasserdichten Folie geschützt. Elira sollte eigentlich nur meinen linken Arm aus dem Wasser halten, während Selene mir half. Eigentlich. Schon nach wenigen Minuten waren wir alle drei nass. Ich hatte versucht, mich umzudrehen, Elira war mir ausgewichen und dabei direkt unter den Wasserstrahl geraten. Selene hatte gelacht, einen Schritt zurück gemacht und dabei die Brause so gehalten, dass anschließend auch ich das Wasser im Gesicht hatte. Danach war es ohnehin egal. Eliras Kleidung klebte ihr am Körper, Selene war kaum trockener, und ich stand zwischen beiden und durfte mir anhören, dass das alles nur passiert war, weil ich wieder einmal versucht hatte, etwas allein zu machen. Dabei war die Situation merkwürdig. Nackt kannten wir uns schließlich. Mehr als einmal. Nach allem, was zwischen uns bereits geschehen war, hätte eigentlich keiner von uns einen Grund gehabt, plötzlich verlegen auf den Boden zu sehen.

Trotzdem war das hier anders.

Es war keine Nacht am Strand, kein Bad im Meer und auch keiner dieser Augenblicke, in denen Nähe einfach entstanden war. Es war etwas vollkommen Alltägliches. Selene wusch mir den Rücken, weil ich mit dem verletzten Arm nicht herankam. Elira hielt meinen Arm und passte darauf auf, dass der Verband trocken blieb. Wenn ich mich bewegen musste, stützte mich eine von beiden, während die andere ihr im Weg stand. Anfangs wusste niemand so recht, wohin mit Händen, Füßen und Blicken. Am Ende lachten wir mehr darüber, als dass wir uns noch Gedanken machten. Aus dieser ersten ziemlich chaotischen Dusche wurde in den folgenden Tagen so etwas wie Routine. Der Verband musste trocken bleiben, und solange ich den Arm nicht richtig bewegen konnte, brauchte ich Hilfe. Mal kam Selene mit, mal Elira, manchmal standen wieder beide im Bad. Irgendwann fragte niemand mehr, wer mir half. Auch die anfängliche Unsicherheit verschwand. Selene kannte jeden Handgriff längst. Elira lernte schnell, wo sie mich halten konnte, ohne an die Wunde zu kommen, und ich lernte notgedrungen, dass es wesentlich weniger schmerzhaft war, die beiden einfach machen zu lassen. Selbst die Nacktheit verlor dabei schnell ihre Besonderheit, obwohl es dann und wann zu unbewussten Reaktionen meinerseits kam. Schließlich musste auch der Rest von mir gewaschen werden. Anfangs war mir das noch etwas unangenehm, aber nachdem die beiden wesentlich gelassener damit umgingen als ich, verlor auch das schnell an Bedeutung.

Nicht weil wir Nacktheit vorher nicht gekannt hätten. Aber bisher hatte sie immer zu bestimmten Situationen gehört. Strand, Meer, Pool oder Bett. Jetzt gehörte sie plötzlich zu etwas so Banalem wie einem nassen Badezimmerboden, einem Verband, der nicht nass werden durfte, und der Frage, wer vergessen hatte, ein frisches Handtuch hereinzulegen. Und die Frauen verzichteten ziemlich schnell auf Kleidung, die dabei sowieso nur nass geworden wäre.

Nach ein paar Tagen flachsten wir dabei genauso herum wie beim Frühstück. Und vielleicht war es gerade diese Selbstverständlichkeit, die uns glauben ließ, dass wir inzwischen ziemlich gut wussten, wie wir miteinander umgehen konnten.

Ein paar Tage später hörte Selene wieder Lachen aus dem Bad. Darauf folgte ein spitzer Aufschrei von Elira. „Taro! Du Arsch!“ Selene legte das Pad zur Seite und ging nachsehen.

Schon vor der Tür hörte sie die beiden weiterlachen. Als sie hineinsah, bekam Taro gerade eine Ladung Wasser ins Gesicht. Offenbar hatte Elira ihm die Brause abgenommen und revanchierte sich dafür, dass er sie zuvor mit kaltem Wasser erwischt hatte. Elira stand nackt und tropfnass vor ihm, die Haare klebten ihr im Gesicht. Taro versuchte mit der gesunden Hand, ihr die Brause wieder abzunehmen. Dass ihn die nackte Frau vor ihm nicht völlig kaltließ, war dabei kaum zu übersehen.

Selene blieb an der Tür stehen. Eigentlich, dachte sie, müsste mich das stören. Sie wartete beinahe darauf. Da war ihr Taro, nackt mit einer ebenso nackten Elira unter der Dusche. Sie berührten sich, lachten miteinander und hatten für den Augenblick noch nicht einmal bemerkt, dass Selene in der Tür stand. Und trotzdem kam nichts. Keine Eifersucht. Kein Bedürfnis, dazwischenzugehen. Nicht einmal dieses kleine Ziehen, das sie irgendwann einmal bei sich entdeckt hatte. Stattdessen musste sie grinsen. „Wenn ihr zwei fertig seid, das Bad unter Wasser zu setzen: Der Verband soll trocken bleiben.“

Beide fuhren herum.

