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Die „Traumfrau“ aus dem Inserat (fm:Romantisch, 24601 Wörter)

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Veröffentlicht: Oct 20 2026 Gesehen / Gelesen: 787 / 639 [81%] Bewertung Geschichte: 8.60 (10 Stimmen)
Es begann mit einer Annonce. Eine romantische Erotikgeschichte mit tragikomischer Note über die Höhen und Tiefen einer Partnervermittlung, die nur das Leben schreiben kann. Ehrlich, kompromisslos, erregend. Ein Volltreffer!

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Klicken Sie hier für die ersten 75 Zeilen der Geschichte

selbstverständlich klangen. Oder vielleicht einfach deshalb, weil ich seit Jahren auf genau so ein Angebot gewartet hatte.

Ich war 38 Jahre alt. Nach meinem BWL-Studium hatte ich eine Stelle im Controlling eines Wiener Unternehmens gefunden. Zahlen waren berechenbar. Tabellen waren ehrlich. Budgets ließen sich analysieren, Prognosen erstellen, Abweichungen erklären. Beruflich war mein Leben ordentlich verlaufen.

Privat dagegen ... Privat hatte ich irgendwann aufgehört, Pläne zu schmieden. Vor fünf Jahren hatte sich meine Verlobung aufgelöst. Bis heute konnte ich nicht sagen, ob sie damals plötzlich zerbrochen war oder ob sich die Risse schon lange vorher durch unsere Beziehung gezogen hatten. Jedenfalls war aus der gemeinsamen Zukunft nichts geworden. Träume waren geplatzt. Seitdem herrschte Stillstand. Wieder eine karge Wüste wie schon all die Jahre zuvor.

Nicht ein einziges Date, das zu mehr geführt hätte. Keine Frau, die geblieben wäre. Kein neuer Anfang.

Natürlich hatte ich es versucht. Ich hatte mich auf Dating-Plattformen angemeldet, Profile erstellt, Nachrichten geschrieben, Bilder hochgeladen, wieder gelöscht, neue Bilder gemacht und erneut gehofft. Die Antworten konnte ich an einer Hand abzählen. Die Enttäuschungen längst nicht mehr. Anfragen wurden ignoriert, Treffen kamen nicht zustande, die Annoncen stammten aus halb Europa. Mit der Zeit ertappte ich mich immer häufiger bei dem Gedanken, dass Partnerschaft wohl etwas war, das anderen Menschen leichter zufiel als mir, und ich als ewiger Junggeselle allein bleiben würde. Ich sagte Tinder, Parship und Co enttäuscht für immer Adieu.

Ich war kein Draufgänger. Kein Mann, der mit lockeren Sprüchen Frauen um den Finger wickelte. Ich arbeitete viel, traf meine wenigen Freunde, besuchte meine Eltern, ging gelegentlich ins Kino, radelte aus Spaß durch die Stadt und verbrachte viele, zu viele Abende allein in meiner Wohnung. Nach außen führte ich ein völlig normales, unauffälliges und unaufgeregtes Leben.

Und doch fehlte jeden Tag dieselbe Person, dieses weibliche Wesen, mein Herzblatt. Jemand, der fragte, wie mein Tag gewesen war. Jemand, mit dem man sonntagmorgens gemeinsam Kaffee trinken konnte. Jemand, dessen Lachen die Wohnung erfüllte. Vielleicht war es genau deshalb, weshalb mich dieses Inserat nicht mehr losließ.

Es versprach keine Märchenprinzessin. Keine makellose Schönheit. Keine hoch gewachsene Madame, die sich über Modelmaße oder Luxus definierte.

Sondern eine „sympathische, kurvige Traumfrau“ mit natürlicher Ausstrahlung, die sich selbst als bodenständig bezeichnete, Humor liebte, Zuneigung versprach und sich eine gemeinsame Zukunft wünschte. Vielleicht sogar mit eigener Familie. Instinktiv begann ich, mir auszumalen, wie sie wohl aussah – ihr langes schwarzes Haar, ihr bezauberndes Lächeln, ihre barocken Rundungen. Und ich fragte mich, wie sich der in der Anzeige angepriesene Kuschelsex mit ihr anfühlen würde. Fünf Jahre ohne eine Partnerin waren eine verdammt lange Zeit. Ich sehnte mich nicht nur danach, endlich wieder eine Frau in den Armen zu halten, ihre Wärme zu spüren, einander zu küssen und Zärtlichkeit auszutauschen. Ich vermisste auch die körperliche Liebe – dieses Gefühl, einem geliebten Menschen ganz nah zu sein und sich ihm ohne Worte hingeben zu können. Allein der Gedanke daran ließ mein Herz schneller schlagen, zumal ich in dieser Beziehung geradezu ausgehungert war. Ich spürte ein Kribbeln auf meiner Haut und Schmetterlinge im Bauch.

Ich musste unwillkürlich wieder an den Satz denken: „... lass uns bei einer gemütlichen Zigarette herausfinden, ob es zwischen uns funkt.“ Ich war Nichtraucher. Eigentlich sogar überzeugter Nichtraucher. Eine rauchende Partnerin an meiner Seite war für mich eigentlich ein absolutes No-Go.

Und doch ertappte ich mich bei einem Gedanken, über den ich selbst staunen musste: Wenn ausgerechnet eine Zigarette der Preis dafür wäre, dieser wundervollen, ersehnten Frau begegnen zu dürfen, vielleicht würde ich sie sogar in Kauf nehmen. Mich beeindruckte, dass sie ihr Laster weder verbarg noch sich dafür entschuldigte. Im Gegenteil: Sie sprach es ganz offen an und machte unmissverständlich klar, dass sie jemanden suchte, der sie so akzeptierte, wie sie war. Das fand ich in der heutigen Zeit ausgesprochen mutig. Dass sie sich sogar stolz als Raucherin bezeichnete, war plötzlich kein Knockout-Kriterium und kein Hindernis für ein Kennenlernen mehr. Seltsamerweise imponierte mir gerade diese Ehrlichkeit.

Ich schüttelte grinsend den Kopf über mich selbst. Seit fünf Jahren hatte mich keine Frau mehr innerhalb weniger Minuten derart in ihren Bann gezogen. Dabei kannte ich weder ihren Namen noch ihr Gesicht. Nur ihre Worte. Und seltsamerweise hatte ich den Eindruck, dass genau diese Worte mehr über sie sagten als 100 sorgfältig bearbeitete Profilfotos im Internet.

Ich war tatsächlich geneigt, mir einen Ruck zu geben und auf das Inserat zu antworten. Mein Blick wanderte bereits zum Ende der Anzeige. Wahrscheinlich würde dort – wie üblich – eine Chiffrenummer stehen, an die man einen Brief schicken musste. Ich überlegte sogar schon, ob ich ein Foto beilegen sollte und was genau ich schreiben würde. Nicht zu lang. Nicht zu kurz. Ehrlich, aber nicht verzweifelt. Charmant, ohne aufgesetzt zu wirken. Irgendetwas, das dieser Frau zeigte, dass ihre Worte bei genau dem Menschen angekommen waren, den sie suchte.

Doch dann bemerkte ich den Haken. An der üblichen Stelle stand keine Chiffre. Dort befand sich nur eine Telefonnummer. Keine private Handynummer, sondern jene einer Partnervermittlung, die in einem großen bunten Kasten im rechten oberen Viertel der Zeitungsseite für sich warb.

Ich runzelte die Stirn. Der Name kam mir bekannt vor. Eine der wenigen klassischen Partnervermittlungen, die es offenbar immer noch gab, immerhin mit regionalem Schwerpunkt auf Wien, Niederösterreich und dem Burgenland. Im erwähnten Infokasten präsentierte sie sich als seriöser Begleiter auf dem Weg zur großen Liebe. Diese sei nur einen kurzen Anruf entfernt. Darunter sprang mir ein Satz ins Auge: „Wir sind für Sie auch sonntags erreichbar.“

Mein eben noch so euphorisches Gefühl bekam einen Dämpfer. Mit einem Mal war sie wieder da, meine alte Skepsis. Über traditionelle Partnervermittlungen hatte ich im Laufe der Jahre schließlich einiges gelesen und gehört. Mal berichteten Zeitungen von überteuerten Verträgen, mal zeigten Fernsehsendungen enttäuschte Singles, die viel Geld bezahlt und am Ende doch niemanden gefunden hatten. Manche erzählten von vollmundigen Versprechen und ernüchternden Begegnungen. Andere behaupteten sogar, manche Anzeigen dienten nur dazu, möglichst viele Interessenten anzulocken.

Sofort begann mein Kopf reflexartig wieder, alle möglichen Szenarien durchzuspielen. Was, wenn diese Traumfrau, in die ich mich zu verlieben im Begriff war, überhaupt nicht existierte? Was, wenn sie lediglich ein frei erfundener Köder war, um neugierige Männer wie mich zum Telefonhörer greifen zu lassen? Oder es gab sie tatsächlich, sie entsprach aber überhaupt nicht der Beschreibung. Vielleicht war sie längst vergeben. Vielleicht hatte sie ihre Suche schon beendet. Vielleicht war das Inserat Monate alt und wurde einfach immer wieder geschaltet. Oder sie war in Wirklichkeit ganz anders, als ich sie mir vorstellte.

Ich legte die Zeitung auf den Tisch und verschränkte die Arme. „Jetzt beruhig dich einmal“, murmelte ich zu mir selbst. Der Controller in mir begann sofort, nüchtern abzuwägen. Auf der einen Seite stand meine Begeisterung, auf der anderen meine Vorsicht. Beides hatte gute Gründe.

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fiel mir auf, dass ich im Grunde gar nichts zu verlieren hatte. Selbst wenn sich meine Hoffnungen am Ende zerschlagen sollten: Wäre das wirklich schlimmer als die letzten fünf Jahre? Fünf Jahre, in denen ich gehofft, gesucht und doch niemanden gefunden hatte. Der Text wirkte zudem authentisch, echt und nahbar. Keine perfekte Projektion von Männerträumen, sondern eine Frau mit Ecken und Kanten, kleinen Fehlern, nicht verheimlichten Unzulänglichkeiten, die sie erst so richtig sympathisch machten.

Ich griff erneut nach der Zeitung, überflog die farbenfrohe Infobox der Partnervermittlung ein weiteres Mal und blieb wieder am Schlusssatz hängen: „Wir sind für Sie auch sonntags erreichbar.“

Ich musste einfach lächeln. Es war Sonntag. Genau jetzt. „Ein Anruf kostet nichts“, bestärkte ich mich halblaut.

Eigentlich stimmte das sogar doppelt. Telefonisch würde mich dieser Anruf keinen Cent kosten. Und selbst wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass die ganze Sache nichts für mich war, hätte ich außer ein paar Minuten meiner Zeit nichts eingebüßt. Ich nahm mir vor, das Gespräch ruhig und sachlich zu führen. Ein gesundes Maß an Misstrauen war im gegebenen Kontext gewiss hilfreicher als blinde Leichtgläubigkeit. Aus meinem Berufsalltag war ich es gewohnt, gezielt nachzufragen und mich nicht mit ausweichenden Antworten zufriedenzugeben. Mich interessierte schließlich nur eines: die Frau aus der Annonce. Nicht ein Verkaufsgespräch über eine langfristige Vertragsbindung, nicht die Aussicht auf zahlreiche andere Kandidatinnen in der Kartei und auch nicht die Zusicherung, dass irgendwo dort draußen noch die passende Frau für mich wartete. Ich wollte diese eine kennenlernen!

Ich nahm mein Handy vom Wohnzimmertisch. Noch einmal sah ich auf die Anzeige. Noch einmal las ich die vielversprechenden ersten Worte: „Sympathische, kurvige Traumfrau ...“

Mein Herz pochte. Mein Daumen schwebte einen Moment über dem Display. Dann atmete ich tief durch, tippte die Telefonnummer ein und drückte auf das grüne Hörersymbol.

Ein Stein fiel mir vom Herzen, als nach dem dritten Klingelton endlich abgehoben wurde: „Hi, hier ist Jasmina von der Agentur Frühlingserwachen, deiner Partnervermittlung für Wien, Niederösterreich und Burgenland.“

Die Stimme am anderen Ende der Leitung überraschte mich. Sie klang jung, freundlich und professionell. Nicht aufdringlich, sondern ausgesprochen angenehm, ja sanft. Fast hatte ich den Eindruck, als würde sie mich anlächeln, während sie mit mir sprach.

„Guten Tag“, begann ich etwas unsicher. „Hier ist Magister Andreas Lechner aus Wien.“ Kaum hatte ich meinen Namen ausgesprochen, kam ich mir schon wieder übertrieben förmlich vor.

„Hallo Andreas“, erwiderte sie sofort. Ich räusperte mich.

„Ich rufe wegen der Anzeige Ihrer Agentur in der heutigen Sonntagsausgabe der Kronen Zeitung an. Wegen der Dame, die dort als kurvige Traumfrau beschrieben wird ... und gerne raucht.“ Noch während ich sprach, spürte ich, wie mir die Formulierung etwas peinlich wurde. Ich wirkte augenscheinlich unbeholfen.

„Ah!“, unterbrach Jasmina sofort. „Ich weiß genau, welche Anzeige du meinst.“ Ein leichtes Lachen schwang in ihrer Stimme mit. „Wir waren uns von Anfang an sicher, dass sie einiges an Aufmerksamkeit bekommt.“ Mein Herz machte einen kleinen Sprung. Also existierte sie tatsächlich.

„Offen gesagt“, fuhr ich fort, „hat mir die Anzeige ziemlich imponiert. Sie wirkte sehr ehrlich. Und ... na ja ... sie hat es mir irgendwie angetan. Ich würde sie gerne kennenlernen und deshalb rufe ich bei Ihnen an.“

„Das kann ich gut verstehen“, antwortete Jasmina. „Und übrigens: Bei uns sind alle per Du. Das macht es für alle wesentlich angenehmer.“ „In Ordnung“, erklärte ich mich einverstanden, „dann gerne.“

„Du hast Geschmack, Andreas, denn du hast dir da jedenfalls eine ganz besondere Dame ausgesucht“, fuhr sie fort. Wieder nahm ich diese angenehme Wärme in ihrem Ton wahr. „Das ist unsere Patricia. Eine ganz, ganz Liebe, das kann ich dir versichern. Sie ist wirklich eine sehr sympathische Frau und meint es mit ihrer Partnersuche ernst. Sie hat das Herz am rechten Fleck und sucht eine dauerhafte, ehrliche Beziehung.“

Allein ihren Namen zu hören, löste ein seltsames Kribbeln in mir aus. Patricia. Irgendwie passte er zu dem Bild, das ich mir bereits von ihr gemacht hatte.

„Darf ich fragen, wie alt du bist, Andreas?“

„38.“

„Das passt vom Alter her jedenfalls sehr gut“, bemerkte Jasmina, ohne zu zögern. „Patricia ist 35.“ Ich musste zufrieden lächeln. Ich zwang mich, sachlich zu bleiben.

„Patricia also“, wiederholte ich leise.

„Genau.“

„Darf ich fragen, wo sie wohnt? Und ob sie derzeit wirklich jemanden sucht oder bereits einen Glückspilz in Aussicht hat?“

„In Wien. Die genaue Adresse darf ich dir am Telefon aus Gründen der Diskretion nicht verraten“, antwortete Jasmina. „Die meisten unserer Klientinnen kommen aus Wien oder aus der näheren Umgebung. Und nein, wir schalten grundsätzlich nur Anzeigen von Menschen, die tatsächlich aktiv auf Partnersuche sind. Das ist uns sehr wichtig. Patricia sucht derzeit eine feste Beziehung und hat uns mit der Vermittlung beauftragt.“

Das klang zumindest vernünftig. Eine meiner größten Sorgen war damit vorerst ausgeräumt.

„Das freut mich, zu hören“, gestand ich. „Denn ehrlich gesagt würde ich Patricia wirklich gerne persönlich kennenlernen.“

„Das ist natürlich möglich. Und da ihr beide in Wien lebt, auch nicht mit unüberwindbaren Hindernissen verbunden“, erwiderte Jasmina. Das war zumindest eine Erleichterung. Keine Fernbeziehung quer durch Österreich, keine stundenlangen Reisen an jedem Wochenende. „Bevor wir allerdings einen Kontakt herstellen können, müssen wir dich zuerst kennenlernen.“

Da war sie also. Die nächste Hürde.

„Wie genau läuft das ab?“

„Ganz unkompliziert. Du kommst bei uns im Büro vorbei, wir nehmen deine Daten auf, sprechen über deine Vorstellungen und machen uns ein Bild von dir. Schließlich möchten wir auch sicherstellen, dass du zu Patricias Wunschprofil passt. Wenn wir den Eindruck haben, dass das grundsätzlich harmonieren könnte, stellen wir den Kontakt her.“

„Verstehe.“

„Und umgekehrt natürlich auch.“

Ich musste lächeln. Das klang fair. Der Controller in mir dachte: „Erst die Prüfung, dann die Freigabe.“

„Wann wäre das möglich?“ Ich war selbst überrascht, wie schnell ich diese Frage stellte. Offenbar hatte ich meine Entscheidung längst getroffen. „Vielleicht sogar noch heute?“

Am anderen Ende raschelte es kurz, vermutlich blätterte Jasmina durch ihren Terminkalender. „Lass mich kurz schauen ... Ja, das müsste sich ausgehen. Wir hätten heute um 16 Uhr noch einen Termin frei.“

Ich blickte automatisch auf die Uhr. Es war kurz nach 11. Fünf Stunden noch. Genug Zeit also, um zu duschen, mir etwas Ordentliches anzuziehen und mich innerlich auf das vorzubereiten, was ich da eigentlich vorhatte.

„16 Uhr passt.“

„Perfekt. Dann notiere ich dich. Unsere Agentur befindet sich übrigens sehr zentral gelegen in der Mariahilfer Straße. Die Adresse findest du auch in unserem Inserat in deiner Zeitung. Das Gespräch dauert ungefähr eine Stunde. Ich nehme an, das ist deine erste Erfahrung mit einer klassischen Partnervermittlung.“

„Ja“, gab ich zu. „Bis jetzt habe ich mein Glück eigentlich nur über Dating-Plattformen versucht.“

„Dann erkläre ich dir den Ablauf ganz in Ruhe, wenn du da bist. Denn die sind mit unserer professionellen, hocheffizienten Arbeit und persönlichen Betreuung nicht zu vergleichen. Das Erstgespräch ist völlig unverbindlich. Danach kannst du in aller Ruhe entscheiden, ob du den Weg über unsere Agentur weitergehen und Patricia treffen möchtest.“

„Dann sehen wir uns heute Nachmittag“, verabschiedete sie sich freundlich.

Für einen Moment wusste ich nicht recht, was ich noch sagen sollte.

„Und Andreas?“

„Ja?“

„Mach dir nicht zu viele Gedanken.“

Wieder hörte ich dieses warme Lächeln in ihrer Stimme.

„Patricia ist wirklich etwas Besonderes. Ich denke, sie wird dir gefallen. Eine süße Frau zum Verlieben. Mehr will ich nicht verraten.“

Nachdem das Gespräch beendet war, blieb ich noch einige Sekunden regungslos sitzen und starrte auf mein Handy. Mir war warm ums Herz und ich war überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Patricia. Aus dem anonymen Inserat war ein realer Mensch mit konkretem Namen und ersten Konturen geworden. Natürlich war mir bewusst, dass ich bisher nur ein paar Zeilen in einer Zeitung und die freundliche Beschreibung einer Vermittlerin kannte. Eigentlich viel zu wenig, um sich ein Urteil über einen Menschen zu bilden. Doch ich war optimistisch gestimmt. Und um 16 Uhr würde ich den ersten Schritt setzen, um herauszufinden, ob hinter der „Traumfrau“ aus dem Inserat tatsächlich die Frau meines Lebens verborgen war, nach der ich mich all die Jahre gesehnt hatte.

Kapitel 2

Kurz vor 16 Uhr stand ich vor dem noblen Gründerzeithaus in der Mariahilfer Straße. Ich hatte mich ungewöhnlich gut herausgeputzt. Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, gestreifte Krawatte, frisch rasiert. Sogar meine Schuhe hatte ich im Vorfeld noch einmal auf Hochglanz gebracht. Wahrscheinlich war das übertrieben. Schließlich stand kein Bewerbungsgespräch bevor und auch kein Rendezvous. Zumindest noch nicht. Trotzdem wollte ich gepflegt erscheinen und einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen, zumal ich Jasmina als eine Art Gatekeeper betrachtete, um einen Begriff aus der Wirtschaftssprache zu verwenden. Immerhin würde sie Patricia hoffentlich wohlwollend von mir erzählen und so ein Treffen mit meiner Herzdame ermöglichen, dachte ich mir.

Mit klopfendem Herzen verzichtete ich, sportlich wie ich war, auf den Lift und stieg die breite Altbautreppe in den zweiten Stock hinauf. Das Stiegenhaus war erst vor Kurzem renoviert worden. Heller Steinboden, schmiedeeisernes Geländer, dezente Beleuchtung – alles wirkte gediegen und gepflegt.

Vor einer schlichten, undurchsichtigen Glastür mit dem geschwungenen Logo „Agentur Frühlingserwachen“ blieb ich stehen. Darunter stand in eleganten silbernen Lettern: „Partnervermittlung für Wien, Niederösterreich und Burgenland“.

Ich warf einen letzten Blick auf meine Armbanduhr. 15:58 Uhr. Pünktlichkeit war mir wichtig. Ich atmete ein letztes Mal tief durch und drückte auf die Klingel. Nur wenige Sekunden später summte der elektrische Türöffner. Ich trat ein.

Direkt hinter dem Eingang befand sich ein kleiner Warteraum, der mich unwillkürlich an eine Arztpraxis erinnerte. Zwei schlichte Besucherstühle standen dort, dazwischen ein runder Beistelltisch mit einem Stapel Zeitschriften darauf. An der Wand ragte ein großflächiges, eingeglastes Poster mit einem äußerst fotogenen jungen Paar in Umarmungspose und dem in Magenta gehaltenen Untertitel „In Liebe vereint dank Agentur Frühlingserwachen“. Ansonsten war der Raum erstaunlich nüchtern. Weiße Wände, heller Parkettboden, eine Topfpflanze in der Ecke.

Noch ehe ich mich richtig umsehen konnte, öffnete sich eine Tür am Ende des kleinen Ganges einen winzigen Spalt. „Hallo Andreas!“, hörte ich Jasminas Stimme. „Schön, dass du da bist. Gib mir bitte noch zwei Minuten. Ich bin gerade noch in einem Telefonat. Mach es dir inzwischen einfach gemütlich.“ „Natürlich“, antwortete ich. Die Tür schloss sich wieder.

Gleich darauf drang ihre gedämpfte, emotional erregte Stimme aus dem dahinterliegenden Büro. Offenbar führte Jasmina ein recht lebhaftes Ferngespräch. Einzelne Wortfetzen konnte ich zwar verstehen, den Zusammenhang jedoch nicht. Ich wollte auch nicht lauschen und mich in fremde Angelegenheiten einmischen, die mich nichts angingen. Trotzdem machte mich jede zusätzliche Minute des Wartens nervöser.

Ich setzte mich auf einen der Stühle und griff nach den Zeitschriften auf dem Tisch. Obenauf lagen einige bunte Illustrierte mit seichtem Prominentenklatsch, Mode, Kochrezepten und Fernsehgeschichten – genau jene billigen Magazine, die man gefühlt in jedem Wartezimmer fand. Darunter entdeckte ich jedoch zwei Pornomagazine mit freizügigen Titelbildern, aufreizenden Posen und auffallend viel nackter Frauenhaut. Ich zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Ich warf aus Neugier einen kurzen Blick hinein, legte sie alsbald aber kommentarlos wieder zurück.

