Unterhalb des höchsten Punkts (fm:Dominanter Mann, 1682 Wörter) [2/2] alle Teile anzeigen | ||
| Autor: davepassion | ||
| Veröffentlicht: Jun 12 2026 | Gesehen / Gelesen: 104 / 83 [80%] | Bewertung Teil: 0.00 (0 Stimmen) |
| Ein Skiurlaub in den österreichischen Alpen verändert alles. Als ich einer geheimnisvollen rothaarigen Frau begegnete, wird aus einem Gespräch über Gipfel und Aussichten eine Reise zu Mut, Verlangen und verborgenen Seiten meiner selbst. | ||
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"Ob man wirklich nach oben will."
Ein Windstoß fuhr über die Terrasse und wirbelte feine Schneekristalle durch die Luft. Für einen Augenblick schwiegen wir beide.
Dann zeigte sie auf das Gipfelkreuz. "Die meisten bleiben irgendwo darunter stehen. Sie glauben, die Aussicht wäre dort schon gut genug."
"Und ist sie das nicht?"
Sie drehte den Kopf zu mir. Diese eisblauen Augen musterten mich, als läse sie eine Frage, die ich selbst noch nicht verstanden hatte. „Vielleicht“, sagte sie schließlich. Wieder glitt ihr Blick hinauf zum Gipfelkreuz, das einsam über allem thronte. „Aber die meisten Menschen geben sich mit vielleicht zufrieden.“
Ich runzelte die Stirn.
Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Sie bleiben dort stehen, wo es bequem wird. Wo der Weg nicht mehr zu steil ist. Wo sie sich einreden können, dass der Ausblick bereits gut genug wäre.“ Der Wind spielte mit einer ihrer roten Haarsträhnen, während ihre Augen auf die Bergkette gerichtet blieben. „Dabei wissen sie tief in sich, dass es noch höher geht.“ Ihre Stimme war ruhig geworden. Fast nachdenklich. „Sie verbringen ihr Leben damit, von Gipfeln zu träumen, die sie nie besteigen. Nicht weil sie es nicht könnten. Sondern weil sie Angst haben vor dem letzten Stück des Aufstiegs.“
Ich schwieg. Unter uns zog sich das Tal durch die Landschaft, friedlich und still, als gäbe es dort unten keine offenen Fragen.
„Und irgendwann“, fuhr sie fort, „vergessen sie sogar, dass sie einmal mehr wollten. Sie gewöhnen sich an den Platz, an dem sie stehen. An die Aussicht, die sie haben. An das Gefühl, dass es schon reichen wird.“ Dann lächelte sie. Nicht spöttisch. Eher traurig. „Aber reichen und leben sind nicht dasselbe.“
Ihre Worte trafen mich unerwartet. Für einen Moment schien selbst der Wind innezuhalten.
Dann zeigte sie erneut auf das Gipfelkreuz. „Wenn man dort oben ankommt, merkt man erst, wie klein alles wirkt, was einen vorher aufgehalten hat.“ Sie wandte sich mir zu. „Und wie viel man verpasst hätte, wenn man früher stehen geblieben wäre.“
Etwas in der Art, wie sie es sagte, ließ die Worte länger nachhallen, als sie sollten. Mein Blick hing an ihren Lippen. Damals verstand ich nicht, weshalb. Heute weiß ich es. Manche Menschen begegnen einem wie ein ferner Berggipfel am Horizont. Wunderschön. Unerreichbar. Und doch verbringt man Jahre damit, sich zu fragen, wie die Welt wohl von dort oben aussieht.
Für einen Augenblick hielt sie meinem Blick stand. Nicht herausfordernd. Nicht verspielt. Anders. Als würde sie etwas sehen, das mir selbst noch verborgen war. Ihr Lächeln wurde weicher, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass sich hinter ihrer schlagfertigen Fassade etwas zeigte, das sie nicht jedem offenbarte.