Elira hielt noch immer die Brause in der Hand. „Er hat angefangen.“

„Natürlich.“

„Hey.“

Selene schüttelte lachend den Kopf und ging wieder. Erst draußen wurde sie langsamer. Der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Vielleicht hatten sie die ganze Sache komplizierter gemacht, als sie sein musste. Sie selbst hatte sich in den vergangenen Tagen Nähe von beiden genommen, ohne groß darüber nachzudenken. Mal lag sie abends bei Taro, mal saß Elira dicht neben ihr, mal waren sie irgendwann zu dritt auf der Couch gelandet. Berührungen waren selbstverständlich geworden. Warum sollte diese Freiheit eigentlich nur für sie gelten? Taro und Elira mochten sich. Das wusste sie längst. Inzwischen war ihr auch klar, dass es mehr war als bloße Sympathie. Und trotzdem schlichen die beiden noch immer umeinander herum, als gäbe es eine unsichtbare Linie auf dem Boden. Selene sah noch einmal zur Badezimmertür. Sie hatte die beiden gerade zusammen gesehen. Wirklich zusammen. Und es hatte ihr nichts ausgemacht. Damit war für sie eigentlich eine Frage beantwortet. Vielleicht durften die beiden endlich aufhören, ständig so zu tun, als müssten sie sich vor ihr zurückhalten. Am Abend lagen sie wieder zu dritt im Bett. Auch das war in den letzten Tagen zur Gewohnheit geworden. Taro durfte den Arm inzwischen etwas mehr bewegen, trotzdem lag er noch auf dem Kissen. Elira hatte sich auf seiner anderen Seite ausgestreckt. Selene beobachtete beide eine Weile. Tagsüber war alles so einfach gewesen.

Jetzt, wo sie wusste, was sie wollte, hatte sie plötzlich keine Ahnung, wie sie anfangen sollte. Sie rückte näher zu Taro und küsste ihn. Das war einfach. Dann drehte sie sich zu Elira und küsste auch sie. Erst zärtlich, dann etwas länger. Elira erwiderte den Kuss und strich ihr über die Seite. Selene löste sich lächelnd von ihr. Jetzt mussten die beiden es eigentlich nur noch verstehen. Sie wartete. Nichts geschah. Taro sah sie an. Elira sah sie an. Selene küsste Taro noch einmal, danach Elira. Wieder nichts. Offenbar war ihr Plan besser gewesen, solange er nur in ihrem Kopf existiert hatte. Sie musste selbst lachen.

„Was?“, fragte Taro.

„Nichts.“

„Du führst doch irgendwas im Schilde.“

„Vielleicht.“

Elira sah sie ebenfalls fragend an.

Selene überlegte kurz, dann fiel ihr Nadir wieder ein. Vielleicht musste sie deutlicher werden. „Elira, Schatz.“

„Hm?“

„Du hast mir doch erzählt, was auf Nadir passiert ist.“

Taro hob den Kopf. „Was hat sie dir erzählt?“

Selene musste grinsen. „Offenbar mehr, als du noch weißt.“

Elira wurde rot. Das machte es nicht gerade leichter. Selene sah von einem zum anderen. Dann nahm sie Eliras Hand, führte sie langsam zu Taros Mitte und legte sie dort ab. Jetzt begriffen beide. Und trotzdem geschah erst einmal gar nichts.

„Ihr seid unmöglich“, murmelte Selene.

Elira sah sie unsicher an. „Meinst du das wirklich?“

Selene antwortete nicht mit Worten. Sie küsste Elira noch einmal, strich ihr über die Wange und ließ ihre Hand dort liegen. Dann küsste sie Taro. Als sie sich wieder zurücklegte, blieb zwischen den beiden kaum noch Abstand.

Diesmal bewegte sich Elira zuerst. Sie beugte sich zu Taro und küsste ihn. Nur kurz. Fast vorsichtig. Danach sah sie sofort zu Selene. Taro ebenfalls. Selene lächelte. Mehr brauchten sie offenbar nicht. Elira küsste ihn wieder. Diesmal dauerte es länger.

Als sie sich voneinander lösten, kam wieder dieser Blick zu Selene. Nicht mehr ganz so unsicher wie vorher. Selene strich Elira über den Rücken. Alles gut. Beim nächsten Mal war es nur noch ein kurzer Seitenblick. Selene musste lächeln. Endlich. Sie hatte nicht gewusst, wie schwer es sein konnte, zwei Menschen dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie offensichtlich beide wollten. Langsam verschwand die Unsicherheit.

Die Küsse wurden selbstverständlicher, die Berührungen vertrauter. Zwischendurch suchte einer von beiden noch immer Selenes Blick und fand dort dieselbe Zustimmung wie zuvor. Irgendwann hörten auch diese Fragen auf. Zuerst bemerkte Selene es kaum. Eigentlich freute sie sich sogar darüber. Genau das hatte sie gewollt. Kein schlechtes Gewissen mehr. Keine unsichtbare Grenze zwischen ihnen. Kein ständiges Zurückweichen, sobald eine Berührung zu lange dauerte. Die Küsse wurden inniger, Hände wanderten Tiefer, Geräusche wurden lauter.

Taro und Elira konnten endlich einfach zulassen, was längst zwischen ihnen war. Selene lag dicht bei ihnen und beobachtete die beiden. Dann änderte sich etwas. Nicht plötzlich. Es waren ihre Blicke. Taro sah Elira anders an als noch vor wenigen Minuten. Und Elira antwortete ihm genauso. Selene kannte diesen Blick. Sie hatte ihn selbst oft genug gesehen. Nur noch nie von hier. Für einen Augenblick zog sich etwas in ihr zusammen. Sie verstand nicht einmal sofort, warum. Das ist doch genau das, was du wolltest. Sie rückte etwas näher und legte eine Hand auf Taros Rücken. Das Gefühl verschwand wieder. Fast. Die beiden nahmen sie wahr. Elira wandte sich ihr kurz zu, küsste sie und lächelte.