Irgendwie passte das für mich nicht zu einer Partnervermittlung, die sich Seriosität auf die Fahnen schrieb und versprach, Menschen auf moderne und erfolgversprechende Weise zur großen Liebe zu führen. Vielleicht hatte irgendein Kunde die Hefte mitgebracht und hier liegen lassen. Womöglich gehörten sie aber auch ganz selbstverständlich zur Ausstattung, um männlichen Klienten mit einer erregenden Lektüre die Zeit des Wartens zu verkürzen, in gelöste Stimmung zu versetzen und dadurch die Hemmschwelle für das folgende Beratungsgespräch zu senken.

Selbst wenn Letzteres tatsächlich so beabsichtigt war – auf mich machte das jedenfalls keinen besonders niveauvollen oder vertrauenerweckenden Eindruck.

Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich schließlich die Tür und Jasmina betrat die Bildfläche.

„Entschuldige bitte die Wartezeit, Andreas.“

Als ich sie in ihrer vollen Erscheinung sah, blieb mir einen Augenblick lang die Luft weg und für einen kurzen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte.

Sie war vielleicht Anfang 30, etwa einen halben Kopf größer, als ich erwartet hatte, und wirkte ausgesprochen attraktiv. Nicht die künstliche Schönheit aus Hochglanzmagazinen, sondern eine Frau mit natürlicher Ausstrahlung und einem ansteckenden Lächeln, das den ganzen Raum heller machte. Ihr langes, dunkelbraunes Haar fiel in sanften Wellen über die Schultern. Die leicht olivfarbene Haut und ihre dunklen, mandelförmigen Augen verrieten eine südosteuropäische Herkunft, wie man sie in Wien häufig fand, ohne dass ich sie genauer hätte einordnen können. Ihre Gesichtszüge waren weich und harmonisch, ihre Lippen dezent geschminkt, das Make-up insgesamt geschmackvoll und unaufdringlich.

Sie trug ein cremefarbenes Seidenoberteil unter einem taillierten schwarzen Blazer, dazu einen knielangen dunklen Lederrock und elegante Pumps mit moderatem Absatz. An ihrem linken Handgelenk blitzte eine schlichte silberne Armbanduhr auf, an den Ohren funkelten kleine Perlenstecker, ihren Finger zierte ein Edelsteinring. Nichts an ihr wirkte überladen oder protzig. Alles war sorgfältig aufeinander abgestimmt und strahlte eine angenehme Mischung aus Professionalität, Weiblichkeit und Selbstbewusstsein aus.

Als sie näher kam, nahm ich einen dezenten, warmen Duft wahr – ein hochwertiges Parfum mit einer leicht orientalischen Note, das erstaunlich gut mit dem feinen Tabakgeruch harmonierte, der sie unaufdringlich umgab.

Spontan schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Wäre ich Jasmina irgendwo privat begegnet und wäre sie nicht ausgerechnet die Partnervermittlerin, sondern selbst auf Partnersuche gewesen, hätte ich mich wohl sofort für sie interessiert. Sie war genau der Typ Frau, den man als begehrenswert bezeichnen würde, jener Typ, dem wohl viele Männer kaum widerstehen hätten können. Dass ausgerechnet sie anderen Menschen half, die große Liebe zu finden, erschien mir plötzlich beinahe ironisch.

Sie lächelte offen und streckte mir die Hand entgegen.

„Andreas Lechner“, schoss ich hervor.

„Ich bin Jasmina ... Draganic. Freut mich, dich persönlich kennenzulernen, Andreas. Tut mir leid, dass du kurz warten musstest. Das Telefonat hat leider etwas länger gedauert als geplant. Aber nun sind wir ungestört.“

„Kein Problem“, erwiderte ich und schüttelte ihre Hand.

„Komm einfach mit.“ Ich folgte ihr durch den kleinen Gang in ihr Büro.

„Schön, dass es sich einrichten ließ, dass du mich so kurzfristig empfängst. Du arbeitest allein hier?“

„Nein, insgesamt sind wir drei Vermittlerinnen hier in der Agentur, aber sonntags ist immer nur eine von uns da. Ich habe dieses Wochenende Journaldienst.“

Der Raum war funktionell eingerichtet. Ein großer Schreibtisch, zwei Besucherstühle, ein Aktenschrank und an der Wand mehrere gerahmte Fotos lächelnder Paare, offenbar ehemaliger Klienten, die hier ihr Glück gefunden hatten. Hinter dem Schreibtisch blieb Jasmina stehen und deutete auf einen der Besucherstühle.

„Nimm bitte Platz. Möchtest du einen Nespresso? Kaffee hilft meistens gegen die erste Nervosität.“

„Sehr gerne. Danke.“

Ich setzte mich. Während die kleine Kaffeemaschine leise zu arbeiten begann, ließ ich den Blick über ihren Schreibtisch schweifen. Sofort stach mir der für sie leicht erreichbar positionierte große Glasaschenbecher ins Auge. Er war bereits mit etlichen ausgedrückten Zigarettenstummeln gefüllt. Eine weitere Zigarette glomm noch schwach vor sich hin, ehe die Glut schließlich erlosch. Daneben lagen eine Packung Marlboro Red und ein schweres, goldenes Feuerzeug.

Offenbar blieb mein Blick einen Moment zu lange daran hängen und ich musste reflexartig die Nase rümpfen, als ich merkte, dass die Luft im Zimmer schon merklich mit Rauch gesättigt war, obwohl das Fenster gekippt war. Jasmina registrierte es sofort und lächelte entschuldigend.

„Du bist Nichtraucher, oder?“ Ich nickte überrascht.

„Sieht man mir das so deutlich an?“

„Eigentlich schon“, bemerkte sie schmunzelnd, während sie mir die Kaffeetasse reichte und sich zu mir setzte. „Ich habe eine recht gute Menschenkenntnis. Die braucht man in meinem Beruf. Fast alle Nichtraucher starren als Erstes ungläubig auf den Aschenbecher und fragen sich, wie eine so attraktive Frau so viel rauchen kann. Das hat mir einmal ein Kunde ganz offen gestanden.“

Sie nahm eine frische Zigarette aus der Schachtel zwischen zwei Fingern.

„Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich während unseres Gesprächs rauche.“

„Nein, überhaupt nicht.“

Sie lächelte charmant und griff zum Feuerzeug, um sich die Zigarette anzuzünden.

„Prima. Patricia ist nämlich eine genauso leidenschaftliche Raucherin wie ich. Als sie wegen ihres Inserats hier war, haben wir gemeinsam einige Zigaretten geraucht, uns dabei zwanglos unterhalten und den Text ausgearbeitet. Ich habe eine sehr treffende Beschreibung von ihr hinbekommen. Ich denke, ich habe sie in diesen wenigen Zeilen ziemlich genau eingefangen. So ist Patricia eben – wie sie leibt und lebt. Es freut mich, dass dich die Anzeige angesprochen hat. Das ist schon einmal eine ausgezeichnete Ausgangsbasis für euch beide.“

Jetzt, wo Jasmina aktiv rauchte, nahm die Tabakkonzentration im Raum spürbar zu und die Luft wurde zunehmend stickiger. Als sie vom Beratungsgespräch mit Patricia erzählte, stellte ich mir unweigerlich die Frage, wie verqualmt das Büro wohl gewesen sein musste, als die beiden hier gemeinsam eine Zigarette nach der anderen konsumiert hatten.

„Genau deshalb bin ich hier“, griff ich ihre letzte Bemerkung über die ausgezeichnete Ausgangsbasis auf, um zu meinem Kernanliegen zu gelangen. „Ich bin von dieser Frau hochgradig fasziniert. Ihre Worte haben etwas in mir ausgelöst und ich möchte sie unbedingt kennenlernen.“

„Ich weiß, Andreas.“ Jasmina lächelte und lehnte sich etwas zurück. „Und ich habe dir versprochen, dir in Ruhe zu erklären, wie wir arbeiten und euer Kennenlernen ablaufen wird.“

Sie zog genussvoll an ihrer Zigarette und ließ den inhalierten Rauch nach einer kurzen Pause langsam zwischen ihren roten Lippen entweichen. Es war ein an sich völlig alltäglicher Vorgang, der sich im Laufe unseres Gesprächs in beinahe mechanischer Regelmäßigkeit wiederholen sollte. Trotzdem ertappte ich mich dabei, ihn jedes Mal aufs Neue gebannt zu beobachten. Vielleicht lag es daran, dass Jasmina dabei eine solche souveräne Selbstverständlichkeit ausstrahlte, dass es lässig, ja beinahe cool wirkte. Vielleicht aber auch daran, dass ich das Rauchen bei einer so aufreizenden Frau unbewusst als erstaunlich sinnlich empfand.

„Es läuft bei uns nämlich nicht so wie bei den großen Online-Plattformen, wo zwei Menschen eine Telefonnummer oder eine E-Mail-Adresse erhalten und danach mehr oder weniger auf sich allein gestellt sind. Genau das ist ja für unzählige Partnersuchende das eigentliche Problem. Man schreibt einander Nachrichten, investiert Zeit, Hoffnung und manchmal auch Gefühle – und am Ende verläuft alles, wie du selbst erfahren musstest, oft sehr schnell im Sand. Schon bald ist die ersehnte Traumprinzessin nämlich für immer verschwunden. Plötzlich bleibt eine Nachricht unbeantwortet, sie meldet sich nicht mehr oder ist längst mit mehreren weiteren Interessenten im Kontakt.“ Sie ließ einen kurzen Moment verstreichen. „Das ganze System ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.“

Ich hielt kurz inne und verschluckte mich beinahe an meinem Kaffee. Die Aussage klang erstaunlich radikal, doch gleichzeitig musste ich zugeben, dass sie sich mit meinen eigenen Enttäuschungen deckte und somit einen wunden Punkt traf.

„Wir als klassische Partnervermittlung mit jahrzehntelanger Expertise verfolgen dagegen ein komplett anderes Konzept“, fuhr sie fort. „Wir arbeiten effizient, erbringen für unsere Klienten eine auf jeden Einzelnen individuell abgestimmte Dienstleistung und sind persönlich daran interessiert, dass unser Ziel, für jeden Topf den passenden Deckel zu finden, am Ende von Erfolg gekrönt ist. Wir schauen uns unsere Kunden deshalb sehr genau an. Wir sprechen über deine Persönlichkeit, deine Vorstellungen, deine Wünsche und natürlich auch darüber, was dir in einer Partnerschaft wichtig ist. Danach vergleichen wir das mit den Vorstellungen unserer Damen. Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Kontakte herzustellen, sondern den Kontakt, der wirklich Sinn ergibt.“

„Was bedeutet das für Patricia und mich?“, hakte ich spontan nach. Schließlich wollte ich nicht irgendeiner Frau vorgestellt werden, sondern genau dieser einen begegnen.

„Bei Patricia habe ich ehrlich gesagt das Gefühl, dass es einige interessante Überschneidungen geben könnte. Aber natürlich möchte ich mir zuerst von dir ein möglichst vollständiges Bild machen. Daher würde ich zunächst deine persönlichen Daten aufnehmen und deine Erwartungen abklären und diese sodann mit jenen von Patricia abgleichen. Du hast dich am Telefon als Herr Magister vorgestellt. Darf ich vorab fragen, was du studiert hast und was du beruflich machst, Andreas?“

„Ich habe an der Wirtschaftsuniversität Betriebswirtschaft studiert und arbeite heute als Controller in einem Wiener Unternehmen“, antwortete ich.

„Unglaublich. Wirklich?“, lächelte Jasmina überrascht. „Ich habe nach der Matura ebenfalls an der WU begonnen. Zwei Semester habe ich durchgehalten, dann aber gemerkt, dass das einfach nicht meine Welt ist. Nach einer Weile bin ich dann hier bei der Agentur gelandet – und ich bin wirklich zufrieden damit. Natürlich kann man hier gut verdienen. Aber noch viel schöner ist das Gefühl, Menschen wie Patricia und dir dabei helfen zu können, ihr gemeinsames Glück zu finden.“

„Ist Patricia ebenfalls Akademikerin?“, wollte ich wissen.

Jasmina schüttelte den Kopf.

„Nein, nicht direkt. Patricia stammt aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Ihr Vater ist schon früh verstorben und sie musste sich vieles im Leben hart erarbeiten. Sie hat keinen akademischen Abschluss, sondern ist von Beruf Verkäuferin. Aber glaub mir: Wenn man ihre Geschichte kennt, verdient das mindestens genauso viel Respekt. Nicht jeder startet mit denselben Voraussetzungen.“

Diese Information über meine Angebetete berührte mich. Ich dachte an meine eigene Kindheit, die vergleichsweise behütet verlaufen war. Wie unterschiedlich Lebenswege doch sein konnten. „Das ist für mich völlig in Ordnung“, bestätigte ich, ohne lange nachzudenken. „Ich war einfach nur neugierig.“

Jasmina stellte mir noch ein paar harmlose persönliche Fragen, um sich ein Urteil über mich zu bilden, ehe sie zum – aus meiner Sicht erlösenden – Schluss kam, dass wir, Patricia und ich, „gut harmonieren“ könnten: „Ich denke, ihr beide würdet einander wunderbar ergänzen. Ihr bringt sehr unterschiedliche Eigenschaften mit, die aus meiner Sicht alle extrem wichtig sind. Du wirkst organisiert, zuverlässig und überlegt, ein Denker. Patricia dagegen ist ein sehr herzlicher, spontaner Mensch mit viel Humor, der das Leben genießt und oft aus dem Bauch heraus entscheidet. Selbstverständlich müsstest du sie als natürlichen Gegenpol in eurer Beziehung akzeptieren und könntest ihrem Leben im Gegenzug jenes Maß an Struktur verleihen, das ihr derzeit noch ein wenig fehlt. Es sind für mich jedenfalls keine unüberwindbaren Hindernisse erkennbar. Ich bin sogar der Meinung, dass das zwischen euch recht gut funktionieren kann und ihr zu zweit eine Menge Spaß haben werden.“

Ich atmete sichtlich erleichtert auf.

„Das heißt, ich darf in Kürze Patricias Bekanntschaft machen?“, formulierte ich vorsichtig.

„Richtig“, strahlte mein rauchendes Gegenüber mich von der anderen Seite des Schreibtisches einladend an. „Konkret läuft es so: Sobald du mich mit der Vermittlung beauftragt hast, würde ich dich Patricia als potenziellen Partner vorschlagen und ihr von dir erzählen. Dann entscheidet sie selbst, ob sie dich kennenlernen möchte. Und ich bin nach unserem Gespräch mehr als zuversichtlich, dass du ihr gefallen wirst, denn du bist aus meiner Perspektive ein beeindruckender junger Mann. Wenn sie ebenfalls Interesse hat, organisieren wir für euch ein erstes Treffen – ganz entspannt, zum Beispiel in einem schönen Kaffeehaus in Wien.“

Dass die Agentur die Organisation des Erstkontakts übernehmen würde und damit zugleich eine gewisse Gewähr bot, dass er tatsächlich zustande kam, gefiel mir ausgesprochen gut. Genau darin sah ich einen enormen Vorteil. Zu oft war ich in der Vergangenheit während meiner erfolglosen Partnersuche schon versetzt worden. Mehr als einmal hatte ich in einem Lokal vergeblich auf ein Date gewartet, das im letzten Moment kalte Füße bekommen hatte oder schlicht nie erschienen war. Nicht einmal eine Absage oder Entschuldigung war manchen Frauen die Mühe wert gewesen.

Dagegen stieß mir Jasminas beiläufige Bemerkung, dass sie erst tätig werden würde, sobald ich sie förmlich mit der Vermittlung beauftragt hätte, zunächst etwas unangenehm auf. Auf Anhieb verstand ich darin den dezenten, verklausulierten Hinweis, dass ich um den Abschluss eines Vertrages wohl nicht herumkommen würde. Eigentlich war ich nur wegen Patricias Inserat hierhergekommen – um herauszufinden, wer diese Frau war und ob zwischen uns eine Verbindung entstehen könnte. An eine formelle Bindung an die Agentur hatte ich dabei ursprünglich nicht gedacht, geschweige denn eine solche beabsichtigt. Nun würde ich mich wohl oder übel dennoch damit abfinden müssen, ebenso wie mit einer gewiss nicht unerheblichen Vergütung für diese Dienstleistung.

Um für beide Seiten rasch Klarheit zu schaffen, fragte ich ganz direkt: „Das heißt, ich müsste zuerst einen Vertrag unterschreiben? Und ein Honorar bezahlen?“

Jasmina nickte ruhig. „Natürlich musst du Kunde bei uns werden, damit ich dich in unsere Kartei aufnehmen und dir eine passende Partnerin vorstellen kann.“ Sie machte eine kurze Pause und zog bedacht an ihrer Zigarette. „Und ja, unsere Dienste erbringen wir nicht kostenlos. Sie sind weder gratis noch umsonst. Denn umsonst, also erfolglos, soll es keinesfalls sein. Wir begleiten Menschen, die es nicht länger dem Zufall überlassen wollen, ob sie den richtigen Partner finden. Für moderne und aufgeschlossene Partnersuchende ist eine persönliche Vermittlung ein erfolgversprechender Weg zu jener Zweisamkeit, nach der sie sich sehnen.“

„Mir ist bewusst, dass eine professionelle Partnervermittlung ihren Preis hat, aber mir geht es nicht um eine langjährige Begleitung durch die Agentur, sondern vor allem um die Gelegenheit, Patricia zu begegnen und herauszufinden, ob ich ihr Herz gewinnen kann“, warf ich meine Bedenken ein.

„Da kannst du beruhigt sein, Andreas“, versuchte Jasmina, meinen Einwand zu entkräften. „Wir sind lange genug am Markt, um zu wissen, dass die Singles heutzutage nach all dem Frust nicht ewig auf Mister oder Miss Right warten möchten und von uns daher zu Recht rasche Resultate erwarten. Unser Standardvertrag läuft daher nur acht Monate und beinhaltet garantiert vier Partnervorschläge, alle den konkreten Bedürfnissen unserer Klienten entsprechend individuell erstellt und von Hand mit größter Sorgfalt ausgewählt. Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen, denn unserer Erfahrung nach sind 90 Prozent danach nicht mehr allein. Und was Patricia betrifft, würden wir selbstverständlich explizit in deinen Vertrag hineinschreiben, dass es dein ausdrücklicher Wunsch ist, als ersten Vorschlag den Kontakt zu ihr herzustellen.“

Aufmerksam lauschte ich Jasminas Ausführungen. Dass sie bereit war, meinen vorrangigen Wunsch, Patricia vorgeschlagen zu werden, vertraglich zu fixieren, empfand ich als ein bemerkenswertes Entgegenkommen und deutete es zugleich als Zeichen dafür, dass man mein Anliegen hier ernst nahm und mich nicht bloß als irgendeinen Kunden unter vielen behandelte. Allmählich begann ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, den Vermittlungsvertrag tatsächlich zu unterschreiben. Eines wollte ich jedoch unbedingt noch wissen: Was würde mich das alles kosten?

Ich stellte die Frage, die mir auf der Zunge brannte: „Darf ich noch wissen, mit welchem Honorar ich in meinem Fall rechnen müsste?“

Jasmina nannte den Betrag ohne Zögern: „Für den Standardvertrag verrechnen wir einmalig 2.900 Euro.“

Für einen kurzen Augenblick verschlug es mir die Sprache. Ich hatte zwar bereits geahnt, dass es teuer werden würde, doch mit einer derart hohen Summe hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. 2.900 Euro! Das entsprach beinahe 750 Euro pro Partnervorschlag, rechnete ich rasch nach, wobei Patricia bereits als Erstvorschlag gebucht war. Es war zweifellos ein beträchtlicher finanzieller Aufwand und überstieg bei Weitem das, was ich ursprünglich auszugeben bereit gewesen wäre.

Unwillkürlich fragte ich mich, ob die Begegnung mit einer einzigen Frau tatsächlich so viel Geld wert sein konnte.

Ich artikulierte meinen Vorbehalt: „2.900 Euro ist eine verdammte Menge Geld ...“

„Wir arbeiten ehrlich, fair und transparent, spielen mit offenen Karten, wie du dich bereits selbst überzeugen konntest. Einmalig 2.900 Euro – das ist alles und dabei bleibt es auch. Keine versteckten Kosten, keine Erfolgsprämie im Nachhinein, keine automatische Vertragsverlängerung nach acht Monaten. Mehr wirst du für unsere Dienstleistung nicht bezahlen. Während andere Vermittlungen von fünfstelligen Beträgen fantasieren, bleiben wir mit unseren Preisvorstellungen im Interesse aller Beteiligten realistisch. Das ist als Investition in eine glückliche Zukunft mehr als angemessen und jedenfalls gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass du die reale Chance bekommst, deiner Traumfrau zu begegnen“, entgegnete Jasmina.

„Stimmt, ich möchte Patricia treffen. Und was passiert danach?“, erkundigte ich mich leicht besorgt.

„Wie gesagt, kümmern wir uns um euer erstes Rendezvous, nennen euch Zeit und Ort. Danach liegt es ganz bei euch beiden, was ihr daraus macht. Wir nehmen euch den Stress der Vorbereitung und schaffen einen geschützten Rahmen. Genau deshalb funktioniert unser Konzept seit vielen Jahren. Wenn ihr euch sympathisch seid, könnt ihr euer Kennenlernen intensivieren, euch erneut verabreden und schauen, wohin die Reise führt. Und wenn einer von euch merkt, dass es nicht passt, ist das ebenfalls völlig in Ordnung. Ihr teilt mir das mit, die Angelegenheit bleibt für alle Beteiligten anonym und ohne Konsequenzen und ich suche für euch engagiert weiter. Da wir als Agentur vor dem Treffen keine Kontaktdaten austauschen, ist ein diskreter Abbruch also problemlos möglich. Keine unangenehmen Situationen, keine unerwünschten Anrufe, kein Stalking. Unsere Kunden legen großen Wert auf diese Sicherheit. Beide Seiten können vollkommen entspannt sein und gerade deshalb läuft die Annäherung umso leichter, sodass Amors Pfeile tatsächlich mitten ins Herz treffen.“

Wieder schenkte mir Jasmina dieses unwiderstehliche Lächeln.

„Ob sie auch in meinem Fall treffen?“, dachte ich laut. Hier sprach der Pessimist in mir.

„Warum nicht, Andreas?“, fragte sie rhetorisch. „Immerhin bist du ein Mann, der einiges zu bieten hat. Und Patricia ist sehr anlehnungsbedürftig und eine bildhübsche Person ganz nebenbei. Eine Frau zum Verlieben.“

„Hast du vielleicht ein Foto von ihr?“, stieß ich neugierig hervor.