„Weißt du“, sagte sie schließlich und ließ den Blick noch einmal über die schneebedeckten Hänge wandern, „die meisten Menschen unterschätzen, wie weit sie eigentlich kommen könnten.“ Ihre Stimme war leise geworden. „Sie sehen nur den Weg vor sich. Die Anstrengung. Die Zweifel.“
Dann sah sie mich wieder an. Diese eisblauen Augen ruhten einen Moment länger auf mir, als es notwendig gewesen wäre. „Dabei steckt oft viel mehr in ihnen, als sie selbst glauben.“ Der Wind trug ihr Lachen davon, bevor es ganz verklungen war. „Vielleicht braucht man manchmal nur jemanden, der einen daran erinnert.“
Langsam hob sie den Kopf zum Gipfelkreuz. Dort oben fing das letzte Licht des Tages die Schneefelder ein und ließ sie wie flüssiges Gold leuchten. „Und vielleicht“, fuhr sie fort, „macht ein Aufstieg ohnehin mehr Sinn, wenn man ihn nicht alleine geht.“ Ihre Worte waren beiläufig formuliert. Fast zu beiläufig. Doch etwas in ihrer Stimme verriet, dass sie genau wusste, welche Wirkung sie hinterließen. „Die schönsten Aussichten sind selten die, die man allein erlebt.“
Ein kleines, wissendes Lächeln huschte über ihre Lippen.„Also, falls du irgendwann beschließen solltest, nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben ...“ Sie nickte in Richtung Gipfel. „... dann such dir jemanden, der mit dir bis ganz nach oben geht.“ In diesem Moment war es unmöglich zu sagen, ob sie noch von den Bergen sprach. Oder von etwas ganz anderem. Vielleicht war genau das ihre Absicht gewesen.
Lange blickte ich schweigend hinaus auf die Berge. Der Wind strich über die Terrasse, trug Gesprächsfetzen davon und ließ die Schneekristalle in der Abendsonne tanzen. Unter uns versank das Tal langsam im Schatten, während die höchsten Gipfel noch immer vom letzten Licht berührt wurden.
Ihre Worte hallten in mir nach. Nicht aufdringlich. Nicht laut. Aber hartnäckig. Als hätten sie etwas geweckt, das schon lange in mir geschlummert hatte. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht bestand der größte Irrtum nicht darin, zu scheitern. Sondern darin, niemals herauszufinden, wie weit man hätte gehen können.
Mein Blick wanderte erneut zum Gipfelkreuz. Dann zu ihr. Zu den roten Wellen ihres Haares, die im Wind tanzten. Zu diesem selbstsicheren Lächeln. Zu den eisblauen Augen, in denen stets mehr verborgen lag, als sie preisgab.
Die meisten Menschen blieben irgendwo darunter stehen. Ihre Worte. Ihre Herausforderung. Plötzlich spürte ich etwas in mir, das lange Zeit keinen Raum gehabt hatte. Einen Teil von mir, der nicht länger analysieren, abwägen oder auf den perfekten Moment warten wollte. Einen Teil, der wusste, was er wollte. Und der bereit war, danach zu greifen.
Langsam richtete ich mich auf. Sie bemerkte die Veränderung sofort. Natürlich bemerkte sie sie. Ihr Lächeln wurde schmaler. Neugieriger.
„Also?“, fragte sie.
Ich erwiderte ihren Blick. Diesmal ohne auszuweichen. „Vielleicht hast du recht.“
Eine Augenbraue hob sich. „Womit?“
„Damit, dass man zu oft stehen bleibt, obwohl der eigentliche Weg noch vor einem liegt.“ Für einen Moment schwiegen wir. Zwischen uns lag dieses eigentümliche Knistern, das weder Zufall noch Einbildung war. Dann deutete ich hinauf zum höchsten Punkt des Berges. „Und vielleicht sollte man manche Gipfel nicht jahrelang aus der Ferne betrachten.“
Ihr Lächeln vertiefte sich. „Nein?“
„Nein.“ Der Wind frischte auf. Irgendwo in der Ferne knackte Schnee unter den Skiern eines späten Fahrers. „Dann schlage ich vor“, sagte ich ruhig, „dass wir morgen herausfinden, ob die Aussicht dort oben wirklich so gut ist, wie du behauptest.“
Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in ihren Augen auf. Überraschung. Zufriedenheit. Vielleicht sogar Erleichterung. „Gemeinsam - Du und ich?“, fragte sie.
Ich lächelte. „Gemeinsam. - Du und ich!“
Nun blickte sie tief in meine Augen. Länger diesmal. Als würde sie prüfen, ob ich meine eigenen Worte wirklich ernst meinte. Dann nickte sie langsam. „Das klingt nach einem Plan.“
Die Sonne verschwand hinter den Gipfeln. Und während die ersten Schatten über die Berge krochen, ahnte ich noch nicht, dass dieser Augenblick weit mehr verändern würde als nur den Verlauf dieses Urlaubs. Aber tief in mir wusste ich bereits eines: Manche Aufstiege beginnen lange bevor man den ersten Schritt macht.
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