Alles war gut.

Selene entspannte sich wieder. Vielleicht hatte sie sich das nur eingebildet. Doch je länger es dauerte, desto mehr verloren Taro und Elira ihre letzte Zurückhaltung. Aus dem vorsichtigen Ausprobieren wurde etwas, auf das beide offenbar viel zu lange gewartet hatten. Und irgendwann waren die Seitenblicke ganz verschwunden. Selene lag noch immer neben ihnen. Doch da, dieser intensive Blick beim ersten Eindringen, der immer Magisch ist. Jetzt kam der Stich deutlicher. Sie hatte geglaubt, sie müsste damit klarkommen, Taro mit Elira zu teilen. Das tat sie. Das war überhaupt nicht das Problem. Das Problem war, dass sie plötzlich nichts mehr teilte. Für einige Augenblicke gab es nur noch die beiden.

Selene schluckte. Wie bescheuert. Sie selbst hatte das gewollt. Sie hatte die beiden praktisch dazu gedrängt. Also sagte sie nichts.

Taro bemerkte es trotzdem. Vielleicht kannte er sie einfach zu gut. Sein Blick löste sich von Elira und fand ihren. Selene versuchte zu lächeln. Es funktionierte offenbar nicht besonders gut. Taro streckte die gesunde Hand nach ihr aus.

Selene zögerte nur einen Moment, dann nahm sie sie. Elira sah zwischen ihnen hin und her. Auch sie verstand. Sie rückte zu Selene, küsste sie und zog sie näher zu sich. Damit veränderte sich etwas. Selene war nicht mehr diejenige, die danebenlag und zusah. Taro hielt ihre Hand, Elira blieb ihr nahe, und immer wieder suchten beide ihren Blick.

Aus den beiden wurden wieder drei.

Und diesmal fühlte es sich richtig an, selbst den Höhepunkt der Beiden, konnte sie hautnah mit erleben, mit geniessen, ohne sich ausgeschlossen zu fühlen. Später lagen sie eng beieinander. Niemand sagte zunächst etwas. Selene lag zwischen ihnen. Taros Hand ruhte auf ihrer Seite, Elira hatte sich an sie geschmiegt und strich ihr langsam über den Arm. Ausgerechnet die beiden kümmerten sich jetzt um sie, sorgten dafür, das sie nicht zu kurz kam. Selene musste darüber lächeln.

Dann verschwand das Lächeln wieder. „Ich glaube, ich muss mich bei euch entschuldigen.“

Taro hob den Kopf. „Wofür?“

Selene sah erst ihn, dann Elira an. „Ich glaube, ich hab gerade etwas verstanden.“

Elira wartete. Selene brauchte einen Moment. „Es war nicht schlimm, euch zusammen zu sehen.“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Aber irgendwann wart ihr nur noch bei euch.“

Taro sagte nichts. Seine Hand strich langsam über ihre Seite.

„Und ich lag daneben.“

Elira rückte näher. „Selene …“

„Nein.“ Selene schüttelte leicht den Kopf. „Ist schon gut. Wirklich.“ Sie sah wieder zwischen beiden hin und her. „Ich glaube nur …“ Jetzt musste sie selbst kurz lachen. „Scheiße.“

„Was?“, fragte Taro.

Selene verzog das Gesicht. „Hab ich das mit euch auch gemacht?“

Es wurde still. Ein bisschen zu still. Selene sah Taro an.

Dann Elira. Keiner antwortete sofort. „Oh.“

Elira lächelte vorsichtig. „Manchmal vielleicht.“

Selene schloss die Augen. „Scheiße.“

Taro zog sie näher an sich. „Wir haben es überlebt.“

„Darum geht es nicht.“

„Ich weiß.“

Elira legte den Arm um sie.

Selene ließ sich zwischen die beiden sinken. Vielleicht war genau das der Punkt, den sie die ganze Zeit übersehen hatte. Es ging nicht darum, wer wen berühren durfte. Auch nicht darum, wer mit wem schlafen durfte. Es ging darum, dass keiner von ihnen irgendwann nur noch danebenlag.

Selene öffnete wieder die Augen. Taro war da. Elira auch.

Und diesmal achteten beide auf sie. Sie schmiegte sich tiefer zwischen die beiden. Für heute reichte ihr das.

Am nächsten Morgen frühstückten wir im Bett. Nicht, weil irgendjemand auf diese Idee besonders stolz gewesen wäre. Keiner von uns hatte einfach Lust aufzustehen. Also lag das Tablett irgendwann zwischen uns. Elira hatte sich die Decke um die Hüften geschlungen, Selene saß mit zerzausten Haaren an meiner Seite, und ich versuchte mit einer Hand, ein Brötchen aufzuschneiden.

„Gib her.“

„Ich kann das.“

„Das sehe ich.“ Selene nahm mir das Messer weg.

Elira lachte.

„Du bist keine Hilfe.“

„Ich habe auch nicht behauptet, eine zu sein.“

Ein Klecks Marmelade landete auf der Decke. Selene sah ihn an. Dann mich. „Das warst du.“

„Ich hab das Glas nicht mal angefasst.“

„Aber du bist verletzt. Dir kann man es in die Schuhe schieben.“

„Interessante Auffassung von Krankenpflege.“

Elira lachte so sehr, dass sie sich verschluckte. Danach war ohnehin jede Ordnung dahin. Es wurde gekrümelt, gekleckert und gegenseitig vom Teller geklaut. Irgendwann wusste keiner mehr, wem welches Brötchen gehört hatte. Es war einfach schön. Keiner von uns schien das Bedürfnis zu haben, die vergangene Nacht noch einmal auseinanderzunehmen. Was gesagt werden musste, war gesagt worden. Den Rest ließen wir einfach so stehen. Dann meldete sich ein Tab. Elira angelte danach, ohne sich große Mühe zu geben, die Decke wieder hochzuziehen. „Quentin.“

Selene hörte auf zu kauen. Ich ebenfalls. Elira öffnete die Nachricht und überflog sie.