„Leider dürfen wir aus datenschutzrechtlichen Gründen Dritten keine Fotos unserer Klienten zeigen. Du verstehst? Wir fotografieren unsere Damen und Herren zwar tatsächlich und ich werde auch von dir am Ende unseres Gesprächs noch ein Bild schießen. Dies dient uns aber nur intern als Erinnerung beim Profilabgleich. Schließlich achten wir beim Matching auch darauf, dass die einander vorgeschlagenen Personen auch optisch gut zusammenpassen. Dass sich zwei Menschen vor dem ersten Treffen nicht gesehen haben, ist aber auch von unschätzbarem Vorteil, da Bilder bekanntlich auch manipulativ sein können und schnell Vorurteile entstehen, wie Studien zu Tinder und Co zeigen. Der erste Eindruck sollte aus unserer Sicht daher immer ein echter in natura sein. Ich kann dir aber versichern, dass Patricia und du ein schönes Paar abgeben würdet.“

Ich nickte zwar verständnisvoll, doch Jasmina erkannte an meinem Ausdruck, dass ich noch nicht zur Gänze überzeugt war. Immerhin würde ich ohne Foto um 2.900 Euro die sprichwörtliche „Katze im Sack kaufen“. Geschickt griff sie die gebrauchte Metapher von Armors Pfeilen auf:

„Und wenn es wider Erwarten mit euch beiden nicht klappen sollte, befinden sich wie erwähnt noch drei weitere Pfeile im Köcher unseres Liebesgottes. Einer davon wird dich bestimmt treffen, da bin ich mir sicher.“

Ihre Worte wirkten. Nicht, weil sie meine Zweifel restlos beseitigt hätten, sondern weil sie genau den Punkt trafen, der für mich am wichtigsten war – die Aussicht, dass diese elendslange Suche endlich ein Ende haben könnte. Ihr Angebot war in der Tat fair und versprach Erfolg, zumindest einen Ausbruch aus meiner aktuellen Stagnation. Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, diesen Weg einzuschlagen und Jasminas Zusicherungen einen Vertrauensvorschuss entgegenzubringen. „Achte auf deine Nase“, hatte sie scherzhaft bemerkt.

Ich atmete tief durch und signalisierte mit einem Nicken schließlich meine Zustimmung.

„Gut“, willigte ich nach kurzem Zögern ein. „Wir machen es.“

In diesem Moment fühlte es sich weniger wie der Abschluss eines Vertrages mit einer Partnervermittlung an, sondern vielmehr wie der erste konkrete Schritt auf dem Weg zu einer Begegnung, die ich kaum erwarten konnte.

Die Vermittlerin gratulierte mir zu meinem Entschluss. Ich hätte das Richtige getan. Mit meinen Voraussetzungen hätte ich am Ende der Vertragslaufzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das passende Gegenstück gefunden. Für ihr weibliches Klientel wäre ich gewiss ein sehr gefragter Kandidat. Sie fragte noch nach, ob ich eine Ratenzahlung wünsche oder eine Drittfinanzierung benötige, was ich beides verneinte. Danach reichte sie mir ein einseitiges Formular zum Ausfüllen sowie den ebenfalls eine A4-Seite umfassenden Vertragstext zur Unterschrift, den sie Patricia betreffend handschriftlich ergänzte. Ich solle mir alles in Ruhe durchlesen und den Fragebogen gewissenhaft beantworten. Bei Unklarheiten stünde sie mir zur Verfügung.

Ich machte mich an die Arbeit. Meine persönlichen Daten hatte ich rasch eingetragen. Die Rubrik über die gesuchte Wunschpartnerin war erstaunlich knapp gehalten, im Vergleich zu dem, was ich aus Partnerbörsen aus dem Internet gewohnt war. Eine Frau zwischen 25 und 38, in der Stadt oder der näheren Umgebung wohnend, ledig, kinderlos, aber mit der Perspektive, eine Familie zu gründen, sollte es werden, war ich mir über meine Vorstellungen schnell im Klaren. Etwas diffiziler erschien mir, ob ich als Suchpräferenz das Feld „Raucher/in“ oder „Nichtraucher/in“ ankreuzen sollte, zumal ich Letzteres an sich nach wie vor bevorzugte, in Bezug auf Patricia damit aber eigentlich zugleich ein K.o.-Kriterium suggerieren würde, das meine explizite erste Wahl unglaubwürdig erscheinen lassen würde. Ich starrte nachdenklich auf Jasmina, die mir gegenübersitzend nach wie vor genüsslich vor sich her rauchte. Sollte ich tatsächlich auf die Möglichkeit verzichten, ein Prachtweib wie sie als Vorschlag präsentiert zu erhalten, nur weil sie rauchte? Mich in eine absurde Selbstfesselung begeben? „Egal“ erschien mir in diesem Zusammenhang die vielversprechendste Option, um mir alle Türen offenzuhalten. Ich gab nach kurzem Innehalten meinem Herzen einen Ruck und setzte mein Kreuz ganz bewusst dort. Ebenso entschied ich mich beim Thema „Ausbildung“ gegen eine Einschränkung. Schließlich vervollständigte ich das Vertragswerk mit dem aktuellen Datum und meiner Signatur und machte es damit rechtsverbindlich. „Fertig“, bekannte ich nicht ohne Stolz und retournierte die Unterlagen an meine schöne Vermittlerin, die sie mit prüfendem Blick kurz überflog, mit einem schlichten „Okay, alles korrekt“ deren Vollständigkeit bestätigte und sich bei mir herzlich bedankte. Schnell noch ein Schnappschuss mit der Kamera ihres Smartphones und es war geschafft.

Zu guter Letzt händigte sie mir noch einen Erlagschein aus. Sobald dieser einbezahlt und der vereinbarte Betrag auf dem Konto der Agentur eingelangt sei, könne sie den Prozess starten und mit der Vermittlung beginnen.

Anschließend erhob sie sich, begleitete mich zur Tür und verabschiedete sich mit einer innigen Umarmung. Aus nächster Nähe nahm ich erstmals komplett ungefiltert ihren herben Geruch wahr, der mich nochmals daran erinnerte, dass sie während der Beratung fast eine Stunde lang ununterbrochen geraucht hatte. Zu meiner eigenen Überraschung empfand ich ihn in seiner eigenwilligen Kombination mit ihrem Parfüm keineswegs als unangenehm. Im Gegenteil: Ihre Aura wirkte auf eine seltsame Weise sogar ausgesprochen anziehend. Zu meinem eigenen Verdruss reagierte mein Körper auf ihre Nähe eindeutiger, als mir lieb war. Die aufkommende Erektion war mir in Jasminas Gegenwart ausgesprochen peinlich.

„Du wirst sehen, Andreas“, versprach sie mit charmantem Lächeln und darüber stillschweigend hinwegsehend, „ich habe ein sehr gutes Gefühl.“

„Ich auch“, erwiderte ich.

Mit dem Vertrag und dem Erlagschein in der Hand verließ ich zufrieden ihr Büro. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das befriedigende Gefühl, meiner erhofften Zweisamkeit nicht mehr bloß hinterherzulaufen, sondern ihr tatsächlich einen entscheidenden Schritt näher gekommen zu sein.

Kapitel 3

Gleich am folgenden Montag beglich ich bereits zeitig in der Früh per Echtzeitüberweisung den offenen Betrag und informierte die Agentur mit einer auf deren Anrufbeantworter hinterlassenen Nachricht, dass ich meinen Teil der Abmachung erfüllt hatte und mich freute, baldigst von ihr zu hören. Es konnte mir nicht schnell genug gehen. Gleichwohl vergingen noch ganze vier Tage, ehe sich die von der Vermittlung arrangierte Verabredung mit Patricia tatsächlich in einem kleinen Wiener Café realisierte – vier Tage, die mir wie vier lange Jahre vorkamen.

Es war eine angespannte Zeit des Hoffens und Bangens und die Ungewissheit über das, was kommen würde, zerfraß mich und verfolgte mich bis in den Schlaf. Einmal war das bevorstehende Rendezvous mit Patricia die romantisierte, sogar von Engelsmusik begleitete Erfüllung meiner Hoffnungen, das nächste Mal ein abscheulicher Albtraum, bei dem sich meine Angehimmelte als absoluter Flop entpuppte. Ein drittes Mal war es Jasmina, die mich rauchend erwartete und mir gestand, dass sie selbst Patricia sei. Sie habe sich im Büro nicht getraut, mir die Wahrheit zu sagen, habe sich in der Zwischenzeit aber regelrecht nach mir verzehrt. Sie stand auf, trat dicht an mich heran und umarmte mich. Noch ehe ich begriff, was geschah, küssten wir uns leidenschaftlich. Ihr schwerer Duft ließ mich augenblicklich jede Vernunft vergessen. Ich begrapschte sie am Po, meine Finger verkrallten sich an ihrem Lederrock und ich flüsterte ihr ekstatisch zu, dass ich es nicht mehr länger aushalten würde. Mit einem lasziven Lächeln bekannte sie, auch sie wolle mir nun endlich zeigen, was sie für mich empfinde, und zog mich in Richtung Toilette, wo wir es zu Ende bringen könnten – ein Angebot, das ich als wahre Befreiung empfand und ohne zu zögern annahm, bevor ich schweißgebadet in meinem Bett erwachte.

Pünktlich um 17 Uhr befand ich mich am Donnerstag, direkt aus der Arbeit kommend, in Anzug und Krawatte am vereinbarten Treffpunkt. In der Hand hielt ich für jedermann gut sichtbar eine Zeitung als abgesprochenes Erkennungszeichen sowie einen Blumenstrauß – eine kleine Aufmerksamkeit, die ich unterwegs besorgt hatte und die als Eisbrecher zwischen uns fungieren sollte. Im Außenbereich direkt vor dem Lokal, in Wien liebevoll nur „Schanigarten“ genannt, wo es noch gestattet war, zu rauchen, saß eine dunkelhaarige Frau von kräftiger Statur, die mir dezent zuwinkte und dabei eine ausgesprochen herzliche, einladende Ausstrahlung versprühte, als sie mich bemerkte. Das musste Patricia sein! Mir fiel ein Stein von Herzen, da sie recht passabel aussah. Sie hatte langes, dichtes, leicht welliges schwarzes Haar, das offen über ihre Schultern fiel, trug eine dunkle Bluse mit floralem Muster und V-Ausschnitt unter einer schlichten, schwarzen Strickjacke, dazu dunkle Bluejeans sowie schwarze Lederstiefeletten mit dicker Sohle und Blockabsatz. Eine filigrane Halskette mit einem unauffälligen Anhänger zierte ihr Dekolleté. Sie hatte sich bereits eine Tasse Kaffee bestellt und es sich offensichtlich gemütlich gemacht. Auf dem rustikalen Holztisch lagen neben ihrem Handy ein pinkes Plastikfeuerzeug sowie eine geöffnete blaue Zigarettenschachtel, Marke Gauloises, wie sich später herausstellte. Ich kam auf sie zu. Sie drückte ihre Tschick im Aschenbecher aus, in dem sich schon vier verrauchte Kippen befanden, und erhob sich, um mich mit einem warmherzigen Lächeln zu begrüßen.

An den Mundwinkeln zeigten sich dadurch bedingt feine, sympathische Lachfalten. Unwillkürlich musterte ich ihr Gesicht, seine weiche, ovale Form mit den sanft geschwungenen Wangenknochen und einer ausgeprägten Kinnlinie. Ihre Augen waren dunkelbraun, mandelförmig, ihre Augenbrauen natürlich geformt, minimal nachgezogen und in einem sanften Bogen verlaufend, ihre Wimpern mit etwas schwarzer Tusche versehen. Ihre gerade Nase fügte sich harmonisch in ihre Gesichtszüge ein. Ihr Teint war hell. Sie hatte leichtes Make-up aufgetragen, das ihren Wangen eine merkbare Frische verlieh, sowie einen unaufdringlichen Lippenstift verwendet, der ihre natürliche Lippenfarbe unterstrich. Sie hatte sich sichtlich Mühe gegeben und sich für unser Date schöngemacht.

„Patricia?“, vergewisserte ich mich beim Näherkommen, dass kein Irrtum vorlag. „Andreas?“, folgte prompt die Bestätigung. Als ich in Reichweite war, zückte ich das Bouquet und mit den Worten „Für dich, Patricia.“ überreichte ich es ihr. „Na geh, der ist aber schön. Das ist ganz lieb von dir, wäre aber nicht notwendig gewesen“, antwortete sie etwas verlegen lächelnd mit rauer, kratziger Stimme, legte den Strauß behutsam auf den seitlichen Stuhl, auf dem bereits ihre Handtasche lag, und bedankte sich mit einer spontanen Umarmung.

Die äußerst intime, stark beißende Duftwolke, die mir dabei entgegenpeitschte, traf mich völlig unvorbereitet und hätte mich in ihrer Wucht fast erschlagen. Ein unheimlich intensiver, ja dominanter herber Geruch nach kaltem, abgestandenem Qualm, der sich an ihrer Haut, ihrem Haar und jeder Faser ihrer Kleidung festgesetzt hatte, als wäre sie tagelang in einer Kammer geselcht worden, und sich in Verbindung mit den künstlichen Duftstoffen eines süßen Billigdeos zu einer extrem schweren, stechenden Note verdichtete, die mir in den Augen brannte. Der Rauch stank erheblich stärker, als ich ihn bei Jasmina wahrgenommen hatte. Trotzdem sagte ich mir, dass mich das nicht stören durfte. Immerhin hatte ich auf dem Fragebogen selbst angekreuzt, dass Rauchen für mich kein Ausschlussgrund für die Partnerwahl sei, und in Bezug auf Patricia explizit angegeben, dass dies überhaupt kein Hindernis wäre. Ich würde mich einfach daran gewöhnen müssen, wenn ich mit dieser Frau zusammenleben wollte.

Sie war in der Realität deutlich korpulenter, als ich sie mir in meiner Fantasie vorgestellt hatte. Als sie mich mit ihren Armen kräftig an sich drückte, spürte ich ihre massive Körperfülle, ihre weichen Formen und die wohltuende Wärme ihrer Haut. Schließlich berührte ihr Mund meine Wange und sie gab mir ein Begrüßungsbussi. Ihre Lippen waren trocken, beinahe spröde und ich roch förmlich das Nikotin daran. Ihr aschiger Atem war bestimmt nicht jedermanns Sache, doch verlieh das röstige Kaffeearoma, das sich dazu mischte, ihm einen ganz eigenen, verruchten Charme. Es war eine harte Landung in der nicht in allen Aspekten romantischen Alltagswirklichkeit einer solchen Paarkonstellation. Zugleich war der Kuss ein Akt der Nähe, den ich so schon lange nicht mehr erlebt hatte. Alles in allem empfand ich trotz des sensorischen Schocks ihre physische Präsenz als ausgesprochen angenehm und ihre Ausstrahlung – das herzliche Lächeln, die üppigen Rundungen und ihre unkomplizierte Art – als sehr ansprechend. Sie wirkte insgesamt sympathisch und mein erster Eindruck war durchaus positiv.

Ich wollte dem zarten Pflänzchen dieser Beziehung, obgleich mich Patricias exzessiver Tabakkonsum abschreckte, eine echte Chance geben und bat sie, Platz zu nehmen. „Ich hoffe, du musstest nicht allzu lange warten“, begann ich das Gespräch, nicht ohne detektivischen Hintergedanken, mir ein Bild über dessen Ausmaß zu verschaffen. „Nein, nur eine Viertelstunde, maximal 20 Minuten“, beschwichtigte sie. „Ich wollte zu unserer Verabredung nicht zu spät kommen und war daher ausnahmsweise etwas früher dran.“

Ein kurzer Blick auf den gut gefüllten Aschenbecher genügte, um mir zu erzählen, wie sie die Wartezeit überbrückt hatte, nämlich mit pausenlosem Rauchen – fünf Stück in 20 Minuten! „Ob sie im Vorfeld wohl genauso nervös war wie ich?“, suchte ich nach einer Erklärung. Allmählich dämmerte es mir, dass die Bezeichnung „stolze Genussraucherin“ in ihrem Inserat eine beschönigende Beschreibung hierfür war, dass ich es schlicht mit einer schweren Kettenraucherin zu tun hatte. Ebenso wie die „barocken Rundungen“ wohl einen Euphemismus darstellten, dass die „kurvige Traumfrau“ in Wahrheit mit ihrem starken Übergewicht haderte. In meinem Unterbewusstsein wuchs die Sorge, welche weiteren Enthüllungen mich noch erwarteten.

Ich hatte, nachdem ich die Zeitung in meiner Aktentasche verstaut und diese abgelegt hatte, gezielt den Stuhl ihr gegenüber gewählt, einerseits um direkten Augenkontakt zu halten, was – wie ich gelesen hatte – von der anderen Seite stets als persönliches Interesse gewertet würde, andererseits um sie genau zu beobachten. Jetzt studierte ich ihr Gesicht.

Es wirkte aus nächster Nähe weit weniger vital als aus der Distanz. Ihre Haut war blass, merklich strapaziert, schien vorzeitig gealtert. Patricias Laster hatte unbarmherzig seinen Tribut gefordert. Selbst das aufgetragene Make-up vermochte erste, erkennbare Fältchen nur oberflächlich zu kaschieren. Ihre Lippen waren komplett ausgetrocknet, sodass selbst der dezent aufgetragene Lippenstift die rissigen Stellen nicht vollständig überdecken konnte. Ohne Schminke hätten sie vermutlich eher einen farblos-fahlen Eindruck hinterlassen als einen verführerischen Kussmund abgegeben. Ein neutraler Beobachter hätte die Frau vor mir eher auf Ende 30, Anfang 40 statt auf jugendliche 35 geschätzt.

„Dann hat sich dein früheres Losfahren ja ausgezahlt, denn du warst pünktlich, Patricia“, knüpfte ich vorsichtig flirtend an ihre letzte Bemerkung an. „Jedenfalls bin ich sehr froh, dass alles reibungslos geklappt hat, unser Treffen heute zustande gekommen ist ... du jetzt hier bist ... denn ich konnte es kaum erwarten, dass wir einander kennenlernen können“, verlieh ich leicht stotternd meinem Gefühl der Erleichterung und meinen Erwartungen an den Abend Ausdruck. Sie lächelte verschmitzt und ich bemerkte die gelbliche Verfärbung ihrer Zähne.

„Die Jasmina hat richtig von dir geschwärmt. Sie hat gesagt, du wärst genau mein Typ. Da war es für mich selbstverständlich, rechtzeitig da zu sein.“ Ich fühlte mich geschmeichelt und wollte wissen, was Jasmina konkret von mir erzählt hätte.

„Du seist ein toller Hecht für mich. Sie hat gesagt, du bist drei Jahre älter, also perfekt für uns beide, wärst voll abgefahren auf mich, höflich, nett, zuvorkommend, fein betucht, ein Studierter ... und du arbeitest als Kontrolleur in einer Firma, auch wenn ich nicht weiß, was das bedeutet und du genau machst. Und ach ja, du seist toleranter Nichtraucher und hättest kein Problem damit, dass ich viel und gerne rauche.“

Ich war mir da inzwischen nicht mehr ganz so sicher.

„Sie hat sogar gemeint, du hättest sie beim Rauchen die ganze Zeit über fasziniert beobachtet“, fuhr sie fort. Diese Enthüllung war mir äußerst unangenehm. Ich erinnerte mich an die elektrisierende Atmosphäre im Büro der Partnervermittlerin und die aphrodisierende Wirkung, die ihr unentwegter Zigarettenkonsum in mir auslöste. Bei Patricia waren es dagegen bislang vor allem die verfärbten Zähne sowie ihr hartnäckiger Mundgeruch, die hängen blieben und sich in meiner Erinnerung einbrannten. Ich hatte Jasminas strahlend weißes Lächeln noch vor Augen und fragte mich, wie sie das schaffte, ob sie dafür womöglich sogar monatlich eine professionelle zahnärztliche Mundhygiene machen ließ.

„Das stimmt. Ihr ist offenbar nichts entgangen“, gestand ich mit einem etwas gequälten Lächeln und setzte sogleich zu meiner Rechtfertigung an: „Du musst wissen: Ich bin von Haus aus ein neugieriger Mensch, und da ich bislang weder im privaten noch im beruflichen Umfeld – mein Arbeitgeber betreibt etwa einen deklarierten Nichtraucherbetrieb – mit Raucherinnen zu tun hatte, hat dieser Umstand naturgemäß meine besondere Aufmerksamkeit erregt. Es war in der Tat spannend, mitanzusehen, wie genussvoll ihr Raucherinnen an der Zigarette saugt, bedächtig inhaliert und wie entspannt ihr nach jedem Exhalieren wirkt.“

Patricia nickte: „Ja, genau so ist es. Es relaxt und tut echt gut. Ich finde es übrigens echt toll, dass du das gleich gecheckt hast und wie geschickt du deine Gedanken mit Worten ausdrücken kannst. Man merkt, du bist wirklich ein Wiffzack, Andreas.“

Schon als ich mich zu erklären versuchte, spürte ich erneut jene diffuse Erregung, die rauchende Frauen in meinem Kopf unwillkürlich zu idealisieren schien. Patricias Kompliment ließ sodann meine eben erst aufgekommenen Zweifel vorerst wieder in den Hintergrund treten und ich ging gelöst vollständig aus mir heraus und sprach in meiner Begeisterung Dinge aus, die ich früher nicht einmal zu denken gewagt hätte: „Weißt du, Patricia, mich hat die erfrischende Ehrlichkeit, mit der du den Umstand, dass du Raucherin bist, in deiner Anzeige angesprochen hast, schwer beeindruckt. In der heutigen Zeit, in der das Rauchen aus dem öffentlichen Raum total verbannt wird, nach dem Motto ‚Aus dem Leben, aus dem Sinn‘, fand ich das eine extrem starke Ansage. Du stehst dazu, ohne dich zu verstecken, bist dir über deine Vorlieben im Klaren und kannst im Gegenzug erwarten, von den anderen so akzeptiert zu werden, wie du bist. Man sollte sich nicht verbiegen. Ich habe lange darüber nachgedacht. Das ist eine Grundvoraussetzung für eine glückliche Partnerschaft. Und gerade deshalb hast du mich in deinem Inserat so angesprochen und wir sitzen jetzt beide hier.“

Patricia fühlte sich wertgeschätzt und verstanden und lächelte zufrieden. Schlagartig beendete sie ihre Abstinenz und frönte von nun an ihrem Laster. Ob es schlicht ihre latente Anspannung war, die sie bislang geschickt verbergen konnte, oder bereits der erste aufkommende Entzug, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, aber ich registrierte, dass ihre Hände leicht zitterten, als sie eilig nach Feuerzeug und Zigarette griff. Und zu allem Überdruss steckte sie das Lungenbrötchen auch noch mit der verkehrten Seite in den Mund.

„Scheiße!“, fluchte sie laut, als sie ihr Missgeschick bemerkte. Mich riss es bei diesem Ausdruck innerlich, aber ich bewahrte kühlen Kopf und ließ mir nichts anmerken. Als sie schließlich den Filter zwischen ihre Lippen presste und an der Spitze zum Anzünden ansetzte, streikte auch noch ihr Feuerzeug. „Scheiße! Heute funktioniert wirklich gar nichts bei mir“, fauchte sie genervt, ehe es beim dritten Versuch endlich klappte. Ich konnte mitverfolgen, dass sie in Windeseile wieder zu ihrem freundlichen Gesicht wechselte und nach wenigen intensiven Zügen regelrecht aufblühte.

Den Anblick empfand ich einfach sexy. Ich genoss es, ihr beim Rauchen zuzusehen, und der verbale Ausrutscher vorhin war schnell vergessen.

Gerade als ich unser Gespräch fortsetzen wollte, erschien der Ober an unserem Tisch, um die Bestellung aufzunehmen.

Ich nutzte die Gelegenheit, mich von meiner galanten Seite zu zeigen. „Du bist heute selbstverständlich mein Gast, Patricia“, wandte ich mich an sie und deutete auf ihre Tasse, in der sich nur noch ein kleiner Schluck befand. „Du möchtest bestimmt noch einen Kaffee?“

„Ja, sehr gern. Einen Melange bitte.“

„Für mich ebenfalls“, schloss ich mich ihrer Wahl an.

„Hast du sonst noch einen Wunsch? Vielleicht ein Stück Torte zum Kaffee?“, fragte ich, ganz der Gentleman.

