Clara 1/3 Die Tür zwischen den Wälzern (fm:Fetisch, 2827 Wörter) [1/3] alle Teile anzeigen | ||
| Autor: Misttueck | ||
| Veröffentlicht: Jul 20 2026 | Gesehen / Gelesen: 1270 / 1118 [88%] | Bewertung Teil: 9.12 (25 Stimmen) |
| Als Clara, 57 Jahre alt und erschöpft von einem Tag voller unvollendeter Manuskripte, durch die heiße Innenstadt Köln streift, stolpert sie über eine unscheinbare Holztür mit einer Altersbeschränkung. Hinter der Tür wartet eine Bar nur für Frauen, in der | ||
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Die Abendluft liegt schwer auf der Innenstadt, als ich die Haustür hinter mir schließe. Ein feuchter Sommerabend, einer von denen, an denen der Asphalt noch die Hitze des Tages ausatmet und die Luft nach Abkühlung lechzt. Ich brauche das. Einfach raus, einfach gehen, einfach irgendwo sitzen und ein Glas trinken. Nichts weiter. Mein Kopf ist voll von Sätzen, die ich heute geschrieben und wieder verworfen habe, von Halbgedanken, die sich wie Wollfäden verheddern, wenn man zu lange am Ende zieht. Ich brauche Abstand.
Ich gehe die Fußgängerzone entlang, an den geschlossenen Schaufenstern vorbei, in denen sich die Straßenlaternen wie trübe Augen spiegeln. Ein paar vereinzelte Passanten kreuzen meinen Weg – ein Pärchen, Hand in Hand, ein Mann mit Hund, eine junge Frau, die auf ihr Handy starrt und dabei fast in eine Laterne läuft. Ich selbst laufe ohne Ziel. Links, rechts, einfach da entlang, wo die Füße mich hintragen. Meine flachen Schuhe – bequem, schwarz, nichts Besonderes – machen kaum ein Geräusch auf dem Pflaster. Ich habe meine Lesebrille in der Jackentasche, zusammen mit dem Hausschlüssel und einem zerlesenen Taschenbuch, das ich für solche Momente immer dabei habe. Ich weiß, dass ich es wahrscheinlich nicht aufschlagen werde. Aber es beruhigt mich, wenn die Finger beim Gehen den gerundeten Rücken spüren.
Ich trage einen dunkelgrauen Pullover, weich und fließend, über einer schwarzen Hose. Gedeckte Farben, wie immer. Ich habe nie viel Aufhebens um mein Äußeres gemacht. Meine kurzen grauen Haare – der Buzzschnitt, den ich mir vor zwei Jahren zugelegt habe und seither nicht mehr missen möchte – sitzen glatt an meinem Kopf. Ich streiche gelegentlich mit der Hand darüber, wenn ich nachdenke. Eine alte Gewohnheit. Die kühle Brise auf dem Schädel ist angenehm. Ich bin einundsechzig – nein, siebenundfünfzig, korrigiere ich mich im Stillen, siebenundfünfzig, und mir egal, was man in meinem Alter trägt oder nicht trägt. Ich habe aufgehört, mich danach zu richten.
Die Stadt atmet. Irgendwo schlägt eine Kirchturmuhr, halb zehn, der Ton zerfasert in der feuchten Luft. Ich biege in eine Seitenstraße ein, eine, die ich nicht kenne. Hier ist es ruhiger. Die Läden sind kleiner, älter, nicht diese polierten Kettenläden, die überall gleich aussehen. Ein Antiquariat – geschlossen. Eine Tabakhandlung – geschlossen. Ein Lokal mit heruntergelassenem Rolladen, vor dem eine Katze sitzt und mich mit gelben Augen mustert. Ich nicke ihr zu. Sie blinzelt. Mehr nicht.
Dann bleibe ich stehen.
Es ist keine auffällige Tür. Dunkles Holz, kein Leuchtschild, keine Plakate, keine aufdringliche Musik, die nach draußen dröhnt. Nur eine schmale Fassade, die sich zwischen den Nachbargebäuden einklemmt wie ein vergessenes Buch zwischen zwei dicken Wälzern. Ein Schild hängt schief neben dem Eingang, Messing oder etwas, das so aussehen soll, mit eingravierter Schrift, die im Laternenlicht nur halb lesbar ist. Ich trete näher.
Eintritt ab 18 Jahren.
Ich schnalze mit der Zunge. Siebenundfünfzig. Da bin ich locker drüber – fast vierzig Jahre drüber, wenn man es genau nimmt. Aber das Schild bedeutet etwas anderes, etwas, das mich sofort interessiert: Wenn es eine Altersbeschränkung gibt, bedeutet das, dass hier geraucht werden darf. In dieser Stadt, in der jeder noch so kleine Laden längst zur rauchfreien Zone erklärt wurde, in der man schon angestarrt wird, wenn man draußen auf der Straße eine Zigarette dreht – hier, hinter dieser unscheinbaren Tür, ist Rauchen erlaubt.
Das gefällt mir.
Ich habe nie viel geraucht. Gelegentlich, in jungen Jahren, auf Partys, wenn der Wein floss und die Nächte lang waren. Aber der Geruch – der Geruch hat mich immer umgehauen. Der schwere, süßlich-herbe Duft von Tabak, vermischt mit dem Aroma von Alkohol und Parfüm und Körperwärme, das ist für mich der Geruch von etwas, das es nicht mehr gibt: von Räumen, in denen Menschen sich gehen lassen, in denen die Masken fallen, in dem man sein darf, wie man ist, ohne dass jemand den Finger hebt und sagt: Das ist ungesund. Das ist verboten. Das gehört sich nicht.
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