„Er kommt heute Nachmittag.“

„Hierher?“

Sie sah mich an. „Nein, Taro. Auf einen anderen einsamen Küstenstreifen, an dem zufällig seine Frau sitzt.“

Selene prustete los.

„Sehr witzig.“

Elira las weiter. „Er will wissen, was es Neues gibt. Vance, die Ermittlungen, Infinity.“ Ihr Blick wanderte zu meinem Arm. „Und wie es uns geht.“

Kurze Pause. „Dir besonders.“

Das Brötchen in meiner Hand verlor schlagartig seinen Reiz. „Mir?“

„Du hast seine Frau beschützt.“ Selene grinste. „Nachdem du schon seine Tochter gerettet hast.“

Das half überhaupt nicht. Beim letzten Mal hatte Quentin Merrow mir einen Kreditstick in die Hand gedrückt. Ich fragte mich unwillkürlich, was ein Mann einem gab, nachdem man erst seine Tochter gerettet und anschließend eine Kugel für seine Frau abgefangen hatte. Dann fiel mir ein, was ich inzwischen sonst noch mit seiner Frau gemacht hatte. Plötzlich erschien mir ein weiterer Kreditstick als ausgesprochen angenehme Möglichkeit.

Elira beobachtete mich. „Hör auf.“

„Womit?“

„Nachzudenken.“

„Ich denke immer.“

„Genau das ist gerade das Problem.“

Selene sah zwischen uns hin und her. „Was hab ich verpasst?“

„Taro überlegt gerade, ob mein Mann ihn heute Nachmittag umbringen wird.“

„Das habe ich überhaupt nicht gesagt.“

„Dein Gesicht schon.“

Selene biss sich auf die Lippe. Besonders erfolgreich verbarg sie ihr Grinsen damit nicht.

„Freut mich, dass ihr euren Spaß habt.“

Elira rückte näher. „Das macht er nicht.“

Ich sah sie an. „Du klingst ziemlich sicher.“

„Ich kenne meinen Mann.“

Das beruhigte mich nur mäßig. Man konnte selbst kein Kind von Traurigkeit sein und trotzdem ziemlich ungehalten reagieren, wenn ein anderer die eigene Frau angefasst hatte. Elira schien meinen Gedanken schon wieder zu erraten. „Und sollte er doch auf dumme Gedanken kommen, kenne ich auch seine Eskapaden.“

Selene hob interessiert den Kopf. „Oh?“

Elira zeigte mit dem Finger auf sie. „Nein.“

„Ich hab gar nichts gesagt.“

„Aber du wolltest.“

Ich musste lachen. Das mulmige Gefühl blieb trotzdem. Quentin Merrow kam heute Nachmittag. Und plötzlich erschien mir die Aussicht auf einen gemütlichen Tag am Strand gar nicht mehr so gemütlich. Am Nachmittag waren wir wieder halbwegs gesellschaftsfähig. Selene hatte sich angezogen, Elira ebenfalls, und selbst ich steckte wieder in vernünftigen Sachen. Von unserem Frühstück im Bett und allem, was davor gewesen war, hätte ein Außenstehender vermutlich nichts mehr geahnt.

Kurz nach drei meldete Vasco den anfliegenden Jet. Elira ging allein zum Pad, um Quentin abzuholen. Selene und ich warteten an der Station. Wenig später kamen die beiden den Weg herauf. Quentin Merrow sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Gepflegt, aufrecht, beherrscht. Ein Mann, der vermutlich selbst beim Aussteigen aus einem Jet noch aussah, als hätte er gleich einen offiziellen Termin. Elira neben ihm wirkte beinahe wie das Gegenteil. Sie ging lockerer, die Schultern entspannt, und selbst ihre Schritte hatten nichts mehr von der kontrollierten Haltung, mit der sie bei ihrem ersten Besuch aus dem Jet gestiegen war.

„Frau Professor Ward.“ Quentin reichte Selene höflich die Hand. „Schön, Sie wiederzusehen.“ „Ganz meinerseits, Herr Stadtrat.“

Dann wandte er sich mir zu. „Mister Truckle.“ Er lächelte dabei und hielt mir die Hand hin. Ich sah ihn einen Moment länger an als nötig. Dann nahm ich sie. „Herr Merrow.“ Sein Lächeln wurde eine Spur breiter.

Mehr sagte er dazu nicht. Musste er auch nicht.

Selene sah zwischen uns hin und her, sagte aber ebenfalls nichts.

Nach ein paar höflichen Sätzen über den Flug, meinen Arm und die inzwischen etwas ruhigere Lage in New Atlantis wurde Quentin wieder ernster. „Wie geht es Ihnen?“

„Gut.“

Elira schnaubte leise.

Quentin sah zu ihr. „Nicht gut?“

„Er sagt auch gut, wenn er blutet.“

„Ich blute nicht mehr.“

„Du siehst, womit wir uns herumschlagen müssen“, sagte Elira zu ihrem Mann.