„Nein danke, das ist sehr lieb von dir, aber das brauch ich nicht“, lehnte sie freundlich ab, ehe ihr plötzlich noch etwas einfiel und sie den Kellner direkt ansprach: „Ah, eine Frage hätt ich doch noch: Ihr verkauft’s hier draußen nicht zufällig auch Zigaretten?“

„Ja, selbstverständlich, gnädige Frau“, bestätigte der Ober.

„Habt’s ihr auch blaue Gauloises?“, hakte sie zielgerichtet nach.

„Ja, die führen wir.“

„Wunderbar! Dann bitte eine Packung.“

Erst danach drehte sie sich wieder zu mir und schmunzelte mich an: „Ich hoffe, das ist für dich in Ordnung, Andreas. Meine sind nämlich bald alle.“

„Überhaupt kein Problem“, beruhigte ich sie sofort.

Der Oberkellner notierte alles und blickte zu mir: „Noch einen Wunsch für den Herrn?“

„Danke, nein. Das ist alles“, erwiderte ich höflich.

Mit einer leichten Verbeugung verabschiedete sich die Bedienung: „Kommt sofort, die Herrschaften.“

„Blaue Gauloises sind also deine Lieblingssorte?“, erkundigte sich meine Wissbegier. „Was ist eigentlich das Besondere an denen? Ehrlich gesagt, kenne ich mich da als Nichtraucher überhaupt nicht aus. Mir waren bislang vom Hörensagen nur Marlboro, Camel und Philip Morris ein Begriff.“

Ich wollte das ein wenig verstehen, wo das Rauchen doch so offensichtlich einen untrennbaren Teil ihrer Persönlichkeit ausmachte. Die Zigarette war ihr ständiger Begleiter, der Tabakgeruch, der sie umgab, war so etwas wie eine zweite Haut. Patricia lächelte.

„Die hab ich früher auch alle einmal probiert. Aber die Gauloises – die blauen wohlgemerkt, nicht die roten – schmecken einfach kräftiger und würziger. Die anderen sind mir alle irgendwie zu fad. Außerdem ziehen die sich für mich angenehmer. Ist schwer zu erklären für einen Nichtraucher. Wer raucht, merkt den Unterschied sofort.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Ich bin halt irgendwann bei denen hängen geblieben, weil’s gepasst hat. Ist fast so ähnlich wie bei einer Beziehung fürs Leben.“

Ich nickte nachdenklich, als könnte ich ihr folgen. Worüber sie hier sinnierte, war mir jedoch völlig fremd und gerade deshalb so aufregend, dass ich jedes noch so kleine Detail an Information, das sie mir über ihre Suchtgewohnheit preisgab, gierig aufsaugte. Immerhin ging es um ein Leben, das ich mit ihr zu teilen überlegte.

Ich wollte interessehalber wissen, wie sie überhaupt zum Rauchen gekommen sei und ob auch ihre Eltern geraucht hätten. Es war einem ja bekanntlich oft von der Familie in die Wiege gelegt.

Patricia schüttelte den Kopf.

„Nein, eigentlich überhaupt nicht. Angefangen hab ich sogar erst ziemlich spät, nämlich mit 21. Außer meinem Vater, der früh verstorben ist, da war ich noch in der Volksschule, hat bei uns daheim keiner geraucht. Weder meine Mama noch meine beiden Schwestern.“

Sie machte eine kurze Pause.

„Das wär sich bei uns auch finanziell gar nicht ausgegangen. Meine Mutter hat uns mit ihrer kleinen Witwenpension allein durchbringen müssen. Da hat jeder Euro gezählt. Für Zigaretten war einfach kein Geld da ... und auch kein Bedarf.“

Sie griff nach ihrer Packung Gauloises, strich mit dem Daumen über den blauen Aufdruck und lächelte beinahe zärtlich.

„Erst wie ich dann als Verkäuferin in einem Supermarkt angefangen habe, haben dort fast alle Kolleginnen geraucht. In jeder Pause sind wir gemeinsam vors Geschäft gegangen. Schon an meinem ersten Arbeitstag hab ich halt auch einmal eine Zigarette geschnorrt und probiert. Dann noch eine. Und noch eine dritte. Und es hat geschmeckt. Aus den stündlichen Pausen ist schnell ein richtiges Ritual geworden. Und am nächsten Tag hatte ich schon meine eigenen Tschick dabei.“

Sie lachte leise.

„Im Nu hab ich dann auch zu Hause geraucht. Und selbst als ich längst nimmer in dem Supermarkt gehackelt habe, hab ich das Gefühl einfach nicht mehr missen wollen.“

Sie überlegte einen Moment.

„Rauchen ist für mich purer Genuss“, fuhr sie fort. „Ich würde sogar sagen, es ist mein Hobby. Andere müssen in ihrer Freizeit weiß Gott wohin, um sich einigermaßen zu entspannen. Ich gönn mir lieber in Ruhe eine gemütliche Zigarette und dazu was zum Trinken, vielleicht einen frischen Kaffee. Da kann ich abschalten. Das gehört einfach zu mir, wenn ich in meiner Wohnung sitze und nebenbei der Fernseher läuft oder ich morgens und abends im Bett liege und Radio höre.“

Und dann, ganz selbstverständlich, ohne jede Spur von Rechtfertigung, verplapperte sie sich beiläufig: „Mittlerweile komm ich so schon auf meine eineinhalb bis zwei Packerln am Tag. Je nachdem, wie stressig es gerade ist.“ Mir wurde kurz übel, als ich an die Menge dachte – das waren 30 bis 40 Zigaretten täglich! Mir wurde bewusst, welches Ausmaß ihre Nikotinabhängigkeit inzwischen angenommen hatte. Das konnte auf Dauer unmöglich gesund sein!

Dennoch klebten meine Augen an den weiblichen Reizen meiner Heiratskandidatin. Für diesen exzessiven Tabakkonsum war sie erstaunlich gut in Schuss und ihr fülliger Körper nach wie vor das Objekt meiner Begierde. Ob es das wert war, dafür meine alten Grundsätze über Bord zu werfen? Ich war jedenfalls ernstlich versucht.

Eine Servierkraft brachte unsere Bestellung, jeweils eine Tasse Melange für jeden von uns beiden sowie Nachschub an Tabakwaren für meine rauchende Begleiterin – und auch eine willkommene Verschnaufpause für mich.

„Eine andere Frage noch: Wie bist du denn bei der Partnervermittlung Frühlingserwachen gelandet?“, wechselte ich elegant das Thema und nahm einen ersten Schluck meines Heißgetränks. Das bot mir die Gelegenheit, mehr über ihre persönlichen Motive, vielleicht auch über ihre Vorgeschichte zu erfahren und den Fokus auf die hoffentlich geteilte Sehnsucht nach erfüllter Zweisamkeit zu lenken. Darin lag nach all dem Trennenden die perfekte Steilvorlage, doch noch eine echte Gemeinsamkeit zwischen uns zu entdecken.

Patricia schmunzelte und rührte bedächtig ihren Kaffee um. „Ah, das war eigentlich gar nicht meine eigene Idee“, gestand sie offen. „Meine Oma – die ist jetzt zwar schon über 80, aber noch extrem hell im Kopf und wir stehen uns echt super nah, sie ist fast so was wie meine beste Freundin – hat mir das ans Herz gelegt. Sie weiß, dass ich schon eine gefühlte Ewigkeit ohne fixen Freund bin, und hat gemeint, sie hätte da vielleicht eine Lösung für mich. Sie kennt die Reklame von der Agentur aus der Zeitung, hat gemeint, die wäre seriös, ein Weg, dass ich irgendwo gut einheiraten kann, und sie hat wochenlang auf mich eingeredet: ‚Kind, so kann es mit dir nicht ewig weitergehen. Du brauchst endlich einen gescheiten Mann an deiner Seite – einen, der was taugt!‘“

Wir mussten beide herzhaft lachen.

Sie nahm einen weiteren Zug von ihrer Zigarette und blies den Rauch seitlich in den Nachmittagshimmel. „Am Anfang hab ich das nicht ernst genommen und gemeint, ich brauch keine Partnervermittlung. Aber sie hat einfach nicht lockergelassen. Jedes Mal, wenn ich bei ihr war, hat sie von Neuem damit angefangen. Irgendwann hat sie mich dann doch weichgekriegt. Meine Oma hat mich regelrecht überredet, dort zu unterschreiben. Und stellt dir vor: Sie hat mir sogar die ganze Gebühr bezahlt. Allein hätte ich mir das gar nicht leisten können.“

Ich horchte auf. Das erklärte, warum Patricia trotz ihres wohl bescheidenen Verkäuferinnengehalts die hilfreichen Dienste einer derart kostspieligen Vermittlung beanspruchen konnte.

„Schaden kann’s nicht, habe ich mir gedacht, und vielleicht lern ich am Ende so doch noch wen Netten kennen. Klar hab ich schon Beziehungen gehabt, aber nichts Ernstes, nichts, was wirklich lang gehalten hätte. Und aus dem Alter, wo man als Frau ganze Nächte in Lokalen rumhängt und sich ab und an von so einem Typen im besoffenen Zustand abschleppen lässt – wenn du Glück hast, ist der wenigstens halbwegs fesch, hat einen harten Schwanz und zieht eine große Nummer im Bett ab –, da bin ich auch schon längst raus.“

Die rohe Direktheit ihrer anzüglichen Ausführungen drehte mir den Magen um. Das Bild des Disco-Flittchens, das sie in meinem Kopf zeichnete, meine Patricia, die sich lustvoll jeder x-beliebigen Bekanntschaft hingab, traf mich wie ein Stich ins Herz. Ich hatte Mühe, meine Emotionen zu beherrschen und das Pokerface aufzusetzen. Ich war nur froh, dass sie diesen Lebensabschnitt als abgeschlossen bezeichnete, und hoffte, dass sie aus den wilden Jugendjahren ihre Lektion gelernt hatte.

Sie blickte gedankenverloren in ihre Kaffeetasse. „Mein letzter fester Freund ...“ Sie überlegte kurz. „... das ist inzwischen auch schon über 10 Jahre her.“ Sie hob den Blick wieder und lächelte tapfer. „Seitdem hab ich eigentlich nur mehr allein vor mich hingelebt.“

Ihre Worte hallten in mir nach. Ein Jahrzehnt ohne feste Partnerschaft war selbst nach meinen Maßstäben eine unvorstellbar lange Zeit. „Das kann ich gut nachvollziehen. Bei mir sind es inzwischen auch schon fünf Jahre, dass ich so dahinvegetiere“, zeigte ich mich verständnisvoll und erwähnte das Faktum meiner gescheiterten Verlobung, ohne mich in irgendwelche Details zu verlieren. Zum Glück bohrte Patricia nicht weiter nach. Es wäre respektlos gewesen, an dieser Stelle die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, weder die meine noch die ihre. Ihre Beziehungsfähigkeit zu hinterfragen, kam mir in dem Zusammenhang nicht in den Sinn. Was gewesen war, musste man als gegeben akzeptieren. Stattdessen war es die gemeinsame Erfahrung jahrelanger Einsamkeit, die uns verband. Und der Wille, daran etwas zu verändern. Es ging jetzt darum, den Blick auf die sich uns beiden bietende neue Chance zu richten.

„Wie lange bist du eigentlich schon bei der Vermittlung? Und hast du über die Agentur schon andere Männer kennengelernt?“, konnte ich meine Neugier nicht länger unterdrücken. Schließlich wollte ich wissen, woran ich bei ihr war.

„Seit zirka einem Vierteljahr“, antwortete sie und gab sich offenherzig: „Und ja, natürlich wurden mir auch schon andere Männer vorgestellt. Gar nicht wenige übrigens. Aber der Richtige ist bisher nicht dabei gewesen.“ Ich verspürte für einen Moment Erleichterung. „Ein paar wären womöglich interessant gewesen. Etliche waren jedoch eindeutig zu alt für mich, manche richtige Rüpel, andere vor Hässlichkeit nicht zum Anschauen. Und einer von der Universität wie du war auch nicht darunter. Akademer, ich glaube, so heißt das, würden an mich nur auf deren ausdrücklichen Wunsch vermittelt, da ich bloß die Pflichtschule abgeschlossen habe, hat mir die Jasmina gleich zu Beginn erklärt. Aber du bist anders als die meisten, Andreas: nett, zuvorkommend, verständnisvoll, siehst gut aus, hast Niveau.“

Ich fühlte mich geehrt und ich brachte mein Gegenüber mit einer liebenswürdigen Rückmeldung auf meine mir eigene Art dazu, ebenfalls leicht zu erröten: „Ich freue mich, dieses charmante Kompliment aus deinem Mund zu hören, Patricia. Es bedeutet mir sehr viel.“

Während sie, da ihr die mitgebrachten Zigaretten inzwischen ausgegangen waren, die neue Schachtel Gauloises zur Hand nahm, hurtig die Folie aufriss und die Packung öffnete, reflektierte ich im Geiste nochmals ihre letzte Bemerkung, die meinem Ego so wohltat und zugleich mein Herz erwärmte. Ich hatte bei ihr also durchaus gute Karten und zurzeit keinen Konkurrenten zu befürchten. Stutzig machte mich nur die schiere Anzahl an Kontakten, die Patricia andeutete.

„Gar nicht wenige Offerten also. Kling ganz danach, als hätte die Agentur fleißig gearbeitet“, bemerkte ich mit vorsichtig fragendem Unterton. „Stimmt. Ausgemacht waren monatlich drei Vorschläge, in der Regel waren es aber immer ein paar mehr“, bestätigte sie.

„Wirklich? Mir wurden nur vier Vorschläge zugesichert – für die gesamte Laufzeit des Vertrages wohlgemerkt“, bemerkte ich entrüstet. „Das wundert mich nicht“, warf Patricia ein und ich staunte nicht schlecht, dass sie auch gleich eine rationale Erklärung für diese Ungleichbehandlung parat hatte: „Die Jasmina hat mir nämlich erklärt, sie hätten in der Altersgruppe unter 50 viel zu viele Männer und kaum Frauen in der Kartei.“ Und dann der finale Tiefschlag: „Deshalb hat sie mir auch einen Spezialpreis gemacht.“

„Wie viel?“, wollte ich wissen. „500 Euro“, schoss sie wie aus der Pistole.

Ich traute meinen Ohren nicht und meine eben noch euphorische Stimmung kippte schlagartig ins Gegenteil. Das war es also: In ihrem Pool an betreuten Partnersuchenden herrschte ein massiver Männerüberschuss und ein eklatanter Frauenmangel. Patricia konnte sich der zahlreichen Interessenten kaum erwehren und musste nach den Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage nur einen symbolischen Preis zahlen, der gegenüber der Agentur die Ernstlichkeit ihrer Absichten unterstreichen sollte. Ich dagegen war deren dubiosen Zusicherungen und unter diesen Umständen wohl nur unzureichend ausgeprägten Vermittlungskünsten hilflos ausgeliefert. Ich saß quasi in der Falle. Ich sah meine Felle schon davonschwimmen, sollte es mit Patricia, meiner ersten Wahl, aus irgendeinem Grund nicht klappen. Sie war nun nüchtern betrachtet meine einzige Chance – und dennoch lieferte sie am laufenden Band immer neue Gründe, die mich zusehends skeptisch machten, ob das erträumte Happy Ending überhaupt erreichbar schien. Eine andere realistische Option konnte ich angesichts der geschilderten Verhältnisse nicht erwarten. Ich war der Matchmakerin auf den Leim gegangen, hatte ihren schönen Versprechungen unkritisch Glauben geschenkt und eine schwindelerregende Summe für eine Vermittlung hingeblättert, deren erfolgreicher Ausgang mir zunehmend ungewiss erschien. Ich muss ein Depp gewesen sein. „Mir hat sie 2.900 Euro abgeknöpft“, konstatierte ich zerknirscht.

Bestimmte Bemerkungen und gewisse Details, über die ich mir bislang keine Gedanken gemacht, sondern geflissentlich hinweggesehen hatte, verunsicherten mich jetzt zusätzlich. Wären wir etwa in Bezug auf unseren deutlich unterschiedlichen Bildungsstand jemals miteinander kompatibel? Hätten wir im Alltag ausreichend gemeinsame Anknüpfungspunkte, Hobbys, Interessen? Könnten wir im Familien- und Freundeskreis des jeweils anderen irgendwie reüssieren? War es um Patricia wirtschaftlich wirklich so schlimm bestellt, dass sie nicht einmal die 500 Euro Vermittlungsgebühr selbst stemmen konnte und ihre Großmutter einspringen musste?

Während es in mir brodelte und meine Welt in sich zusammenbrach, war sie die Ruhe in Person, die lässig vor sich hin rauchte. Ich beneidete sie dafür fast ein klein wenig. Als ich den Betrag nannte, entwich ihr ein spontanes Grinsen und sie blies mir den Rauch mitten ins Gesicht; ihr toxischer Mundgeruch war unbeschreiblich. „Na servas! Fast dreitausend Eier?“, entfuhr es ihr ungläubig. Sie stieß einen kurzen Pfiff aus. „Wahnsinn! Da hat dich das Miststück aber ordentlich über den Tisch gezogen.“ „Du kannst gut lachen“, neckte ich sie, „bist ja noch glimpflich davongekommen.“

„Der halbe Tausender, den meine Oma für mich bezahlt hat, war ehrlich gesagt auch kein Spaß, zumal ich derzeit ohne Beschäftigung bin“, überraschte sie mich aufs Neue.

„Tut mir echt leid. Ich wusste nicht, dass die aktuelle Wirtschaftsflaute auch den Lebensmittelhandel erfasst hat, dessen Jobs bisher als recht krisensicher galten“, zeigte ich empathisch meine Betroffenheit.

„Du scheinst da was falsch verstanden zu haben, Andreas“, stellte sie klar. „Ich bin jetzt schon mehrere Jahre arbeitslos. Die Stelle in dem Supermarkt, von der ich vorhin erzählt habe, habe ich längst aufgegeben. Sie war nur ein Notnagel, um nach langer, frustrierter Suche und einer vorübergehenden Beschäftigung in einer Tagesarbeitsstätte überhaupt am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“

Sie zog an ihrer Zigarette, um kurz zu überlegen.

„Getaugt hat’s mir dort nie wirklich, weil ich immer nur zu undankbaren Hilfstätigkeiten wie dem Regaleinräumen und anderem körperlich schwerem Scheiß verdonnert wurde. Mit meinem Gewicht bin ich da auch gesundheitlich kaum mitgekommen. Und als ich dann mein Magenband eingesetzt bekommen hab, um das halbwegs in den Griff zu kriegen, bin ich auch noch krankheitsbedingt für ein paar Monate ausgefallen.“

Ich lauschte aufmerksam ihren Ausführungen, die mir tiefe Einblicke in ihre Psyche gewährten.

„Später war ich dann noch kurz beim Möbelix. Da war’s im Grunde genau dasselbe. Irgendwann hab ich auch dort gekündigt, weil ich einfach keinen Bock mehr zum Hackeln hatte.“

Sie zuckte mit den Schultern, als wäre damit alles gesagt.

„Das AMS hat mir danach noch einen mies bezahlten Teilzeitposten beim BIPA angeboten, in einer Filiale ganz draußen in der Donaucity. Aber den hab ich dankend abgelehnt. Für das bisserl Geld hätten sich das frühe Aufstehen und die lange Herumfahrerei mit den Öffis für mich niemals ausgezahlt. Und das Ganze dreimal in der Woche, auch noch samstags. ‚Nicht mit mir! Ihr könnt’s mich mal‘, habe ich denen klipp und klar in die Visage gesagt.“

Der Schock saß tief. Und die totale Ernüchterung, die sich nach und nach einstellte, war nur schwer zu ertragen. Ich schwieg einen Moment. Ich war geneigt, sofort aufzustehen und kommentarlos zu gehen. Stattdessen beschloss ich, ihr den Spiegel vorzuhalten, und fragte: „Und wovon lebst du?“

„Von der Notstandshilfe. Und der großzügigen Unterstützung meiner Oma. Sie hat mich recht gern und steckt mir bei jedem Besuch etwas zu. Sie verfügt auch über eine relativ hohe Beamtenpension, die sie von meinem Opa geerbt hat. Und die Gemeinde Wien hat mir eine Sozialwohnung zur Verfügung gestellt. ‚In Österreich kommt keiner unter die Räder‘, hat man uns schon in der Schule beigebracht. Für mich reicht das. Ich bin nicht besonders anspruchsvoll und hab alles, was ich brauche: ein Dach überm Kopf und etwas Geld zum Leben.“

Lange Rede, kurzer Sinn: Sie hatte sich mit ihrem derzeitigen Leben arrangiert und es sich in ihrer prekären Situation, so gut es ging, eingerichtet.

Ich nippte an meinem Kaffee, dessen Geschmack mir nun erstaunlich bitter vorkam.

Altmodische Tugenden wie Arbeitsmoral, Einsatzbereitschaft und Fleiß – eine krasse Fehlanzeige; sie hatten bei ihr einfach keinen Platz. Das Märchen vom Aschenputtel, dessen Prinz Charming ich werden sollte, hatte sich als Trugbild erwiesen, das ich mir zurechtgerückt hatte. Die Illusion der emsigen Frau aus bescheidenen Verhältnissen mit dem Herzen am rechten Fleck, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas aus ihrem Leben machte, war endgültig zerbrochen. Ich konnte mir das alles nicht länger schönreden.

Das Inserat, das ich inzwischen so gut wie auswendig konnte, erhielt im Lichte meiner eben gewonnenen Erkenntnisse eine völlig andere Lesart. „Frei von Alltagsstress“ und „herrlich unkompliziert“ klangen zwar recht nett und liebenswürdig, waren jedoch eine geschickte Umschiffung für ihren Mangel an Ehrgeiz, Struktur und Antrieb, eine kryptische Andeutung, dass sie sich nicht zu viele Gedanken über die Zukunft machte, einfach in den Tag hineinlebte, arbeitslos war und sich finanziell, eventuell auch organisatorisch gerne auf andere verließ. „Bei mir zählen Herzlichkeit und Humor mehr als Statussymbole oder Zeugnisse“ andererseits war wohl typischer Agentur-Sprech für das Fehlen eines höheren Schulabschlusses sowie eines nennenswerten Einkommens. Ich hätte es von Anfang an sehen müssen! Jetzt hatte sie mir in ungeschminkter Ehrlichkeit Einblick in ihre Persönlichkeit gewährt und dabei Seiten ihres Wesens offenbart, die mir zuvor verborgen geblieben waren. Ich konnte ihr nicht einmal einen Vorwurf machen, weil das alles bereits in ihrer Anzeige gestanden hatte.

Die Haltung, die sie an den Tag legte, war mit meinem Wertverständnis unvereinbar, unsere Lebensläufe waren diametral verschieden. Unsere beiden Welten konnten unmöglich zu einer gelungenen Symbiose verschmelzen. Das musste ich mir enttäuscht eingestehen.

Während der Controller in mir längst zu dem Urteil „Zu viele fundamentale Unterschiede – keinerlei nennenswerte Gemeinsamkeiten“ gekommen war, meldete sich meine verlangende Seite ganz anders zu Wort: Patricia blieb trotz aller unüberbrückbaren Differenzen rein körperlich betrachtet eine unheimlich heiße Braut. Ich merkte, wie sehr ich auf ihren molligen Typ stand, und erlebte ihr starkes Rauchen, das sie vor mir so demonstrativ zelebrierte, als hocherotischen Akt. Meine Blicke blieben erneut an ihren vollen Lippen hängen, die nach jedem tiefen Lungenzug den grauen Qualm gleich einem Schlot ausstießen, ebenso an ihrem dekolletierten Oberteil mit den prallen Brüsten darunter, und ich spürte, wie die festgestellten Inkompatibilitäten wiederum zusehends hinter der schieren Lust verblassten. Getreu der Redensart „Gegensätze ziehen sich an“ stieg paradoxerweise mit der wachsenden Zahl an Unwägbarkeiten ihre Attraktivität unentwegt und jeder Funke Vernunft, der gegen uns als Paar sprach, entfachte in mir das Feuer der Begierde zur lodernden Flamme.

