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Von guter Abstammung (fm:Humor/Parodie, 2810 Wörter)

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Veröffentlicht: Nov 05 2026 Gesehen / Gelesen: 1147 / 955 [83%] Bewertung Geschichte: 9.42 (19 Stimmen)
Karolin von Rhein-Stecken folgt einer alten Familienphilosophie: Blaues Blut kann dich erfreuen, doch fremde Saat lässt Erben gedeihen!


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Wer auf Schloss Rhein-Stecken durch das Treppenhaus ging, sah sie alle hängen: Barone mit Backenbärten, Gräfinnen mit Turmfrisuren, ein General, zwei Kammerherren und eine ganze Reihe blasser, schmalwangiger Mädchen, die aussahen, als hätte man sie zum Tee eingeladen und dann vergessen. Die Ahnengalerie war lückenlos, ehrwürdig und jedoch – was die wenigsten Besucher wussten – in einem Punkt ausgesprochen unvollständig.

Es fehlten die Männer, die nicht darauf abgebildet waren.

Die Damen des Hauses hatten über Generationen hinweg eine Philosophie gepflegt, die in Adelskreisen als leicht anrüchig, in der Familie selbst aber als reine Vernunft galt. Man heiratete standesgemäß, gewiss. Man ließ sich dabei jedoch nicht die Gelegenheit entgehen, den Stammbaum gelegentlich von außen begrünen zu lassen – durch Gärtner, Förster, Stallmeister, Küchenmeister und, in einem besonders aufgeklärten Fall aus dem Jahr 1911, durch einen Dorfschullehrer mit schöner Handschrift und noch schöneren Schultern.

Der Familienspruch, den Karolins Großmutter mit Vorliebe beim Abendessen zitierte, lautete:

„Blaues Blut kann dich erfreuen, doch fremde Saat lässt Erben gedeihen.“

Großmutter Hildegard hatte diese Lehre nicht nur verwaltet, sondern praktiziert, und zwar mit einer Ausdauer, die dem Gutsvorstand über Jahrzehnte hinweg ein verlässliches Gesprächsthema lieferte. Sie hatte ihrer Enkelin mit achtzehn die Gutsbibliothek gezeigt, mit zwanzig den Pferdestall, mit einundzwanzig den Heuschober, und ihr dabei jedes Mal bedeutet, dass Wissen sich nicht durch bloßes Zusehen einstelle.

Karolin hatte gelernt. Sie hatte geheiratet – einen Vetter zweiten Grades, Baron Eberhard von Rhein-Stecken, weil der Name bleiben sollte –, war nach dessen frühem Tod mit sechsunddreißig Witwe, Erbin und Herrin eines Hauses geworden, dessen Dachstuhl und Konto seit Jahren dringend sanierungsbedürftig waren. Sie trug die Situation mit Haltung, gutem Wein und einer Unbefangenheit in amourösen Dingen, die in der Dorfgemeinde als „die rhein-steckensche Art“ galt und, je nach Stammtisch, entweder bewundert oder verteufelt wurde.

Novemberregen

Der Regen schlug in dichten Striemen gegen die Butzenscheiben, als hätte jemand draußen eine Schrotflinte entladen – ein Geräusch, das Karolin übrigens seit jenem Sommer 1989 stets ein wenig aufmerksam machte.

Sie lag frisch gefickt im Himmelbett, den Rücken an die hohen Kissen gelehnt, die Seidenrobe nur lose übergeworfen und halb von der Schulter gerutscht. Der Schein der Nachttischlampe legte sich warm über ihr blondes, offenes Haar und über die langen, noch immer sehr ansehnlichen Beine, die sie auf dem Bettzeug ausgestreckt hatte, als sei das hier die selbstverständlichste Sache von Schloss und Welt.

Neben ihr Matthias. Mitte dreißig, breite Schultern, sonnengebräunte, muskulöse Unterarme, ein Gesicht, in dem sich ein ganzer Arbeitstag im Freien abbildete. Er saß ein wenig aufrecht, die Bettdecke bis zum Nabel gerafft, und sah aus wie ein Mann, der zwar ursprünglich zum Gießen der Orchideen ins Schloss gekommen war und nun seine Weltsicht neu sortierte.

„Matthias“, sagte sie nachdenklich.

„Gnädige Frau?“

„Sie wissen doch, dass meine Familie eine gewisse Tradition hat.“

Er überlegte. „Wegen der alten Bilder im Treppenhaus?“

„Nein.“ Sie lächelte in ihr Glas. „Wegen der Männer, die nicht darauf abgebildet sind.“

Er sah sie an, und sie sah, wie es in ihm arbeitete – ein ehrlicher, langsamer Verstand, dem man viel erklären musste, besonders das, was er nicht mit eigenen Händen griff. Und greifen konnte er, das hatte sie

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