Quentin musterte meinen verbundenen Arm. „Genau darüber würde ich gern mit Ihnen sprechen.“

Ich wartete. Er deutete zum Strand. „Hätten Sie etwas gegen einen kleinen Spaziergang? Nur wir beide.“

Da war es. Das mulmige Gefühl vom Frühstück meldete sich augenblicklich zurück. Ich sah zu Elira.

Sie lächelte. Das half erstaunlich wenig.

„Warum nicht.“

Quentin trat bereits in Richtung Strand. Ich folgte ihm. Hinter mir hörte ich Selene leise etwas zu Elira sagen. Beide lachten. Sehr beruhigend. Wir gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander her.

Quentin sah hinaus aufs Meer, dann zurück zu den Kuppeln. „Schön habt ihr es hier.“

„Ruhig.“

„Das meinte ich.“

Wir gingen weiter. Der Wind kam vom Meer und machte das Schweigen zwischen uns auch nicht angenehmer. Quentin schien das nicht zu stören. „Wie hat sich Lyra eigentlich gemacht?“

„Gut.“

Er sah mich von der Seite an. „Nur gut?“

„Was wollen Sie hören?“

„Ob sie schwierig war.“

Ich musste lachen. „Sie ist Ihre Tochter.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

„Doch. Eigentlich schon.“

Jetzt lachte auch er. „Dann war sie schwierig.“

„Manchmal.“

„Das beruhigt mich.“

Ich sah ihn an. „Warum?“

„Weil sie zu Hause immer behauptet, nur ihre Eltern wären schwierig.“

„Vielleicht stimmt auch beides.“

Quentin nickte langsam. „Die Möglichkeit hatte ich bisher nicht in Betracht gezogen.“

Ein paar Schritte später fragte er nach der Lerngruppe, nach den Kuppeln und ob die Studenten tatsächlich freiwillig hier draußen gewesen waren. Völlig belangloses Zeug. Und mit jedem Meter wurde ich nervöser. Der Mann hatte mich gerade mit meinem Ermittlerpsydonym begrüßt und anschließend zu einem Gespräch unter vier Augen an den Strand gebeten. Jetzt redete er über seine Tochter und das Wetter. Entweder hatte ich mir beim Frühstück völlig umsonst Gedanken gemacht. Oder er war verdammt gut darin, jemanden warten zu lassen.

Nach einer Weile wurde Quentin langsamer. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie und wo ich anfangen soll.“

Das überraschte mich. Von Quentin Merrow hatte ich solche Sätze bisher nicht gehört.

Er sah eine Weile hinaus aufs Meer. „Damals, bei Lyra, habe ich mich mit Geld bei Ihnen bedankt. Für Ihre Diskretion. Dafür, dass Sie überlegt gehandelt haben und nicht versucht haben, aus der Sache irgendeinen Vorteil zu ziehen.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Im Nachhinein sieht es fast so aus, als hätte ich Sie dafür bezahlt, dass Sie meine Tochter gerettet haben.“

„So habe ich das nie verstanden.“

„Das weiß ich heute.“

Wir gingen noch ein paar Schritte.

„Aber eigentlich war schon das mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen.“

Quentin blieb stehen. Ich ebenfalls. Er sah kurz auf meinen verbundenen Arm. „Und jetzt haben Sie sich auch noch eine Kugel für meine Frau eingefangen.“

Sein Blick kam zurück zu meinem. „Da brauche ich mit einem weiteren Kreditstick wohl gar nicht erst anzufangen.“ Er streckte mir die Hand entgegen.

Diesmal war da kein Stadtrat. Keine Förmlichkeit und kein Geschäft. Nur ein Mann, dessen Tochter noch lebte und dessen Frau nebenan saß, weil ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war.

Ich nahm seine Hand.

„Danke, Taro.“ Mehr sagte er nicht.

Mehr brauchte es auch nicht. Quentin ließ meine Hand wieder los und sah ein Stück den Strand hinunter. Dann gingen wir weiter. Langsam erst, nebeneinander, dicht am Wasser entlang. Nach einer Weile sagte Quentin etwas. Ich antwortete ihm. Wir gingen weiter. Unsere Stimmen verloren sich zwischen Wind und Brandung. Irgendwann waren nur noch zwei Gestalten am Strand zu erkennen. Dann verschluckte die nächste Biegung der Küste auch die. Als wir zurückkamen, stand die Sonne bereits deutlich tiefer.

„Nein“, sagte Quentin neben mir. „Ich will es nicht wissen.“

Ich sah ihn an. „Gar nicht?“

„Nein.“ Er ging einige Schritte schweigend weiter. „Ich sehe, dass Elira sich verändert hat.“

Vor uns lagen wieder die Kuppeln und dahinter das Pad mit seinem Jet. „Und mir gefällt, was ich sehe.“

Ich wartete. Quentin schüttelte leicht den Kopf. „Lassen wir es dabei.“

Damit konnte ich leben. Eine Weile gingen wir schweigend weiter.

Dann sah er mich von der Seite an. „Eine Sache würde mich allerdings interessieren.“

„Welche?“

„Ob ich Sie irgendwann einmal begleiten könnte.“

Ich blieb beinahe stehen. „Mich?“

„Meine Frau.“

„Ach so.“

Quentin grinste. „Das klang gerade fast enttäuscht.“

„Überrascht.“

„Ich möchte einmal sehen, was sie erlebt, wenn sie mit Ihnen unterwegs ist. Nicht als Stadtrat. Einfach als Begleitung meiner Frau.“

Ich dachte darüber nach. „Wenn Elira damit einverstanden ist.“

„Das dürfte sich herausfinden lassen.“

Wir gingen weiter.