Ich stellte mir bildhaft vor, wie es wäre, mit ihr zu schlafen, und merkte, wie sich unter meiner Hose eine starke Erektion manifestierte.

Eine halbe Ewigkeit, seit meine Verlobte Cornelia mich verlassen hatte, hatte ich nicht mehr sexuell verkehrt. Ich hielt diese mir aufgezwungene Enthaltsamkeit einfach nicht mehr aus und war fest entschlossen, sie – auch ohne Aussicht auf eine längerfristige Perspektive oder gar den Trauschein – mit dem heutigen Tag zu beenden. Ich versuchte, einzuschätzen, ob mein aktuelles Date wenn schon nicht die Frau fürs Leben, so doch wenigstens hierfür die Richtige wäre und darauf eingehen könnte. Ein ganzes Jahrzehnt ohne feste Bindung bedeuteten womöglich auch bei Patricia ein tiefes Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Leidenschaft. Deutete der Passus „Wenn du dich gerne an meinen barocken, weichen Rundungen anschmiegen und leidenschaftlichen Kuschelsex erleben möchtest ...“ in ihrer Anzeige nicht exakt in diese Richtung? In meinem Ohr klangen noch die Berichte partnersuchender Männer nach, die in einer TV-Doku über Singles aus dem Nähkästchen erzählt hatten, alleinstehende Frauen wären ab einem bestimmten Alter durchaus aufgeschlossen, die erste Verabredung spontan mit einem unverbindlichen One-Night-Stand zu krönen.

„Was schaust du mich so an? Ich kenne diesen männlichen Blick. Gefalle ich dir etwa?“, holte mich der rauchende Part am Kaffeehaustisch aus meinen theoretischen Überlegungen in die reale Gegenwart zurück.

Sie hatte mich in ihrer weiblichen Intuition wohl bereits durchschaut. Ich musste jetzt jede Vorsicht und Zurückhaltung beiseiteschieben, über meinen eigenen Schatten springen, mit vollem Risiko alles auf eine Karte setzen und offen aussprechen, was mir unter den Nägeln, genauer gesagt unter der Hose brannte. Ich hatte außer einem Korb nichts mehr zu verlieren.

„‚Gefallen‘ ist ein viel zu schwacher Ausdruck. Ich finde dich unwiderstehlich attraktiv, Patricia.“

Sie inhalierte bewusst entspannt und ließ den Rauch einen Augenblick länger in ihrem Mund verweilen als sonst. Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Ich schwieg ein paar Sekunden. Sie genoss meine offenkundige Unbeholfenheit.

„Ich weiß zwar noch nicht, wohin das alles mit uns führt, aber ...“, stammelte ich aufgeregt, wollte ehrlich sein, ohne falsche Hoffnungen bei ihr zu wecken.

„Du brauchst dich nicht zu genieren, Andreas. Das ist ganz normal!“, unterbrach sie mich selbstbewusst.

„... ich würde gerne ausprobieren, wie es mit uns beiden im Bett funktioniert“, beendete ich den Satz für meine Verhältnisse ungewöhnlich direkt.

„Bei dir oder bei mir?“

Ihre Frage implizierte ein kurzes, unmissverständliches Ja! Ich atmete erleichtert auf. Plötzlich schätzte ich diese rücksichtslose Unverblümtheit an ihr. Sie sprach Klartext, ohne dass ich mich in langen Erklärungen verlieren musste. Sie war in der Tat „herrlich unkompliziert“.

„Bei dir!“, traf ich ohne Zögern die einzig logische Entscheidung. Einerseits war es – unter der von der Vermittlerin als unschätzbarer Vorzug angepriesenen Anonymität des Kennenlernens – so möglich, den Kontakt im Nachhinein ohne weitere Konsequenzen zu beenden, da sie nicht wissen würde, wo ich wohnte. Andererseits war ich auch persönlich auf ihr Heim gespannt. „Zeige mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist“, entsann ich mich eines Christian Morgenstern zugeschriebenen Zitats, das mein voyeuristisches Interesse so trefflich auf den Punkt brachte.

„Ist okay. Wir können gleich los. Ich müsst vorher nur kurz scheißen gehen auf die Toilette“, machte sie zu meiner Freude gleich Nägel mit Köpfen und drückte den Stummel ihrer Zigarette auf eine Weise aus, als wollte sie mir demonstrativ signalisieren, dass wir hier fertig wären.

„Kein Problem. Ich warte hier auf dich“, antwortete ich pragmatisch und stellte in Aussicht, in der Zwischenzeit beim Ober nach der Rechnung zu verlangen, um für uns zu bezahlen. „Bin gleich wieder zurück“, lächelte sie verführerisch und verschwand.

„Ich brauche dringendst ein Kondom“, überkam mich für einen Sekundenbruchteil die blanke Panik. Ich wollte nicht unvorbereitet sein, wenn ich sie vernaschte, und keinesfalls riskieren, dass es im letzten Moment an dem banalen Detail scheiterte, falls es nötig sein sollte, auf die Schnelle keines zur Hand zu haben. Dann erblickte ich die Lösung meines Problems direkt vor meinen Augen: Auf der anderen Straßenseite befand sich keine 10 Meter entfernt ein kleiner Drogeriemarkt und auf dem Gehsteig vor mir spielte ein Teenager mit seinem Skateboard. „Hey, Kumpel“, rief ich ihm winkend zu und bestellte ihn so zu mir. „Du kannst dir rasch eine Kleinigkeit verdienen, wenn du mir einen großen Gefallen erweist.“ Ich drückte ihm 20 Euro in die Hand und bot ihm an, er könne den Rest für sich behalten und würde nochmals 10 Euro Bonus erhalten, falls er mir binnen drei Minuten eine Packung Kondome aus der Drogerie besorge. Ich vergewisserte mich, dass er alles verstanden hatte. Er nickte nur, steckte den Geldschein ein und begann den Wettlauf gegen die Uhr, den er in zwei Dritteln der Zeit für sich entschied. Wie ein Wirbelwind war er mit einer Schachtel Ritex wieder zur Stelle. Ich dankte es ihm mit der versprochenen Belohnung.

Als Patricia an unseren Platz zurückkehrte, hatte ich die Rechnung bereits beglichen und die Präservative in der Tasche versteckt. Eines wartete griffbereit in meiner Hosentasche auf seine Verwendung. Ich orderte uns ein Taxi.

Kapitel 4

Der Wagen, der uns vor dem eleganten, innerstädtischen Kaffeehaus abgeholt hatte, hielt nach einer knappen Viertelstunde vor einem tristen, sichtlich in die Jahre gekommenen Gemeindebau im tiefsten Herzen Favoritens, Wiens berüchtigtem Ausländerproblembezirk, den ich bis dato nur aus Erzählungen und der Medienberichterstattung kannte. Grauer, bröckelnder Verputz, unzählige Satellitenschüsseln an den Wänden, laute, aus den offenen Fenstern dringende, türkische Popmusik, an jeder Ecke lungernde fremdländische Gestalten, ungeschönter Balkanflair und das monotone Hintergrundrauschen des Straßenverkehrs bildeten die bedrückende Multikulti-Kulisse unserer Endstation.

Als ich den Chauffeur bezahlte, ließ ich die Fahrt dorthin gedanklich nochmals kurz Revue passieren. Es war eine atemberaubend dichte Atmosphäre gewesen, als wir aneinander lehnend auf der Rückbank saßen. Der enge Fond des Taxis hatte Patricias schwere, herbe Note aus kaltem Rauch, frischem Schweiß und dem leichten, gegen ihren Körpergeruch beinahe wirkungslosen Deo wie das Licht in einem Brennglas verdichtet. Ich war ihr so nah gewesen, dass bei jeder Kurve ihr weicher, fülliger Körper gegen meinen austrainierten Body drückte. Nach längerem, nervösem Zögern hatte ich all meinen Mut zusammengenommen und ihr sanft über den Oberschenkel gestrichen – über den rauen Stoff ihrer engen Jeans, unter dem sich die volle, warme Weiblichkeit meiner Begleiterin abzeichnete. Patricia hatte nicht überrascht reagiert; sie hatte die Geste wortlos erwidert und mir ebenfalls aufs Hosenbein und schließlich direkt in den Schritt gefasst. Das feine Material ließ mich ihren festen Griff spüren, als wäre ich bereits unbekleidet. Kein Wort war gefallen, doch die Luft in der Kabine war vor elektrisierender Knisterspannung schier explodiert und ich genoss ihre Präsenz.

Über den Rückspiegel hatte ich zudem mehrfach den ungläubigen, fast schon amüsierten Blick des Taxilenkers aufgefangen, der sich das höchst ungleiche, kleine Zärtlichkeiten austauschende Paar, das er gerade beförderte, den geschniegelten Businessman im Edel-Outfit und das derbe, tabakgeschwängerte Rubensweib an dessen Seite, wohl kaum erklären konnte. Paradoxerweise hatte mich diese stumme Begutachtung nicht beschämt, sondern – im Gegenteil – mit einem diebischen, fast schon vulgären Stolz erfüllt, mit dieser aufregenden, triebgesteuerten Wuchtbrumme gemeinsam unterwegs zu sein. Ich war im Begriff, aus meinem grauen Alltag auszubrechen, und konnte es kaum mehr erwarten, meine aufgestaute Lust zu stillen.

„Was ist? Bist eingenickt?“, riss mich Patricias raue Stimme aus meinem flüchtigen Tagtraum, als sie die Autotür zustieß. Ich erhob mich, stieg ebenfalls aus, glättete das Revers meines Anzugs und sah auf die dunkle Fassade des Blocks hinauf. „Da oben wohne ich im dritten Stock“, deutete sie mit einem Finger und drückte mir den Blumenstrauß in die Hand, um ihn für sie zu halten, bis wir zu ihr hochgegangen wären. Sogleich angelte sie sich mit geübtem Griff eine frische Gauloises aus ihrer Tasche und klemmte sie zwischen die ausgetrockneten Lippen. Das Feuerzeug klickte, die Glut leuchtete in der einsetzenden Dämmerung auf und sie blies den ersten tiefen Lungenzug in die warme Abendluft. Meine Knie waren weich, mein Gang unsicher, mein Puls schlug bis zum Hals. Unter dem Stoff meiner Hose spannten die Muskeln.

„Wir müssen allerdings zu Fuß rauf“, meinte sie beiläufig und steuerte auf das abgetakelte Eingangsportal zu. „Der Lift ist nämlich schon seit Wochen hinig. Die von der Hausverwaltung scheren sich einen Dreck um uns. Schließlich ist nicht jeder so fit, das mit einem Klacks zu stemmen.“

Sie sperrte auf, öffnete das Tor und wir traten in das muffige, drückend heiße Stiegenhaus, in dem der ungustiöse Mief von angebranntem Gekochtem, altem Linoleum und modriger Feuchtigkeit lag. Patricia marschierte voran, die brennende Zigarette fest zwischen den Fingern. Je höher wir stiegen, desto schwerer wurde ihr Atem. Ihr massiges Gewicht, das sie sichtlich nach Luft schnaufend Stufe für Stufe mühsam hinaufschleppte, forderte seinen Preis; schon im ersten Stock hörte ich ihr laut pfeifendes Keuchen, das sich mit dem rhythmischen Klacken der Absätze ihrer Stiefeletten mischte. Sie inhalierte den Rauch jetzt besonders tief, musste zwischendurch sogar leicht husten, blies den blauen Dunst im engen Treppenhaus aus und zog eine graue Schleierfahne hinter sich her, die mir in jeder Beziehung fast den Atem raubte. Für einen Sekundenbruchteil fragte ich mich, ob das Rauchen hier in den allgemeinen Bereichen des Hauses überhaupt erlaubt sei.

Eine halbe Etage vor dem Ziel hielt sie an, stützte ihren Arm auf das abgewetzte Geländer und ließ vollkommen ungeniert einen gigantischen Furz entweichen. Zu allen möglichen und unmöglichen Ausdünstungen gesellte sich nun auch noch ihr Fäkalgestank. Ich erstarrte für eine Mikrosekunde auf der Stufe unter ihr, zuckte merklich zusammen und überlegte, wie ich auf diese beispiellose Peinlichkeit reagieren sollte. Einzig Schweigen und sich nur nichts anmerken zu lassen, wäre angemessen, befahl mein Verstand.

Meine neue Freundin drehte sich nicht einmal zur Gänze um, sondern lachte nur kratzig auf: „Oida, erzähl mir ned, du hast noch nie erlebt, dass eine Frau einen fahren lässt!“

Sogleich schnippte sie den noch glimmenden Zigarettenstummel mit einer routinierten Handbewegung direkt in die Ecke des Zwischenpodestes, wo er auf dem staubigen Boden kleine Funken schlug.

Ein gewöhnlicher Mann hätte spätestens an dieser Stelle wahrscheinlich die Reißleine gezogen und wäre schnurstracks geflüchtet. Doch in meinem sexuell aufgeladenen Zustand passierte in diesem Moment etwas Wundersames. Der Controller in mir, der eben noch die Nase rümpfen wollte, rechnete die abgebrühte Coolness, mit der mein Fang den mutmaßlichen Eklat einfach beiseite wischte, blitzschnell in einen unschätzbaren Vorteil um. Das war keine geschmacklose Entgleisung – das war der ultimative Beweis absoluter Hemmungslosigkeit! Diese Frau kümmerte sich nicht um bürgerliche Konventionen, sie trug keine heuchlerische Maske, sie war ungefiltert, roh und ungemein direkt. Und wenn sie schon hier im abgestandenen Stiegenhaus jede Scham ablegte – wie wild, wie tabulos und ungebändigt würde sie erst im Bett sein? Sie würde keine zickigen Spielchen spielen, keine falschen Hemmungen vortäuschen. Der Gedanke, Teil dieser verruchten, urwüchsigen Unverblümtheit zu werden, ließ das Blut augenblicklich noch heißer durch meine Adern schießen und den Druck in meinem Unterleib fast unerträglich werden.

„Ich mag deine ehrliche Art“, erwiderte ich mit festem Blick und ging die letzten Stufen zu ihr hinauf.

Patricia schmunzelte dreckig, kramte ihren abgegriffenen Schlüsselbund aus ihrer Tasche und steckte ihn ins Schloss der Wohnungstür. Das Klacken des Riegels klang in meinen Ohren wie das Signal zum Startschuss. Nur wozu? Nur zu einer heißen Nacht? Oder zu mehr?

Vielleicht war das Band der sexuellen Anziehung auch für sich allein stark genug, uns trotz gravierender Gegensätze und kaum vorhandener Gemeinsamkeiten in einer längerfristigen Beziehung zusammenzuhalten und durchs Leben zu tragen?

Kaum waren meine zarten Hoffnungen von Neuem aufgekeimt, machte eine weitere Hiobsbotschaft diese augenblicklich wieder zunichte. „Bevor du mein Reich betrittst, sollst du noch eines wissen: Ich hab da noch einen Mitbewohner. Mein Dackel Maxi erwartet uns schon“, eröffnete sie mir mit einem verschmitzten Grinsen. Zeitgleich vernahm ich hinter der Tür bereits ein aufgeregtes Kratzen und Scharren. Dann ertönte ein kurzes, aber lautes Bellen. Und sobald sie geöffnet hatte, schoss der kleine braun-schwarze Köter mit erstaunlicher Geschwindigkeit aus der Wohnung und fiel über mich her. Er kläffte zweimal, stellte sich auf die Hinterbeine und sprang an mir hoch. Ich wich erschrocken zurück, doch er ließ nicht locker und beschnupperte meine Anzugshose, ja er leckte mit seiner feuchten Zunge sogar daran.

Ich war seit jeher tierscheu, besonders gegenüber Hunden. „Ich habe ehrlich gesagt furchtbar Angst vor Hunden“, gestand ich verkrampft. Tatsächlich empfand ich Maxi in der jetzigen Situation als echten Spielverderber, der das bevorstehende Abenteuer, auf das ich mich schon so freute, zu torpedieren drohte.

„Das habe ich gerade bemerkt“, kicherte sie und nahm mir den Blumenstrauß aus der Hand. „Aus jetzt, Maxi! Platz!“, befahl sie bestimmt und er gehorchte. „Du brauchst dich vor ihm nicht zu fürchten, Andreas. Geh einfach weiter. Mein Maxi, der tut nix, der will nur spielen“, beruhigte sie mich. „Und dich begrüßen. Er freut sich genauso sehr wie ich, dass du hier bist“, lächelte sie verheißungsvoll, während sie mich am Ärmel über die Türschwelle zog.

Ich folgte ihr und erhaschte, während sie vorsorglich das elektrische Licht anknipste, einen ersten Blick auf ihr Quartier: ein winziges Einzimmerapartment mit Bett, Nachtkästchen, einem großen Kleiderschrank samt Spiegel sowie einer Kochnische mit Kühlschrank, Herd und Abwasch. Dazu eine Sitzgarnitur aus Sofa, Couchtisch sowie zwei Stühlen. Dahinter ein Fenster mit Gardinen. Alles rein funktional und auf das Notwendigste beschränkt – nur mit einem Flachbildschirm an der Wand sowie einer Stereoanlage mit zwei großen Boxen etwas aufgepäppelt. Keine weiteren Türen oder Hinweise auf zusätzliche Räume.

„Absteige“ oder „Behausung“ wären eine passendere Beschreibung dessen gewesen, was sich meinen Augen hier tatsächlich darbot, denn alles wirkte irgendwie ungepflegt, heruntergekommen, gar verwahrlost – der reinste Saustall! Das Bett war selbstverständlich nicht gerichtet, sondern ich fand es so vor, wie sie es heute Früh verlassen hatte. Im Spülbecken türmten sich Berge ungewaschenen Geschirrs. Auf dem abgesessenen Sofa stapelte sich ungebügelte, teils fleckige Wäsche, dazwischen lagen leere Zigarettenschachteln, angebrochene Chips-Packungen und gebrauchte Papiertaschentücher. Der abgetretene Teppichboden war mit Krümeln, dunklen Flecken und dicken Staubflusen übersät. Auf dem Tischchen befanden sich leere Tassen und Gläser, in denen sich teils bereits ein grauer Film gebildet hatte, neben zwei halbvollen Getränkeflaschen und einem überquellenden Aschenbecher. Ein weiteres dieser Raucherutensilien stach prall gefüllt als Requisite auch auf dem Nachtkästchen hervor. Das Fenster war wohl schon lange Zeit nicht mehr geputzt worden, sodass man kaum noch durchsehen konnte, und die Vorhänge waren merklich ausgebleicht und total vergilbt.

Kaum war ich drinnen, schlug mir zu allem Überdruss auch noch ein unbarmherziger Schwall aus drückender, abgestandener Raumluft entgegen. Es war ein penetranter Dunstcocktail aus kalter Nikotinablagerung, muffiger Altbaufeuchte und strengem Tiergeruch, der mir sofort die Kehle zuschnürte. Doch der endgültige Höhepunkt dieses visuellen und geruchlichen Albtraums wartete in der Ecke direkt neben der Küchenzeile: Auf dem verfärbten Linoleum spiegelte sich dort im matten Funzellicht eine frische, gelbliche Urinpfütze des Dackels. Der beißende Gestank von frischem Hundeurin mischte sich unerbittlich in das ohnehin schon unerträgliche Miasma. Patricia steckte die Blumen in eines der Schmutzgläser, da sie offensichtlich keine Vase parat hatte, ging zum Fenster und öffnete es, um für etwas frischen Sauerstoff zu sorgen.

Das schockierende Unbehagen, das Patricias trostlose Unterkunft in mir hinterließ, förderte eine weitere bittere Erkenntnis zutage: Sie war offensichtlich nicht einmal in der Lage, einen ordentlichen Haushalt zu führen. Was sich mir da bei der ersten Bestandsaufnahme offenbarte, war gewiss keine gute Referenz für jemanden, der sich als künftige Ehefrau bewarb. In einem solchen Chaos, zu dem unter ihrer Ägide binnen kürzester Zeit wohl auch unser gemeinsamer Wohnraum zu verkommen drohte, wollte ich um nichts in der Welt leben. Ein Haustier war für mich sowieso tabu. So sehr ich auch bereit war, sie aufgrund ihrer opulenten körperlichen Reize als Partnerin zu akzeptieren und mich womöglich sogar mit dem Gedanken anzufreunden, mit einer Kettenraucherin zusammenzuziehen – mit einem derart verlotterten Umfeld konnte ich mich beim besten Willen nicht arrangieren.

„Tut mir leid, wie es hier aussieht“, lächelte sie leicht verlegen, beinahe entschuldigend, „aber dass du jetzt bei mir bist, kam ganz spontan und ich hatte daher keine Möglichkeit mehr, vorher aufzuräumen.“ Zumindest hatte sie den Fauxpas erkannt und offen benannt, woraus ich in der Achterbahnfahrt meiner Gefühle – mich an jeden Strohhalm klammernd – am liebsten schließen wollte, dass bei ihr doch ein Wille zur Veränderung vorhanden war und meine Chance irgendwie weiterlebte. „Es stört mich überhaupt nicht“, gab ich mich bewusst lügend völlig unbeeindruckt, um mich gleich einzuschleimen: „In Begleitung einer so zauberhaften Frau wie dir habe ich Augen allein für mein reizendes Gegenüber und vergesse alles rundherum.“ Mein Kompliment saß und verfehlte seine Wirkung, ihren Selbstwert zu boostern und damit den Wirbelwind der körperlichen Attraktion zwischen uns im Hier und Jetzt weiter aufzupeitschen – worum es mir jetzt primär ging –, keineswegs, wie ich Patricias verschmitzt schmunzelndem Gesichtsausdruck entnahm.

Sie schien meinen offenkundigen Flirt, die sprichwörtliche Balz, die meine animalische Seite als Vorspiel zum eigentlichen Techtelmechtel gerade um ihre Gunst inszenierte, sichtlich zu genießen. Sie bot mir an, auf einem der beiden Stühle Platz zu nehmen, holte zwei Dosen Red Bull aus dem Kühlschrank und reichte mir eine davon. „Für dich zur Erfrischung“, raunte ihre raue Stimme einladend. Ich nahm dankend an, obwohl ich mit diesem Gummibärli-Saft wenig anzufangen wusste, ja – ehrlich zugegeben – einen derartigen Energydrink noch nie probiert hatte.

„Mein Körper braucht das jetzt nach so einer schweren Anstrengung“, enthüllte sie unumwunden, zog den Verschluss von der Dose, nahm einen kräftigen Schluck des Koffeingetränks und rülpste anschließend laut. Ich tat es ihr nach und kostete ebenfalls von dem süßen Zeug. Gewöhnungsbedürftig, nicht schlecht, aber auch nichts wirklich Besonderes, von dem ich sagen könnte, ich hätte bisher im Leben etwas Bedeutendes verpasst.

Ehe ich mich versah, hatte sie in der Handtasche nach der Gauloises-Schachtel gegriffen, in der auch ihr Feuerzeug steckte, und im Nu befand sie sich erneut in der mir inzwischen bekannten Raucherpose, die mich auf unerklärliche Weise so anmachte. Ich beobachtete Patricia dabei, wie sie die nächsten Minuten permanent zwischen ihrem Drink und der Zigarette wechselte und dabei den Eindruck vermittelte, innerlich wieder zur Ruhe zu kommen. Der vertraute Tabakgeruch verdrängte nebenbei auch den unangenehmen Raumgestank. Ich hätte früher nie gedacht, dem blauen Dunst einmal eine derart positive Seite abzugewinnen.

„Schade, dass du Nichtraucher bist, Andreas“, meinte sie lax. Sie pustete den Qualm langsam in meine Richtung und schenkte mir ein laszives Lächeln. „Es entspannt so herrlich, eine zu rauchen.“

„Es soll allerdings für die männliche Potenz nicht unbedingt förderlich sein – zumindest hört man das“, entwich mir eine unbedachte Äußerung.

„Das ist absoluter Quatsch, Andreas“, fuhr sie ein wenig entnervt dazwischen.

„Wieso das?“, wagte ich kaum nachzufragen.

Sie sah mich herausfordernd an: „Bei dem Haufen rauchender Männer, die ich im Bett hatte, war das nie ein Problem.“

Merkwürdigerweise erregte mich diese letzte Bemerkung mehr, als sie mich abstieß, und machte die Frau als bevorstehende Sexpartnerin noch faszinierender. Instinktiv fassten meine Finger in meine Hosentasche und tasteten nach dem Kondom, das ich im Kaffeehaus vorsorglich dort eingesteckt hatte, um es bei Bedarf sofort einsatzbereit bei der Hand zu haben. Das konnte nach meinem Dafürhalten bis dahin nicht mehr allzu lange dauern.

Plötzlich funkte Maxi, dessen Anwesenheit ich in meiner sexuellen Fixierung auf meine Gastgeberin fast völlig ausgeblendet hatte, dazwischen. Er kroch aus seiner Ecke hervor, umkreiste neugierig unsere Beine und schnupperte an mir, sodass mich wieder allgemein wahrnehmbar eine leichte Panik überfiel. „Maxi! Lass den Onkel Andreas in Ruhe!“, wies Patricia den kleinen Dackel in strengem Tonfall zurecht, legte ihren Glimmstängel kurz in den Aschenbecher und kraulte ihm mit der rechten Hand durchs Fell. Tatsächlich zog er sich sofort zurück und trottete gehorsam wieder zu seinem Rückzugsort, während ich erleichtert feststellte, dass zumindest diese unerwartete Unterbrechung rasch erledigt war.

„Deine Wohnung umfasst nur diesen einen Raum?“, wechselte ich bewusst zu einem belanglosen Thema, um mich wieder etwas zu sammeln. „Jedenfalls sehe ich keine Türen zu weiteren Zimmern.“ „Gut beobachtetet, Andreas“, lobte die Hausherrin meinen Scharfsinn. „Bad und WC sind hier öffentlich und befinden sich am Gang und im Keller gibt es gemeinsame Waschmaschinen. Mit Münzzahlung, ähnlich wie in einem Waschsalon.“

„Das ist bestimmt unpraktisch“, wandte ich ein, ihre prekäre Wohnsituation vor Augen Mitgefühl signalisierend. „Ist es auch, das alles mit meinen Mitbewohnern teilen zu müssen und zum Pinkeln und für jede Besorgung des großen Geschäfts die eigene Komfortzone zu verlassen“, stimmte sie mir zu und zwinkerte. „Und die Nassräume sind tagsüber meist besetzt. Am besten duscht man hier spätnachts oder in den ganz frühen Morgenstunden. Ich hab da immer mein Handy mit der Notruftaste sowie einen Pfefferspray mit im Gepäck. Die meisten hier sind ungehobelte Migranten, die kein Wort Deutsch sprechen. Es gab hier im Haus sogar schon Vergewaltigungen. Einem solchen Kerl, so ich ihm begegnen sollte, möchte ich keinesfalls wehrlos ausgeliefert sein“, schilderte sie mir ungeschönt ihren Alltag in dem Sozialghetto. Sie schloss sehr persönlich werdend mit den Worten: „Ich sehne mich nach einem starken Mann an meiner Seite – einen, der mich vor all den Widerwärtigkeiten im Leben beschützt ...“ Und strich mir, nachdem sie ihre Zigarette ausgedrückt hatte, mit ihren rußigen Fingern zärtlich über die Wange.

Ich errötete und überlegte für den Bruchteil einer Sekunde sogar, ob das eine verschleierte Aufforderung sein sollte, für sie dieser edle Ritter zu sein, bis sie den Satz nach einer kleinen Pause mit einer unmissverständlichen Klarstellung dessen beendete, wozu ich ihr nach Hause gefolgt war: „... einen, den ich spüren kann, wenn er mich vernascht.“

Mein Herz pochte wie wild. Es würde gleich so weit sein! Jedenfalls lief alles darauf hinaus: Sie erhob sich und kramte eine Hundeleine aus einer der Küchenschubladen hervor, die sie Maxi anlegte.

„Komm, Maxi. Das ist nichts für kleine Kinder wie dich“, wandte sie sich an ihren Vierbeiner und blickte mich danach mit einem vielsagenden Grinsen an, während sie sich bereits Richtung Eingangstür bewegte. „Ich bringe ihn jetzt schnell auf den Flur raus, damit er uns nicht stört. Er kann nämlich sehr eifersüchtig werden, wenn sich sein Frauchen in seiner Gegenwart vergnügt. Gell, mein Kleiner?“

Ich nickte stumm, hielt die Luft an und spürte, wie mir die Hitze bis in die Ohrläppchen stieg.

„Und er wird bestimmt Ruhe geben da draußen?“, fragte ich schließlich ungläubig, während sie den etwas widerwilligen Dackel mit dem Lederstiefel durch den Türspalt auf den finsteren Gang schob und die Leine an der Türschnalle anband.

„Mach dir darum keine Sorgen, Andreas. Maxi und ich sind ein eingespieltes Team, was das betrifft. Er ist brav und weiß genau, wie er sich artig zu verhalten hat, wenn ich Männerbesuch hab.“

„Eine Routine sozusagen?“, dachte ich laut, während meine Aufregung die Grenze des Erträglichen erreichte. Ein süffisantes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus: „Eine gewisse Routine kann man mir da wirklich nicht absprechen. Nur weil ich seit Jahren Single bin, heißt das nicht, dass ich wie eine Nonne lebe. Schließlich bin ich nun mal ein sexuelles Wesen durch und durch und hab als Frau so meine Bedürfnisse, die danach schreien, gestillt zu werden – da mache ich mir selbst nichts vor. Du als Mann doch auch?“

Das Herz hämmerte mir inzwischen bis zum Hals, während sich in meiner Hosenfalte die deutliche Ausbeulung meines Verlangens abzeichnete. Ich deutete ein zustimmendes Nicken an. Mit zitternden Fingern griff ich nochmals in meine Hosentasche. Das kleine, folierte Quadrat fühlte sich überraschend kühl an und ich holte tief Luft.

Kaum war die Pforte unserer Liebeskammer klickend ins Schloss gefallen, ging es ohne Umschweife sofort richtig zur Sache. Sie fiel mir um den Hals, noch bevor ich aufstehen konnte. Ich spürte die ganze Fülle ihres Gewichts, packte sie kräftig und wir küssten einander leidenschaftlich.

Der sie umhüllende extreme Tabakmantel, der geruchsmäßig unverkennbar ihre Persönlichkeit definierte, traf mich, als sich unsere Körper gierig aneinander knutschten, erneut mit brutaler Härte. Der raue Stoff ihrer Strickjacke war, nachdem sie die ganze Zeit zuvor bis zum letzten Drücker unentwegt geraucht hatte, vom Nikotin inzwischen regelrecht getränkt. Der kalte, schwere Qualm hatte sich zudem über die Jahre tief in die Fasern ihrer abgetragenen Kleidung gefressen und schien nun auch aus jeder Pore ihrer warmen Haut zu dünsten. Und ihr scharfer Ascheatem peitschte mir wie ein Orkan unbarmherzig ins Gesicht, brannte in den Augen und juckte meine Nase.

Der herbe Duftmix aus welkem Gestank und frischem, stechendem Brandgeruch, den ich inzwischen bereits kennen und – ich würde sogar sagen – lieben gelernt hatte, der mich in seiner aktuellen Intensität jedoch noch einmal aufs Neue überraschte, hatte seinen Schrecken längst verloren und sich erstaunlicherweise zu einem enormen Aphrodisiakum gewandelt, das meine Libido nur noch weiter beflügelte und mir half, meine tierischen Triebe in diesem Augenblick entfesselt freizusetzen. Er war der physische Beweis dafür, dass ich es mit einer absolut fremden Frau zu tun hatte, die ich erst seit zwei Stunden kannte, die aus einer komplett anderen Welt stammte, mit der ich so gut wie nichts gemein hatte, mit der ich mich – ganz ohne jede Aussicht auf eine Beziehung und wie etliche andere vor und wahrscheinlich auch nach mir – aber dennoch gerade sexuell zu vereinen dabei war. Ein zutiefst befremdlicher, aber zugleich unheimlich faszinierender Gedanke, der mein konservatives Weltbild und meine bisherigen Wertemaßstäbe sprengte, ja gänzlich in Schutt und Asche legte und eine kolossale Zugkraft auf mich entfaltete, der ich mich weder entziehen konnte noch wollte.

Die Anziehung war derart immens, dass sich meine Zunge ohne Furcht neugierig in die verrußte Höhle ihres Rauchermundes vorwagte, bis sie die ihre berührte. Patricia erkannte meine Geilheit und erwiderte sie mit gleicher Heftigkeit. Der Druck ihrer Lippen war eine unnachgiebige Forderung, der ich mich widerstandslos unterwarf. Als sich ihr Mund vollends über meinen legte, strömte ein beißend heißer Atemzug aus dichtem Tabakdunst, untermalt vom synthetischen Nachgeschmack des Energydrinks, direkt in meinen Rachen. Es fühlte sich an, als würde ich den stickigen Dampf ihrer letzten Gauloises aus zweiter Hand inhalieren. Ihre Zunge – belegt, warm und überraschend dominant – markierte ihr neues Revier, schmeckte intensiv nach kaltem Aschenbecher, Teer und einer dunklen, beinahe feurigen Süße. Statt zurückzuweichen, sogleich den Kopf zu verdrehen oder nach Luft zu ringen, sog ich dieses verruchte Aroma tief in meine Lunge ein, während mein Herz wie verrückt gegen meine Rippen hämmerte. Dieser bittere, beinahe schmutzige Geschmack verbrannte jede verbliebene bürgerliche Hemmung in mir; sie wich dem Streben nach purer Vernunftlosigkeit, nach verbotener Hingabe und der ungeschminkten Realität dieses heruntergekommenen Raumes, die mich in diesem Augenblick vollkommen gefangen nahm.

Noch während unsere Lippen ineinander verschlungen waren und unsere Zungen miteinander spielten, schaukelte sich unsere gegenseitige Obsession weiter auf. Patricia packte plötzlich mit wilder Bestimmtheit nach den Revers meines Sakkos und streifte mir mit einem dreckigen Lachen die Jacke von den Schultern. Ohne Umschweife lockerte sie sodann den Knoten meiner Krawatte, zog den seidenen Binder aus dem Kragen und warf ihn achtlos beiseite.

Ich wollte ihr in nichts nachstehen, griff in meiner Erregung nach den Saumkanten ihrer schwarzen Strickjacke, riss das grobe Material über ihre kräftigen Oberarme hinunter und befreite sie so von dem Kleidungsstück. Als es zu Boden fiel, zeichneten sich die Formen ihres fülligen Oberkörpers unter der dünnen, floralen Bluse ab, deren tiefer Ausschnitt bei jedem ihrer schweren Atemzüge verlockend wogte.

Ungeduldig vor Gier begann ich hastig, ihr Oberteil aufzuknöpfen. Es konnte mir nicht schnell genug gehen; beinahe ungestüm nestelte ich an der Leiste, bis der Stoff auseinanderwich und den Blick auf ihren runden Busen freigab, den ich aus meiner Sitzposition lüstern betrachtete. Sie trug einen einfachen, schwarzen BH aus glänzendem Satin, dessen enge Körbchen das beachtliche Volumen ihrer Brüste nur mühevoll im Zaum hielten. Das dunkle Material hob sich scharf von ihrer hellen, warmen Haut ab.

„Darf ich?“, fragte ich nur der Höflichkeit halber. Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, schob ich hurtig die geöffnete Bluse über ihre Schultern hinunter und ertastete mit meinen Händen ihre Rundungen. Die Hitze, die von ihrem Körper ausging, war überwältigend. Ich spürte das schwere, schnelle Pochen ihres Herzens unter meinen Handflächen, während meine Finger sich tief in ihr weiches Fleisch gruben. Während ich sie fest umarmte, öffnete ich den rückseitigen Verschluss ihres Büstenhalters und befreite sie von dem einengenden Teil. Patricia stieß bei jeder meiner Berührungen ein leises, zufriedenes Stöhnen aus, genoss meine hemmungslose Begeisterung sicht- und hörbar und nutzte den Moment, um ihrerseits die Initiative zu ergreifen: Ihre Hände fuhren an meiner Brust hinab, um sich augenblicklich an den Knöpfen meines Hemdes zu schaffen zu machen. Es dauerte nicht lange, bis auch mein Oberkörper komplett entblößt war.

Meine süße Maus stand nun oben ohne mit hängenden Brüsten vor mir, während ich, von notgeilem Verlangen gepackt, noch immer auf meinem Stuhl hockend diesen Anblick gierig verschlang. Ihr knackiger Hintern und die breiten Oberschenkel waren in die knappe Bluejeans hineingepresst. Ein markanter Ledergürtel am Bund und die polierten Stiefeletten, beides in sattem Schwarz, setzten dazu einen harten, aufregenden Akzent.

Patricia wich ein paar Schritte nach hinten und ließ sich mit einem fordernden, fast herausfordernden Grinsen rücklings auf das ungemachte Bett fallen. Die Szenerie war berauschend: Ihr entblößter, fülliger Oberkörper hob und senkte sich, als sie schwer atmend auf den zerknitterten Laken lag, während der grobe Stoff ihrer engen Beinbekleidung und die derben Lederstiefeletten einen ungezähmten, beinahe anrüchigen Kontrast dazu bildeten. Sie streckte mir die Beine entgegen und ich verstand das stumme Signal ohne ein einziges Wort.

Ich erhob mich, ging bis vor die Bettkante, meine Hände zitterten vor Erregung. Fieberhaft löste ich die Schnallen ihrer Stiefeletten und zog ihr das schwergängige Schuhwerk nacheinander von den Füßen, schließlich auch ihre weichen Socken. Gleich darauf beugte ich mich über sie, um an den festen Bund ihrer Jeans zu greifen. Ich öffnete die Gürtelschnalle, sodann den Knopf, zog den Reißverschluss herunter, hakte das ausgesprochen aufreizende schwarze Satinhöschen darunter direkt mit ein und schob beide Kleidungsstücke mit einer entschlossenen Bewegung über ihre kräftigen Hüften, die Oberschenkel und die Waden hinab, bis sie vollkommen nackt vor mir lag – prall, heiß und schamlos offengelegt.

Ein einziger Fleischberg sündiger Versuchung, der meine eigene Wollust zum Glühen brachte! Mein musternder Blick saugte sich sofort an ihrer Weiblichkeit fest. Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, ob ihr Intimbereich glatt rasiert wäre. Stattdessen prangte am Giebel ihrer Beine ein dichter Schamhaarhügel hervor, der sich perfekt in das verlockend verruchte Bild einfügte, das sie abgab. Die Behaarung hob sich dunkel von ihrer erhitzten Haut ab und verströmte bereits den betörenden, ganz eigenen Duft ihrer Sehnsucht, der meine Sinne endgültig benebelte.

Sie legte ein Kissen unter ihr Becken und spreizte ihre Beine.

Nun gab es für mich kein Halten mehr. Ich machte mich schnellstmöglich bereit, schlüpfte aus meinen Anzugsschuhen und nestelte an meinem Gürtel. In Windeseile ließ ich Hose und Unterhose nach unten gleiten; meine Socken würde ich aller Etikette zum Trotz anbehalten, um keine weitere Zeit zu verschwenden. Noch bevor die Stoffhüllen gänzlich zu Boden fielen, griff meine Hand wie ferngesteuert in die Hosentasche, um das im Café vorbereitete Kondom hervorzuziehen. Mit von maximaler Spannung getriebener Hektik riss ich die Verpackung auf und versuchte, das Präservativ schleunigst über meine vollkommen steife Erektion zu streifen. Sei es, dass mein Penis in meiner grenzenlosen Erregung in einem bisher ungeahnten Ausmaß angeschwollen war, sei es, dass der Pariser schlicht zu klein war – ich hatte im Zuge meiner übereilig improvisierten Beschaffungsaktion vollkommen verschwitzt, auf die Größe zu achten, und folglich vergessen, den Skater-Laufburschen entsprechend anzuweisen – oder dass einfach beides zutraf: Ich hatte merklich Schwierigkeiten, den Gummi überzuziehen, bis er schließlich halbwegs saß.

Patricia quittierte meine Unbeholfenheit mit einem belustigten Kichern. „Wo hast du denn auf die Schnelle das Ding her?“, fragte sie schließlich voller Neugier. „Du hast das Ganze doch nicht etwa von Anfang an so geplant? Oder bist du leicht ständig mit Kondomen bewaffnet unterwegs?“ „Weder noch“, antwortete ich und bemerkte mit etwas Humor: „Wie ich das gute Stück so rasch organisiert habe, bleibt mein süßes Geheimnis.“

Keine zwei Sekunden später war ich bei ihr, drängte mich aufs Bett und ließ mich auf meine flüchtige „Geliebte“ sinken. Ihr molliger Körper war angenehm weich, ihre schroffe, leicht verunreinigte Haut bereits von einer feinen Schweißschicht überzogen, die eine ganz eigentümliche, strenge Note verbreitete. Es kam mir vor, als wollte sich ihr Organismus von all den Oxidantien ihres ausschweifenden Lebensstils entgiften und das reichlich inhalierte Nikotin ausschwitzen. Ein unschöner Geruch, der mich nochmals an die unverbindliche, tabubehaftete Natur unserer Begegnung erinnerte und dadurch weiter stimulierte.

Ohne Vorspiel presste ich meine gummierte Männlichkeit in ihre Scheide. Als mein aufgeblähter Ständer zielsicher jeden Widerstand überwindend endlich in ihre feuchte Wärme eindrang, war es eine Erlösung und eine Qual zugleich. Das viel zu enge Latex schnürte mir die Schwellkörper ab und bei jeder Bewegung mischte sich ein dumpfer, quetschender Schmerz unter die gleißende Lust. Das Material stand so extrem unter Spannung, dass mich bei jedem Stoß panische Angst überfiel, das Kondom würde der Hitze des Gefechts nicht standhalten, könnte sich jeden Moment ablösen oder mit einem heftigen Knall platzen. Doch mein animalischer Trieb und Patricias lautes Stöhnen ließen mir keine Wahl, als in ekstatischer Hingabe die physische Pein zu ertragen. Ich stieß immer tiefer, bereit, zähneknirschend das Wagnis einzugehen, um den erwarteten Lohn voller Befriedigung zu erlangen.

Patricia merkte, wie ich das Gesicht verzog, und führte mein Unbehagen aufgrund ihres ausgeprägten sexuellen Instinkts sofort auf das strangulierende Plastik zurück: „Du kannst das Scheißding ruhig abziehen. Ich stehe kurz vor meinen Tagen.“

Ihr unvermitteltes Angebot, auf jedweden Schutz zu verzichten, war ebenso überraschend wie unwiderstehlich, sodass es wie eine Bombe einschlug. Hatte mein Verstand mich anfangs noch leise für meine Vorsicht gelobt, so hatte sich das Präservativ bald zur hinderlichen Bürde entwickelt und wurde von mir zusehends als Lusttöter empfunden. Der prompte Vorschlag, es einfach wegzulassen, erschien daher überaus verlockend, von einer unberechenbaren Frau mit einer eindeutigen Vorgeschichte wie Patricia kommend jedoch zugleich auch brandgefährlich. Cornelia, meine verflossene Verlobte, hatte, ehe wir nach einer gefühlten Ewigkeit überhaupt miteinander sexuell verkehrten, stets darauf bestanden und betont, der Verzicht auf Verhütung wäre eigentlich der Ehe vorbehalten. Erst in der letzten Phase unserer Beziehung, kurz bevor alles in die Brüche ging, hatten wir es dann ein paar Mal ohne gewagt.

Meine aktuelle Bettgeschichte machte dagegen überhaupt keine Anstalten in Bezug auf lange Wartezeiten oder moralische Regeln. Es zählte einzig und allein der Genuss des Augenblicks. Dieses verheißungsvolle Versprechen fegte die letzten Reste meiner Vernunft rücksichtslos beiseite. Ich wusste, wie irrational, ja geradezu riskant es war, sie blank zu nehmen, doch das Verlangen, dies hier und heute zu erleben, war einfach stärker. Ich vertraute ihrer Zusicherung, dass sie nicht schwanger werden könnte, und hoffte inständig, dass auch sonst nichts sein würde.

Ich unterbrach die Ballerei, um mit einer dringlichen, fast rabiaten Bewegung den lästigen Überzieher von meinem pulsierenden Glied zu reißen, und schleuderte ihn fort. Mein Körper reagierte unverzüglich auf die wiedergewonnene Freiheit: Heilfroh, nicht mehr in der einschnürenden Hülle gefangen zu sein, schwoll meine Männlichkeit unter dem ungehinderten Blutstrom jetzt noch weiter an.

Als ich mich zur Fortsetzung des Aktes wieder über Patricia positionierte, zog sie mich an den Hüften zu sich hinab und umklammerte mich mit ihren Beinen. „Echte Männer brauchen kein Kondom“, hauchte sie mir heiß ins Ohr, während vollkommen ungeschützt in ihre klatschnasse Vagina glitt. Ich staunte über meinen eigenen Wagemut, meine beherzte Courage – andere würden es eher als Leichtsinn bezeichnen. Wir waren einander ganz und gar ausgeliefert und ich begriff sofort, was sie mit „wahrer Männlichkeit“ meinte, nicht ohne Stolz, diese soeben unter Beweis zu stellen.

Es fühlte sich himmlisch an! Als ich mich nach vorne schob und die nackte, glühende Spitze meines Prügels erstmals auf ihre feuchte Weiblichkeit traf, ließ mich der direkte Hautkontakt heftig zusammenzucken. Keine künstliche Grenze trennte uns mehr; da war nur noch die pure, ungefilterte Biologie. Mit einem einzigen, wuchtigen Stoß drang ich tief in ihre Lustgrotte ein, spürte nun ihre natürliche Wärme und glitschige Nässe. Ein raues, grollendes Aufstöhnen entfuhr meiner Kehle, sobald sich unsere verschwitzten Körper ungebremst ineinanderfügten und die Hitze ihrer Sehnsucht mich vollständig umschloss.

Es war längst keine einseitige Befriedigung mehr, sondern ein wildes, synchrones Wechselspiel unserer Körper. Patricias Fingernägel gruben sich fest in das Fleisch meines Rückens, während sie ihr Becken mit rhythmischer Präzision jedem meiner Stöße entgegenwarf. Vor – zurück, vor – zurück, vor – zurück: Die Choreografie, zu der meine bescheidene Betterfahrung reichte, war ganz simpel, aber hocheffektiv. Mein permanentes Rammeln entlockte ihr wiederkehrende Lustschreie – ungehemmt, laut, geradezu ekstatisch –, die sich im engen Raum brachen und mir im Takt unserer Bewegungen entgegenschallten. Meine anfängliche Befürchtung, meine Affäre als bloße Erfüllungsgehilfin zu benutzen, um meinen über die Jahre unterdrückten sexuellen Appetit in Heißhungermanier abzubauen, verflog im Nu; die Wucht ihrer Reaktionen bewies mir, dass der Funke der Erregung sie ebenso erfasst hatte wie mich. Das Klatschen unserer feuchten Haut, das schwere, keuchende Atmen, mit dem ihre strapazierte Raucherlunge kaum überhörbar verzweifelt nach Sauerstoff schnappte, und ihre unverhohlene Hingabe trieben das Pacing unserer Vereinigung immer weiter an und ließen jede verbliebene Distanz zwischen uns endgültig schmelzen.