„Und noch etwas.“

„Sie haben heute erstaunlich viele Wünsche.“

„Berufsbedingt.“

Ich musste lachen. Quentin ebenfalls. Dann wurde er wieder etwas ernster. „Falls ich selbst einmal ein Problem habe.“

Ich sah ihn an. „Was für ein Problem?“

„Wenn ich das jetzt schon wüsste, hätte ich vermutlich keins.“

„Auch wieder wahr.“

„Kann ich Sie engagieren?“ Diesmal brauchte ich einen Moment.

„Mich?“

„Ich habe mich erkundigt.“ Das gefiel mir schon wieder weniger.

Quentin bemerkte es.

„Keine Sorge. Besonders gesprächig ist man nicht, wenn es um Sie geht. Selbst Leute, von denen ich eigentlich gewohnt bin, Antworten zu bekommen.“ Er ließ offen, wen er damit meinte. „Aber über die Qualität Ihrer Arbeit scheint erstaunliche Einigkeit zu bestehen.“

Die Station war inzwischen nicht mehr weit entfernt.

„Also?“

Ich sah ihn an. „Wenn Sie ein Problem haben, rufen Sie mich an.“

Quentin nickte. „Gut.“ Damit schien die Sache für ihn erledigt zu sein.

Als wir die Station erreichten, warteten Selene und Elira bereits auf uns. Elira sah erst ihren Mann, dann mich an. „Ihr wart lange weg.“

„Wir hatten einiges zu besprechen“, sagte Quentin.

„Das habe ich mir gedacht.“

Sie musterte ihn kurz. „Dann bist jetzt du dran.“

Quentin nickte. „Infinity?“

„Infinity.“ Mehr brauchte es nicht.

Die beiden verschwanden in der Station und ließen Selene und mich draußen zurück.

Selene sah ihnen nach.

Dann zu mir.

„Und?“

„Was?“

„Zwei Männer laufen ewig am Strand entlang. Da darf man doch neugierig sein.“

„Darf man.“

„Und?“

Ich nahm mit der gesunden Hand die Kiste, die sie neben dem Grill abgestellt hatte. „Was gibt es zu essen?“

„Feigling.“

„Diskret.“

„Ist bei Männern wahrscheinlich dasselbe.“

Ich grinste und stellte die Kiste auf den Tisch. Während Elira und Quentin sich um Dinge kümmerten, die uns nichts angingen, machten wir uns ans Abendessen. Selene hatte Fleisch und Gemüse herausgelegt, dazu Brot und einige Schüsseln, deren Inhalt ich nicht kannte und vorsichtshalber auch nicht hinterfragte. Mit einem Arm war ich allerdings weniger nützlich, als ich gern gewesen wäre. Als Elira und Quentin wieder herauskamen, war der Grill heiß und der Tisch beinahe fertig. Was die beiden besprochen hatten, fragte keiner von uns. Elira wirkte ruhiger als vorher. Quentin dagegen sah aus, als könnte er jetzt tatsächlich eine Pause gebrauchen. Er griff nach einem der Stühle.

Elira nahm ihm die Hand von der Lehne. „Nein.“

Quentin sah sie an. „Nein?“

„Du setzt dich jetzt nicht hin.“

„Ich bin gerade mit deinem Detektiv den halben Strand abgelaufen.“

„Dann bist du ja schon warm.“

Selene grinste.

Quentin sah zu mir, als erwartete er Unterstützung.

Ich hob die gesunde Hand. „Da halte ich mich raus.“

„Sehr vernünftig.“ Elira nahm ihren Mann bei der Hand.

„Komm.“

„Wohin?“

„Ich zeige dir jetzt die Gegend.“

Quentin sah zum Strand. „Die habe ich gerade gesehen.“

„Nicht richtig.“ Sie zog ihn mit sich.

Selene und ich sahen ihnen nach. „Was hat sie vor?“, fragte sie.

„Keine Ahnung.“

Wir bekamen die Antwort, als Elira unten am Wasser stehen blieb. Sie zog ihr Oberteil aus. Quentin blieb stehen. Dann folgte der Rest.

„Ah“, sagte Selene neben mir.

Elira warf ihre Sachen auf einen trockenen Fleck im Sand und lief ins Wasser. Quentin stand noch immer dort. Sie drehte sich zu ihm um. „Was ist?“

Selbst von hier oben konnte ich sehen, wie er den Kopf schüttelte. Dann begann er sich ebenfalls auszuziehen. Der Unterschied zu Elira war kaum zu übersehen. Quentin war so weiß, dass er im Sonnenlicht beinahe leuchtete. Elira dagegen war inzwischen gleichmäßig gebräunt. Selbst von den hellen Kulturstreifen, die mir bei ihrem ersten Besuch noch aufgefallen waren, war nichts mehr zu sehen.

Selene lehnte sich an mich. „Lernfähig.“

„Scheint so.“

Anfangs gingen die beiden nur ins Wasser. Dann spritzte Elira ihn nass. Quentin antwortete. Keine Minute später war von dem Stadtrat, der am Nachmittag aus dem Jet gestiegen war, nicht mehr besonders viel übrig. Sie schwammen, tauchten und alberten herum.

Selene legte einen Spieß auf den Grill. „Ich glaube, das dauert noch.“

„Lass ihnen Zeit.“ Das taten wir.