Ich musste mir selbst gegenüber ehrlich eingestehen: Noch nie in meinem bisherigen Leben – selbst in den besten Zeiten mit Cornelia nicht, als wir noch frisch verliebt waren – hatte ich einen auch nur annähernd so gewaltigen, physisch überwältigenden Geschlechtsverkehr erlebt wie im gegenwärtigen, betont anrüchigen, ja schmutzigen Setting von Sex ohne Liebe mit einer völlig Fremden. Die intensive Reibung unserer Schamorgane erzeugte ein schier unerträgliches Brennen; bei jedem Stoß spürte ich die millimetergenaue Präzision und die ungeheure Verbissenheit, mit der Patricias Loch mein steifes Glied im Würgegriff fest und gierig einschloss, als wollte sie es nie wieder freigeben. Es war ein fast schon klaustrophobisches, erstickendes Gefühl der Enge, das mich vollkommen gefangen hielt. Zu dieser extremen anatomischen Reizüberflutung gesellte sich das körperliche Nebenprodukt unseres ungehemmten Exzesses: Der stechende Gestank ihres kalten Schweißaustritts, vermischt mit öligem Talg und den tief aus ihren Poren drängenden Nikotinrückständen, erreichte in dieser überhitzten Phase einen neuen, fast unerträglichen Höhepunkt. Es war eine olfaktorische Zumutung der Sonderklasse, die ihresgleichen suchte, meine Sinne aber zeitgleich in einen ultimativen Rauschzustand katapultierte.

Patricia merkte meine Ausnahmeverfassung, in der ich mich nach ihr verzehrte. „Na bamm, du feiner Herr Studierter ... bist ja ur geil! Wow! Dich haben’s für mich wohl lange auf Diät gesetzt, so wie du gerade rangehst?“ Ihre derbe Bemerkung, die sie gepaart mit dem typischen Wiener Gemeindebau-Charme mit einem kehligen Gurren absonderte, goss nur noch mehr Öl ins Feuer meiner Hemmungslosigkeit. Auch wenn diese Frau zu sonst nichts taugte – hierin war sie unumstritten Weltklasse! „Ich hoffe, es mundet“, erwiderte ich ebenso keck. „Ja, und wie!“, folgte die sofortige Bestätigung.

Patricias nagelndes Krallen und der Druck ihres Beckenbodenmuskels trieben mein Nervensystem an die absolute Belastungsgrenze. Der Kontrollverlust war nicht mehr aufzuhalten. Ich musste ihr Bescheid geben, dass ich das ersehnte, große Finale nicht länger hinauszuschieben vermochte.

„Patricia, ich ... ich halt nicht mehr lang durch“, keuchte ich ihr stoßweise ins Ohr, während der Schweiß von meiner Stirn auf ihre Brust tropfte.

Sie lachte auf – ein dreckiges, triumphierendes Glucksen. „Na dann gib’s mir! Halt dich ned zurück, Andreas! Ich möchte deine volle Ladung“, raunte sie mir heiser zu und zog meine Hüfte mit überraschender Kraft noch fester an sich heran.

Und dann übermannte es mich. Ich verlor meine Beherrschung vollends, kapitulierte vor der unbezwingbaren Naturgewalt, ein Orgasmus epischer Dimension riss mich mit; ich ergoss mich mit brutaler Wucht in sie hinein. Ein taumelndes, in Worten kaum beschreibbares Glücksgefühl durchfuhr mich, als ich meinen Liebessaft in sie hineinpumpte. „Oh mein Gott ... ich komme!“, schrie Patricia zeitgleich auf, während ihre Muskeln mich rhythmisch einschnürten und sie sich mit gleicher entfesselter Verzückung in den Höhepunkt warf.

Nach der fulminanten Klimax sackte ich total erschöpft in mich zusammen und blieb eine Weile auf ihr liegen, wobei ich allein das aufgeregte Trommeln unserer beiden Herzen vernahm. Mein kleiner Freund war inzwischen vollkommen erschlafft und ich so verausgabt, dass an eine zweite Runde nicht zu denken war, die meine ebenfalls gänzlich ausgelaugte Liebhaberin glücklicherweise auch nicht einforderte. Mir fehlte nach meiner jahrelangen Abstinenz mit Ende 30 schlicht die hierfür nötige Kondition. Auch sie musste sich zuerst einmal wieder sammeln. Als ich mich schließlich aufrichtete, kreuzten sich unsere Blicke und sie schenkte mir ein zufriedenes Lächeln. „Das hat echt gutgetan“, sagte sie. „Ganz deiner Meinung“, entgegnete ich knapp.

„Davon werde ich als Single-Frau eine ganze Zeit lang zehren, bis sich bei Gelegenheit wieder mal ein Mann findet, der mir’s dann erneut so richtig besorgt“, fuhr sie heiser fort, während ich das Bett verließ, um meine Kleidung zusammenzuklauben. Zwischen den Zeilen checkte ich den stillschweigenden Hinweis, dass das jemand anders sein würde und ich kein Teil in ihrer Rechnung mehr war. „Also wirst du nach Mister Right weitersuchen?“, wollte ich mir vorsichtig jene Klarheit verschaffen, die ich längst hatte. Sie nickte kaum merklich, während sie sich darauf konzentrierte, mit einem aus der Nachtkästchenlade geholten frischen Papiertaschentuch ihre Scheide von meinen klebrigen Spermaresten zu säubern.

Ich begann mich anzukleiden, als sie mich mit krächzender Stimme bat, ihr die Zigaretten zu reichen, die sich auf dem Couchtischchen befanden. In Blitzeseile funktionierte sie wieder im gewohnten Rauchmodus. Es war ein scharfer Anblick, ihr dabei zuzusehen, wie sie nackt im Bett liegend genüsslich an ihrem Glimmstängel zog, sichtlich bemüht, Stress abzubauen und zu entspannen. Der zweite Aschenbecher war dafür in idealer Reichweite. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie das alles vorexerzierte, heizte mir ein letztes Mal gehörig ein. Wehmütig realisierte ich, dass ich solche antörnenden Momente mit ihr in Zukunft nicht mehr teilen würde.

Plötzlich erwachte in meiner blühenden Fantasie die absurde Idee auf, dass sie als meine frisch Vermählte bei mir zu Hause genau so daläge und die Hochzeitsnacht nach dem Vollzug der Ehe derart unromantisch, wenngleich für mich höchsterregend, ausklingen lassen würde. Dann holte mich die Realität endgültig ein: Es war eine einmalige Episode gewesen – ein kurzes, hemmungsloses Ausbrechen aus meiner Welt. Selbst die zarte Hoffnung auf gelegentliche, unverbindliche Sextreffen löste sich im grauen Dunst ihrer Gauloises augenblicklich auf. Für Patricia war die Sache abgehakt, der Zweck erfüllt. Für mich ebenso. Ich war nur ein Passagier auf der Durchreise in ihrem Leben gewesen.

Im Handumdrehen steckte ich in meinen Klamotten und sagte bewusst minimalistisch Lebewohl: „Mach’s gut, Patricia. Es hat mich sehr gefreut.“ Sie deutete mir mit dem Finger, nochmals näherzukommen, umarmte mich und verpasste mir spontan ein süßes Abschiedsbussi auf die Stirn: „Du schaffst das, Andreas. Und bis es so weit ist, kannst du dir als Mann ohne schlechtes Gewissen ruhig das gönnen, wonach dir ist.“

Ich begab mich direkt zum Ausgang, öffnete die Tür, band Maxis Leine los, der ungeduldig nur darauf gewartet hatte, sodass er zurück zu seinem Frauchen laufen konnte. Und fort war ich.

Kapitel 5

Mein Heimweg war von einer merkwürdig ambivalenten Stimmung überschattet. Einerseits hatte ich soeben den überwältigendsten Sex meines Lebens genossen, andererseits mein ursprüngliches Ziel, etwas an meinem Single-Status zu verändern und die passende Begleiterin fürs Leben zu finden, krass verfehlt. An die Stelle des hormonell bedingten, anfangs noch euphorischen Highs war schnell komplette Ernüchterung getreten. All meine Hoffnungen der vergangenen Tage hatten sich in diesem Rendezvous mit der Realität auf hässliche Weise zerschlagen. Patricia war nicht die ersehnte Traumfrau für eine gemeinsame Zukunft, für die ich sie in meinen naiven Wünschen gehalten und die ich mir viel zu lange schönzumalen versucht hatte, sondern das genaue Gegenteil. Ich hätte die Warnsignale deutlich erkennen müssen, anstatt sie in kognitiver Dissonanz zu verdrängen, und mich nie auf die Versprechungen der Agentur sowie dieses konkrete Blind Date einlassen, ja mich sogar zum Geschlechtsverkehr mit diesem ordinären Luder hinreißen lassen dürfen. Es ekelte mich vor mir selbst und mir war bei dem Gedanken daran, was ich heute getan hatte, einfach zum Kotzen. Ich drückte nachts kein Auge zu.

Zur tiefen emotionalen Enttäuschung kam, als ob das allein nicht schon schlimm genug wäre, die monetäre Pleite. Ich, die Umsicht in Person, hatte wie ein wilder Zocker für eine vage Illusion ein kleines Vermögen von 2.900 Euro hingeblättert, alles auf eine Karte, Patricia, gesetzt – und verloren. Innerlich aufgewühlt wählte ich am Morgen danach die Nummer der Partnervermittlerin, um meiner Frustration und Wut freien Lauf zu lassen, landete jedoch nur beim Anrufbeantworter, der mich darüber aufklärte, dass Jasmina heute erst ab 14 Uhr erreichbar sei. Da in meinem Betrieb jedoch für den gesamten Nachmittag eine extensive Arbeitssitzung anberaumt war, bei der ich unabkömmlich war, musste das klärende Gespräch bis nach Dienstschluss warten.

Als alle Kollegen gegangen waren und ich mich in mein Büro zurückgezogen hatte, um endlich die Zeit und Ruhe für das Telefonat zu finden, empfand ich fast schon Erleichterung, als sie abhob. Nach einer betont herzlichen Begrüßung am anderen Ende der Leitung hatte sich mein Ärger weitgehend verflüchtigt. Ich hatte mich auf eine unangenehme Aussprache eingestellt, auf Rechtfertigungen und vielleicht sogar einen Streit. Stattdessen begegnete mir Jasmina mit derselben warmen, verständnisvollen Art wie bei unserer ersten Unterhaltung.

„Andreas, schön, dass du dich meldest! Du hattest gestern dein Treffen mit Patricia. Warst bestimmt ein klein wenig aufgeregt, obwohl du eigentlich ein supercooler Typ bist? Ich habe an euch beide gedacht. Erzähl mal, wie es aus deiner Sicht gelaufen ist.“

Ich bemühte mich, sachlich zu bleiben, und schilderte, was mir an ihr gefallen und was mich massiv gestört hatte; den One-Night-Stand bei ihr zu Hause sparte ich bewusst aus. Jasmina zeigte währenddessen volles Verständnis und kam dann knallhart zum Punkt: „Du möchtest den Kontakt zu Patricia also nicht weiterverfolgen, Andreas?“

Ich nickte unwillkürlich, als stünde sie vor mir, und stieß ein deutliches „Nein“ aus.

„Das habe ich mir schon fast gedacht“, erwiderte sie in einem erstaunlich sanften Ton. „Patricia hat sich vorhin nämlich ebenfalls bei mir gemeldet und mir mitgeteilt, dass sie keine weitere Beziehungsperspektive mit dir sieht.“

Diese Nachricht überraschte mich, obwohl sie es eigentlich nicht sollte. Offenbar hatte Patricia ihre Entscheidung gleichfalls schon getroffen und sogar vor mir kommuniziert. Einen Moment lang wusste ich nicht recht, ob ich darüber erleichtert oder gekränkt sein sollte. Dann setzte sich letzteres Gefühl durch – ein weiterer Schlag für mein Ego.

„Schade drum“, seufzte ich deprimiert.

„Lass den Kopf nicht hängen, Andreas“, versuchte Jasmina sofort, mich zu trösten. „Davon geht die Welt nicht unter. Du hast alle Chancen der Welt ... und vertraglich noch Anspruch auf drei weitere Vorschläge von uns. Nach meiner langjährigen Erfahrung aus der Vermittlung ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass es gleich beim ersten Mal funkt. Das wäre der absolute Glücksfall. Die meisten Kunden benötigen zwei bis drei Anläufe, bis sie unter der Haube sind. Wir begleiten sie auf diesem Weg durch alle Aufs und Abs. Und da ich nun dein ehrliches Feedback habe, kann ich viel gezielter für dich weitersuchen. Mir ist klar geworden, dass du nach einer viel konventionelleren Partnerin Ausschau hältst, als es Patricia je hätte sein können. Ich hätte sie dir von mir aus auch nicht als Match vorgeschlagen, wenn du nicht so hartnäckig darauf bestanden hättest. Nun, es gab eindeutig Anknüpfungspunkte zwischen euch, sonst hätte ich dir explizit abgeraten, aber offensichtlich zu wenige. Die Anziehung war insgesamt zu schwach und oft erweist sich erst in der Praxis, ob zwei Menschen miteinander können. Um das herauszufinden, gibt es ja die persönlichen Treffen.“

Ihre Worte waren Balsam für meine Seele und ich fasste wieder Mut.

„Das Treffen war erstaunlich intensiv und nicht ohne“, rutschte es mir dann doch versehentlich raus – fast so, als wollte ich kurz Einspruch erheben. Eigentlich hätte ich nicht darüber sprechen wollen, aber irgendwie beschäftigte es mich dennoch, was da gestern im Schlafzimmer passiert war. Ich schämte mich sogleich, dass es so weit gekommen war und ich mich unbedacht verplappert hatte.

Jasmina schwieg einen kurzen Moment, ehe sie mit einem leicht amüsierten Unterton erwiderte: „Das klingt ganz danach, als wäre es zwischen euch zumindest zeitweise ziemlich heiß hergegangen. Patricia hat mir gegenüber etwas ganz Ähnliches angedeutet.“ Mein Atem stockte. Diese Enthüllung traf mich völlig unvorbereitet. Offenbar hatte Patricia ihr gegenüber keinen großen Hehl daraus gemacht, was sich zwischen uns abgespielt hatte. Jasmina merkte instinktiv, dass sie da einen wunden Punkt in mir getroffen hatte, und setzte gewohnt verständnisvoll fort: „Du brauchst dir da keine Vorwürfe zu machen, Andreas. Wir überlassen es unseren Klienten, was sie aus ihrem Treffen machen. Manchmal gewinnt dabei die körperliche Dimension kurz die Oberhand. Das ist ganz normal. Wir sind alle Menschen mit bestimmten Bedürfnissen. Es ist kein Malheur, wenn Mann und Frau das nicht negieren und sich holen, wonach ihnen ist, und danach trotz aller guten Voraussetzungen zu dem Schluss kommen, dass sie als Paar einfach nicht zusammenpassen. Das ist kein Versagen von dir und auch kein Versagen von Patricia.“

„Ich hatte im Nachgang nämlich ein schlechtes Gewissen und verspürte Schuldgefühle, zumal es für die unverbindliche Natur unserer Begegnung sehr intim war und wir auf ihr Angebot hin sogar auf das Präservativ verzichtet haben“, gestand ich nun freimütig, dankbar, dass Jasmina hier wie eine Psychotherapeutin agierte, mit der ich das Erlebte aufarbeiten und zugleich besser einordnen konnte.

„Du solltest dich jetzt nicht selbst fertigmachen, Andreas“, setzte sie beruhigend fort. „Ihr seid zwei erwachsene Menschen und habt im gegenseitigen Einvernehmen gehandelt. Da ist nichts Verwerfliches dabei. Ich hatte, bevor ich meinen jetzigen Partner kennenlernte, selbst eine wilde Phase. Und in der serbischen Community, aus der ich stamme, war es auch nicht üblich, mit Kondomen zu verhüten. Sieh die Sache mal so: Dass sie dir zuliebe auf den Gummi verzichtet hat, ist ein Zeichen ihres Vertrauens. Du bist einfach ein attraktiver Mann, dem die Frauenherzen nur so zufliegen.“

„Danke, Jasmina“, sagte ich. Mein Selbstwertgefühl war wieder aufgebaut.

„Gern geschehen, Andreas. Soll ich den Vermittlungsprozess nun augenblicklich wieder aktivieren oder benötigst du noch eine emotionale Regenerationspause, um etwas Abstand zu gewinnen, und möchtest daher eine Zeit lang zuwarten, bevor ich dir den nächsten Vorschlag unterbreite?“, schaltete sie vom Persönlichen sofort wieder in den professionellen Modus.

„Ich habe mit Patricia abgeschlossen, bin für Neues bereit und würde es somit bevorzugen, wenn du gleich startest“, gab ich mich entschlossen.

„Prima. Ich weiß jetzt ja viel genauer, wie du dir deine Wunschpartnerin vorstellst. Und wir bleiben, wie wir am Sonntag besprochen haben, bei deiner Präferenz, dass es egal ist, ob sie raucht. Oder hat dich das bei Patricia arg gestört?“

„Nein, überhaupt nicht. Ist okay so“, bestätigte ich, meinen diesbezüglich nach wie vor bestehenden Zwiespalt verschweigend.

„Das ist eine sehr vernünftige Entscheidung, mit der du nichts falsch machen kannst“, lobte sie meinen Entschluss. „Denn damit haben wir für dich die größtmögliche Auswahl. Nach wie vor sind es entgegen allen allgemeinen Trends, welche die Medien kolportieren, nämlich wesentlich mehr Raucherinnen, die ich als partnersuchend in meiner Kartei führe, während meine männlichen Klienten wie du eher zum Nichtrauchen tendieren. Offenheit und gegenseitige Toleranz, die Bereitschaft, über seinen eigenen Schatten zu springen und gesellschaftliche Vorurteile gegenüber dem Qualmen zu überwinden, sind daher unverzichtbare Assets, die sich auch bezahlt machen.“

Ich lauschte ihren Ausführungen gespannt. „Inwiefern?“, fragte ich.

„Schau, Andreas, ich habe da eine wunderbare Anekdote: Ich habe im Vorjahr zwei Personen miteinander verkuppelt, die in dieser Hinsicht unterschiedlicher nicht hätten sein können. Sie – nennen wir sie Aylin – eine attraktive Bankangestellte, Mitte 30, eine Halbtürkin, bildhübsch mit dunkelhaarigem, südländischem Flair. Ein absoluter Traum von einer Frau, die allerdings seit ihrer frühesten Jugend ihrem Laster in einem Ausmaß frönt wie kaum eine andere. Und er? Ein junger, aufstrebender Oberarzt, Anfang 40, am Evangelischen Privatspital hier in Wien, extrem gesundheitsbewusst, der sich anfangs mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat, eine Raucherin auch nur zu daten.

Nach zwei misslungenen Vermittlungsversuchen konnte ich ihn schließlich überzeugen, seine Suchkriterien doch noch zu erweitern, und habe ihm Aylin vorgestellt. Und was soll ich dir sagen? Die beiden waren sich auf Anhieb sympathisch, haben kurz darauf geheiratet und sind heute das glücklichste Pärchen überhaupt. Sie musste sich für ihn nicht verändern und er kann wunderbar damit leben, wenn sie daheim, sogar im gemeinsamen Schlafzimmer, raucht. Sie musste dazu nicht ans Fenster oder gar hinaus auf die Terrasse seiner Villa. Und das Schönste daran: Just vorgestern ist bei mir eine Dankeskarte von den beiden ins Haus geflattert. Aylin hat eine gesunde Tochter zur Welt gebracht – ihr erstes gemeinsames Kind.“

Mir wurde bei dieser rührseligen Liebesgeschichte gleich warm ums Herz und ich sah mich bereits in einer ähnlich glücklichen Position. Ich wollte Jasmina nicht länger von der Arbeit abhalten und verabschiedete mich daher voller Zuversicht, nicht ohne zu betonen, wie sehr ich mich schon freue, bald von ihr zu hören.

Tage, Wochen, Monate verstrichen – nur der erlösende Rückruf mit dem versprochenen nächsten Partnervorschlag blieb aus. Ich fragte wiederholt nach, urgierte vergebens, wurde endlos vertröstet, später schlicht abgewimmelt, sofern die Gegenseite überhaupt noch abhob. Meine Frustration wuchs schleichend. Die knappen Unterredungen verliefen zunehmend geschäftsmäßig, der Ton wurde rauer, die Atmosphäre frostiger. Als ich Jasmina einmal am Telefon überraschte, vergaß sie, das Mikrofon abzuschalten, während sie mit einer Kollegin sprach: „Der Magister Lechner nervt schon wieder. Hast du irgendwelche Neuigkeiten, wann wir endlich wieder mit Frischfleisch rechnen können?“ Der Satz gewährte mir einen entlarvenden Einblick hinter die freundliche Fassade der Agentur. Was ich da zu hören bekam, war widerwärtig – und erschütterte mein Vertrauen in die Vermittlung bis ins Mark.

Ich überlegte nun ernsthaft, ob ich nicht aus dem Vertrag aussteigen und mein Geld zurückverlangen könnte, und zog trotz eigener Scham, andere in die für mich hochpeinliche Angelegenheit einzuweihen, sogar unseren Firmenjuristen zurate, der jedoch salopp meinte, ich könne nach Lage der Dinge vorläufig kaum etwas unternehmen und solle einfach abwarten, was geschehe. Solange es dem Institut gelinge, mir binnen der vereinbarten Laufzeit von acht Monaten die vier zugesagten Vorschläge zu präsentieren, sei es außer Obligo, denn der Vertragswortlaut sei, was den Zeitpunkt und die Qualität der einzelnen Vorschläge betreffe, alles andere als konkret – bis auf meinen expliziten Kennenlernwunsch in Bezug auf Patricia. Da die Dame aus dem Inserat aber tatsächlich existierte und mir auch zeitnah vorgestellt wurde, hätte die Vermittlung diesen Teil der Vereinbarung anstandslos erfüllt und es bestünde somit auch kein außerordentlicher Kündigungsgrund wegen Nichteinhaltung einer für mich wesentlichen Bedingung.

Inzwischen waren seit der Episode mit Patricia gut vier Monate ins Land gezogen. Eines Tages läutete mein Handy. Zu meiner Überraschung war Jasmina am Apparat. „Hi, Andreas! Jasmina hier. Ich habe wunderbare Neuigkeiten für dich. Zunächst einmal möchte ich mich jedoch für die unverzeihliche Verzögerung entschuldigen. Es tut mir echt leid, dass meine Mitarbeiterinnen und ich deine Geduld so hart auf die Probe stellen mussten, aber wir hatten nach der sagenhaft erfolgreichen, wenngleich viel zu schnellen Vermittlung beinahe all unserer Bestandskundinnen in der Agentur mit einer nie dagewesenen, für unsere Branche vollkommen atypischen Flaute an Neuzugängen zu kämpfen. Im Büro rauchten unsere Köpfe nur so, welche Hebel wir in Bewegung setzen und was wir sonst noch alles anstellen sollten, und der ohnehin nicht geringe Tabakkonsum stieg gefühlt nochmals um ein Drittel. Mein Lebensgefährte warf mir vor, dass er mich so gut wie gar nicht mehr zu Gesicht bekomme, als ich immer häufiger spätnachts mit wachsenden Sorgenfalten aus der Arbeit heimkam. Doch mein harter Einsatz hat sich gelohnt. Ich habe sie gefunden – eine vielversprechende Frau für dich. Bist du noch interessiert?“

Natürlich war ich das! Zudem gefiel mir Jasminas liebenswürdige, eine neue, verletzliche Facette offenbarende Art, aufrichtig Selbstkritik zu üben, und ich war bereit, ihre versöhnliche Entschuldigung zu akzeptieren. Sie wirkte in der Büßerrolle sehr zerknirscht und damit ungemein menschlich und nahbar. Ich merkte, dass ich im Begriff war, mich in sie zu verknallen, und wünschte, dass sie selbst diese mysteriöse Herzdame wäre, die sie für mich aus dem Hut zu zaubern ankündigte, wohl wissend, dass dies nur ein Traum bleiben würde, da sie leider Gottes bereits vergeben war.

„Ja, klar“, antwortete ich und fragte neugierig: „Wer ist sie?“

„Ihr Name ist Judith. Sie ist diplomierte Krankenschwester und hat genau jene Eigenschaften, die du letztes Mal so schmerzhaft vermisst hast: Sie ist organisiert, fleißig, strebsam, hat sich zur Oberschwester hinaufgearbeitet und trägt inzwischen an einem Wiener Krankenhaus Verantwortung für eine ganze Station. Nach einem schweren Schicksalsschlag sucht sie jetzt einen Neuanfang. Sie ist brünett, mit 1,75 recht groß, schlank, gepflegt, fast ein bisschen altbacken – ihr werdet euch also ausgezeichnet verstehen, glaube ich –, ausgesprochen charmant und – Bingo! – Raucherin.“

„Klingt interessant.“

„Okay, sehr gut. Ich werde alles veranlassen, damit ihr beide ehestmöglich Bekanntschaft schließen könnt, und gebe dir dann Bescheid.“

Eine Woche später war ich mit Judith bei einem Nobelitaliener zum Abendessen verabredet. Als der Kellner mich zu ihrem Tisch führte und sie zur Begrüßung aufstand, erkannte ich sofort den Pferdefuß an diesem Partnervorschlag. Jasmina, diese verfluchte Schlange, hatte mich mit ihren gezielt euphemistischen Beschreibungen, vor allem dem bewusst irreführenden „ein klein wenig altbacken“, ein weiteres Mal brutal übers Ohr gehauen. Statt der erhofften attraktiven, mit sinnlichem Charme gesegneten Brünetten saß dort nämlich ein spießiger Tantchentyp im schweren grauen Kostüm mit runder Brille auf der Nase, wie sich bald herausstellte, ganze 13 Jahre älter als ich – eine Frau von 51 Jahren also, der man ihr wahres Alter allerdings kaum abnahm, da sie optisch bereits stramm auf die 60 zuging und somit problemlos eher als meine Mutter durchgegangen wäre denn als potenzieller Flirt. Ihr abgemagertes, tief zerfurchtes Gesicht, stummer Zeuge unzähliger Nachtdienste und jahrzehntelangen Stressrauchens, ließ sich selbst mit ihrem dick aufgetragenen Make-up und dem grellpinken Lippenstift nicht mehr verjüngen. Dennoch zwang ich mich zu einem höflichen Auftreten und fragte sie, nachdem wir uns kurz vorgestellt hatten, was sie zur Partnervermittlung bewogen habe. Ihre Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen, als sie mir erzählte, dass Herbert, ihr Lebensmensch, vor zwei Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen sei. Nun wolle sie mit professioneller Unterstützung versuchen, einen Neuanfang zu wagen. Während sie mit matter Stimme von ihrem Verlust berichtete und nebenbei über massive gesundheitliche Probleme klagte, suchte ich fieberhaft nach einer Möglichkeit, mich möglichst unauffällig aus der Affäre zu ziehen. Als Judith sich schließlich noch vor dem Eintreffen der Vorspeisen kurz entschuldigte, um im Innenhof eine Zigarette zu rauchen, sah ich meine Chance gekommen. Ich rief den Ober zu mir, bezahlte heimlich die Rechnung und verdrückte mich diskret aus dem Lokal, noch ehe sie an den Tisch zurückkehrte.

Wutentbrannt konfrontierte ich die skrupellose Kupplerin mit dem Vorwurf, sie hätte mir Judiths fortgeschrittenes Alter mit böser Absicht verschwiegen, da ich einem Treffen mit ihr sonst niemals zugestimmt hätte. Immerhin hätte ich beim Ausfüllen des Fragebogens ja klipp und klar angegeben, eine Frau zwischen 25 und 38 zu suchen, mit der die Erfüllung eines gemeinsamen Kinderwunsches und damit eine Familiengründung möglich wären. Der aktuelle Vorschlag wäre diesbezüglich völlig ungeeignet gewesen und könne daher auch nicht als Vertragserfüllung gewertet werden, griff ich ein rechtliches Argument auf, das mir aus den Ausführungen unseres hausinternen Justiziars in Erinnerung geblieben war. Jasmina reagierte darauf erstaunlich gelassen und meinte smart, in der Betreuungsvereinbarung stehe – wie ich nachlesen könne – auch, dass die Agentur, falls die zur Verfügung stehenden Kandidatinnen nicht sämtliche mitgeteilten Kriterien erfüllten, auch jemand anderen vorschlagen könne, der diesen am nächsten komme, was bei der emsigen Oberkrankenschwester nachweisbar der Fall gewesen sei. Sie werde jedoch meinen ausgeprägten Familiensinn gerne beim nächsten Mal entsprechend berücksichtigen.

Ich musste mich nolens volens damit zufriedengeben, auch wenn ich ihren Zusicherungen längst nicht mehr über den Weg traute.

Und tatsächlich wurde mir nach einem weiteren Monat – nachdem sich Jasmina vorsichtshalber vergewissert hatte, dass ich kulturell offen und gegenüber hübschen Ausländerinnen aufgeschlossen sei – Miray vorgestellt. Miray, was in der Landessprache so viel wie „Prinzessin“ bedeutet, war eine 23 Jahre junge Kurdin im besten gebärfähigen Alter. Sie erfüllte die Voraussetzung perfekt – wenngleich auf ganz andere Weise als von mir angenommen. Stutzig machte mich von Anfang an nur der Umstand, dass die Verabredung nicht wie sonst üblich in einem Gastronomiebetrieb, sondern in einem öffentlichen Park stattfand. Sie sei sehr sportiv, immer in Aktion, wolle mit mir einen gemeinsamen Spaziergang in der Natur unternehmen, hieß es.

An der vereinbarten Stelle fand ich sie auf einer Parkbank sitzend, eine klein gewachsene Orientalin im dunklen Jumpsuit – mit zwei Kleinkindern im Kinderwagen im Schlepptau sowie einem Säugling auf dem Arm. In gebrochenem Deutsch erklärte sie mir, dass sie den Vater ihrer Kinder, einen gewalttätigen Landsmann, nach wiederholten schweren Misshandlungen verlassen habe und ihr Ex seither von ihrem Nachwuchs nichts mehr wissen wolle – und folglich auch keinen Unterhalt zahle. Sie lebe zurzeit im Frauenhaus und suche ein neues Zuhause sowie für ihre Kleinen zugleich einen lieben Papi, am besten einen fürsorglichen Österreicher. Ich hätte angesichts der grotesken Skurrilität der Angelegenheit lachen können, wenn ich nicht so verbittert gewesen wäre, von der Agentur erneut derart dreist verarscht worden zu sein.

Doch Miray war hier das eigentliche Opfer, zuerst ihres ehemaligen Schlägerpartners, sodann der Vermittlung. Diese habe ihr versprochen, ihr beim Vorhaben, einen Versorger für Kind und Kegel zu finden, zu helfen, und sie völlig herzlos unter Ausnutzung ihrer Notlage für satte 300 Euro, die sie mit einer Rate der Familienbeihilfe beglichen habe, in die Kartei aufgenommen, erzählte sie. Ich war erschüttert, drückte ihr mein tiefes Mitgefühl aus, machte aber auch klar, dass ich die besagte Funktion in dieser Patchwork-Konstellation nicht übernehmen werde.

„Du guter Mann, Andreas“, begann sie plötzlich mit brüchiger Stimme und blickte mich mit ihren traurigen Augen flehend an. „Ich brauch dringend Geld für Kinder. Für Windeln, für Essen. Wenn du mir gibst Geld, ich mache alles für dich. Ich geh mit dir nach Hause und wir machen Sex. Tolle Sex. Du willst schlafen mit mich bestimmt? Alle Männer wollen das. Ich mache, was du willst, bitte. Ich brauch Geld so sehr.“

Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Das schamlose Angebot, das sie mir da unterbreitete, schnürte mir die Kehle zu. So verzweifelt ich auch nach Liebe suchte – hier ging es um nacktes Überleben. Abgesehen davon, dass sie mich äußerlich überhaupt nicht ansprach, hätte ich die moralische Bürde niemals ertragen. Ich konnte und wollte nicht der Mann sein, für den sich eine von der Armut getriebene, junge Mutter prostituieren musste. Das hieße, mich auf eine Stufe mit den Raubrittern dieser schäbigen Agentur zu stellen.

„Nein, Miray. Das kann ich nicht tun“, erklärte ich sanft, aber bestimmend und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Ich öffnete meine Brieftasche, zog einen 100-Euro-Schein heraus und schob ihn ihr in die Tasche ihres Hosenkleides. „Hier, das ist für die Kinder. Einfach so. Bitte nimm es an.“ Tränen flossen, als sie die Banknote berührte. Sie stammelte ein kaum hörbares, schluchzendes „Danke“. Ich wünschte ihr und ihrem Anhang von ganzem Herzen alles Gute, drehte mich um und ging.

Als ich Jasmina schließlich meine obligatorische Rückmeldung erstattete, hatte ich meine kochenden Emotionen so weit im Griff, dass ich zunächst in ruhigem Ton ganz trocken ausführte, sie müsse wohl kaum eine nähere Erläuterung dazu erwarten, weshalb auch dieser dritte Partnervorschlag meinen Vorstellungen in keiner Weise entsprochen habe. Dass sie überdies einer derart bemitleidenswerten Person in ihrer prekären Lage auch noch das letzte Geld aus der Tasche gezogen habe, sei allerdings ein starkes Stück. Ich wolle mich darüber jetzt nicht weiter auslassen, sondern mich auf den vierten und letzten Vorschlag konzentrieren, der nun aber unbedingt sitzen müsse. „Keine Spielchen mehr, Jasmina! Das ist deine letzte Chance“, stellte ich unmissverständlich, fast drohend klar. In Wirklichkeit war es auch meine letzte. Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause, ehe sie zugab, es wäre seitens ihrer Mitarbeiterinnen leider etwas gepatzt worden, um mir anschließend mit ihrer gewohnt warmen, freundlichen Stimme zu versichern, das solle jedoch nicht mehr vorkommen. Sie, die Chefin persönlich, werde sich meiner Sache annehmen und selbstverständlich ihr Bestes geben. Ich könne mich nach dem Motto „Ende gut, alles gut“ darauf verlassen, diesmal nicht enttäuscht zu werden.

Und in der Tat ließ das nächste Match nichts zu wünschen übrig – es war fast schon zu schön, um wahr zu sein: Daniela, 25 Jahre alt, Jus-Studentin aus Mödling bei Wien, stand kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung, war ledig, kinderlos und hatte klare Vorstellungen von ihrer Zukunft: Sie wollte heiraten und mittelfristig eine eigene Familie gründen. Auch optisch hielt sie beim vereinbarten Treffen im Café Landtmann, einem der traditionsreichsten Kaffeehäuser Wiens, was ihr Steckbrief versprochen hatte. Eine schlanke, umwerfend attraktive junge Frau mit langem, glänzendem kastanienbraunem Haar und großen, ausdrucksvollen Augen, die gerade an ihrer E-Zigarette sog, erwartete mich vor dem Eingang. Über einem feinen, körpernah geschnittenen Kaschmirpullover in hellem Cremeton trug sie eine taillierte schwarze Lederjacke, deren Reißverschluss sie ein Stück weit geöffnet hatte. Ein klassischer Burberry-Schal schmiegte sich um ihren Hals. Dazu kombinierte sie einen kurzen, dunkelroten Rock, der ihre wohlgeformten Beine betonte, eine Markenhandtasche und elegante schwarze Lackstiefel mit schmalem Absatz. Das Outfit wirkte zugleich stilvoll und verführerisch, ohne aufgesetzt zu erscheinen, als verbinde Daniela mühelos die Seriosität einer angehenden Juristin mit einer bemerkenswert femininen, selbstbewussten Ausstrahlung. Ihr zartes Make-up hob die Konturen ihres Gesichts hervor und der feine Hauch eines lieblichen Parfums umwehte sie. Ihr offenes Lächeln und ihr sicherer Blick ließen mich augenblicklich aufmerken. Zum ersten Mal seit Langem schien tatsächlich alles zusammenzupassen: Alter, Ausbildung, Lebensplanung und nicht zuletzt die körperliche Anziehung, die meine Hormone verrücktspielen ließ. Ich konnte kaum glauben, dass die Agentur für mich nach all den Fehlschlägen nun doch noch eine Frau gefunden hatte, die meinem Idealbild so nahekam.

Drinnen wies uns der Empfangschef einen freien Platz zu und ich begann das Kennlerngespräch. Wir verstanden uns auf Anhieb prächtig und plauderten ungezwungen über dies und das. Ich brannte danach, zu erfahren, wieso sich eine so atemberaubende Schönheit wie sie überhaupt an eine gewerbliche Partnervermittlung gewandt hatte, wo sie doch auch sonst bestimmt mit Anträgen überschüttet werde. Daniela entgegnete, sie wolle im Leben nichts dem Zufall überlassen, schon gar nicht eine so entscheidende Sache wie die Suche nach dem passenden Ehemann, und verlasse sich daher zu 100 Prozent auf die jahrzehntelange, professionelle Expertise des Instituts. Schließlich solle die Verbindung ja auch ein Leben lang halten. Bei mir hätte sie, obwohl ich erst ihr erster Kontaktvorschlag sei, sofort ein ausgezeichnetes Gefühl. Ich errötete ob des Kompliments. Selbstverständlich würde sie im richtigen Leben von Einladungen zu diesem und jenem Zusammensein nur so überhäuft, zumeist jedoch von ziemlich eindeutigen Angeboten, wenn ich verstehe, was sie meine. Natürlich sei sie darauf eingegangen, wenn ihr gerade nach Spaß war. Ich dürfe natürlich nicht erwarten, dass sie Jungfrau sei, vielmehr nehme sie zur Sicherheit permanent die Pille, um im Fall des Falles bereit zu sein, aber für eine erfüllte Zweisamkeit bedürfe es mehr als ein paar schöner gemeinsamer Stunden oder einer schnellen Nummer am Uni-WC. Dass sie so offen über Intimes sprach, irritierte mich zwar, erregte mich aber auch immens und beförderte meine Sehnsucht. Dass sie hormonell verhütete, war aus Sicht des Mannes ein unschätzbarer Vorteil, machte sie damit doch den lästigen Kondomgebrauch überflüssig. In meinem Hirn poppte unwillkürlich das Bild auf, dass ich bereits in ihrem Spalt steckte. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht als testosterongesteuerter Schürzenjäger zu erscheinen, sondern als seriöser Partnersuchender – schließlich wollte ich von ihr viel mehr als nur das eine.

Ich switchte also geschickt das Thema und bemerkte, dass mir vorhin vor dem Eingang ihre schicke E-Zigarette aufgefallen sei.

„Das ist für mich eigentlich nur eine Notlösung“, gestand Daniela mit einem leicht verschmitzten Lächeln. „Ich habe bis vor zwei Jahren noch richtig geraucht, wollte dann aber schlichtweg nicht mehr, dass mein Arbeitszimmer immer so verqualmt ist – beim Studieren kommt da schon eine ganz schöne Menge zusammen. Daher bin ich schließlich umgestiegen. Aber ganz ehrlich? Es ist einfach nicht so ganz das Wahre. Ich überlege schon seit Längerem, ob ich nicht wieder zu meiner ursprünglichen Gewohnheit zurückkehren soll. Würde dich das denn sehr stören, Andreas?“

„Nein, ganz und gar nicht“, erwiderte ich postwendend, ihren fragenden Blick auffangend und froh darüber, auch dieses verbleibende Bedenken im Keim ersticken zu können. In Wahrheit war sie genau der Typ bekennender Raucherin, den ich mir insgeheim wünschte, sodass ich bei ihr selbst Sorgen um gesundheitliche Spätfolgen – Judith als abschreckendes Beispiel noch vor Augen – bewusst ausklammerte. Mit dieser Frau würde ich durch dick und dünn gehen.

Kaum eine Viertelstunde hatten wir einander auf die beschriebene Weise subtil flirtend abgetastet, da riss das scharfe Läuten ihres Smartphones uns aus dem Idyll. Sie bat um Verzeihung, kurz ranzugehen, denn der Anruf sei augenscheinlich dringend. Sie stand auf und zog sich einige Meter in eine ruhige Ecke zurück. Ich nahm wahr, dass sie für einige Sekunden sichtlich aufgeregt telefonierte, auch wenn ich den genauen Kontext schwer erschließen konnte. „Entschuldige bitte, Andreas“, wandte sie sich schließlich verstört an mich, „aber ich muss auf der Stelle weg. Das war mein Bruder. Meine Mutter hatte einen schweren Unfall und liegt in der Notaufnahme. Wir hören voneinander!“ Ehe ich etwas sagen konnte, war sie verschwunden.

Der abrupte Abbruch dieses vielversprechenden Abends hatte mich eiskalt erwischt und ich blieb völlig traumatisiert zurück. Ich hatte in der Eile vergessen, nach ihrer Handynummer zu fragen. Und jetzt war sie fort. Für immer? So sehr ich auch das Schicksal ihrer Frau Mama bedauerte, so inständig hoffte ich, dass die Schauergeschichte, die sie mir aufgetischt hatte, stimmte. Ein erster, leiser Verdacht drängte sich mir auf.

Ich sprach Jasmina aufs Tonband und ersuchte sie um einen Rückruf, der annähernd 24 Stunden später erfolgte. „Endlich eine Frau ganz nach meinem Geschmack“, stimmte ich einen überschwänglichen Lobgesang an und bekräftigte, den Kontakt zu Daniela intensivieren zu wollen. Vor allem verlangte ich vehement nach Informationen, wie ich sie nach dem Vorfall, der zum vorzeitigen Aus geführt hatte, erreichen könne. „Das wird leider unmöglich sein“, antwortete die Vermittlerin mit ernster Stimme. „Daniela hat sich nämlich inzwischen für einen anderen Kandidaten entschieden und ihren Status auf ‚nicht mehr suchend‘, sprich vergeben, geändert. Tut mir echt leid, Andreas, dass es bei dir nicht geklappt hat. Das kommt zwar selten, aber leider immer wieder mal vor. Es gibt eben – wie für alles im Leben – keine Erfolgsgarantie, auch wenn du verdammt nah dran warst. Wir können deinen Vertrag aber zu den vereinbarten Konditionen und Tarifen gerne verlängern und aufs Neue für dich weitersuchen.“

„Nein, danke. Ihr könnt mich mal“, wies ich schroff ab und legte auf.

Ich erstarrte, sobald ich realisierte, dass der befürchtete Worst Case nun wirklich eingetreten war.

„Aber halt, Moment mal! Da war doch ganz offensichtlich etwas faul!“, meldete sich meine Ratio mit analytischer Schärfe zurück. Hatte Daniela nicht ausdrücklich erwähnt, dass ich ihr erster Kontaktvorschlag sei? Und plötzlich sollte ein weiterer Kandidat im Spiel gewesen sein, für den sie sich kurzerhand entschieden hatte, nachdem sie nur wenige Stunden zuvor noch geschwärmt hatte, bei mir sofort ein ausgezeichnetes Gefühl zu haben? Wie passte eine derart überstürzte Entscheidung samt der endgültigen Einstellung ihrer Partnersuche zu ihrem zuvor so selbstbewusst vermittelten Anspruch, als Perfektionistin bei einer derart wichtigen Angelegenheit nichts dem Zufall zu überlassen, alles sorgfältig abzuwägen und nach der bestmöglichen Wahl zu streben?

Es ließ mir einfach keine Ruhe, dass hier irgendetwas nicht stimmte! Schließlich konsultierte ich, ohne lange nachzudenken, die Google-KI und bekam als Antwort, der von mir beschriebene Sachverhalt enthalte starke Indizien, dass ich höchstwahrscheinlich einem sogenannten Fake Date zum Opfer gefallen sein – eine bekannte Betrugsmasche, derer sich insbesondere fragwürdige Partnervermittlungen immer wieder bedienten. Um ihre vertraglichen Verpflichtungen vermeintlich zu erfüllen, würden sie bezahlte Lockvögel engagieren, die den Klienten gegenüber ein in Wahrheit nicht vorhandenes Interesse vortäuschten und vereinbarte Verabredungen lediglich zum Schein absolvierten. Beweisen ließen sich derartige kriminelle Machenschaften jedoch kaum, da diese Personen nach dem jeweiligen Rendezvous sofort spurlos von der Bildfläche verschwänden.

Die Erklärung passte wie die Faust aufs Auge. Eine weitere Internetrecherche brachte auch meine Agentur mit solchen perfiden Praktiken in Zusammenhang. Mein anfänglicher Verdacht bestätigte sich. Ich war fassungslos. Man hatte mich wohl arglistig getäuscht! Wehren konnte ich mich aus Mangel an Beweisen dagegen dennoch nicht. Vermutungen waren, wie ich lesen konnte, eindeutig zu wenig.

Ich war ohnmächtig, fühlte mich einsam, verlassen, emotional ausgebrannt und hundeübel. Für meine eigene Dummheit hatte ich ein horrendes Lehrgeld bezahlt: Die 2.900 Euro waren unwiederbringlich verloren, die begehrte „Traumfrau“ aus dem Inserat und die ersehnte Zukunft zu zweit nichts als eine Chimäre geblieben. Was ich stattdessen bekommen hatte, war – obgleich keineswegs Vertragsinhalt – ein ungemein intensiver, fast 3.000 Euro teurer Fick, dessen Erinnerung mich im Nachhinein mehr mit Scham und Ekel als mit Lust erfüllte, sodass ich ihn zutiefst bereute. Hätte ich es von Anfang an bloß auf unkomplizierten Sex abgesehen, hätte ich mir für einen Bruchteil dieser Summe Wiens teuerste Escortgirls leisten können, ohne mich dafür auf ein derart absurdes Abenteuer einzulassen. Doch nun war es zu spät. Mich grauste vor Patricia, vor der Agentur, vor meiner eigenen grenzenlosen Naivität und vor dem, was ich aus Verzweiflung und Begierde zugelassen hatte. Am meisten aber grauste mir vor mir selbst. Ich hatte nicht nur mein Geld verloren, sondern auch ein Stück meines Selbstrespekts – und die bittere Erkenntnis gewonnen, dass meine Sehnsucht nach Liebe mich anfälliger für Illusionen gemacht hatte, als ich jemals für möglich gehalten hätte.

ENDE

PS: Ich freue mich auf eure – hoffentlich positiven – Rückmeldungen zu meinem aktuellen Publikationsprojekt, am liebsten natürlich die Bestnote, Kommentare und auch Ideen. Ich habe mich diesmal bewusst auf neues Terrain gewagt und bin nach viermonatiger, mühevoller Kleinarbeit stolz auf das Ergebnis. Vergesst auch nicht meine anderen Geschichten. Bleiben wir im Austausch und Danke für jedes anerkennende Feedback!



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