Irgendwann kamen die beiden wieder aus dem Wasser. Elira sagte etwas zu Quentin und ging anschließend den Weg zur Station herauf. Nackt. Quentin sah ihr hinterher. Dann an sich herunter. Dann wieder zu Elira. „Elira!“

Sie blieb stehen und drehte sich um. „Was?“

Er deutete auf sie. Elira sah an sich herunter. „Ach das.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich hole Handtücher.“ Damit kam sie weiter den Weg herauf.

Quentin stand noch einen Moment am Strand. Dann lachte er.

Als Elira bei uns ankam, schien ihr erst jetzt aufzufallen, dass Selene und ich sie ansahen. „Was?“

Selene drehte einen Spieß um. „Nichts.“

„Gut.“ Elira verschwand in der Station.

Quentin kam inzwischen ebenfalls herauf. Er ging allerdings nicht zur Station, sondern direkt zu seinem Jet.

„Jetzt bin ich neugierig“, sagte Selene.

Ich auch. Quentin öffnete den Gepäckraum und zog eine längliche Tasche heraus.

Als Elira mit den Handtüchern zurückkam, blieb sie stehen. Ihr Blick fiel auf die Tasche. Dann auf Quentin. „Das ist nicht dein Ernst.“

Quentin stellte sie vor sich auf den Boden. „Doch.“

„Du hast ein Zelt mitgebracht?“

„Sieht ganz danach aus.“

Elira starrte ihn einen Moment an. Etwas veränderte sich in ihrem Gesicht. „Das hatten wir seit Jahren nicht mehr.“

„Ich weiß.“

Jetzt war es Quentin, der sie ansah. „Ich dachte, es wäre mal wieder Zeit.“

Elira sagte nichts. Dann begann sie zu lächeln. Nicht das höfliche Lächeln einer Vorstandsvorsitzenden. Auch nicht das Lächeln, das sie in den vergangenen Tagen immer häufiger gezeigt hatte. Dieses hier kannte offenbar nur Quentin. Sie ging zu ihm und küsste ihn.

Selene stieß mich leicht mit der Schulter an. „Ich glaube, wir haben nach dem Essen sturmfrei.“

„Sieht so aus.“

Quentin nahm endlich eines der Handtücher. Das Zelt ließ er neben dem Jet liegen. Aufgebaut wurde später. Erst einmal gab es Abendessen. Wir saßen zu viert vor der Station. Der Grill stand noch zwischen uns und dem Meer, und für eine Weile waren weder Infinity noch Vance oder irgendwelche Ermittlungen ein Thema. Quentin hatte sich umgezogen. Elira nicht. Sie hatte sich lediglich eines der Handtücher umgelegt und offenbar beschlossen, dass das für ein Abendessen am Strand völlig ausreichte. Quentin sah sie immer wieder von der Seite an.

Irgendwann bemerkte sie es. „Was?“

„Nichts.“

„Du schaust.“

„Darf ich meine Frau nicht anschauen?“

Elira zog eine Augenbraue hoch. „Seit wann fragst du vorher?“

Quentin musste lachen.

Selene schob mir währenddessen wortlos meinen Teller etwas näher. „Ich komme da ran.“

„Natürlich.“

„Wirklich.“ Sie schob ihn noch ein Stück näher. Ich gab auf.

Elira sah zu uns herüber. „Er ist ein furchtbarer Patient.“

„Das weiß ich“, sagte Selene.

„Ihr redet über mich, als wäre ich nicht da.“

„Wir wissen, dass du da bist.“

„Das macht es nicht besser.“

Quentin sah auf meinen Arm. „Wie lange?“

„Ein paar Tage.“

Selene und Elira sagten gleichzeitig: „Länger.“

Quentin nickte. „Ich sehe, Sie sind in guten Händen.“

„Zu vielen.“

Selene trat mir unter dem Tisch gegen das Bein. Das Essen zog sich länger hin, als ich erwartet hatte. Nicht weil wir besonders viel zu besprechen hatten. Vielleicht gerade deshalb. Niemand musste irgendwohin. Kein Alarm kam herein, Vasco meldete keine neue Katastrophe, und zum ersten Mal seit Tagen konnte ein Abend einfach nur ein Abend sein. Elira saß dicht neben Quentin. Anfangs fiel es mir kaum auf. Irgendwann schon. Mal lag ihre Hand auf seinem Arm. Dann nahm sie ihm etwas vom Teller, ohne zu fragen. Später saß sie so dicht bei ihm, dass ihre Schulter an seiner lag. Quentin schien nichts dagegen zu haben. Eher im Gegenteil.

Selene bemerkte meinen Blick. Sie sah kurz zu den beiden und dann wieder zu mir. Ein kleines Lächeln. Mehr nicht. Als kaum noch etwas auf dem Grill lag, lehnte Quentin sich zurück und sah zum Strand. „Wir sollten langsam aufbauen.“

Elira folgte seinem Blick. „Wir?“

„Ich hatte nicht vor, allein im Zelt zu schlafen.“

„Ach.“

Quentin stand auf. Elira blieb noch einen Moment sitzen. Dann nahm sie ihr Handtuch ab und legte es über die Stuhllehne. „Dann komm.“

Quentin sah sie an. „Du könntest dir vorher etwas anziehen.“

„Wozu?“

Er öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Selene grinste in ihren Teller.

Quentin schüttelte den Kopf. „Ich glaube, ich muss mich tatsächlich erst wieder an dich gewöhnen.“

Elira blieb vor ihm stehen. „Dann hast du ja die ganze Nacht Zeit.“

Für einen Moment sahen die beiden sich nur an. Dann nahm Quentin die Zelttasche. „Bis morgen.“

„Bis morgen“, sagte Selene.

Elira hob kurz die Hand. Gemeinsam gingen sie den Weg zum Strand hinunter. Wir sahen ihnen nach, bis sie unten beim Wasser waren. Quentin stellte die Tasche in den Sand. Elira sagte etwas zu ihm. Was, konnten wir von hier oben nicht mehr hören. Selene lehnte sich gegen mich. Ich legte meinen gesunden Arm um sie. Unten am Strand begannen zwei Menschen, ein Zelt aufzubauen. Wir blieben oben.

Am nächsten Morgen saßen Selene und ich bereits draußen, als sich unten am Strand etwas bewegte. „Da kommen unsere Ausreißer.“

Ich stellte meine Tasse ab. Elira und Quentin kamen langsam den Weg herauf. Quentin trug die Zelttasche, Elira den Rest. Sie gingen dicht nebeneinander. Mehr musste ich eigentlich nicht wissen. Beide hatten offenbar wenig Schlaf abbekommen.

„Morgen“, sagte Elira.

„Guten Morgen“, sagte Selene.

Quentin stellte die Tasche neben dem Jet ab und sah auf unsere Tassen. „Ist noch Kaffee da?“

„Natürlich.“ Selene stand auf. „Aber ich warne Sie.“

Quentin sah ihr nach. „Wovor?“

Elira begann zu grinsen. „Trink ihn einfach.“

„Das klingt nicht beruhigend.“

„Quini, du bist Stadtrat. Ein Kaffee wird dich nicht umbringen.“

Quentin blieb stehen. Ich sah zu Selene. Selene sah zu mir. Dann sahen wir beide zu Elira. Elira bemerkte es. „Was?“

Quentin dagegen lächelte. „Den Namen habe ich lange nicht mehr gehört.“

Für einen Moment wurde Elira still. Dann legte sie ihm die Hand auf den Rücken. „Dann wurde es Zeit.“

Selene kam mit zwei weiteren Tassen zurück.

Quentin nahm seine, roch daran und sah hinein. „Was ist daran besonders?“

„Probieren“, sagte ich. Er nahm einen Schluck. Sein Gesicht blieb vollkommen unbewegt. Noch einen. Dann sah er in die Tasse. „Der ist wirklich gut.“

„Sag ich doch.“

„Das hast du überhaupt nicht gesagt.“

Elira setzte sich neben ihn. „Aber gedacht.“

Damit waren wir wieder zu viert am Tisch. Selene holte Brot, etwas Obst und den Rest vom Vorabend. Niemand hatte es besonders eilig.

Quentin trank seinen Kaffee und sah hinaus aufs Meer. „Ich verstehe langsam, warum du hierbleiben wolltest.“

Elira lehnte sich leicht gegen ihn. „Nur langsam?“

„Ich bin Politiker. Wir brauchen für manche Erkenntnisse etwas länger.“

Ich verschluckte mich beinahe am Kaffee.

Eine Weile frühstückten wir einfach. Dann stand Elira auf und ging in die Station. Als sie zurückkam, hielt sie einen kleinen Behälter in der Hand. Selene erkannte ihn zuerst. Ihr Blick wanderte zu Elira. Dann begann sie zu grinsen. „Nein.“

„Doch.“

Quentin sah zwischen den beiden hin und her. „Muss ich wissen, worum es geht?“

Elira setzte sich wieder neben ihn und stellte den Behälter vor ihm auf den Tisch. „Das sind Früchte aus einem der Dome.“

„Und?“

„Die nehmen wir mit.“

Quentin musterte sie. „Warum?“

Elira lächelte ihn an. „Die probieren wir zu Hause.“

Selene nahm sehr interessiert ihre Kaffeetasse. Ich tat dasselbe. Quentin sah erst den Behälter an. Dann seine Frau. „Möchte ich wissen, was die machen?“

Eliras Lächeln wurde breiter. „Nein, Quini.“

Sie schob den Behälter zu ihm. „Noch nicht.“

Wir blieben stehen, bis Quentins Jet nur noch ein heller Punkt am Himmel war. Dann war er weg. Selene stand neben mir und sah noch eine Weile hinterher. „Ganz schön ruhig.“

Ich hörte hin. Das Meer. Der Wind. Irgendwo hinter der Station arbeitete einer der Roboter. Sonst nichts. „War es hier nicht immer so?“

„Eigentlich schon.“ Sie sah mich an.

„Komisch.“ Das fand ich auch. Nach all dem Trubel der letzten Wochen fühlte sich die Küstensiedlung plötzlich beinahe leer an.

Mein Terminal meldete sich. Eine Nachricht von Karin. Ich öffnete sie. Das Bild war draußen im All aufgenommen worden. Ihr Frachter schwebte vor der Dunkelheit, an ihm ein gewaltiges Raumschiffmodul befestigt, das das Schiff beinahe klein aussehen ließ.

Darunter stand nur: Meine erste Oversize-Landung.

Ich musste lachen. „Was ist?“, fragte Selene. Ich hielt ihr das Terminal hin. Sie betrachtete das Bild und grinste.

„Scheint, als hätte sie sich eingelebt.“

„Scheint so.“

Ich steckte das Terminal wieder weg. Danach war es wieder still. Selene nahm meine Hand. Wir standen eine Weile einfach nur da und sahen aufs Meer.

„Taro?“

„Hm?“

„Was hältst du eigentlich von Kindern?“

Ich verschluckte mich.

Selene sah mich an.

Ich sah sie an.

Ende.



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